Stücke die mehr verdient hätten

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tornado12
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Sehr schade finde ich, dass der Klavierzyklus (?) "Quelques riens pour Album" von Rossini überhaupt nicht gespielt wird. Dieses Werk ist herzallerliebst mit manch chopinesken, manch einer schubertesken Wendung und übersprudelndem Iddenreichtum komponiert. Ich verstehe überhaupt nicht, wieso der späte Rossini (mal abgesehen vom Stabat mater) so ignoriert wird...

Nachtrag: Auf YouTube gibt es nicht eine Aufnahme....
 
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Troubadix
Troubadix
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Ein weiteres Stück der Gattung "Klavierkonzert", dass mir sehr gut gefällt und ziemlich unbekannt ist, ist das zweite Klavierkonzert op.56 von Xaver Scharwenka. Ein wunderschönes Werk in c-moll mit düsteren und heiteren Momenten, dessen Kraft und Ausdruck mich in seinen Bann gezogen hat.

Hier sind die Videos:
1. Satz Teil1: Allegro
1. Satz Teil2
2.Satz: Adagio
3.Satz: Allegro ma non troppo

Die Noten findet man hier!

Viele Grüße!
 
D
Debbie digitalis
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Hallo Troubadix,

ein schönes und zu kreativen Antworten anregendes Thema hast du hier erstellt!

Meine Wunschinterpretationen wären z.B. die Lautensuite von Bach in Gitarre- und Klavierfassung oder der Barbier von Sevilla in einer Fassung für Piano und Gitarre. Allerdings ist die Frage, ob das mit heutigen Klavieren so einfach zu bewerkstelligen ist. Ich habe jedenfalls davon schöne Aufnahmen auf CD!:p

LG

Debbie digitalis
 
Troubadix
Troubadix
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Zitat von tornado12:
...der Klavierzyklus (?) "Quelques riens pour Album" von Rossini...

Hallo Anton,

ich habe mir eine Aufnahme besorgt und ich bin begeistert! Wahrlich eine vergessene Perle, vielen Dank für den Tipp!


Liebe Debbie,

da bringst du mich auf eine schöne Idee!

Der Barbier ist neben den Verdi-Opern eine meiner Lieblingsopern. Leider hat sich der große Liszt seiner nie angenommen, dafür aber Sigismund Thalberg. Ich habe ja schon einmal geschrieben, dass ich die Musik Thalbergs sehr schätze, womit ich leider in der heutigen Zeit zu einer Minderheit gehöre. :( Trotzdem möchte ich hier seine Fantasie über Themen aus dem Barbier vorstellen. Verarbeitete Themen sind (in dieser Reihenfolge) der Beginn des ersten Akts ("Piano, Pianissimo..."), dem Beginn des zweiten Akts, die erste Arie des Grafen Almaviva, das Finale des zweiten Akts und das Finale des ersten Akts.

Hier ist ein Video: Sigismund Thalberg: Große Fantasie über Themen aus "Der Barbier von Sevilla" op.63

Und hier sind die Noten!

Auch möchte ich das Thema ein bisschen erweitern und zur Diskussion einladen. Warum glaubt ihr, dass manche Sachen häufiger gespielt werden als andere? Werden die Stücke, die man am häufigsten hört zurecht so häufig gespielt? Bekommen die weniger bekannten Stücke und Komponisten zurecht so wenig Aufmerksamkeit, bzw. sind sie wirklich immer musikalisch weniger Wert? Setzt sich hier tatsächlich die höchste Qualität immer durch?

Interessant finde ich auch, welchen Einfluss allein der Name des Komponisten auf die Häufigkeit der aufgeführten Stücke hat. Hätte Brahms zum Beispiel nach seinen drei Sonaten das Komponieren aufgegeben, würde man sie dann noch kennen und spielen? Kennen würde man sie bestimmt noch, schließlich wurden sie von Schumann sehr gelobt, aber würden sie wirklich noch zum Standardrepertoire gehören? Schumann war auch von Thalberg begeistert und lobte seine Kompositionen in den höchsten Tönen. Thalberg war zu Lebzeiten unheimlich erfolgreich und einer der berühmtesten Komponisten und Pianisten. Liszt und Clara Schumann spielten seine Stücke und trotzdem sind seine Stücke kurz nach Ende seiner Karriere aus dem Repertoire verschwunden.

