Realitätsflucht

  • Ersteller des Themas Romantikfreak98
  • Erstellungsdatum
Romantikfreak98

Romantikfreak98

Dabei seit
Okt. 2013
Beiträge
202
Reaktionen
24
Umfrage:

Würdet Ihr Euren Hang zum Klavierspielen und die vielen Stunden, die Ihr dem Üben widmet als eine Art von Realitätsflucht bezeichnen ? (im weiteren oder auch im engeren Sinn)

Kleine „Ausschmückung“ der Umfrage: Ich bin mir bewusst, dass ich die gleiche Frage über viele andere Hobbies oder Leidenschaften stellen könnte: angefangen vom Lesen bis hin zum Internetsurfen. Und eine weitere Info: eine Freundin von mir geht öfters lieber mal auf eine Demo anstatt sich ihrem Musikinstrument zu widmen. Ist sie näher an der Realität? (Nicht, dass die Realität es wert sei, dass man sich ihr widmet) ;)

Gruß

Romantikfreak
 
Peter

Peter

Bechsteinfan
Mod
Dabei seit
März 2006
Beiträge
21.732
Reaktionen
20.697
Realitätsflucht? Clavio.de! :D
 
Barratt

Barratt

Lernend
Dabei seit
Juli 2013
Beiträge
11.443
Reaktionen
16.772
Nein, überhaupt nicht.

Was ist realistischer als realexistierende Herausforderungen zu meistern?

Der Realitätsflucht anheim fallen nach meiner Wahrnehmung Leute, die "träumen" statt zu "machen". Die sich Dinge lieber vorstellen als zu versuchen, sie umzusetzen. Oder die sich einreden, am anderen Ende der Welt sei alles viel besser, schöner und erstrebenswerter als hier. Oder die auf der Suche nach einem "Paradies" sind.


P.S. Habe früher auch viel Zeit auf Demos verbracht und sogar selbst welche organisiert. Halte ich durchaus für interessant - man lernt einen bestimmten Ausschnitt von Realität dabei kennen. Alles hat seine Zeit und "Realität" ist keine feststehende Größe, sondern jeder hat seine individuelle und im Wandel begriffene Art, sie wahrzunehmen und zu interpretieren.
 
dasch85

dasch85

Dabei seit
Jan. 2013
Beiträge
278
Reaktionen
8
Der Realitätsflucht anheim fallen nach meiner Wahrnehmung Leute, die "träumen" statt zu "machen". Die sich Dinge lieber vorstellen als zu versuchen, sie umzusetzen. Oder die sich einreden, am anderen Ende der Welt sei alles viel besser, schöner und erstrebenswerter als hier. Oder die auf der Suche nach einem "Paradies" sind.
.
Das ist dann wohl die "engere" Sicht von Realitätsflucht. Im weiteren Sinne könnte durchaus das Szenario stehen, dass man in Stresssituationen einfach mal nur spielen will, egal was da um einem herum abläuft. Das wär dann schon eine kurzzeitige Verdrängung / Flucht.

Aber vielleicht meint der TE noch was anderes. Wenn man ständig in seinem Stübchen vor dem Klavier sitzt, bekommt man nicht mit, was dort draußen in der Welt passiert. Dort treffen sich Menschen, die für gemeinsame Überzeugungen einstehen, dort wird getratscht und geklatscht, es werden Probleme geteilt und über Glück philosophiert. Kurzum, das unmittelbare Realitätsbild wird erweitert.
Hingegen kann man am Klavier in die Welt des Komponisten eintauchen und sich dort mittels Interpretationen ein Stück weit bewegen und nach der wahren Aussage des Werkes suchen. Für Außenstehende klingt das jetzt schon esoterisch und gar nicht nach Realität. Doch in einigen Stücken steckt mehr Substanz als in jedem Gespräch über die Welt, auch und gerade weil man die Aussagen nicht immer in Worte fassen kann. Davon bin ich überzeugt und wir können uns glücklich schätzen diese Seite der Realität entdecken zu können.
 
