Problemschüler, 9 Jahre

Natürlich kenne ich Ben und seine Mutter nicht, von daher ist eigentlich alles was wir hier so schreiben total überflüssig.
Aber trotzdem: ich bin da nicht so vertrauensvoll wie Du. Was Du bislang so geschrieben hast deutet eher darauf hin, dass Bens Mutter keinen Sinn dafür hat, wie´s in ihm aussieht.
Er spielt Fußball mit links, er schmiert das Brot mit links, er schält den Apfel mit links (alles motorisch durchaus anspruchsvolle Aufgaben) und das sicherste weil unwillkürlichste Zeichen: er wirft Bälle mit links. Aber die Tatsache, dass er darauf dressiert wurde, mit der rechten Hand zu schreiben, wird als Ausdruck dafür genommen, dass Ben schließlich Rechtshänder sei. Ich fasse da nochmal den Dialog sinngemäß zusammen:
Mutter (bevor Ben sich überhaupt zu der Sache äußern kann): "Ben ist eindeutig Rechtshänder"
Ben: "ich mache eigentlich alles mit Links, außer schreiben."
Mutter: "die Schere benutzt Du mit der rechten Hand"
Ben: "aber auch nur, weil die nur mit rechts funktioniert"
Ben: "ich bin aber Rechtshänder"

oder anders, mit dem 4-Ebenen-Modell erklärt:
Mutter äußert Erwartung (Appell)
Ben versucht sich der Mutter mitzuteilen (Selbstoffenbarung)
Mutter ignoriert Selbstoffenbarungs- und Sachanteil der Botschaft, sendet ihrerseits Botschaft fast ausschließlich mit Sachinhalt.
Ben: Selbstoffenbarung
Ben: Macht es der Mutter recht (Beziehung)

Sagt mal, bin ich denn der Einzige, der hier der Meinung ist, dass da was ganz massiv nicht stimmt? Und zwar mit dem Verhältnis Mutter-Kind???
Die Mutter bekommt nicht mit, dass ihr anderes Kind aus dem Klavierunterricht geschmissen wurde. Sowas hat schon einen Impact auf ein Kind, das geht nicht spurlos vorrüber. Aber der Mutter bleibt es im Verborgenen.
Der Kleine ist so voller Druck, der würde schon längst geplatzt sein, wenn es ginge. Er kann sich nicht mitteilen, bzw. die Person, die für ihn am Wichtigsten ist, hat keine Ohren dafür.
In meinen Augen sind das sichere Anzeichen dafür, dass es eine ganz krasse Schieflage in der Beziehung der Mutter mit ihren Kindern gibt, die daher rührt, dass sie keine oder wenig Rücksicht auf die Selbstoffenbarungsversuche ihrer Kinder nimmt. Gleichzeitig findet kaum Selbstreflexion statt.
Als Psychologin sollte ihr bekannt sein, dass man seine Wahrnehmung programmieren kann. Vielleicht sprichst Du sie mal darauf an, ob ihr das Problem Daten- vs. Konzeptsteuerung der Wahrnehmung nach Wessels ein Begriff ist. Vielleicht fällt da der Groschen. Wahrscheinlich aber nicht --> Selbstreflektion

Ich frage mich, wieso der kleine Mann nach dem oben zitierten Gespräch in irgendeiner Form befreit war. Höchstens, weil Du ihm die Gelengeheit gegeben hast, es irgendwie vielleicht doch seiner Mama rechtzumachen.
Glaubst Du denn, er würde seiner Mutter (von der er denkt, dass sie möchte, dass er Klavierspielen lernt) erzählen, du weißt du, eigentlich habe ich keine Lust auf Klavierspielen - vor allen Dingen wenn die Antwort lauten würde "du spielst auf jeden Fall ganz eindeutig gerne Klavier!"? Oder denkst Du, er würde es Dir sagen, wo Du doch diejenige bist, die es ihm ermöglicht seiner Mutter zu gefallen?
Aber so ist es wieder gelaufen wie vermutlich immer: Die Mutter ihm wieder ihre Sicht der Dinge aufgepropft, der kleine Mann hat gespurt.

Und dann sollen ihm Atemtechniken gegen die Anspannung helfen!? Ja herrschaftszeiten!

