Mentale Lernfortschritte eines absoluten Anfängers

Tonsee

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Ich habe vor 9 Monaten mit 42 mit Klavierspielen angefangen, als totaler Anfänger mit Null musikalischen Vorkenntnissen. Neben der Musik hat mich auch die mentale Herausforderung gereizt, etwas komplett Neues zu lernen.

Ich möchte in diesem Thread für mich selbst und andere Anfänger etwas meine mentalen Lernfortschritte und Erkenntnisse dokumentieren. Und vielleicht ist es auch für den einen oder anderen Klavierlehrer interessant. Bei meinem ersten KL hatte ich ja sehr den Eindruck, dass er sich überhaupt nicht mehr in das Hirn eines Anfängers hineinversetzen kann.

Erkenntnisse nach 9 Monaten mit täglich 30-60 Minuten üben und 1x wöchentlich Klavierunterricht:

1. Der See ist viel tiefer, aber es geht schneller voran als gedacht
Um mal beim Bild zu bleiben: Als Totalanfänger habe ich gedacht, der See des Klavierspiels ist rund 100 Meter tief und es wird natürlich progressiv immer schwieriger, weiter hinab zu tauchen. Ich dachte ausserdem, nach einem Jahr ist man so auf Level 5 und nach zehn Jahren auf Level 30... Jetzt bin ich zu meiner Überraschung nach neun Monaten viel weiter gekommen, als ursprünglich gedacht, auf Level 15 oder so. Ich spiele schon wirklich schöne kleine Stücke. Dafür habe ich auch realisiert, dass der See tatsächlich eher 1000 Meter bzw. Level tief ist. Das ist manchmal abschreckend und frustrierend, es überwiegt derzeit aber ganz klar die Freude, über das bisher schon Erreichte.

2. Die Schwierigkeiten sind vor allem mental
Zu Beginn habe ich gedacht, dass Klavierspielen vielleicht zu 50% eine mentale Herausforderung ist und zu 50% eine der Fingerfertigkeit. Derzeit denke ich, dass es zu 95% eine mentale Sache ist. Auf meinem Anfängerniveau bin ich in Sachen Fingerfertigkeit noch nie an ernsthafte Grenzen gestossen. Das mit der Unabhängigkeit der Hände klappte so nach 3 Monaten auch schon recht gut. Mental stehe ich dagegen ständig an.

Es gibt einfach zu viel aufs Mal zu tun: Taste treffen, richtiger Rhythmus, schönen Ton erzeugen, Melodie und Begleitstimme richtig hervorheben, Betonung im Takt, Pedaleinsatz, was kommt als nächstes/wo stehe ich im Stück... Meine mentale Überforderung als Anfänger besteht darin, dass ich nie all dem zusammen Aufmerksamkeit schenken kann. Lenke ich meine Aufmerksamkeit auf das Eine, vermurkse ich das andere. Mehr als 1-2 Dinge aufs Mal kann ich nicht im Ohr und Auge behalten. Am meisten Übersicht/Kontrolle habe ich, wenn ein Stück zu 100% im Muskelgedächtnis der Finger drin ist, dann hab ich mental Kapazität für mehr andere Aspekte frei - doch ich weiss auch, dass Spielen nur mit Muskelgedächtnis auch nicht das Ziel ist bzw. wenn ich dann wieder zu sehr versuche, Dinge zu variieren, fliege ich auch aus dem Stück raus. Und dann bin ich jeweils völlig raus, weil's ja nur aus den Fingern kam.

Diese mentale Überforderung ist wohl auch ein für KL manchmal schwer nachzuvollziehen: Weil für sich allein kann es der Schüler ja, wenn man ihn immer nur einen Aspekt davon üben lässt. Doch alles Zusammen klappt dann doch nicht zuverlässig.