Aber selbst bei den berühmtesten Komponisten gibt es Sachen die häufig gespielt werden und Sachen die fast nie zu hören sind. Rolf hat da Schumanns Beethoven-Variationen als schönes Beispiel genannt. Auch von Liszt gibt es viele Sachen, die kaum gespielt werden.

Ich würde mich über ein paar Meinungen freuen, gerne auch mit Bezug auf die in diesem Thread genannten Stücke, aber auch gerne mit vielen neuen zu wenig gespielten Stücken!

Viele Grüße!
 
rolf
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Ich würde mich über ein paar Meinungen freuen, gerne auch mit Bezug auf die in diesem Thread genannten Stücke, aber auch gerne mit vielen neuen zu wenig gespielten Stücken!
letztlich berührst Du damit eine Angelegenheit, die noch lange nicht beendet ist und deren Ende wir nicht absehen können: die Rezeptionsgeschichte. Wir können sie einigermaßen nur überblicken, beginnend mit den überlieferten Aufführungsdaten der Barockzeit (z.B. wie oft und wo wurde eine Händel-Oper gespielt) und dann allemählich differenzierter mit der gestiegenen Anzahl von öffentlichen Konzerten, deren Rezensionen, zunehmenden musikhistorischen Veröffentlichungen usw usw
hierbei stellen wir fest:
--- es gibt regionale Unterschiede (in Russland wurde und wird Medtner häufiger gespielt als z.B. in England)
--- es gibt grotesk-burleske Kapriolen (Meisterwerke allerhöchster Qualität geraten in Vergessenheit, bis sie wiederbelebt werden (Matthäuspassion), Trivialitäten oder auch atypisches von großen Komponisten erfreut sich größerer Beliebtheit als ihr eigentliches Oeuvre (z.B. war Wagners Rienzi lange Zeit seine meistgespielte Oper; Tschaikowskis italienisches Capriccio, Beethovens Wellingtons Sieg usw.) und da ließen sich noch tausenderlei wunderliche Sachen anfügen
...um die Rezeptionsgeschichte ist es wunderlich bestellt, denn sie ist keine geradlienige Entwicklung und sie ist auch kein fachlicher Selektionsprozess, zudem ändert sich mit der Zeit auch der Blick auf die Werke - - - andererseits gibt es auch die sozusagen rein fachliche Rezeption, spätestens Ende des 18. Jh. beginnend: deren Kriterien und Beurteilungen decken sich aber nicht immer mit der allgemeinen Rezeption (es gibt fachlich über alle Zweifel erhabene Meisterwerke, die trotz ihrer Qualität kaum Beliebtheit und auch wenig Bekanntheit erreichten)

bzgl. Rossini:
seine zu Lebzeiten nur kleinesteils veröffentlichten "Sünden des Alters" (so nannte er seine kammermusikalischen Werke, darunter auch viele Klavierwerke) sind durchaus bekannt, mancherlei wird auch sehr oft gespielt; dass es bei Youtube nicht viel zu finden gibt, sagt nicht viel - denn viele der Klaviersachen, die teilweise wie eine Vorschau auf Satie wirken, sind seit vielen Jahren eingespielt. Dass sie (noch) nicht so bekannt sind, liegt in diesem Fall wohl auch daran, dass sie est recht spät publiziert worden sind.

bzgl. Thalberg
ein Liebling der allgemeinen Rezeption zu seinen Lebzeiten, der aber innerhalb der fachlichen Rezeption nicht ganz so gut wegkommt.