Hi! Das sind ja genau DIE Dinge, die ich versuche heraus zu lösen, selbst zu begreifen um dann einen Weg zu finden FÜR das Kind.
Meinst Du denn jetzt, ich solle klipp und klar sagen, hey Ben, Du behauptest zwar immer, Du würdest gerne Klavier spielen WOLLEN, aber ich glaube Dir nicht und ich "weiß", dass Du es "eigentlich" nicht willst (habe ich durchaus auch schon mal überlegt... was macht DAS denn mit so einem Menschen?!? )

Es ist eine "vertrakte" Situation und ich suche eben einen Weg. Ich bin schon einige Male auf Eltern zugegangen (Diabetis, wiederaufkeimende Folgen einer Plexuslähmung durch Wachstumsschub o.ä.) aber ich bin kein Arzt. Schon bei Brillenempfehlungen werden Eltern pampig: mein Kind ist gesund!! Die Diabetikerin durfte nicht mehr kommen nachdem ich mit den Eltern vorsichtig gesprochen hatte (ohne eine Diagnose zu nennen). Natürlich HATTE das Kind Zucker. Doch das erfuhr ich erst Jahre später. Mir blieb nur die schlechte Nachrede, ich würde mich in Dinge einmischen, die mich gar nichts angehen.

Zum Fall: Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass da irgendwie die Kommunikation zwischen Eltern und Kind nicht stimmt. Aber: es ist besser geworden. Ich habe mir einige Verhaltensmaßregeln ausbedungen, zB wie über das Kind gesprochen wird in meinem Beisein: ausschließlich positiv in Richtung: ein toller Mensch, der das, was er macht so gut macht wie er KANN!

Helfe ich dem Jungen nicht besser damit, dass ich ihn ernst nehme in dem was er behauptet: "er möchte Klavier spielen lernen"? Auch wenn ich etwas anderes vermute?
 
Hört sich für mich erst mal nach Gehörbildung an und nicht nach der Entwicklung des schöpferischen Klangwillens.

Ich habe meine Diplomarbeit über Martienssen & Suzuki (Runze, Lachert, Heilbut) und co. geschrieben. Aber vielleicht hast Du einen anderen Autor mit gleichem Namen gelesen. Keine Ahnung.

Gehörbildung ist sicherlich eine extrem wichtiger Ausbildungsschritt auf dem Weg zur Entwicklung des schöpferischen Klangwillens. Aber Gehörbildung ist erst mal was es ist: die richtigen Tonfolgen mit dem richtigen Rhythmus und: der richtigen Betonung.

Doch eine richtige Betonung zeugt noch nicht von einem vorhandenen Klangwillen. Lies ruhig selbst noch mal!

Suzuki vergleicht das so:
Zuerst einmal lernen wir - absolut perfekt - unsere Muttersprache (bzw den Slang, mit dem unser soziales Umfeld kommuniziert). Ob wir später Dichter, Autor oder Schriftsteller (oder Schauspieler usw) werden ist eine ganz andere Sache und hat mit der Sprache selbst erst einmal nichts zu tun. Die Wahl der Sprache ist Zufall und entsteht durch Geburt.

Was Du beschreibst ist also: Spracherwerb. Sonst nichts. Der Geruch der Magie der Musik (hervorgezaubert durch das Wekzeug des "schöpferischen Klangwillens") ist da zwar erfahrbar aber noch nicht herstellbar.
 
Helfe ich dem Jungen nicht besser damit, dass ich ihn ernst nehme in dem was er behauptet: "er möchte Klavier spielen lernen"? Auch wenn ich etwas anderes vermute?
Du hilfst dem Kind, wenn Du deinen Klavierunterricht nach seinen motorischen Störungen ausrichtest. Das heißt, Du gibst ihm in der nächsten Stunde eine Mandala, die er mit FINGERFARBEN ausmalt und sagst ihm: Wir lernen streicheln. Das ist eine wichtige Übung für dein ZUKÜNFTIGES Klavierspiel. Beobachte seine Atmung, wenn er mit den Farben schmiert.

Dann darf er mit den DRECKIGEN Fingern auf die Tasten und FARBABDRÜCKE hinterlassen.