Meine Erkenntnis daraus ist momentan, lieber wieder etwas einfachere Stücke zu wählen, wo man mehr mentale Aufmerksamkeit auf einzelne Aspekte richten kann. Fortschritte gibt es natürlich schon im Vergleich zum Anfang, was die mentale Übersicht angeht. Anfangs ist der Kopf ja zu 100% absorbiert mit: Welcher Finger muss auf welche Taste... aber es geht langsam voran. Jetzt nach 9 Monaten schaffe ich es zumindest, meine Aufmerksamkeit auf 1-2 Dinge aufs Mal zu lenken und diese einigermassen zu steuern, auch wenn dann anderes oft wieder falsch kommt. Das Kontrollgefühl über das, was am Schluss aus dem Kasten an Musik rauskommt, ist jedenfalls noch am wachsen.

3. Notenlesen ist nicht das Problem
Ich konnte keine Noten lesen als Totalanfänger. Finde das System aber völlig logisch, leicht nachvollziehbar und verstehe nicht, wieso sich viele Schüler offenbar dagegen sträuben. Anfangs zählt man alles vom Mittel-C ab oder spielt sogar mehr nach Fingernummern. Das ist vielleicht eine Fallgrube, aus der man rauskommen muss. Aber es ist jetzt nach 9 Monaten der Punkt schon da, wo es eine direkte Verbindung gibt zwischen einer Notenhöhe und einer Taste. Also nicht wie als Totalanfänger: "Diese Note steht einen Schritt unter dem c2", oder "Diese Note ist ein h, wo steht das h?", sondern gleich direkt ohne zu überlegen "Diese Note auf der Mittellinie des Violinschlüssels ist die weisse Taste da am oberen Ende der drei schwarzen". Zumindest so von G bis a2 klappt das jetzt schon auf einen Blick, mit den Noten auf den Linien etwas besser als mit denen in den Zwischenräumen. Mehr Mühe hab ich mit den rhythmischen Figuren, viele davon muss ich mir erst Mal noch abzählen und erkenne ich noch nicht auf einen Blick. Aber ich nehme mal an, dass kommt genauso wie mit der Tonhöhe über die Zeit.

4. Gut Hören können dagegen schon
Sicherlich eine banale Erkenntnis für gestandene Musiker, aber als Anfänger unterschätzt man wohl trotzdem immer, wie wichtig das ist. Die Schwierigkeit besteht für mich vor allem darin, die Begleitstimmen zu hören. Bald merkt man ja, dass man bekannte und eingängige Melodien mit der rechten Hand schneller lernt bzw. oft jenseits des Fingersatzes nicht gross üben muss. Aber die Begleitstimmen der Linken? Höre ich oft noch nicht richtig, kann sie nicht aus dem Gedächtnis spielen usw. Die Schwierigkeit beim Spiel der linken Hand ist für mich nicht manuell, sondern sie besteht im Hören der Stimme(n). Da hilft wohl nur hören, hören, hören und ich versuche nun bei allen Stücken, die ich mir anhöre, vor allem auf die Begleitstimmen zu achten. Ich vermute mal, dass sich dies als eines meiner grössten Defizite als Späteinsteiger herausstellen könnte, wo es viel Nachholbedarf gibt.

Das wären meine wichtigsten Erkenntnisse bis jetzt. Ich bin trotz allen Schwierigkeiten weiter voll motiviert dabei und habe Spass am üben, so dass es noch nie ein "Müssen" war. Der Plan ist, in 6-12 Monaten ein Update zu meiner "mentalen Entwicklung" zu geben. Und ich freue mich natürlich über andere Erkenntnisse und Beobachtungen von Anfängern.
 
Sven

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Es freut mich zu lesen, wie ernsthaft du dich reinkniest.
Und wie du siehst: Es lohnt sich!

So sieht es aus, wenn jemand wirklich (und nicht nur vorgeblich) will, bzw. muss.
Weiter so!
 