Romantikfreak98

Romantikfreak98

Dabei seit
Okt. 2013
Beiträge
202
Reaktionen
24
Danke schon mal für Eure schnellen Antworten, Peter, Barrat und Dasch85 ! Der Tag hat ja kaum begonnen :)

@Barrat: nur zu träumen und wirklich nichts davon umzusetzen, das grenzt ja schon an eine Psychose. Nein, in diesem extremen Sinn meinte ich die Realitätsflucht nicht. Aber Du hast absolut Recht: auch das Klavierspielen ist ja Realität, in dem Moment, in dem man sich betätigt. Und jetzt, da wir das Forum haben, wissen wir auch, dass wir nicht allein sind, mit unseren „abendlichen musikalischen Leidenschaften“. Es gibt ganz viele – und in dem Moment, wo wir uns austauschen und jeder vom anderen weiß – dann ist das Realität – und zum Glück eine recht angenehme Form der Realität.

Um meine Frage zu erneuern: was würdet Ihr antworten, wenn ich "Realitätsflucht" durch "Weltflucht" ersetze? Mir geht es darum: benutzt Ihr das Klavierspielen, um Euch von der „Welt“ abzulenken? (Ist eigentlich eine rhetorische Frage – natürlich tun wir alle das, oder?)

Gruß Romantikfreak
 
Barratt

Barratt

Lernend
Dabei seit
Juli 2013
Beiträge
11.443
Reaktionen
16.772
Ich nehme nicht weniger an der "Welt" teil.

Einschränkend muss ich einräumen, dass ich über meine Lebenszeit weitgehend frei verfügen kann. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit. Gleichwohl bin ich der Auffassung, dass Klavierspielen für mich überaus realistisch ist: Man wird selbst aktiv und erfährt ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit (der Ton, den ich nicht anschlage, existiert nicht, und der, den ich anschlage, existiert nur, weil ich es mache - wenn ich viel und effektiv übe, läuft das Stück rasch gut, wenn ich weniger und/oder ineffektiv übe, dann ... n´en parlons pas).

Musik HÖREN allerdings hat für mich schon was von Weltflucht. Und zwar ganz massiv. Deshalb mache ich Musik lieber selbst als dass ich nur zuhöre...
 
dilettant

dilettant

Dabei seit
März 2012
Beiträge
8.054
Reaktionen
9.844
Ich hätte gedacht, dass der Sinn von Klavierspielen (als Hobby) gerade darin liegt, sich zeitweise von der Realität (Realität im Sinne von "die Welt da draußen") abzukoppeln. Man taucht dafür in eine andere Realität ein, die aus schwierigen Passagen und nicht getroffenen Tönen, aber auch aus Erfolgen ("Ich habs geschafft"), Sozialisation ("Spiel doch mal was") und Klangerlebnissen besteht.
 
C

chiarina

Guest
Musik hat für mich ganz, ganz viel mit der Realität zu tun. In ihr wird (aus meiner Sicht) alles, was es gibt auf der Welt, abgebildet und trotzdem ist sie noch viel mehr als das. Musik berührt uns deshalb, WEIL sie so viel mit uns selbst, mit unserem Erleben und unserem Empfinden zu tun hat. Und weil sie Antworten gibt, die man rational gar nicht erfassen kann.

Liebe Grüße

chiarina
 
alibiphysiker

alibiphysiker

Super-Moderator
Mod
Dabei seit
Feb. 2013
Beiträge
1.254
Reaktionen
2.467
Für mich ist Klavierspielen schon eine gewisse Realitätsflucht. Ich unterscheide hierbei aber auch etwas zwischen "Klavier üben" und "Klavier spielen".
Wenn ich übe, beschäftige ich mich mit ganz realen Dingen. Ich beschäftige mich mit meinen eigenen Unzulänglichkeiten, und versuche diese ganz bewusst und realitätsnah mit einem erheblichen Maß an Selbstkritik (welche natürlich einen gewissen Realitätsbezug voraussetzt) auszubessern.