In dieser Klavierstunde spielst Du keine Töne. Es gibt KEIN GESETZ, dass eine Klavierlehrerin ein unbegabtes Kind Tasten drücken lassen muss. Es ist ihre Aufgabe, die motorische Bereitschaft herzustellen!

Dann kaufst Du KNETE und das Kind knetet ein Klavier, aus dem Gedächtnis. Du machst einfach jede Stunde irgendeine kreative Übung, bis in er ein paar Jahren alt genug ist, um ein Moped zu wollen oder versucht, Trompete zu blasen.

Ich selbst hätte mir gewünscht, irgendwann im Leben mal einen Lehrer wie Hasenbein zu haben. Jemand, der mir rechtzeitig sagt, was Klangwille ist.
 
Hört sich für mich erst mal nach Gehörbildung an und nicht nach der Entwicklung des schöpferischen Klangwillens.

Hä???

So ein Quatsch! Tut mir leid, aber das kann ich nur als äußerst unüberlegten, unfundierten Satz bezeichnen, wenn jemand schreibt, daß das Nachspielen von Tonfolgen nach dem Gehör "Gehörbildung" sei. Und überhaupt: Wirkliche "Gehörbildung", die diesen Namen verdient (im Gegensatz zu dem, was sich junge Leute als Vorbereitung zur Aufnahmeprüfung reinpauken), ist untrennbar vom Musizieren!

Das (innerliche) Hören einer Tonfolge und das darauffolgende Umsetzen auf dem Instrument ist der grundlegende Musiziervorgang!

Wenn Du Martienssen so genau gelesen hast, dann solltest Du wissen, daß der grundlegende Musiziervorgang NICHT ist: Kognitives Wissen über den zu spielenden Ton (z.B. über Noten oder indem man sich "Taste C drücken" gemerkt hat) -> Ton spielen -> Beurteilung etc. !

Durch Vorgehensweisen wie von mir vorgeschlagen werden genau die Regelkreise etabliert, die Martienssen für so zentral hält! Nicht aber durch endlose Versuche, dem Schüler einzupauken, was er als nächstes drücken muß!

Aber ich kann Dich verstehen, Viola: Niemand bekommt gerne gesagt, daß er (wenn auch nur in einem Falle) suboptimal unterrichtet hat, und das auch noch kurz vor Weihnachten. Aber sei beruhigt, auch ich hab in meinem Leben schon bei so manchem Schüler voll verkackt, sei es aus Unerfahrenheit, sei es aus Ratlosigkeit, sei es aus Lustlosigkeit. Man muß nur dranbleiben, daß man immer besser wird und Fehler bei sich stets zu erkennen und zu korrigieren sucht.

LG,
Hasenbein
 
...mittlerweile gibt es hier über kleinBen sooo viel zu lesen... muss ein großes und (klavier)weltbewegendes Thema sein ;)

wenn kleinPing-Pong mit 11 ne Chopinetüde drauf hat, heult alles Buhu Drill Unmenschlichkeit, wenn kleinBen nach vier Jahren das bringt, was auf dem Video zu sehen und hören ist, dann gibt es auch ein vielgestaltiges Buhu (bislang ganze 23 Seiten hier) ...

nu ja, Schwamm drüber: übermorgen kommt das Christkind :D:D:D
 
Hi Hasi,

Du verwechselst munter das "innere Gehör" mit dem schöpferischen Klangwillen.

Das "innere Gehör" hat jeder und man kann es als Wekrzeug nehmen um Töne nach zu singen oder spielen. Mit dem schöpferischen Klangwillen an sich hat das in sofern zu tun, als dass das innere Gehör AUCH daui hergenommen werden kann, eine Klangvorstellung zu entwickeln! Eine völlig andere Sache.

Hinzu kommt, dass das echte Gehör sehr oft DAS hört, was das innere Gehör hören WILL (ist auch in der Kommunikation oft ein Problem...).

Erst wenn die Umsetzung gelingt, das tatsächlich Gespielte dem eigentlichen gewollten Ergebnis anzunähern kann man von einem aufkeimenden "Klangwillen" sprechen, denn der Wille bezieht sich auf den KLANG (und der Klangschönheit) und nicht nur auf die Basics wie Tonfolgen etc.