S

Stephan

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Hallo Tonsee, nur mal in Kürze: Deine Betonung des Mentalen sollte aber nicht zu folgenden Missverständnissen führen: das man alle Dinge gleichzeitig bewusst(!) tut. Die Hirnforschung lehrt uns, dass wir bei allem nur seriell vorgehen, nie parallel. Soll heißen: das Gefühl des "Multitasking" ist trügerisch, auch wenn es so erscheint. Ich vergleiche dies immer gern mit einem Raketenauto, dass über die Autobahn fährt, und bei dem irgendwann die gestrichelte Fahrbahnbegrenzung zu einer durchgezogenen Linie wird ( als solche erscheint). Es sind also sehr schnelle serielle Sprünge der Aufmerksamkeit von dem einen zu dem anderen, die de facto nachher parallel erscheinen.
Aber: wenn Du unter Mental verstehst, dass man all diese Aufmerksamkeitspunkte sich mental beim Spiel bewusst machen muss, ist dies ein Irrtum: unser bewusstes Denken ist dafür zu langsam! Daraus folgt: solange man alle Prozesse bewusst verfolgt, geht dies im Übemodus, und das sehr langsam. Führt das zum Ziel? Ja, weil durch häufige Wiederholung diese bewussten Prozesse in das Unterbewusste rutschen, also automatisiert werden. Sind solche Bewegungsabläufe erst einmal automatisiert, bleibt wieder Luft, um die Konzentration auf die Interpretation zu richten. Das soll nicht heißen, dass das Erlernen der Bewegungsabläufe losgekoppelt ist vom Streben nach ständiger Klangveredelung. Die Intonation, wie du einen oder mehrere Tonfolgen spielst ist maßgeblich für die Technik.
 
FünfTon

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1. Der See ist viel tiefer, aber es geht schneller voran als gedacht
Um mal beim Bild zu bleiben: Als Totalanfänger habe ich gedacht, der See des Klavierspiels ist rund 100 Meter tief und es wird natürlich progressiv immer schwieriger, weiter hinab zu tauchen. Ich dachte ausserdem, nach einem Jahr ist man so auf Level 5 und nach zehn Jahren auf Level 30... Jetzt bin ich zu meiner Überraschung nach neun Monaten viel weiter gekommen, als ursprünglich gedacht, auf Level 15 oder so. Ich spiele schon wirklich schöne kleine Stücke. Dafür habe ich auch realisiert, dass der See tatsächlich eher 1000 Meter bzw. Level tief ist. Das ist manchmal abschreckend und frustrierend, es überwiegt derzeit aber ganz klar die Freude, über das bisher schon Erreichte.
Du hast nicht realisiert, sondern erkannt, begriffen und gemerkt. ;-)

Am Anfang lernt man naturgemäß die ganz einfachen Sachen. Da geht es schnell voran und der erwachsene Anfänger wird euphorisch - ganz normal. Irgendwann kommt aber der Punkt, wo der "Kinderspielplatz" verlassen wird und die ersten harten Nüsse zu knacken sind. Erst an dieser Stelle geht es wirklich um die langsame und mühsame Erweiterung der Grenzen der eigenen Fähigkeiten.

Und genau dort schmeißen die meisten erwachsenen Anfänger dann hin. Dieses Forum ist voll mit Nutzerkonten: Anmeldungsdatum - "Hallo, ich lerne jetzt auch Klavier." - zuletzt gesehen: 24 Monate später.

Für Klavierlehrer ist das übrigens frustrierend, weil sie immer nur auf diesen Punkt hin ausbilden. Viele nehmen deshalb auch keine Erwachsenen zum Unterricht an.

Der nächste Aha-Effekt wartet also schon. Und erst dann geht es wirklich los, wenn du dran bleibst.
 
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brennbaer

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wenn Du sagst, dass Du (auf deinem Anfängerniveau) in Sachen Fingerfertigkeit noch nie an ernsthafte Grenzen gestossen bist, gleichzeitig aber Probleme mit "Taste treffen, richtigem Rhythmus, schönen Ton erzeugen, Melodie und Begleitstimme richtig hervorheben, Betonung im Takt", etc., bestehen m.M.n jedoch noch ganz deutliche Defizite in der Fingerfertigkeit.
Woran machst Du es denn fest, dass Du bei der Fingerfertigkeit an keine Grenzen stößt?

