Unseriöse Agenturen

Dieses Thema im Forum "Professionell Klavierspielen" wurde erstellt von Pianojayjay, 16. Mai 2019 um 19:27 Uhr.

  1. Pianojayjay
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    Pianojayjay

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    natürlich hoffen alle Musiker auf einem Vertrag bei einer großen Agentur. Leider gibt es auch schwarze Schafe und ein besonders schwarzes sitzt in München

    https://van.atavist.com/versunkene-...pBqAPWZ84Y25vz-Ft0HOGA0TD22fvZd88R9CBAld34E1o

    Seit Wochen beschäftigt mich diese Sache, viele Freunde sind betroffen! Ich kannte den Vertrag schon vorher da mich jemand vor Unterzeichnung um meine Meinung bat... hunderte Geschädigte und das ist nur die Spitze des Eisbergs...
     
  2. cwtoons
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    cwtoons

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    Das beantwortet ja auch teilweise die hier kürzlich aufgeworfene Frage, was denn ein Pianist so verdiene.

    CW
     
  3. Pianojayjay
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    Pianojayjay

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    „Viele bleiben im Einstiegsbereich über Jahre hängen“...
     
  4. agraffentoni
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    agraffentoni

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  5. tasteur
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    tasteur

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    Mal was technisches. Warum enthält der Link ein fbclid= Parameter? Das ist eine "facebook click id" und dient ausschließlich dem Tracking durch Facebook und der Partnerseite van.atavist.com.

    Schwarze Schafe gibt es in allen Branchen. Autoren etwa seien gewarnt vor Druckkostenzuschussverlagen. Einen Vertrag einzugehen, der 300 Euro Monatsgebühr für lt. Vertrag nichts und wieder nichts vorsieht, offenbart einen eklatanten Mangel an Geschäftssinn und -erfahrung. Dennoch habe ich Verständnis für die Opfer – Millionen nehmen an irgendwelchen "Gewinnspielen" teil, oder kaufen alle naslang Zeitschriften, die "Diäten, ohne auf einen Schokokuchen am Tag zu verzichten" versprechen. Jeder ist irgendwann irgendwo verletzlich, bedingt durch die eigene Situation, auch ich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2019 um 23:26 Uhr
  6. agraffentoni
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    agraffentoni

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  7. Peter
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    Peter Bechsteinfan

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    Wo soll die auch herkommen. Im Musikstudium wird das offensichtlich nicht vermittelt.
    Aber wenigstens das:
    kann man bei solch teuren Verträgen ja machen, gerade wenn man keine Geschäftserfahrung hat.

    Als "junger blauäugiger Dachdecker aus dem Osten" bin ich auch gewaltig auf die Nase gefallen. Selbst schuld! Mein Verständnis für die Opfer (auch mich) hält sich in Grenzen.
     
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  8. Martin49
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    Martin49

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    Schwarze Schafe wird es immer geben. Und Künstler, die von Ihnen ausgebeutet werden.

    Irgendwann fliegen die Betrüger auf. Dieser Fall überrascht mich, weil es offensichtlich sehr lange gedauert hat. Sind Profimusiker untereinander so schlecht vernetzt? Das Non Disclosure Agreement war natürlich bösartig clever, aber eine vertrauliche E-Mail (oder ein anonymes Posting) geht ja immer.

    Und das ist, wenn wahr, auch sehr traurig:
     
  9. Häretiker
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    Häretiker

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    Da steht:
    "...
    An ihre E-Mail hängt sie einen Vertragsentwurf an, den das Duo Anfang Juli unterschreibt, »unter viel Druck« von Evangelista, wie Sanna es später beschreibt.
    ..."

    Das ist für mich immer ein ganz, ganz schlechtes Zeichen und da springt sofort mein Bauchgefühl an. Ich kann mich halt glücklich schätzen, dass ich solche oder ähnliche Erfahrungen schon früher hatte und auch seitens meiner Eltern aufgeklärt war.

    Sie müssen heute noch unterschreiben, das Angebot gilt nur noch heute, greifen Sie zu, es sind nur 2 auf Lager, demnächst steht eine Preiserhöhung an, die Förderung fällt weg, wenn sie heut ordern, bekommen sie noch einen Bananenschäler gratis, ... bekanntes Schema.

    Oder am Telefon erlebt, wo ein Telefomensch meinte: "Sollen wir wir nächste Woche oder übernächste Woche nochmal telefonieren?" Ich sofort: "Tertium datur. Gar nicht." Beliebter Trick: vor zwei Alternativen gestellt nehmen viele Leute eine der Alternativen an. Da bei gibt's viel mehr ...


