Rachmaninov Prélude op. 23. Nr. 10

Stilblüte

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Hier kommt das nächste Prélude von Rachmaninov, es ist das letzte aus dem Opus 23, betitelt mit "Largo".

View: https://www.youtube.com/watch?v=e-gbTpGZ0B4&feature=youtu.be

Beim ersten Hören mag es sich fast wie ein "simples Nocturne" anhören, bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass auch hier sehr viel Polyphonie enthalten ist. Nach der langsamen Melodie in Cello-Lage, zu der die "Begleitung" der rechten Hand schon eine sanfte Gegenstimme bildet, hört man bei 0:42 einen deutlichen Einsatz der rechten Hand; somit kommt eine Melodie in der Oberstimme hinzu, die gleichzeitig mit der tieferen erklingt. Die dritte Stimme liegt in der Mitte und besteht aus harmoniebildenden Akkorden.

Bei 1:10 ist es am ehesten zweistimmig, wobei die Oberstimme aus ganzen Akkorden besteht. Dem folgt der einzige Moment (um 1:37), in dem das Stück ein bisschen aufdreht.

Ab 1:53 wird es konsequent vierstimmig: Die akkordische Mittelstimme wandert in den Alt, und zusätzlich zu den melodischen Außenstimmen mit dem bekannten Material kommt noch eine weitere in der linken Hand dazu, die eine kleines, synkopisches, sich aufwärtsbewegende Achtelmotiv enthält.

Bei ca. 2:37 treffen sich diese vier Stränge, nach einem sehr kurzen, fast choralartigen Moment, in einer Dominante. Hier könnte das Stück schon zu Ende sein, und das was nun folgt, betrachte ich als eine Art Coda. Sie ist einer der zauberhaftesten Momente, die mir in den zehn Préludes begegnet sind... Die Rollenverteilung der Stimmen ändert sich:
In der rechten Hand findet sich ab 2:45 eine durch Oktaven und Akkorde gebildete Linie. Darüber im Sopran, eigentlich in Form einer Überstimme, eine weitere Linie mit Material aus dem Anfangsthema. Sie ist sehr hoch und erinnert klanglich etwas an ein Glockenspiel.
Die linke Hand ist anfangs noch latent vierstimmig durch zwei herausgestellte Tenorachtel, später verzichtet Rachmaninov auf die vierstimmige Notierung, weil sie nicht mehr ganz konsequent ist.

Im Video kommt das nur bedingt rüber, aber dieser Moment ist wirklich absolut besonders. Vor allem dann, wenn man 35 Minuten lang die vorhergehenden neun in jeder Hinsicht virtuosen Préludes gehört hat, und nun etwas erschöpft an diesem Punkt der absoluten Ruhe, Frieden und Schönheit anlangt. Die ganze Tastatur wird von unten bis oben bespielt und wunderbare Klänge entstehen.

Ab 3:20 kommt es zu einem auskomponierten "Ausschwingen" in Ges-Dur, das immer weniger wird.
Trotzdem setzt Rachmaninov ganz am Schluss noch ein beinahe plakatives "Dominante-Tonika", sogar im Forte (das natürlich im Kontext zu deuten ist). Ich mag diese eindeutigen Schlüsse, sie rahmen das Stück ein und runden es ab. Außerdem zeigt Rachmaninov damit, dass er sich nach wie vor in den traditionellen Formen bewegt, scheint mir? Es wirkt beinahe bescheiden und doch sehr klar, diese 10 Préludes mit einer so einfachen Akkordverbindung zu beenden.

Große Virtuosität ist in diesem Stück nicht gefragt, vieles davon kann man vom Blatt spielen. Die Vierstimmigkeit und Kontrapunktik der zweiten Hälfte, ganz besonders des Schlusses, stellt allerdings eine sehr große Herausforderung dar, was Klangdifferenzierung für Ohr und Motorik, Vorstellungskraft, Koordination und Auswendiglernen angeht.

viele Grüße!
Anne
 
 

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