Die Tasten zu treffen, was nach Deiner eigener Aussage schon problematisch ist, würde ich schon mal als Grundvoraussetzung für Fingerfertigkeit ansehen wollen.
Rhythmus, Dynamik, Betonung und Hervorhebung unterschiedlicher Stimmem wird alles über die Finger an die Tasten geleitet.
Wenn das alles nicht funktioniert, wie kann man dann davon sprechen dass man keine Probleme mit der Fingerfertigkeit habe???
 
beo

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wenn Du sagst, dass Du (auf deinem Anfängerniveau) in Sachen Fingerfertigkeit noch nie an ernsthafte Grenzen gestossen bist, gleichzeitig aber Probleme mit "Taste treffen, richtigem Rhythmus, schönen Ton erzeugen, Melodie und Begleitstimme richtig hervorheben, Betonung im Takt", etc., bestehen m.M.n jedoch noch ganz deutliche Defizite in der Fingerfertigkeit.
Woran machst Du es denn fest, dass Du bei der Fingerfertigkeit an keine Grenzen stößt?

Die Tasten zu treffen, was nach Deiner eigener Aussage schon problematisch ist, würde ich schon mal als Grundvoraussetzung für Fingerfertigkeit ansehen wollen.
Rhythmus, Dynamik, Betonung und Hervorhebung unterschiedlicher Stimmem wird alles über die Finger an die Tasten geleitet.
Wenn das alles nicht funktioniert, wie kann man dann davon sprechen dass man keine Probleme mit der Fingerfertigkeit habe???
Kann man so sehen, ich teile diese Sicht aber auch nicht.Wenn die Finger grundsätzlich in der Lage sind eine Aktion auszuführen, diese Ausführung aber nicht immer gelingt, dann liegt es an der Ansteuerung der Finger, und die ist Mental.
 
B

brennbaer

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Wenn die Finger grundsätzlich in der Lage sind eine Aktion auszuführen, diese Ausführung aber nicht immer gelingt, dann liegt es an der Ansteuerung der Finger, und die ist Mental.
Darauf wollte ich hinaus. Sofern man keine anatomischen Auffälligkeiten hat, sind die Finger rein physisch in der Lage, Bewegungen, die nötig für das Klavierspiel sind, auszuführen.
Diese allerdings sinnvoll auszuführen, also die Finger korrekt ansteuern zu können, damit es auch nach etwas klingt, das ist es, was ich unter Fingerfertigkeit verstehe. Und daran scheint es m.M.n., so wie es der TE zumindest darstellt, noch gehörig zu hapern.
Fingerfertigkeit ist keine rein anatomische Angelegenheit.
 
Tonsee

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Genau, bin der selben Ansicht wie @beo, die Finger können grundsätzlich alles Verlangte für sich allein oder wenn ich meine Aufmerksamkeit auf einen Aspekt lenke. Um bei einem einfachen Beispiel zu bleiben: Bei einer simplen Abfolge von vier 16teln wie in Burgmüllers Arabesque können die FInger dies isoliert im richtigen Tempo und Rhyhtmus spielen, die Betonung des 1. und 3. etwa schwerer als des 2. und 4., möglichst leicht aus dem Handgelenk gefedert usw. Aber das alles zusammenzufügen mit dem ganzen Rest des Stücks ist das Problem und stammt aus einer mentalen Überforderung (bzw. in diesem Fall kann ich das Stück inzwischen ja leidlich gut).

Es macht aber auch keinen Sinn, über die Abgrenzung von Fingerfertigkeit und "mental" zu streiten. Vermutlich geht hier der Wahrnehmungsunterschied auch auf den Unterschied zwischen bewusster und unbewusster Steuerung zurück, wie ihn @Stephan hervorhebt. Als Anfänger muss ich für jeden Aspekt der Fingersteuerung viel bewussten mentalen Willen und Konzentration aufbringen für etwas, was dem Profi sicher unbewusst gelingt. Ist mir schon klar, dass diese ein Stück schön spielen und gleichzeitig im Kopf die Einkaufsliste fürs Abendessen zusammenstellen können. Als Anfänger falle ich beim kleinsten fremden Gedanken raus. Ich falle aber so gut wie nie raus, wenn ein Finger mal nen Bewegungsfehler macht, zum Beispiel an einer schwarzen Taste hängen bleibt.