Und dann - da hast Du völlig recht - übernimmt das innere wie echte Ohr die Kontrolle über die Bewegung. (eine Sache, die Suzuki auf das Geigenspiel anwendet - und wie wissen alls, dass Suzuki-Schüler von Beginn an auch im Klang geschult werden, nicht nur in Tonhöhe).
 
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Tja, liebe Viola, da hast Du leider den Herrn Martienssen zumindest in einem ganz wichtigen Teil mißverstanden!

Naja, Diplomarbeit ist ja auch schon ein Weilchen her, ne?

Hast Du das Buch zur Hand? Dann schlag doch bitte mal auf "Der schöpferische Klangwille und der Anfangsunterricht" und lies Dir das mal ganz genau durch.

Mehr muß ich dazu jetzt nicht sagen.

LG,
Hasenbein
 
Hey Hasi, wir unterscheiden uns doch gar nicht so sehr, nur dass ich der Auffassung bin - Martienssen hin oder her - dass bloße Anwendung des inneren Gehöres zwar eine Grundvoraaussetzung für das Musizieren an sich ist, ja völlig richtig, nur hat das mit "Kunst" an sich noch nicht viel zu tun. Dahin kommt man nur dadurch, dass man den schöpferischen Klangwillen entdeckt und ihn als Wekrzeug zur künstlerische Gestaltung (!) der Töne begreift.

1. Inneres Gehör - Musizieren mit den Basics
2. schöpferischer Klangwille - künstlerische Gestaltung, Gestaltungswille könnte man auch sagen.

Das zweite baut auf dem ersten auf.
 
Doch, Viola, wir sind in wichtigen Aspekten offenbar recht weit voneinander entfernt.

Du bist der Ansicht, daß es ein "Basics"-Musizieren gibt, in dem es erstmal darum geht, irgendwie die Töne hinzukriegen, und das sogenannte "Künstlerische" kommt später.

Dem widerspreche ich. "Schöner" Ton, gute Klangverbindung, Bewußtsein für Linie und Motiv, Bewußtsein für Intervalle / Intervallspannungen und Tonalität, Bewußtsein für Rhythmus sind die unverzichtbaren Zutaten, um künstlerisches Spiel überhaupt zu ermöglichen, und wenn man diese Dinge nicht von vornherein etabliert, dann etabliert sich stattdessen im Schüler ein mechanistisches Spiel, ein falscher Regelkreis. Und genau letzteres ist bei Ben passiert. Weil Du in Deiner Verzweiflung dachtest, na gut, ich guck mal, daß er irgendwie ein Lied "spielen kann", um ihm ein "Erfolgserlebnis" zu ermöglichen (das, wie gesagt, keinen höheren Wert hat, als beim "Malen nach Zahlen" alle Felder richtig ausgefüllt zu haben).

Zu glauben, man müsse eben bei manchen Schülern erstmal "unkünstlerisch" vorgehen, und das dann "Vermitteln von Basics" zu nennen, ist ein grober pädagogischer Irrrtum. Die Basics sind das von mir Genannte, nicht aber "auf dem Notenblatt das C finden" oder "immer schön den 3. Finger nehmen".

LG,
Hasenbein
 
Und wie kommt das Bewusstsein für Linien und Motiv, Intervalle/Intervallspannungen, Tonalität, Rhythmus usw. in die Kleinen rein? (Du hast den KLANG an sich vergessen, oder meintest Du das mit "Klangverbindung"? Was ist denn Klangverbindung?) Wie schaffst Du das? Unterbrichst Du sofort wenn eine Sache nicht da ist?

Bei "Kuckuck eierschluck" geht es mir um das Erleben von hoch-tief, Rufterz. Das reicht doch schon mal. Die Akzente stellen sich - meist automatisch ein - wenn ich jetzt noch den Rhythmus sauber haben will muss ich das mit einigen 4 Wochen lang üben. Wie kommt der Rhythmus in ein 5 jähriges Kind rein? Zählen lassen? Oder intuitiv? Interessiert das Kind hier schon eine Arbeit am Klang? Tonartenanalyse? Linien? Motivstrukturanalyse? Oder freut es sich nicht einfach daran, diese 5 Töne zu können?!?! Dann geht es nach Hause, spielt es der Mama vor, die strahlt und ist begeistert. Keine große Sache.

