Eine Gattungsfrage zu Brahms' "Die schöne Magelone"

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Ambros_Langleb

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Ich habe gerade J. Brahms' "die schöne Magelone" gehört. Was mich - neben der Musik - fasziniert hat ist die Gesamtkonzeption aus einem narrativen Text als Gerüst und reflektierenden bzw. lyrischen musikalischen "Einlagen". Das ganze erinnert an eine Subgattung des antiken Romans, das sog. Prosimetrum, wo ebenfalls das jeweils erreichte Stadium der Handlung lyrisch reflektiert wird. In der Spätantike deht sich das Verfahren in nicht-narrative Gattungen wie den philosophischen Dialog aus (bekanntestes Beispiel: Boethius, Trost der Philosophie). Kennt jemand von Euch Weiteres von der Art der "schönen Magelone", also eine Kombination von narrativen Texten mit musikalischen Einlagen, die die Höhepunkte der Handlung reflektieren? Oder auch mit nicht-narrativen Texten? Und wie nennt man diese Art von "Prosimetrum" in der Musik?

Dankeschön im Voraus für jeden Hinweis!

Friedrich
 
Rheinkultur

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Kennt jemand von Euch Weiteres von der Art der "schönen Magelone", also eine Kombination von narrativen Texten mit musikalischen Einlagen, die die Höhepunkte der Handlung reflektieren? Oder auch mit nicht-narrativen Texten? Und wie nennt man diese Art von "Prosimetrum" in der Musik?
Auf der literarischen Ebene wechseln sich metrisch ungebundene (Prosa) und gebundene (Lyrik) Abschnitte ab - ein Gegenstück in Form einer musikalischen Gattung abseits der Opernbühne, in der sich gesprochene und musikalisierte Abschnitte im Sinne einer nicht durchkomponierten "Nummernoper" abwechseln, kenne ich erst aus dem medialen Zeitalter. Erst im Hörspiel des 20. Jahrhunderts stehen narrative und musikalische Abschnitte gleichrangig im Wechsel nebeneinander.

@rolf: Richtig ist es, eine Abgrenzung zum musikalischen Melodram vorzunehmen, in dem es zumindest zeitweise zu Verbindungen zwischen gesprochenem Wort und Musik kommt, während in der "Magelone" eine strikte Abgrenzung zwischen beidem besteht. Demnach gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Einbeziehung der nicht vertonten Sprechtexte, so dass ein echter Sonderfall jenseits von Melodram und reinem Liederzyklus entsteht. Oder die Beschränkung auf die vertonten fünfzehn Romanzen, so dass ein Liedzyklus entsteht, der in Wirklichkeit gar keiner ist. Damit wären die "Magelone"-Romanzen in bester Gesellschaft mit Schuberts "Schwanengesang", der erst posthum durch Verlegerhand in die heutige Gestalt gebracht wurde.

LG von Rheinkultur
 
Ambros_Langleb

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Eigentlich hätte ich erwartet, daß jemand das Stichwort "Oratorium" nennt und Die schöne Magelone als profane Schwundform eines Oratoriums bezeichnet. Prosaeinlagen in Opern sind demgegenüber ja immer noch dramatisch, zeigen also gegenüber der Magelone einen wichtigen gattungstheoretischen Unterschied.
 
LMG

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Hallo,

und zwar sah ich selbst im Fernsehen vor langer Zeit mal Max und Moritz in einer TOLLEN Form, in der Wilhelm Busch selbst am Tisch draußen bei einer Dorfschenke / Biergarten sitzt, eine "Außenhandlung" stattfindet, er trinkt und isst etwas, und hat sein Skriptbuch vor sich auf dem Holztisch liegen in der Schenke, in der Außenhandlung wird gesprochen und geredet, und zum Teil auch die Streiche (an)-gesprochen, die er dann aufzeichnet / aufmalt, und DANN werden die gedichtförmigen Streiche von Klavier / - Orchestermusik begleitet, teilweise mit GESPROCHENEM Gedichttext, teilweise mit gesungenem!! Teilweise wird NUR der Gedichttext gesprochen - ohne Musik! Sagenhaft, war wirklich einmalig schön!!