Um mal ein artfremdes Beispiel zu nehmen, mir fällt grad kein besseres ein: Cristiano Ronaldo ist sicherlich fuss- bzw. ballfertig. Wenn du aber lernen willst, Freistösse so wie er zu treten, kannst du als Anfänger meist nur einen Aspekt aufs Mal üben: Schusskraft, Präzision, Effet usw. Bis du alles zusammen hinkriegst und dann noch mit hoher Zuverlässigkeit, übst du ein Leben lang. Fussfertigkeit bedeutet wohl für @brennbaer, dass der Ball am Schluss so fliegt, wie Ronaldo es will. Was der Fuss dabei genau macht, ist bei Ronaldo schon lange unbewusst. Fingerfertigkeit beim Klavier würde dann bedeuten, dass das Instrument so klingt, wie der Interpret es will. Um das Hinzubekommen, liegen die Hürden für Anfänger aus meiner Sicht aber bei den mentalen Aspekten des Spiels und eben nicht den fingermotorischen.
 
Tonsee

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Am Anfang lernt man naturgemäß die ganz einfachen Sachen. Da geht es schnell voran und der erwachsene Anfänger wird euphorisch - ganz normal. Irgendwann kommt aber der Punkt, wo der "Kinderspielplatz" verlassen wird und die ersten harten Nüsse zu knacken sind. Erst an dieser Stelle geht es wirklich um die langsame und mühsame Erweiterung der Grenzen der eigenen Fähigkeiten.

Und genau dort schmeißen die meisten erwachsenen Anfänger dann hin. Dieses Forum ist voll mit Nutzerkonten: Anmeldungsdatum - "Hallo, ich lerne jetzt auch Klavier." - zuletzt gesehen: 24 Monate später.

Für Klavierlehrer ist das übrigens frustrierend, weil sie immer nur auf diesen Punkt hin ausbilden. Viele nehmen deshalb auch keine Erwachsenen zum Unterricht an.

Der nächste Aha-Effekt wartet also schon. Und erst dann geht es wirklich los, wenn du dran bleibst.
Das würde mich noch interessieren, wo du ungefähr diesen Punkt siehst. Ich hoffe, ich bin schon drüber weg ;-) Meine letzten paar bekannten Stücke waren Burgmüllers Arabesque, Chopin 28 7 und das Menuett in G-Dur von Bach/Petzold. Finde, das ist kein "Kinderspielplatz" mehr, sondern schon ordentliche Musik, auch wenn es von letzterem haufenweise Videos von 5jährigen auf Youtube gibt, die es aber meist recht hölzern spielen.

Ok, ich merke beim Schreiben, dass man als Erwachsener bei Kindervergleichen auch schnell mal im Stolz verletzt ist. Vermutlich auch ein Grund, wieso viele dann hinschmeissen, wenn es die 7jährigen besser können oder der Klavierlehrer durchblicken lässt, man spiele Kinderkram. Ein empfindlicher Punkt, aber nichts, was meine Freude an der Musik und am Lernen wirklich beeinträchtigt.
 
FünfTon

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Das würde mich noch interessieren, wo du ungefähr diesen Punkt siehst. Ich hoffe, ich bin schon drüber weg ;-)
Das hast du mißverstanden, du bist nie "drüber weg". Am Anfang aktivierst du eigentlich nur vorhandene Fähigkeiten, die hast du als erwachsener Anfänger ja reichlich. Aber beizeiten geht es an die Grenzen (bei jedem individuell unterschiedlich) und du wirst unzweifelhaft merken, wenn es so weit ist.

Erst dort wird es überhaupt interessant, es wartet viel Frust und Mühe, aber auch seltene und bessere Erfolgserlebnisse.

Ok, ich merke beim Schreiben, dass man als Erwachsener bei Kindervergleichen auch schnell mal im Stolz verletzt ist. Vermutlich auch ein Grund, wieso viele dann hinschmeissen, wenn es die 7jährigen besser können oder der Klavierlehrer durchblicken lässt, man spiele Kinderkram. Ein empfindlicher Punkt, aber nichts, was meine Freude an der Musik und am Lernen wirklich beeinträchtigt.
Kinder sind es vor allem gewohnt, fortwährend die eigenen Grenzen zu sprengen, die kennen nichts anderes. Kannst du dich daran erinnern, wie mühsam das Erlernen deiner Muttersprache war? Das ging nämlich keineswegs "von selbst". Die wenigsten Erwachsenen wollen sich das nochmal antun.
 