und insgesamt:
beide zusammen sind nicht immer besonders gerecht - folglich gibt es immer wieder auch altes neu zu entdecken, und es zeigt sich dann, ob es bleibt oder wieder in Vergessenheit gerät (z.B. Konzerte von Kalkbrenner, Moscheles)
 
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Debbie digitalis
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Der Barbier ist neben den Verdi-Opern eine meiner Lieblingsopern. Leider hat sich der große Liszt seiner nie angenommen, dafür aber Sigismund Thalberg. Ich habe ja schon einmal geschrieben, dass ich die Musik Thalbergs sehr schätze, womit ich leider in der heutigen Zeit zu einer Minderheit gehöre. :( Trotzdem möchte ich hier seine Fantasie über Themen aus dem Barbier vorstellen. Verarbeitete Themen sind (in dieser Reihenfolge) der Beginn des ersten Akts ("Piano, Pianissimo..."), dem Beginn des zweiten Akts, die erste Arie des Grafen Almaviva, das Finale des zweiten Akts und das Finale des ersten Akts.

Hier ist ein Video: Sigismund Thalberg: Große Fantasie über Themen aus "Der Barbier von Sevilla" op.63

Hallo Troubadix,

danke für diesen Hinweis auf diese wirklich hörenswerte Darbietung dieser Fantasie! Allerdings der link für die Noten: Vielen Dank, aber das ist eher etwas für die Profis und die Meisterklassen!



Auch möchte ich das Thema ein bisschen erweitern und zur Diskussion einladen. Warum glaubt ihr, dass manche Sachen häufiger gespielt werden als andere? Werden die Stücke, die man am häufigsten hört zurecht so häufig gespielt? Bekommen die weniger bekannten Stücke und Komponisten zurecht so wenig Aufmerksamkeit, bzw. sind sie wirklich immer musikalisch weniger Wert? Setzt sich hier tatsächlich die höchste Qualität immer durch?

Lieber Troubadix,

das ist eine höchst interessante Fragestellung und Rolf, der sich mit der Rezeptionsgeschichte vermutlich auf höchstem Niveau auskennt, hat ja schon geantwortet, dass es nicht immer (logisch) nachvollziehbar ist, dass man auch zwischen der Rezeption der Fachkreise und des breiten Publikums unterscheiden muss.

Meine persönliche Meinung ist: Betrachtet man die Frage der Rezeption hochentwickelter Musik nicht nur für die heutige Zeit, sondern grob gesagt, für alle Zeiten, seit denen Musik überhaupt durch (Noten)schrift dokumentierbar war und damit an nachfolgende Generationen weitervermittelt werden konnte, so lässt sich feststellen:

Es gab wohl zu allen Zeiten eine Art "Zeitgeist", der sich auch auf die Musik ausgewirkt hat. Natürlich hatten in früheren Zeiten nur privilegierte Schichten überhaupt die Möglichkeit, solche Musik zu hören oder deren Produktion in Auftrag zu geben. Die einfachen Leute hatten ihre traditionelle, über Generationen weitervermittelte Musik. Neue musikalische Entwicklungen kamen dort (mangels damals überhaupt nicht existierender Medien und aufgrund mangelnder Mobilität) fast überhaupt nicht an. Somit entstand eine Kluft zwischen der Musik des Volkes und der hochentwickelten Kunstmusik der höheren Stände (vermute ich mal).

Später als sich aufgrund des technischen Fortschritts und politischer Turbulenzen die Lebensbedingungen rasant änderten, übernahmen auch andere, auf der Maslowschen Bedürfnispyramide höher angesiedelte Lebensbereiche diesen Rhytmus der rasanten Veränderung: Es entstand die Mode und damit der Wunsch nach Veränderung (auch ohne lebensnotwendigen Anlaß). Die Mode ergriff natürlich auch die Musik ...

weiter will ich hier nich phantasieren!