Ich finde, man muss die Kinder allmählich musikalisieren und nur das von ihnen verlangen, was sie am Ende des Tages leisten können. Von Überforderung halte ich absolut nichts - aber auch nicht von Unterforderung!

Bei mir im Unterricht wird sehr viel gemeinsam musiziert, alleine am Klavier ist man oft genug. 99% der Musik wird gemeinsam MIT anderen gemacht. Nur die Pianisten, die denken, Musik machen ist eine Veranstaltung für einsame Leute. Gemeinsam Musizieren, DAS sind für mich die Big Points. Musik machen diffundiert von einer Generation in die nächste, von oben nach unten - ganz leicht und selbstverständlich, wie sprechen lernen.

Das ist mein Konzept. Viel Musik MACHEN, dabei Spaß haben, aufeinander hören, im Fluss bleiben, kleine Fehler passieren, das ist nicht schlimm. Das verlangt schon sehr viel von den Kleinen.

Wenn ich Ben mit Deinem Forderungskatalog kommen würde, er würde keinen einzigen Ton mehr hin kriegen. Soll DAS gut sein?
 
Ich muss sagen, dass ich mich ganz hasenbein anschließe. Allerdings machst du doch total kreativen Unterricht, Viola, lässt viel nach Gehör spielen, improvisieren etc.............ein weites Feld! Aber die Ziele müssen meiner Meinung so formuliert werden, wie hasenbein es tut. Aus diesem Grunde lasse ich mir bei den meisten Schülern am Anfang sehr viel Zeit.

Beginn meistens ohne Noten, diese werden erst später nach dem Motto "erst spielen, dann lesen/aufschreiben" wie beim (erst) Sprechen- und (dann) Lesen lernen eingeführt. Und viel geht übers Singen, was du bestimmt auch mit deinen Schülern machst. Ein Kind singt "Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald" o.ä. immer im richtigen Rhythmus, in der richtigen Phrasierung. Höchstens manchmal nicht in der richtigen Tonhöhe :D, aber auch das kann man lernen. Wenn man das Stück mit ihm singt, kann man dazu klatschen, trommeln und was weiß ich, und jeden Teil anders klatschen oder mit verschiedenen Orffschen Instrumenten begleiten, man kann Motive wie deinen Kuckucksruf herausnehmen und transponieren - so bekommt es allmählich ein Gefühl für Struktur und Form.

Das Spielen dieser wohlbekannten Lieder geht dann übers Gehör und der Schüler findet selbst die Töne (Orientierung am Klavier etc. lass ich jetzt mal weg). Das dauert am Anfang, lohnt sich aber. Er bekommt ein Gefühl dafür, ob sich Töne nach oben oder unten bewegen, für Intervalle etc. Lässt man ihn dann die Melodie auch mit links spielen, dann unisono, mit Quintbegleitung und vor allem auch transponieren, lernt er zu hören, denn das Ohr ist seine einzige Kontrollinstanz. Und darum geht es doch! Die Aufmerksamkeit unserer visuell geprägten Schüler auf das Hören zu lenken und damit allmählich die Voraussetzungen zu schaffen, von denen hasenbein spricht. Weiter lernt der Schüler das Tastengelände kennen, er hört auf Dissonanzen und Konsonanzen, wenn er die passenden Quinten sucht..... .

Ich nehme aber an, dass du all sowas längst machst!