Sven

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Als Anfänger muss ich für jeden Aspekt der Fingersteuerung viel bewussten mentalen Willen und Konzentration aufbringen für etwas, was dem Profi sicher unbewusst gelingt.
Da liegt meines Erachtens schon das Missverständnis bzw. der Fehler: Man braucht nur auf die erzeugten Töne zu hören. Sich auf Details der Bewegungen zu konzentrieren ist völlig kontraproduktiv.

Um mal ein artfremdes Beispiel zu nehmen, mir fällt grad kein besseres ein: Cristiano Ronaldo ist sicherlich fuss- bzw. ballfertig. Wenn du aber lernen willst, Freistösse so wie er zu treten, kannst du als Anfänger meist nur einen Aspekt aufs Mal üben: Schusskraft, Präzision, Effet usw.
Ich bin mir sicher, dass es auch beim Fußball zielführender ist, sich darauf zu konzentrieren wo der Ball hin soll.
 
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Meine letzten paar bekannten Stücke waren Burgmüllers Arabesque, Chopin 28 7 und das Menuett in G-Dur von Bach/Petzold. Finde, das ist kein "Kinderspielplatz" mehr, sondern schon ordentliche Musik, auch wenn es von letzterem haufenweise Videos von 5jährigen auf Youtube gibt, die es aber meist recht hölzern spielen.

Ok, ich merke beim Schreiben, dass man als Erwachsener bei Kindervergleichen auch schnell mal im Stolz verletzt ist. Vermutlich auch ein Grund, wieso viele dann hinschmeissen, wenn es die 7jährigen besser können oder der Klavierlehrer durchblicken lässt, man spiele Kinderkram. Ein empfindlicher Punkt, aber nichts, was meine Freude an der Musik und am Lernen wirklich beeinträchtigt.
Bitte vergleich Dich nicht mit irgendwelchen Anderen. Du bist Du. :-) Bleib mit Freude und Fleiß an der Sache, dann wird das schon.
 
Sven

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Ok, ich merke beim Schreiben, dass man als Erwachsener bei Kindervergleichen auch schnell mal im Stolz verletzt ist.
Das kann ja nur schlimm sein, wenn nicht der Weg (die Beschäftigung mit der Musk) das Ziel ist, sondern man nur möglichst schnell etwas (vor)spielen können möchte.

Ich fräse mich mit Freude durch das Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, das Nannerl Notenbuch, das Album für die Jugend, die Burgmüller Etüden, die kleinen Präludien und bald auch die Inventionen.
Ich finde es total faszinierend bei jedem dieser Stücke zu entdecken, was es dort zu lernen gibt.

Ich bin Anfänger, also ist es total OK Anfängerliteratur zu spielen.
Was hätte ich davon mir stattdessen z.B. drei Jahre lang irgendein "ernsthaftes" Werk reinzudressieren, was mich eigentlich total überfordert?
 
Muck

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Ich bin Anfänger, also ist es total OK Anfängerliteratur zu spielen.
Was hätte ich davon mir stattdessen z.B. drei Jahre lang irgendein "ernsthaftes" Werk reinzudressieren, was mich eigentlich total überfordert?
Du sprichst davon, demnächst die Inventionen zu spielen. Die sind wahrlich keine Anfängerliteratur und darüber hinaus ein wirklich ernsthaftes Werk. Das ist das schöne an Bach: das ist alles richtig gut, was er so geschrieben hat. Und egal, ob du gerade Beethoven, Chopin oder Debussy spielst: es ist immer eine gute Idee, dazwischen mal Bach zu spielen. Er diszipliniert und verbessert dein Spiel :-).

Zudem sagt die Schwirigkeit eines Werkes nichts über dessen Gehalt aus. Mein Sohn hat letztes Jahr auch das G-dur Menuett aus dem Notenbüchlein gespielt- Grund genug, dass ich ein wenig daraus gespielt habe. Und das sind sehr musikalische, gut ausgewählte Stücke. Ans Herz legen kann ich auch die Kinderszenen. Schumann at his best. Die brauchen sich nicht vor der Kreisleriana, Fantasie usw. zu verstecken. Und wenn ein Herr Gould oder Horowitz diese Werke spielen hört man, was da alles rauszuholen ist ;-).