Problem: Ich weiß nicht mehr, welche Sendung es genau war. Es KÖNNTE die mit Heinz Rühmann gewesen sein: Zitat aus:

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_und_Moritz#Adaptionen

Der österreichische Komponist und Musikschulleiter Albin Zaininger hat 2008 eine Fassung für Instrumentalensemble (12 Spieler) und Sprecher geschaffen. Diese Komposition kann auch von musikalisch fortgeschrittenen Schülern einer Musikschulen umgesetzt werden. Uraufführung war am 7. Mai 2008 in Freistadt/OÖ.

Im Fernsehen erschienen unter anderem 1978 eine Zeichentrick-Adaption von Max und Moritz, in der Heinz Rühmann die Rolle des Erzählers übernahm und in Zwischensequenzen aus dem Leben Wilhelm Buschs erzählte, und 1951 ein Puppentrick-Film der Gebrüder Diehl.

Der deutsch-amerikanische Komponist Samuel Adler schrieb Max und Moritz für Sprechrolle und Orchester. Das Werk wurde am 4. Juni 2000 in Bochum uraufgeführt. Es besteht aus Prolog und sieben Streichen. Herausgeber des Werks ist Advance Music
( Nebenbei: Samuel Adler aus dem 3. Zitat ist übrigens ebenfalls ein wichtiger Mann.. ).

Ein weiteres gutes Beispiel ist wohl das schöne Werk:

http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_und_der_Wolf

Womit wir ein "musikalisches Märchen" vorliegen hätten. Wir sehen also: Selbst wenn wir Musik für wichtige Handlungsabschnitte mit narrativem Text unterlegen oder abwechseln oder einleiten, können gemischte Formen entstehen.

LG, Olli!
 
Rheinkultur

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Womit wir ein "musikalisches Märchen" vorliegen hätten. Wir sehen also: Selbst wenn wir Musik für wichtige Handlungsabschnitte mit narrativem Text unterlegen oder abwechseln oder einleiten, können gemischte Formen entstehen.
Das steht im Einklang mit den bisherigen Beiträgen: Die hier vorgelegten Beispiele entstanden alle im 20. Jahrhundert, lange nach dem Brahms-Opus. Theater ohne Szene gewissermaßen, wie es in Hörspielproduktionen anzutreffen ist. Vielleicht ist "gemischte Form" noch die am ehesten zutreffende Bezeichnung für solche Werke, die in überhaupt keine Schublade so richtig passen wollen.

Eigentlich hätte ich erwartet, daß jemand das Stichwort "Oratorium" nennt und Die schöne Magelone als profane Schwundform eines Oratoriums bezeichnet. Prosaeinlagen in Opern sind demgegenüber ja immer noch dramatisch, zeigen also gegenüber der Magelone einen wichtigen gattungstheoretischen Unterschied.
Ebenfalls kein Widerspruch: Das "Oratorium" unterscheidet sich vom "Musiktheater" durch das Fehlen der szenischen Darstellung. Eine "Schwundform" ergibt sich durch die Reduktion der Gestaltungsmittel: Kein Ensemble, sondern nur ein Solist, kein Orchester, sondern nur ein Pianist, kein Chor, dafür aber Prosatexte zwischen den musikalischen Abschnitten in strenger Trennung. Wie gesagt: Musiktheatralisches in Miniaturform (ich erwähne Strawinskys "Geschichte vom Soldaten") und eine Hörspielästhetik folgten im 20. Jahrhundert, ohne dass das am Umstand etwas ändert, dass die Magelone in keine Gattung wirklich passen will: Kein Liederzyklus, keine Schauspielmusik, kein Melodram.

LG von Rheinkultur
 
 

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