Rolf möge hier einschreiten, sofern ich hier mit meinen Vermutungen völlig falsch liege!:D

LG

Debbie digitalis
 
rolf
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Rolf möge hier einschreiten, sofern ich hier mit meinen Vermutungen völlig falsch liege!:D
:D um die Uhrzeit schreite ich nicht ein, sondern rege an, einerseits die Musiksoziologie nicht auch noch herbeizuziehen (denn sie sagt nicht viel drüber, warum die eine Sonate vom grimmen Ludwig beliebter als die andere ist), andererseits die Geschichte der Mode nochmal zu bedenken (sie ist älter, als Du annimmst)
 
Troubadix
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letztlich berührst Du damit eine Angelegenheit, die noch lange nicht beendet ist und deren Ende wir nicht absehen können: die Rezeptionsgeschichte. Wir können sie einigermaßen nur überblicken, beginnend mit den überlieferten Aufführungsdaten der Barockzeit (z.B. wie oft und wo wurde eine Händel-Oper gespielt) und dann allemählich differenzierter mit der gestiegenen Anzahl von öffentlichen Konzerten, deren Rezensionen, zunehmenden musikhistorischen Veröffentlichungen usw usw
hierbei stellen wir fest:
--- es gibt regionale Unterschiede (in Russland wurde und wird Medtner häufiger gespielt als z.B. in England)
--- es gibt grotesk-burleske Kapriolen (Meisterwerke allerhöchster Qualität geraten in Vergessenheit, bis sie wiederbelebt werden (Matthäuspassion), Trivialitäten oder auch atypisches von großen Komponisten erfreut sich größerer Beliebtheit als ihr eigentliches Oeuvre (z.B. war Wagners Rienzi lange Zeit seine meistgespielte Oper; Tschaikowskis italienisches Capriccio, Beethovens Wellingtons Sieg usw.) und da ließen sich noch tausenderlei wunderliche Sachen anfügen
...um die Rezeptionsgeschichte ist es wunderlich bestellt, denn sie ist keine geradlienige Entwicklung und sie ist auch kein fachlicher Selektionsprozess, zudem ändert sich mit der Zeit auch der Blick auf die Werke - - - andererseits gibt es auch die sozusagen rein fachliche Rezeption, spätestens Ende des 18. Jh. beginnend: deren Kriterien und Beurteilungen decken sich aber nicht immer mit der allgemeinen Rezeption (es gibt fachlich über alle Zweifel erhabene Meisterwerke, die trotz ihrer Qualität kaum Beliebtheit und auch wenig Bekanntheit erreichten)

Vielen Dank für diese interessante Antwort. Das Thema ist wohl sehr komplex und lässt sich schwierig in allen Einzelheiten betrachten. Was mich auch noch interessieren würde ist der Einfluss des Namens des Komponisten. Nehmen wir zum Beispiel das von dir erwähnte Klavierkonzert von Henselt. Ich muss gestehen, ich habe diesen Namen vorher noch nie gehört. Spannend finde ich die Spekulation was mit seinem Klavierkonzert passiert wäre, wenn der Brahms ihm des Nachts heimlich die Partitur gestohlen hätte und das Stück als sein Klavierkonzert aufgeführt hätte. :)

...bzgl. Thalberg
...der aber innerhalb der fachlichen Rezeption nicht ganz so gut wegkommt...

Beziehst du dich dabei auf die heutigen fachlichen Rezeptionen? Die fachlichen Rezeptionen zu Lebzeiten von Robert und Clara Schumann, Liszt (zumindest nach seiner eigenen Tourneekarriere), Berlioz, Bülow, Mendelssohn, Fétis...waren (mit Ausnahme seiner Opern und seiner Sonate) überaus positiv!

...Es gab wohl zu allen Zeiten eine Art "Zeitgeist", der sich auch auf die Musik ausgewirkt hat...