Also an alle: Daumen hoch! Die aufgezählten Stücke sind wundervoll.
 
Tonsee

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Nach weiteren 9 Monaten und total 1.5 Jahren Klavier ist es mal an der Zeit für ein kleines Update.

Grundsätzlich übe ich immer noch täglich 20-60 Minuten plus einmal wöchentlich Unterricht. Es geht voran und das Üben macht mir weiter Spass. Schöne und einfache Stücke wie Bachs Präludium in C oder Schumanns "Melodie" bereiteten mir Freude und auch etwas Stolz über das schon Erreichte. Nebenbei übe ich auch immer wieder mal ein leicht bis mittelschwer arrangiertes Popstück. Aktuell bin ich mit Bachs kleinem Präludium in F (927) an einem etwas Schwierigerem dran, was schon ein rechtes Stück Arbeit ist, aber inzwischen klingt es auf 80-90% des Tempos schon ansprechend.

1. Die Herausforderungen bleiben 95% mental/im Gehör.
Das merke ich aktuell gerade sehr gut beim kleinen Präludium in F. Es sieht auf den ersten Blick nicht so komplex aus, aber es ist schon variantenreiche Musik und kein simpler Popsong im ABABC-Muster. Das alles und eine Klangvorstellung davon in den Kopf zu kriegen, ist die eigentliche Arbeit. Die rein fingermotorischen Anforderungen dagegen bereiten mir hier keine grosse Mühe, auch die Handunabhängikeit nicht. Dass ich nicht 100% Allegro spielen kann, scheint mir auch eher daran zu liegen, dass ich dann mental nicht mehr mitkomme als an den Fingern. Aber bis ich die tiefe Stimme mal nur schon heraushöre etc. und quasi parallel darauf fokussieren kann oder wieder auf die Oberstimme, dass braucht viel Zeit und Übung.

2. Mitzählen und Rhyhthmus gehen immer besser, verharre aber auf Kleinkindniveau
Ein unabhängiges Mitzählen geht immer besser und auch so etwas wie ein Rhythmusgefühl scheint ich herauszubilden. Immer noch alles sehr störungsanfällig, aber es kommt. Gefühl ist dabei das richtige Wort. Das rein intellektuelle Verstehen des Rhythmus mit Zählzeiten etc. war nie das Problem, aber eben das Umsetzen. Ich glaube, es ist weitgehend Übungssache. Wie an anderer Stelle schon beschrieben, verstehe ich intellektuell auch komplexe Muster, aber in Sachen Übung und Gefühl für Rhythmus bin ich als erwachsener Spätanfänger, der nie in seinem Leben musiziert hat, nicht weiter als ein Kleinkind, dass seit 1.5 Jahren spielt - oder gar noch schlechter, weil zu erwachsen verkopft...

3. Die Übersicht wächst
Nicht nur beim Rhyhtmus, sondern auch was Ausdruck und Klang angeht, habe ich das Gefühl, dass ich grosse Fortschritte gemacht habe. Im ersten halben Jahr wurden praktisch alle Stücke vor allem durch Repetition ins Finger-Muskelgedächtnis reingeprügelt. Jetzt kann ich besser meinem Spiel folgen, Dinge leicht variieren und so weiter, wenn auch natürlich nicht immer zuverlässig. Wenn ich mal rausfliege, kann ich praktisch überall sofort wieder einsteigen und bin nicht so verloren wie früher, wo es mehr ein fixierter motorischer Bewegungsablauf war. Die steigende Übersicht und Kontrolle, über was ich grad spiele und wie es ungefähr tönen soll, ist ein sehr erfreulicher und zufriedenstellender Lernfortschritt.