Wenn die technischen und musikalischen Schwierigkeiten dann irgendwann mal so weit gemeistert sind, dass ich das Stück spielen kann, ohne über die "realen" technischen Dinge, die hierbei geschehen, bewusst nachdenken zu müssen, dann betreibe ich auf jeden Fall eine Realitätsflucht, und genieße diese auch. Ich tauche ein in die Farben- und Gefühlswelt des Stückes, genieße die Harmonien, und genieße es in dieser Welt alles was mein, um Ravel zu zitieren, Sklavenstatus dem Komponisten gegenüber erlaubt, so zu modulieren, wie es mir beliebt.

Deswegen spiele ich übrigens auch unglaublich gerne technisch einfach Dinge, wie einfacherere Chopin Walzer, Satie Gnossiennes und Gymnopedien etc. Ich habe halt nicht immer ein Stück parat, welches technisch anspruchsvoll ist, und ich in diesem Moment auch einfach so, ohne vorhergegangene "Wiederauffrischung", aus meinem Repetoire aufrufen kann.

Liebe Grüße,

Daniel
 
S

Seniora

Guest
Ich nehme nicht weniger an der "Welt" teil.

Einschränkend muss ich einräumen, dass ich über meine Lebenszeit weitgehend frei verfügen kann. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit. Gleichwohl bin ich der Auffassung, dass Klavierspielen für mich überaus realistisch ist: Man wird selbst aktiv und erfährt ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit (der Ton, den ich nicht anschlage, existiert nicht, und der, den ich anschlage, existiert nur, weil ich es mache - wenn ich viel und effektiv übe, läuft das Stück rasch gut, wenn ich weniger und/oder ineffektiv übe, dann ... n´en parlons pas).

Musik HÖREN allerdings hat für mich schon was von Weltflucht. Und zwar ganz massiv. Deshalb mache ich Musik lieber selbst als dass ich nur zuhöre...
Da ich das Klspielen noch erst lerne, bin ich leider darauf angewiesen, mich buchstäblich ins Hören zu flüchten. Wenn ich auch oft genug nur so vor mich hin klimpere, gelingt es mir doch selten, mich durch eigene Klangverbindungen mal so richtig "auszuklinken". Das intensive Lernen, das Üben und die Beschäftigung mit Musik überhaupt, bewirkt dies aber zeitweilig schon recht gut.

Musik hören als "Weltflucht" ist mir angesichts meiner fatalen Informationssucht, meiner nicht aktiv zu bekämpfenden permanenten Neugierde auf das Weltgeschehen, Geschichte und politische Zusammenhänge verstehen zu wollen, außerordentlich wichtig. Schon das Wissen darüber, dass der menschliche Geist auch wunderbare Klänge finden und gestalten kann, die meine Gefühlswelt von glücklich bis traurig massiv beeinflussen können, versöhnt mich immer wieder mit dem alltäglichen Wahnsinn und läßt mich komplett abtauchen. In abgeschwächter Form empfinde ich das ebenso in allen Bereichen der Kunst und Literatur.
So richtig in den "Bauch" aber geht's nur mit Musik.
 

Wiedereinaussteiger

Wiedereinaussteiger

Dabei seit
Feb. 2011
Beiträge
1.885
Reaktionen
986
Möglichkeiten , Chancen der Entfaltung

Der Blick richtet sich, konzentriert sich auf einen anderen … Teil der Wirklichkeit.

Klavierspielen hat die Eigenheit, dass es dem Spieler selbst in die Hand gegeben ist, sich bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten zu begeben. In der Hochkonzentration auf die spielerischen Anforderungen fokussiert sich der Blick, das Gehör, das Gefühl (Fingerspitzen etc.) so sehr auf das musikalisch Erforderliche, dass andere Elemente der Realität dabei – zeitweise - in den Hintergrund treten.

Wenn es gut läuft, wenn Fortschritte zu merken sind, dann entsteht Glück. Selbst geschaffenes Glück. Allerdings auch ein Glück, das etwas Vergängliches hat – das ist der Musik immanent.

Glück - und das ist ja in nicht wenigen Fällen das Ziel der Existenz?