Rhythmische Spiele wie im Kreis Viertel gehen, Halbe Klatschen ...................(von der Grobmotorik zur Feinmotorik) bieten ein Feld voller Möglichkeiten und den Kindern macht es Spaß. Bewegungsmuster bietest du ja an, du hast es schon mal erzählt. Das dynamische Spektrum und das Instrument selbst erkunden. Ich finde auch wichtig, den Umgang mit dem Auftrieb der Taste zu erfühlen und zu hören, wie so ein Ton nach dem "leiser werden" unterschiedlich enden kann. Die erste Feuchtwanger-Übung bietet sich z.B. an oder "Fahrstuhlspiele" (so nenn ich das manchmal). Dabei wird den Kindern automatisch bewusst, dass sie nicht auf das Klavier einprügeln müssen, keine Tasten "drücken", sondern mit sensitiven Fingerkuppen (ich mach immer eine Massage vorher :D ) und ganzem Arm weich in das Tastenbett einsinken. Dann hören sie, dass das viel schönere Töne sind und so sollten meiner Meinung nach Anfänger in der ersten Stunde lernen, was ein schöner Ton ist und wie es sich anfühlt, ihn zu spielen. Und damit ich nicht falsch verstanden werde: ich gebe keine Bewertungen ab, ob ein Ton schön oder hässlich ist. Die Schüler werden durch diese Spiele selbst dafür sensibilisiert und gucken, besser hören sich das auch von mir ab. Natürlich kapiert es der eine schneller als der andere, aber spätestens nach ein paar Stunden sollte das gekonnt sein. Dazu gehört dann auch freie Atmung etc. und die Sitzhöhe bzw. der Abstand vom Instrument. Ohne Fußbänkchen geht bei mir bei den Kleinen gar nichts und zu Hause müssen sie natürlich auch eins haben. Und benutzen! :D

Schließlich die Lieder oder kleine Improvisationen, die sie spielen, in Notenschrift umsetzen (ich mach erst graphische Notation). Auf diese und ähnliche Weise wird meines Erachtens der Klangwille geweckt (ich hab jetzt viel weggelassen - die Didaktik und Methodik des Anfängerunterrichts passt nicht in einen Beitrag! :p ) und die Aufmerksamkeit immer zuerst auf das Ohr gelenkt.

Das dauert aber und deshalb will und muss ich mir viel Zeit lassen. Aber das lohnt sich, denn die Schüler spielen viel klangschöner und hören sich besser zu. Und anstrengend ist so ein Unterricht nicht, denn sie haben viel Abwechslung und entdecken viel.

Ich habe das alles jetzt nicht zu dir geschrieben, denn du weißt das alles, sondern es war mir ein Anliegen, es hier nochmals zu formulieren. Manchmal sage ich zu einem Schüler: Klavier spielen ist kein Schreibmaschinenkurs! *grins*

Liebe Grüße

chiarina
 
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Habe jetzt diesen Faden komischerweise verfolgt, sogar meinen Senf abgegeben. Meine persönliche Meinung ist, dass es für Kinder nichts schlimmeres gibt wie ehrgeizige Eltern oder Klavierlehrer.

Rudl
 
Hallo Viola,
meine persönliche Meinung ist, ich an Deiner Stelle würde das Video wieder rausnehmen - es ist keine gute Werbung für Dich als Klavierlehrerin, ein Kind mit solch dermaßen verkrampften Finger- und Handbewegungen zu zeigen. Ich denke, Ben übt zuhause nicht und wenn man die paar Minuten auf vier Jahre hochrechnet, die er bisher bei Dir verbracht hat, kommt nicht viel Zeit dabei heraus, die er sich im Leben mit Klavierspiel beschäftigt hat.
Ich denke weiterhin, daß Du von Bens Eltern für ihre Ziele missbrauchst wirst und ich könnte so nicht arbeiten. Wieso kann Ben eigentlich nicht eine komplette Klavierstunde durchhalten? Das ist mir einfach unverständlich an der ganzen Geschichte.
 
Und das ist nicht nur meine Erfahrung, das schildern viele Kollegen auch.
Also: diese Transposition: kindlicher Gesang - eigene Klangvorstellung via inneres Hören - adäquate Bewegung - Klavierton - das kann man vergessen und muss sich was anderes überlegen.

Liebe exe,

ich hatte ja auch etwas zu deinem Faden geschrieben. Es ist auch so, dass die Kinder die alten Lieder viel weniger kennen, bzw. singen. Aber ich konnte bisher bei jedem Schüler während meiner nun fast 30jährigen Unterrichtstätigkeit (hab früh angefangen :p ) so beginnen, wenn ich es wollte. "Alle meine Entchen" kennt jeder und in den meisten Kindergärten wird auch "Kuckuck" und "Hänsel und Gretel" gesungen. Geburtstagslieder und wenigstens ein Weihnachtslied kennt auch jeder. Es kann natürlich sein, dass ich in einer Gegend lebe, in der noch mehr gesungen wird, aber auch damals in den Städten, in denen ich studiert habe, war das so.