4. Reines Notenlesen geht zackig, die Klangvorstellung bleibt das grosse Problem
Alle Noten vom C bis c3 erkenne ich nun auf den ersten Blick und kann sie gleich drücken oder benennen - wenn es denn damit getan wäre. Musik draus zu machen, bleibt die grosse Herausforderung. Blattspiel geht bis jetzt nur bei ganz einfachen, einstimmigen Melodien oder mit ganz simplen Begleitungen. So etwas wie eine Klangvorstellung rein aus dem Notentext geht mir nach wie vor praktisch völlig ab. Das ich überhaupt nicht Singen kann bzw. dies auch nie in meinem Leben geübt habe, kristallisiert sich hier als grösstes Handicap heraus. Entsprechend muss ich am Anfang eines neuen Stücks viel Zeit investieren, um überhaupt mal Herauszufinden, wie es klingen soll bzw. mir Aufnahmen davon etliche Male anhören. Es dämmert mir langsam, dass es ohne etwas Singen zu können, viel schwieriger geht und ich mit ein paar einfachen Intervall-Singübungen oder Ähnlichem anfangen sollte.

Weitere Updates sind geplant.
 
mberghoefer

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ich finde, das klingt toll. bin in einer ähnlichen Lage wie du, zwar deutlich älter (seufz. und dicker bestimmt auch. doppelseufz.) und hab ein viertel Jahr nach dir begonnen, hatte aber als zehnjähriger mal einige Monate Orgelunterricht, also sozusagen Vorkenntnis-Vorsprung. Bemerkenswert finde ich deinen Willen zur Analyse und auch die Klarheit der Erkenntisse, auch wenn ich natürlich nicht beurteilen kann, ob diese zutreffen.
Wünsche dir viel Spaß und auch Erfolg auf dem weiteren Weg!
 
U

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Es dämmert mir langsam, dass es ohne etwas Singen zu können, viel schwieriger geht und ich mit ein paar einfachen Intervall-Singübungen oder Ähnlichem anfangen sollte.
Absolut richtig!
Singen geht nur mit Klangvorstellung. Daher lässt sich diese auch am besten über das Singen entwickeln. Der erste Schritt wäre (falls Du tatsächlich überhaupt nicht singen kannst) Einzeltöne auf dem Klavier zu spielen und zu versuchen mit der Stimme die Tonhöhe zu treffen. Je besser die Klangvorstellung, umso weniger wird der Ton von oben oder unten angeschliffen. Dann kämen kleine Intervalle dran und dann das Vom Blatt Singen der ersten einstimmigen Anfängerstückchen. Fünf Minuten am Tag können am Anfang schon Wunder bewirken.
 
A

Alter Tastendrücker

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Am Anfang lernt man naturgemäß die ganz einfachen Sachen. Da geht es schnell voran und der erwachsene Anfänger wird euphorisch - ganz normal. Irgendwann kommt aber der Punkt, wo der "Kinderspielplatz" verlassen wird und die ersten harten Nüsse zu knacken sind. Erst an dieser Stelle geht es wirklich um die langsame und mühsame Erweiterung der Grenzen der eigenen Fähigkeiten.
Das ist diese merkwürdige Besonderheit des Klavieres, dass man auf Knopfdruck (sorry Tastendruck) "fertige" Töne geliefert bekommt.
Dann aber langsam aber sicher anfängt, erstens festzustellen, dass es zuweilen viele Töne sind.
Und zweitens, dass jeder dieser ach so fertigen Töne eben doch nach musikalischen Notwendigkeiten individuell gestaltet werden muss.
Das Klavier ist am Anfang bei der Bewältigung vieler Aufgaben, die auf der Geige schon recht anspruchsvoll sind, sehr einfach, aber dann ....
 
A

Alter Tastendrücker

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Was der Fuss dabei genau macht, ist bei Ronaldo schon lange unbewusst. Fingerfertigkeit beim Klavier würde dann bedeuten, dass das Instrument so klingt, wie der Interpret es will. Um das Hinzubekommen, liegen die Hürden für Anfänger aus meiner Sicht aber bei den mentalen Aspekten des Spiels und eben nicht den fingermotorischen.
Kein! Dieser Zustand wäre wünschenswert, aber da wir länger Klavier spielen als Fussball verändern sich die Voraussetzungen drastisch, was Du mit 20 mit Kraft und ein bisschen Gewalt schaffst kann schon mit 50 nur noch mit Geschick gehen.
 
 

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