Blindtest Geigen, Entzaubert Stradivari
Den Geigen-Test sollte man nicht allzu ernst nehmen. Man kann eine Geige nach so kurzer Zeit überhaupt nicht beurteilen. Um sich auf ein komplexes Instrument einzustellen und damit wirklich klarzukommen, braucht man Monate, in denen man seine Spieltechnik und sein Gehör an dieses Instrument anpassen muss.
Die Instrumente von Martin Scheske sind zweifellos sehr gut und manche haben vielleicht sogar das Potenzial, italienische Meistergeigen irgendwann zu übertreffen. Denen gegenüber haben sie aber auch einen entscheidenden Nachteil: man weiß nicht, wie sich das Instrument entwickeln wird. Eine 300 Jahre alte Geige verändert sich nicht mehr, ein neues Instrument verändert sich in den ersten Jahrzehnten enorm, und das kann zum Guten sein, aber auch zum Schlechten. Man muss seine Spieltechnik immer wieder neu darauf einstellen, evt. andere Saiten hernehmen etc. Für einen konzertierenden Geiger ist das ein Problem, und ich kenne auch keinen, der ausschließlich auf neuen Instrumenten spielt. Wenn man Glück hat, ist die neue Geige am Konzerttag toll, wenn man Pech hat ist sie irgendwie zickig und dann ist man froh, wenn man auf ein "gesetztes" Instrument zurückgreifen kann.
Von aller wissenschaftlichen Akribie mal abgesehen gibt es übrigens auch konventionelle, rein handwerklich orientierte Geigenbauer, die absolute Top-Instrumente bauen. Die besten Geigen von Stefan-Peter Greiner sind sogar teurer sind als die von Martin Schleske und genießen einen legendären Ruf. Er hat sicher mehr Streuung und baut auch mal eine Geige, die nur mittelmäßig ist. Aber es gibt eben auch die Ausreißer nach oben - nur mit Wissenschaft kommt man dahin vielleicht nicht.
Lustig war auch der Blindtest im pianoforum, ich glaub es standen etwa 9 Digis/VSTs zur Auswahl und ein Akustik, man sollte das Akustik rausfinden. Das Meinungsbild war diffus, aber bei manchen schwor man, das müsse es sein. Die Ernüchterung war groß als aufgelöst wurde, es waren alles Digis/VSTs - so ein gemeiner Thread-Ersteller!
Es ist ungefähr so, als würdest du Blindtestern eine Landschaftsaufnahme und das Foto einer Landschaftsaufnahme vorlegen und fragen, welches nun das echte Foto und welches das abfotografierte Foto ist. Kann wahrscheinlich auch niemand beantworten. Aber was sagt das über die Landschaft selbst aus?
Wenn man überwiegend auf Digis spielt und Musik fast nur aus der Konserve kennt, dann hält man das möglicherweise irgendwann für die Realität. So, wie die Probanden in Platons Höhlengleichnis die Schatten für die Realität halten. Wen's glücklich macht ...