(OT Es sei denn, man wäre Mitglied von Sekten oder bei Radikalen - deren Ziele sind andere… )

Somit ermöglicht Klavierspiel auch – nicht die Realitätsflucht, aber – das Fokussieren auf andere Aspekte der Welt. Auf mich selbst. Mich neu oder anders oder in dem voranschreitenden Prozess der Veränderung zu erleben.

Ich bekenne, dass ich öfter auch in Missstimmung mich ans Klavier setze. Nahezu immer – fast stets – gelingt es, im gelungenen Spiel, im gelungenen Prozess der Verbesserung des Selbst, Glück zu erlangen und die vorige Situation zu „überspielen“.

Nur in ganz seltenen, extremen Situationen war ich so massiv beeinträchtigt, dass mir das Umschalten, die Konzentration auf die Noten, völlig unmöglich war.

Dann wusste ich: es geht mir richtig übel...

Nichtmal mehr Klavierspielen ist drin !?!?!? Empörend. Wem überlasse ich mein Glück? In welchen Abhängigkeiten befinde ich mich, dass die Macht entsteht, mir das Klavierspiel zu verunmöglichen !?!??!!? Daran ist zu arbeiten, das muss weg.

Manche setzen sich ans Klavier, um ein bisschen <plaetscher plaetscher> irgendwas zu dödeln, ein wenig Klang zu verbreiten. Das ist OK. Meist mache ich etwas anderes. Befasse mich mit den Nocturnes von Chopin. Stücke, die eigentlich (weil Spätbeginner und nur ca. 18 Monate Klavierunterricht gehabt) erheblich über dem mir regulär zugänglichen Niveau sind. Aber es geht. Ich mache die Erfahrung, dass es zwar sehr lange dauert, aber dass es mit der Zeit möglich wird, sich diese Stücke einzuarbeiten. Langläufer-Qualitäten sind es, die man da braucht. Frustresistenz, systematisches Arbeiten. Ich erziele Erfolge, in dieser Art oder Unart des Klavierspieles. Ich arbeite damit auch an Eigenheiten, Eigenschaften, die einen auch sonst im Leben weiterbringen.

Daher ist dies auch meine Empfehlung: Klavierspieler haben die Chance zu ihrem Glück selbst „in der Hand“. Sind auf andere nur insoweit angewiesen, dass sie eine grundsätzliche Möglichkeit zum Spiel brauchen, Platz für ein Klavier, und Zeiten zum Üben. Um dann nicht zuerst wegzutauchen aus der Realität, sondern an einem anderen Aspekt der Wirklichkeit zu werkeln: an sich selbst. An dem Fortschritt meiner Musik.

Ich entwickele, entfalte meine Persönlichkeit. Indem ich musiziere. Indem ich nicht nur irgendeinen Status halte, sondern mich voranarbeite. Mich nach vorne fokussiere. Besser werden.

Ohne es dabei zu übertreiben, hoffe ich. Denn wenn etwas wehtut, verhalte ich mich falsch.

Dies ist daher kein Plädoyer für "Realitätsflucht an den 88 Tasten", sondern eine Beschreibung, was geht. Der Chancen, zur Entwicklung.

Ein ungemein tolles Hobby, am Klavier seine Musik weiterzuentwickeln. Sich immer neue Stücke zu erarbeiten, immer neue Ziele zu setzen. Auf diesem Weg zu erleben, wie das Spiel der Ragtimes vom Joplin noch wieder schöner wird, profitiert von dem Spiel der Nocturnes Chopins.

Glück zu erfahren.
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Barratt

Barratt

Lernend
Dabei seit
Juli 2013
Beiträge
11.443
Reaktionen
16.772
WEAS, das hast Du Triple-A auf den Punkt gebracht! Grand merci!
 
