Die Entzauberung des "Geniekults" - über das Unvermögen großer Könner

Bernhard Hiller
Bernhard Hiller
Dabei seit
28. Aug. 2013
Beiträge
1.554
Reaktionen
1.946
Vergeßt unser Tonerl (Bruckner) nicht. Der hatte stets wahnsinnige Zweifel an seinen Kenntnissen der Musiktheorie.
 
D
dussek
Dabei seit
30. Mai 2009
Beiträge
270
Reaktionen
56
Karajan konnte sich ein Stück klanglich nicht allein anhand der Noten vorstellen, sondern musste immer eine Aufnahme davon hören, während er die Partitur lernte.

Artur Rubinstein war immer etwas neidisch auf die Technik von Horowitz, die er selbst so nicht besaß.

Aus dem Grund hat er die ihm gewidmete Klavierfassung von "Petruschka" auch nie (öffentlich) gespielt.
 
D
dussek
Dabei seit
30. Mai 2009
Beiträge
270
Reaktionen
56
Soll das heißen, er konnte nur Stücke lernen, die vor ihm schon mal aufgenommen hatte? Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.
Nun ja, das Repertoire von Heribert war jetzt nicht derart avantgardistisch, dass er von irgendwas die Ersteinspielung gemacht hätte.

Die Info stammt meiner Erinnerung nach aus dem Buch des ehemaligen Intendanten des BPO, Wolfgang Stresemann: "Ein seltsamer Mann ...". Erinnerungen an Herbert von Karajan, Berlin 2008. Ist sehr lesenswert.
 
mick
mick
Dabei seit
17. Juni 2013
Beiträge
12.020
Reaktionen
20.798
Karajan konnte sich ein Stück klanglich nicht allein anhand der Noten vorstellen, sondern musste immer eine Aufnahme davon hören, während er die Partitur lernte.
Wenn das so wäre, hätte er mit einem Orchester gar nicht vernünftig proben können. Konnte er aber, und zwar besser als fast alle seiner Kollegen. Das weiß ich von Seiji Ozawa, der Karajans Assistent gewesen ist.
 
Stilblüte
Stilblüte
Super-Moderator
Mod
Dabei seit
21. Jan. 2007
Beiträge
10.714
Reaktionen
14.765
Es gibt ja hier nicht 100 und 0. Sicher konnte er sich vieles im Kopf vorstellen, aber vielleicht nicht in dem erstaunlichen Ausmaß, wie manch anderer es kann...
 

D
dussek
Dabei seit
30. Mai 2009
Beiträge
270
Reaktionen
56
Dann war er wohl nicht bei den (zugegeben wenigen) Uraufführungen dabei, die Karajan auch dirigiert hat.
Echt, die gabs? Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob bei der LP-Kassette mit Schönberg-Berg-Webern nicht doch eine Ersteinspielung dabei war. Nächste Woche werde ich mir das Buch noch mal ausleihen und die Stelle nachlesen.

In der Doku von Robert Dornhelm ist Karajan übrigens zu sehen, wie er sich mit einer Partitur auf den Boden neben den Plattenspieler lümmelt (bei 41:30) und die Partitur liest während dieser abspielt.
 
A
Alter Tastendrücker
Dabei seit
31. Aug. 2018
Beiträge
2.612
Reaktionen
3.024
Stilblüte
Stilblüte
Super-Moderator
Mod
Dabei seit
21. Jan. 2007
Beiträge
10.714
Reaktionen
14.765
Ich denke ja nicht, dass Kenntnisse in Musiktheorie und gutes Komponieren absolut linear verknüpft sein müssen. Man kann auch intuitiv oder dem Gehör und Empfinden nach sehr gut komponieren, ohne jeden Ton analytisch einordnen zu müssen. Wir reden hier ja ganz offensichtlich nicht von Grundkenntnissen.
Schubert meinte übrigens auch, kurz vor seinem Tode, Unterricht in Musiktheorie nehmen zu müssen (oder war es Kontrapunkt?).
 
D
dussek
Dabei seit
30. Mai 2009
Beiträge
270
Reaktionen
56
Wenn das so wäre, hätte er mit einem Orchester gar nicht vernünftig proben können. Konnte er aber, und zwar besser als fast alle seiner Kollegen. Das weiß ich von Seiji Ozawa, der Karajans Assistent gewesen ist.
O-Ton Stresemann:
"Wenn er [Karajan] neue Werke in sein Repertoire nahm, lernte er sie, indem er sich Aufnahmen anderer Dirigenten vorspielte, ein Weg, den er merkwürdigerweise auch jungen Dirigenten empfahl. Selbst bei Uraufführungen ließ er zuvor ein Probeband herstellen, das ihm zum Studium diente."

Dann hat sich die Frage wegen der Uraufführungen also auch geklärt.

Nach G. Soltis Meinung sind beim Dirigieren nicht die Arme das Wichtigste, sondern die Augen. Eigentlich hätte Karajan daher gar nicht vernünftig dirigieren können mit seinen stets geschlossenen Augen, aber offenbar ging bei ihm trotz einiger Eigentümlichkeiten (s. o.) so manches ...
 
Rheinkultur
Rheinkultur
Super-Moderator
Mod
Dabei seit
1. Apr. 2012
Beiträge
10.062
Reaktionen
9.437
O-Ton Stresemann:
"Wenn er [Karajan] neue Werke in sein Repertoire nahm, lernte er sie, indem er sich Aufnahmen anderer Dirigenten vorspielte, ein Weg, den er merkwürdigerweise auch jungen Dirigenten empfahl. Selbst bei Uraufführungen ließ er zuvor ein Probeband herstellen, das ihm zum Studium diente."
Interessantes Portrait:


Eine der wenigen Aufnahmen mit ihm als Dirigenten des zweiten Brahms-Konzerts (der Solist war Schüler von Clara Schumann und kannte Brahms gut persönlich):


LG von Rheinkultur
 
mick
mick
Dabei seit
17. Juni 2013
Beiträge
12.020
Reaktionen
20.798
"Wenn er [Karajan] neue Werke in sein Repertoire nahm, lernte er sie, indem er sich Aufnahmen anderer Dirigenten vorspielte, ein Weg, den er merkwürdigerweise auch jungen Dirigenten empfahl. Selbst bei Uraufführungen ließ er zuvor ein Probeband herstellen, das ihm zum Studium diente."
Das heißt aber noch lange nicht, dass er keine klare Klangvorstellung hatte und er die Aufnahmen in erster Linie zu diesem Zweck nutzte. Bei seinem riesigen Repertoire und seinem übervollen Terminkalender war das vielleicht nur ein Mittel, schneller zum Ziel zu kommen, als es mit ausschließlichem Partiturstudium möglich gewesen wäre.
 

Ähnliche Themen

Troubadix
Antworten
215
Aufrufe
31K
Alter Tastendrücker
A
 

Top Bottom