Harmoniumklavier

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Rheinkultur

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Ich hab so ein Harmoniumklavier noch nirgends gesehen. Wofür wurde es gebaut und wie wird so etwas eingesetzt?
Eine überaus seltene Kombination beider Instrumente, die es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis etwa zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab. Franz Liszt gehörte zu denjenigen, die ein solches Instrument in ihrem Besitz hatten: http://www.harmonium.gdo.de/veranstaltungen/wiedereinweihung-alexandre-harmonium-klavier.html

Vielleicht mal ein interessantes Thema für einen eigenen Faden mit besonderen Tasteninstrumenten? In diese Kategorie könnte auch der von verschiedenen überwiegend deutschen und französischen Komponisten gehörende Pedalflügel gehören, der wie eine Orgel mit einer Pedalklaviatur ausgestattet ist und deshalb eher von Organisten als Pianisten bespielt wird, was freilich selten genug vorkommt. Noch exotischer ist das von Carl Maria von Weber mit einer Komposition bedachte Harmonichord, auf dem die Saiten nicht durch Anschlagen, sondern durch Streichen zum Klingen gebracht werden. In Ermangelung spielbereiter Originalinstrumente nach fast zwei Jahrhunderten wird der Solopart des Adagio und Rondo op. 115 ersatzweise auf der Orgel gespielt - soweit das Stück überhaupt noch zur Aufführung gelangt. Immerhin handelte es sich um Versuche, die Einschränkungen bei der Klangerzeugung auf dem Klavier (begrenzte Tondauer und nach erfolgtem Anschlag abnehmende Lautstärke) zu überwinden.

Warum sich diese Instrumente nicht durchsetzten, hatte unterschiedliche Gründe. Im Falle des Harmonichords und vergleichbarer Instrumententypen gelang es jedenfalls zu keiner Zeit, schwerwiegende mechanische Probleme befriedigend zu lösen. In anderen Fällen mögen Gründe wie geringe Beachtung durch Komponisten, schlechte Praktikabilität für den Spieler (die selten gleichrangig auf Orgel und Klavier musizieren) und Alternativen durch andere Instrumententypen gewesen sein.

Offenbar war die Idee, am gleichen Spieltisch Harmonium und Klavier spielen zu können, nicht so attraktiv, dass sie eine größere Serienproduktion gerechtfertigt hätte - zumal das Harmonium schon bald im 20. Jahrhundert kaum mehr kompositorische Beachtung fand und wenige Jahre später nicht einmal als kostengünstiger Orgelersatz in kleinen Kirchengemeinden mehr gefragt war.

LG von Rheinkultur
 
Peter

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So ein ähnliches Ding (zumindest äußerlich) steht bei Balas in Wien und er hat es uns vorgeführt. Da war das eine Art Selbstspieler, gesteuert von einer Rolle, glaube ich. War interessant! Verrückte Mechanik.... was die früher so alles erfunden hatten.
 
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Dieter

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Ein Piano allein - ein Harmonium allein- oder beides auf einem Instrument -
Ja, erste Nachweise des eigenartigen Baus von Piano und Harmonium stammen von der Pianofortefabrik Böttcher in Stettin, die schon 1864 mit dem Bau eines „Harmonium-Klaviers“ begann.
Erbe, Eisenach, baute 1887 „Combinirtes Pianino und Harmonium“
Die Leipziger Musikwerke, vorm. Paul Ehrlich, bauten 1894 „Daimonion“, ein Harmonium-Klavier.
Firma Heyl, Borna, fertigte 1892 ein Piano-Harmonium, Modell „Dyophon“, noch bis 1928 bot Heyl Harmonium-Klaviere an.
Hölling & Spangenberg lieferte 1874 auf Wunsch von Richard Wagner ein Harm.-Klavier.
Ludwig Hupfeld A. G. stellte ab 1910 ein Kombinationsinstrument „Clavimonium“ her.
Kreutzbach, Julius Urban, Leipzig, fertigte 1895 … „Klavierharmoniums“.
Leipziger Pianofortefabrik A.-G. in Leipzig-Mölkau bauten Harmonium-Klaviere.
Gottlob Philipp, Forst i. L., fertigte 1886 Piano-Harmoniums.
Polyphon-Musikwerke A.-G. Leipzig stellte 1908 Piano-Harmoniums her.
Thürmer, Meißen, baute 1880 Kombinationsinstrumente (Harmonium und kreuzsaitiges Pianino).
„Mit Sicherheit stellten die Harmoniumbaufirmen Bollermann, Buschmann, Hörügel, Lindholm, Mannborg, Möller, E. Müller, J. T. Müller, Schaeufele, Schiedmayer, Stiehler, Sulzer sog. Einbaue für bestimmte Klavierbaufirmen her, die die Kombinations-Instrumente zumeist unter ihrem Namen verkauften, oder sie fertigten selbst Harmonium-Klaviere“.
(Infos und Zitat aus „Das Harmonium in Deutschland“, Verlag E. Bochinsky).
Nicht zu vergessen Teofil Kotykiewicz, Wien, mit zahlreichen Piano-Harmoniums.
LG Dieter
 
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Ja, erste Nachweise des eigenartigen Baus von Piano und Harmonium stammen von der Pianofortefabrik Böttcher in Stettin, die schon 1864 mit dem Bau eines „Harmonium-Klaviers“ begann.
Daraus ergibt sich die Frage, wer zuerst auf den Gedanken kam, beide Instrumente miteinander zu kombinieren. Wusste Liszt, als er sich von Alexandre in Paris im gleichen Jahr sein Unikat anfertigen ließ, von dieser in Pommern hergestellten Innovation?