Romantikfreak98

Romantikfreak98

Dabei seit
Okt. 2013
Beiträge
202
Reaktionen
24
@Wiedereinausteiger: Danke für Dein ausführliches „Klavier“-Credo! Das ist ja fast literarisch! Und zustimmen muss ich Dir auch: im Normalfall ist für mich das Klavierspielen ein Mittel, um durch den Alltag hervorgerufene Misstimmungen wieder wettzumachen. Wenn das aber mal nicht funktioniert, wenn ich soviel Ärger habe, dass der Kreislauf von den Noten über die Augen, das Gehirn, die Nervenbahnen in die Hände und Finger in die Tasten, in die Hämmerchen an die Saiten, in die Ohren zurück ins Gehirn nicht funktioniert, dann ist die Welt für mich nicht mehr in Ordnung. Dann müssen härtere „Drogen“ (in diesem Fall Freizeitbeschäftigungen) ran: dann ziehe ich meine Joggingschuhe an und renne los oder gehe ins Fitnesscenter und lade Gewichte auf die Langhantel, die mir mit Sicherheit einen saftigen Muskelkater bescheren werden. Danach klappt auch wieder das Klavierspielen. :) :) :)
 
C

Curby

Guest
Wenn ich Klavier spiele, spiele ich Klavier. Das kommt mir schon sehr realistisch vor.
 
Lisztomanie

Lisztomanie

Dabei seit
Aug. 2012
Beiträge
1.422
Reaktionen
346
Musik und Kunst als reaktionärer Eskapismus - das ist ein häufig gringschätzig geäußerter Gedanke, den ich jedoch nicht nur ablehne, sondern durch den genau diametral entgegengesetzen Gedanken ersetzen würde:

Musik als Flucht in eine lebensrelevante neue Realität!

Wer ernsthaft Musik als Kunst betreibt, richtet seine Aufmerksamkeit für kurze Zeit auf das, was für mich die wahre Realität eines menschlichen Lebens und ich darstellt. Dafür wendet er sich von dem ab, was viele als "Realität" bezeichnen würden, was jedoch in Wahrheit nur eine schlecht inszenierte Melange aus Bildzeitungslektüre, Populismus, Chartsgedudel, kurzfristiger Lustbefriedigung und dem, was wir mit dem grässlichen Wort "Alltagsstress" benannt haben.

Aber ist das wirklich die Realität eines menschlichen Ichs, sein wahres Wesen? - Wohl kaum!

Daher verteidige ich die Musik als Quelle wahrer Erkenntnis und Weg zu einer tieferen lebensrelevanteren Realität! :D

Herzliche Grüße

Euer Lisztomanie
 
alibiphysiker

alibiphysiker

Super-Moderator
Mod
Dabei seit
Feb. 2013
Beiträge
1.254
Reaktionen
2.467
Naja, aber diese tiefere lebensrelevantere Realität, die du hier schilderst, können lediglich Menschen erleben, welche in einem aufgeklärten (im Sinne der Epoche der Aufklärung) Land leben, und deren Grundbedürfnisse befriedigt sind.

Laut UNO Report haben noch immer 11% aller Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, über 1 Milliarden Menschen sind weltweit unterernährt, noch mehr Facts sind hier nachzulesen.

Wenn man die Realität über die Sinneswahrnehmung des durchschnittlichen Erdenbewohners definiert (am besten noch integriert über die Existenzspanne des Homo Sapiens), kann ich dein Argument leider nicht nachvollziehen. Dir, mir, und den clavioten mag diese Realität zwar zugänglich sein, aber am Durchschnitt der Menschheit gemessen ist das keine Realität.

Grüße,

Daniel

P.S. Warum hast du Melange geschrieben? Jetzt hab ich wieder Lust, einen weiteren Band des Wüstenplaneten zu lesen ;-) <- Realitätsflucht
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
N

nils1

Dabei seit
Apr. 2013
Beiträge
2.660
Reaktionen
1.491
Ich persönlich flüchte vor dem Alltag, wenn ich Klavier spiele. Ich habe große Schwierigkeiten, nach dem Tag im Büro, die aktuellen Problemzonen aus dem Kopf zu bekommen. Fernsehen oder lesen genügt einfach nicht. Ich muss mich schon mit einer Sache ganz intensiv beschäftigen, um den Schnitt zum Feierabend hinzubekommen. Das Klavierspielen ist für mich optimal.