Selbst wenn die Kinder nicht gut singen können, also die Töne nicht treffen (Brummer etc.), kann man so mit ihnen arbeiten und außerdem kann man ihnen vermitteln, dass sie mit ein bisschen Übung auch singen könnten. Es kann nicht schaden, mal zu hören und zu spüren, was man mit der eigenen Stimme so anstellen kann.

Wenn man partout keine Lieder findet, muss man eben über kleine Motive, die der Schüler nachspielt (s. hasenbein) etc. herangehen, über "Quatschlieder" mit lustigem Text, die man zusammen mit dem Schüler selbst erfindet (der Schüler könnte ja auch dazu sprechen, wenn er nicht singen kann/will........................................... .

Oder?

Liebe Grüße

chiarina
 
Habe jetzt diesen Faden komischerweise verfolgt, sogar meinen Senf abgegeben. Meine persönliche Meinung ist, dass es für Kinder nichts schlimmeres gibt wie ehrgeizige Eltern oder Klavierlehrer.

Rudl

Widerspruch, lieber Rudl! Es kommt auf das Kind an. Für manche Kinder sind ehrgeizige Eltern (und Klavierlehrer etc.) genau das Richtige. Im übrigen gibt es verschiedene Sorten Ehrgeiz, die unangenehmste ist die, bei der sich Eltern in ihren Kindern "selbst verwirklichen" wollen. Grauenhaft! Aber es gibt auch den Ehrgeiz, der als Ziel das Entdecken, Aufschließen und Fördern der kindlichen Potenziale hat. Dieser Ehrgeiz findet meine volle Unterstützung.

Ganz fürchterlich sind übrigens die Eltern, die ihre eigenen schlechten Erfahrungen mit dem elterlichen Ehrgeiz oder dem "Leistungsgedanken" auf Kinder projizieren. "Das Kind soll selbst frei entscheiden können!" heißt dann übersetzt "Mir ging es damals scheiße. Heute will ich ungestört leben können, da passen mir Konflikte mit meinen Kindern nicht in den Kram."
Oder noch schlimmer: "Ich will nicht, dass meine Kinder mehr können als ich!"
 
Lieber schmickus,

ich stimme dir da sehr zu, bloß möchte ich aus meiner Perspektive ergänzen, dass ich den Begriff "Ehrgeiz" nicht mag. Er ist oft negativ besetzt und es steckt das Wörtchen"Geiz" drin. :p

Wenn man als Eltern seine Kinder wirklich liebt, dann wird ein Bestreben auch sein, zu erkennen, was alles in dem Kind steckt. Diese Potentiale sind einzigartig und wunderbar und brauchen liebevolle Begleitung, um zu wachsen.

Klavierlehrer wollen Ähnliches, auch wenn natürlich die Art der Bindung eine ganz andere ist.

Liebe Grüße

chiarina
 
...nun ist die erschröcklich erbauliche Historia von kleinBen schon auf 24 Seiten, ganze 241 Beiträge angeschwollen - es muss ein großes Thema sein! Ich schlage vor, ab morgen - ein besonderer Tag - kleinBen in einer Krippe zu betten und den Himmel zu beobachten :D:D:D:D
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Tja, zwar kann Klein Ben kein bißchen Klavier spielen, aber eines beherrscht er ausgezeichnet: Scharen von Erwachsenen auf Trab zu halten!

(Tatsächlich ist Danebenbenehmen, Minderleisten etc. ja nicht selten ein Mittel von Kindern und Jugendlichen, um Aufmerksamkeit zu bekommen...)

LG,
Hasenbein
 
(Tatsächlich ist Danebenbenehmen, Minderleisten etc. ja nicht selten ein Mittel von Kindern und Jugendlichen, um Aufmerksamkeit zu bekommen...)

LG,
Hasenbein

Und was sollte man dann Deiner Meinung nach mit solchen Kindern machen? Ignorieren? Rausschmeißen? Nicht ernst nehmen? Abkanzeln?

Hast Du da "gute" Erfahrungen mit und benehmen sich die Kinder dann besser? Sind leistungsbereiter?

Würde mich einfach mal so interessieren.
 

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