„Mit Sicherheit stellten die Harmoniumbaufirmen Bollermann, Buschmann, Hörügel, Lindholm, Mannborg, Möller, E. Müller, J. T. Müller, Schaeufele, Schiedmayer, Stiehler, Sulzer sog. Einbaue für bestimmte Klavierbaufirmen her, die die Kombinations-Instrumente zumeist unter ihrem Namen verkauften, oder sie fertigten selbst Harmonium-Klaviere“.
Von Interesse scheint mir die Tatsache, in welchen Bereichen das Kerngeschäft der Hersteller anzusiedeln ist. Während Firmen wie Lindholm und Mannborg vornehmlich Harmoniums herstellten, war die süddeutsche Firma Schiedmayer marktführend mit Tastaturglockenspielen und Celestas und sehr aktiv auch auf dem Gebiet des Klavier- und Flügelbaus. Der Name Ludwig Hupfeld begegnet einem sehr oft, wenn es um selbstspielende Instrumente geht ("Triphonola").

So ein ähnliches Ding (zumindest äußerlich) steht bei Balas in Wien und er hat es uns vorgeführt. Da war das eine Art Selbstspieler, gesteuert von einer Rolle, glaube ich. War interessant! Verrückte Mechanik.... was die früher so alles erfunden hatten.
Dieses dürfte in die letztgenannte Kategorie gehören. Während akustische Aufnahmeapparaturen im frühen 20. Jahrhundert den Klavierklang nur unbefriedigend konservieren konnten, ließ sich das Spiel von Pianisten mechanisch störungsfrei festhalten. Entweder verfügten die Instrumente über eine eingebaute Spielautomatik, die ihre Impulse von einer mit Stanzungen versehenen Rolle erhielt, oder es gab Vorsetzerapparaturen (Welte-Mignon), die man vor die Tastatur eines beliebigen Instruments positionieren konnte. Mit der Verbreitung elektrischer Tonaufzeichnungsverfahren verbesserte sich die Klangqualität von Klavieraufnahmen ab Mitte der 1920er-Jahre soweit, dass diese Instrumente binnen weniger Jahre komplett vom Markt verdrängt wurden. Übrigens gab es auch Orgeln mit entsprechender Ausstattung (Welte Philharmonie), für die beispielsweise Thomaskantor Karl Straube und Max Reger Rollen bespielt haben - in deutlich kleinerer Anzahl, von denen nur noch sehr wenige Instrumente erhalten und spielbereit sind.

LG von Rheinkultur
 
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Übrigens gab es auch Orgeln mit entsprechender Ausstattung (Welte Philharmonie), für die beispielsweise Thomaskantor Karl Straube und Max Reger Rollen bespielt haben - in deutlich kleinerer Anzahl, von denen nur noch sehr wenige Instrumente erhalten und spielbereit sind.
Ergänzung: Solche Rollen gab es auch für Harmonium, namentlich für das Schiedmayer-Modell Scheola:






LG von Rheinkultur
 
Opus10

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Witzig. So ein Ding hatte meine Freundin aus Kindertagen im elterlichen Wohnzimmer stehen.
Ich habe damals nie verstanden, weswegen das Klavier nicht richtig funktioniert hat und so komisch klang...
 

LankaDivore

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Offenbar war die Idee, am gleichen Spieltisch Harmonium und Klavier spielen zu können, nicht so attraktiv, dass sie eine größere Serienproduktion gerechtfertigt hätte - zumal das Harmonium schon bald im 20. Jahrhundert kaum mehr kompositorische Beachtung fand und wenige Jahre später nicht einmal als kostengünstiger Orgelersatz in kleinen Kirchengemeinden mehr gefragt war.
Ich finde das Ding hat was. (Mag aber auch daran liegen, dass mich viele ältere, auch ungeliebte Tasteninstrumente begeistern). Mit ein paar technischen Verbesserungen kann man mit dem Ding echt viel anstellen:super:
 
altermann

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Heute war ich wieder mal am Harmoniumklavier.
Den Riss, s. älteres Foto, hat ein Kollege als Totalschaden bezeichnet.
Wie bewertet ihr den Riss?
Das Klavier war innerhalb von 4 Jahren um 5 Hz abgesackt.

Gauf! :017:
 

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altermann

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Gleichmässig?
Wenn im Bereich des Risses keine aufffälligen Verstimmungen auftreten, würde ich mir da keine Gedanken machen.
… gleichmäßig! Keine nennenswerten Ausreißer, oder so.
Das Harmonium steht bei frömmigen 435 Hz :-D
Das Klavier momentan bei 427 Hz.
Ich lade mal noch einige ältere Bilder (höchst unprofessionell, oder so), zum Gerät hoch. Bei d" fehlt eine Saite. Ansonsten ist das Gelump komplett.
Gleiches Gerät stand vor 4 Jahren überholt für 16.999 € zum Verkauf im Netz und wurde auch so verklingelt.

Gauf! :017:
 

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Tonumfang, siehe Bild, CIMG 2220
Saugwind. Willst du es überholen. Man sucht jemanden dafür.
Zu DDR-Zeiten wollte es jemand für 10.000 DM überholen.
 
 

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