    Grüße
    Häretiker
     
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  10. Stilblüte
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    Stilblüte Super-Moderator Mod

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    Es gibt auch [sicher nicht nur] ein Label, bei dem sehr viele aufstrebende Jungpianisten eine CD veröffentlichen - die Bedingungen finde ich eher zweifelhaft, und schon zwei, mit denen ich gesprochen habe, möchten dort nicht mehr hin. Bei anderen kann ich es vermuten, weil sie inzwischen auch bei anderen Labels auftauchen. Teil des Deals war, dass Tantiemen über den CD-Verkauf nicht ausbezahlt werden, weil Aufwand und Geld in keinem sinnvollen Verhältnis stehen. Auch für die dauerhafte Erwähnung auf der Website muss man viel Geld bezahlen. Ich hatte aber schon aus einem anderen Grund vorher gemerkt, dass es eher um Geld als um Musik und Verbindlichkeit ging und bin zum Glück nicht dort gelandet.
     
  11. Pianojayjay
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    Pianojayjay

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    Ich war erstaunt, wieviele Opfer es insgesamt sind.... auf ihrer Homepage stellt sie ihre Musiker vor. Dass man dort erst auftaucht, wenn mindestens ein Konzert vermittelt wurde, war mir nicht bekannt. Sie hatte mich aber auch mal angeschrieben und gefragt, ob ich ihr nicht meine Unterlagen schicken wolle... ich habe ihr dann geschrieben dass ich eigentlich Anwalt sei.... es ist wichtig, dass in den Hochschulen auch solche Dinge behandelt werden: Grundwissen Managementvertrag, unzulässige Klauseln usw. Ich hoffe, dass dies als Konsequenz demnächst nach und nach so gehandhabt wird... ich verüble es keinem, diesen Vertrag unterzeichnet zu haben. Sie waren sicher alle froh, dass sie eine Agentur gefunden hatten....
     
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  12. Stilblüte
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    Stilblüte Super-Moderator Mod

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    Das können wir ganz einfach haben: Arbeite doch ein kleines Konzept von einem halbtätigen Workshop aus, und bewirb dich damit an Hochschulen. Bedarf sollte vorhanden sein. An denen, wo ich bin, kann ich Kontakt herstellen.
     
  13. Peter
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    Peter Bechsteinfan

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    Jou, genau so funktioniert das!
    Ich bin mir auch sicher, dass es längst solche Kurse gibt. Aber jeder angehende Künstler hat den Kopf voll mit Kunst, da stört nur dieser schnöde Kram. Kann ich voll nachvollziehen! Eigentlich müsste so was im Studium (nicht nur bei Künstlern) verpflichtend sein.
    Beim Handwerk besteht der Meisterkurs zu 70% genau aus solchen Dingen und die werden geprüft, bevor man auf den Markt geschmissen wird.
     
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  14. Barratt
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    Barratt Lernend

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    Offenbar trifft es zu, dass die "Allgemeine Hochschulreife" nur implizit die Funktionsfähigkeit des kritischen Verstandes belegt.

    Deshalb würde ich früher und interdisziplinär ansetzen. Man könnte z. B. Textaufgaben im Fach Mathematik schon früh mit potenziellen "Vertragsinhalten" spicken. Man könnte im Fach "Deutsch" einen altersangemessenen juristischen Text pro Jahr statt eines weiteren Gedichts hinzuziehen. Die Bedeutung könnten die Eleven sich zusammengoogeln. Ich halte das für wichtig, weil Juristen sich bewusst einer hermetischen Sprache bedienen, die zwar aussieht und klingt wie die Muttersprache, teilweise aber andere Dinge meint.

    Nur zwei Beispiele, die mir spontan einfallen.
     
  15. OE1FEU
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    OE1FEU

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    Ich werde natürlich einen Deibel tun und die offensichtlich unseriösen Machenschaften dieser Münchner Dame zu relativieren. Klar ist, dass ihr Geschäftsmodell nicht darauf basiert, aktiv Karrieren aufzubauen und Konzerte eigenständig zu vermitteln, sondern einige Selbstläufer hat und ansonsten ihren 'Retainer' kassiert.

    Die schon angesprochene Naivität junger Künstler muß aber in den genannten Fällen schon außergewöhnlich hoch gewesen sein, wenn man einen Vertrag mit dieser Agentur unterschreibt.

    Ein Blick auf die Website und man sieht 12 Sänger, 20 Instrumentalisten und 5 Dirigenten/Komponisten. Und im Impressum sieht man, dass es ein Einzelunternehmen ist und genau ein weiterer Mensch genannt ist, für Finance and Administration. Da sollte die erste Alarmglocke losgehen. Es ist unmöglich, auch nur einigermaßen seriös 37 Künstler zu vertreten, wenn man nicht eine entsprechende Anzahl an Mitarbeitern hat, die verantwortlich für einige wenige Künstler sind.

    Den wenigsten ist klar, was zum Großteil die Arbeit eines Agenten ausmacht: Persönliche Meetings mit Veranstaltern zu arrangieren, mit ihnen zu telefonieren, einfach regelmäßig in Kontakt bleiben, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Um sich dann dennoch, egal wie toll der vertretene Künstler (geschweige denn 37) ist, eine Absage nach der anderen zu holen:
    • Saison ist schon geplant
    • Passt inhaltlich nicht
    • Haben schon Ensemble mit gleicher Besetzung
    • Kennen den Künstler nicht
    • Hatte noch keine Zeit, mir eine Aufnahme anzuhören
    • Muß ich erst mal selbst im Konzert hören
    • Habe keine Zeit, ein Konzert zu besuchen
    • Weiß von anderem Veranstalter, dass der Künstler schwierig ist
    • Klaviertrio geht bei uns nicht, es passen keine drei Flügel auf die Bühne
    • Honorar viel zu hoch
    • Uninteressantes Repertoire
    Die Liste kann man beliebig weiterführen, Gründe für eine Nichtverpflichtung werden sich immer finden lassen.