Allerdings hat weas ebenfalls einen interessanten Aspekt genannt, den ich bei mir erkenne. Klavierspielen ist auch eine Selbstfindung, eine Entwicklung, eine Selbstbeobachtung. Und auch ein Streben nach einem Glücks- und/oder Erfolgsgefühl. Weiterhin beobachte ich bei mir sehr interessiert, die Ausbildung der motorischen Fähigkeiten.

Naja.., das war alles schon gesagt. Aber es ist ja 'ne Umfrage :D
 
C

chiarina

Guest
Wie beantwortet man eigentlich die Frage, wenn man mit Musik alltäglich sein Brot verdient? *Grübel.........grübel...grübel.......*

:p:p:p
 
A

alexius

Guest
Nein-nein-nein! Auf keinen Fall. Weltflucht oder Realitätsflucht sehr allgemein ist eine sehr gefärhliche Sache. Den Eskapismus kann man in jeglicher form betreiben: Musik, Essen, Komputerspiele, TV, Bücher, etc. (um sich abzuschalten); und das finde ich alles sehr schädigend für die persönliche Entwicklung. Dadurch, dass man so eine Art Zone des Komforts verschafft und versucht sich von irgendwelchen Einflüßen der äußeren Welt abzugrenzen, entgeht man den Herausforderungen, die uns stärker machen. Übrigens, Arbeit kann oft auch so eine Rolle übernehmen: Viele Leute tendieren ihre Frustration (z.B. private Probleme) in intensiver Arbeit zu versenken und durch eine sehr intensive Auseinandersetzung mit irgendwas anderem zu vergessen.

Ich finde das sehr gefährlich, weil das Leben in seiner Vielfalt so umfangreich ist, dass man IMMER damit rechnen muss, dass wir niemals das Leben unter 100% bequemen und sicheren Bedingungen führen werden. Leben ist ein Chaos und die Entropie wird immer größer. Wenn man der Welt entgeht, tendiert man in gewißem Maßen auch den Problemen zu entgehen, ohne diese zu lösen. Wenn man aber die Probleme nicht löst, häufen sie sich an und es wird danach noch schwieriger sein, weil es eben nun viele Probleme gibt. Und dann, wenn man nicht fähig ist, diese ganzen Probleme zu konfrontieren, fühlt man sich als eine Art Opfer des Schicksals. In anderen Worten, man entwickelt einen Looser-Komplex. Ok, das ist vielleich sehr übertrieben und stellt eher die extremste Entwicklung des Szenarios. Allerdings habe ich in meinem Leben schon einige richtig talentierte und relativ erfolgreiche Menschen kennen gelernt, die durch verschiedene Arten der Weltflucht sich nicht durchsetzen konnten (privat oder beruflich). Weil sie eben vielen Herausforderungen nicht genau in die Augen schauen wollten.

Deswegen will ich niemals Musik als Weltflucht empfinden. Beethoven hat seine letzten Sonaten nicht als Ausdruck der Weltflucht komponiert: Er war ein unglücklicher Mann mit vielen physischen Leiden, ohne Liebe (nach der er sein ganzes Leben gestrebt hat), vielen Problemen mit seinen Familienangehörigen (sein geliebter Neffe Karl hat selbstmord versucht); sein schwerer Charakter hat für ihn das Leben mit allen anderen sehr kompliziert gemacht... und er hat sich trotzdem nicht umgebracht, weil er eben das Leben mit allen Schrecken und Leiden akzeptiert hat. Seine letzten Werke strahlen so eine ehrlichste Liebe und Dankbarkeit...

In dieser Hinsicht, imponiert mir die Einstellung von Elisso Wirsaladze. Sie hat in einem Interview gesagt, dass sie jeden Tag üben muss, unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht gelaunt ist, ob ihr gut oder schlecht geht, weil das eben ein essentieller Bestandteil ihres Lebens ist.

Rachmaninoff hat zur Musik gesagt, dass sie für ihn genau so lebensnotwendig ist, wie atmen oder trinken.

Also, ich finde Musik echt und sehr realistisch. Unsere Interpretationen beruhen sich doch letzlich auch darauf, was wir im Leben sind oder mal erlebt haben, oder?
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
 

Top Bottom