    Und dann muß man überhaupt mal jemanden erreichen, idealerweise zu einem Zeitpunkt, wo auch tatsächlich eine Entscheidung zur Verpflichtung eines Konzertes getroffen werden kann. Die Begründungen dafür, warum man mit einem bestimmten Menschen nicht sprechen oder sich treffen kann, sind genauso abenteuerlich wie aber auch manchmal verständlich, was nichtsdestotrotz am Ende eines Arbeitstages dazu führt, dass man sich zwischen 95 und 100% Absagen holt.

    Wunden lecken und am nächsten Tag weitermachen. Das ist Alltag eines Agenten.

    Und dann kommen noch Künstler hinzu, die einen mit ständigen Nachfragen nerven, denen man Absagen sauber kommunizieren muß oder die das Zahlen der Provision für optional halten. Oder noch schlimmer, Ehe/Lebenspartner eines Künstlers, die viel Zeit haben und ständig anrufen, jammern, drohen, nerven.

    Dann noch Material für einen Veranstalter vorbereiten, Fotos auftreiben, Biographien aktualisieren, Webseiten aktualisieren, mit Kollegen im Ausland sprechen oder gleich selbst mal für ein paar Tage ins Ausland reisen.

    Und dann möchte ein Künstler natürlich auch betreut werden. Üblicherweise macht man das gerne, wenn man den Künstler eh mag und ihn gut findet. Aber da wird man dann mal eben sehr schnell zum Mädchen für alles. Da sind Reisen und Hotels buchen noch das einfachste. Visa besorgen schon nicht mehr so sehr. Mal ein wenig Geld vorstrecken, Chauffeur spielen, dafür sorgen, dass der Künstler nach einem Konzert verausgabt ist und unbedingt sofort ein Bier braucht. Oder ein Flügel derart beschissen gestimmt ist, dass man verzweifelt in der Pause selbst auf die Bühne rennt, um auch nur die übelsten Sachen auszubügeln. Tonaufnahmen organisieren oder selbst machen, vervielfältigen, weiterreichen, Interviewtermine organisieren, idealerweise nicht nur Konzerte vermitteln, sondern auch gleich die ganze PR übernehmen.

    Alles selbst miterlebt - und das Geschriebene ist nur ein Bruchteil dessen, was da noch an weiteren Arbeiten anliegt, wenn man's einigermaßen seriös und gescheit machen will. Nach 5 Jahren in dem Business war ich fertig und komplett ausgebrannt und habe einen Schlußstrich gezogen.

    Es ändert michts daran, dass dieser Job trotzdem ein toller ist, wenn man mal ein paar Erfolge erlebt hat, also Vermittlung an ein namhaftes Orchester, wichtigen Veranstalter oder auch nur einfach ein beglückend schönes Konzert eines seiner Künstler. Wer diese Begeisterung nicht unmittelbar versprüht, ist kein Agent, dem sich ein junger Künstler anvertrauen sollte.

    Vielleicht können wir ja einfach gemeinsam einmal eine Checkliste erstellen, was man in einem Gespräch mit einem potentiellen Agenten erwarten darf und was sofort Alarmglocken auslösen sollte. Ein 'Retainer' ohne Garantie ist jedenfalls nichts, worauf man sich einlassen sollte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Mai 2019 um 22:12 Uhr
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  16. Stilblüte
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    Stilblüte Super-Moderator Mod

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    :lol: Köstlich!

    Ich denke, man sollte unterscheiden zwischen einer Künstlerbetreuung, wo im Backstagebereich das Handtuch gereicht wird und das Taxi vor die Tür bestellt wird und eine, wo hauptsächlich Konzertvermittlung und ggf. Promotion etc. stattfindet und der Künstler aber ein handelnder, eigenständiger Mensch bleibt.
     
  17. OE1FEU
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    OE1FEU

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    (Klaviertrio geht bei uns nicht, es passen keine drei Flügel auf die Bühne)

    Realität. Ich kann in verschwiegener, kleiner Runde den Veranstalter benennen, der diesen Klops losgelassen hat.

    Dessen Vorgänger übrigens unglaublich smart war und sich Konzertpläne der nicht allzuweit entfernten Großstadt besorgt hat, um dort auftretende Künstler in die Kleinstadt zu locken, indem er angeboten hat, dass es zwar nur lächerliches Honorar, aber ein schönes Instrument, tolles Abendessen und höchste Wertschätzung für ein Konzert gibt.

    Hat funktioniert. Seine Saisonprogramme waren immer erste Sahne und unglaublich hochkarätig für dieses kleine Kaff.