Das mag sein, aber es fällt mir schwer diesen auszumachen oder nachzuvollziehen. Schaut man sich das heutige Konzertrepertoire an, so reicht dieses von Bach bis Strawinski und in die heutige Moderne. Ein wichtiger Faktor ist sicherlich, wie leicht die Musik auch für ein Laienpublikum zugänglich ist. Beethovens 4. Klavierkonzert oder sein 7. Sinfonie wirken sehr wohlklingend und begeisternd auch wenn man nicht versteht, was da musikalisch eigentlich passiert. Andererseits werden Prokofievs Kriegssonaten oder sein zweites Klavierkonzert sehr häufig aufgeführt, obwohl ich den Zugang zu diesen Stücken für Laien als deutlich schwieriger einschätzen würde. Kommt da vielleicht der Show-Effekt noch hinzu, den Prokofievs Stücke zweifellos haben? Was ich sagen will ist, dass die Bandbreite der heute häufig aufgeführten Stücke doch recht groß ist. Wie lässt sich da also der heutige Zeitgeist im Konzertrepertoire ausmachen?

Viele Grüße!
 
C
chiarina
Guest
Ich frage mich manchmal, ob nicht der Gewohnheitsfaktor auch bestimmt, was aufgeführt wird und was nicht.

E. Altenmüller an der Uni Hannover und seine Abteilung "Neurophysiologie und-psychologie von Musikern" (o.ä.) haben ja eine Untersuchung zum Hörverhalten von Jugendlichen gemacht und dabei festgestellt, dass unbekannte Musik, die erst mal auf Ablehnung stößt (z.B. Neue Musik) je positiver wahrgenommen wird, je öfter sie gehört wird.

Wenn man hieraus Rückschlüsse auf heutige Konzertprogramme zieht, die ja auch marktorientiert ausgewählt werden, finden die Leute oft Stücke schön, die sie schon kennen. Unbekanntes fordert mehr Aufmerksamkeit, ist für manche anstrengender zu hören. Ist also auch ein Risiko für den Konzertveranstalter. Bei einem Chopin-Abend wissen die Leute meist, was auf sie zu kommt und ob es ihrem Geschmack entspricht. Ein Klavierabend mit Werken von Thalberg, für den das Publikum Geld ausgeben soll, wird vermutlich nicht so besucht werden.

Vielleicht spielt der Gewohnheitsfaktor eben auch bei Prokofieffs zweitem Klavierkonzert etc. eine Rolle.

Ein Konzertveranstalter muss sich (leider) auch immer nach seinem Publikum richten. Einem erfahrenen Publikum kann man anderes zumuten als einem unerfahrenen. Erfreulicherweise geht nach meiner Beobachtung der Trend zum Mix. Also z.B. eine Uraufführung kombiniert mit einem bekannten Stück. Noch vor 10 Jahren hörte man auch bei Klavierabenden immer die gleichen Stücke, aber ich habe den Eindruck, dass sich das ändert.

Ich glaube eigentlich nicht, dass ein Stück von Henselt unter dem Namen Brahms besser bewertet würde. Es würde aber bekannter, weil man dem Namen Brahms höhere Aufmerksamkeit widmen würde. Und damit, dass mehr Leute dieses Stück kennen würden, stiege auch die Wahrscheinlichkeit, dass es öfter oder überhaupt gespielt wird. Wenn meine Logik mich nicht täuscht. :p

Liebe Grüße

chiarina
 
Troubadix
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...E. Altenmüller an der Uni Hannover und seine Abteilung "Neurophysiologie und-psychologie von Musikern" (o.ä.) haben ja eine Untersuchung zum Hörverhalten von Jugendlichen gemacht und dabei festgestellt, dass unbekannte Musik, die erst mal auf Ablehnung stößt (z.B. Neue Musik) je positiver wahrgenommen wird, je öfter sie gehört wird....

Das glaub ich sofort und ist mir selber auch schon häufig so gegangen! Auch den von dir beobachteten Trend zum Mix hab ich ebenfalls beobachtet. Armstrong zum Beispiel gestaltet seine Konzerte oft so, dass er eines seiner eigenen Stücke (ur)aufführt, umrahmt von einem sonst eher konventionellen Programm. Diesem Konzept kann ich durchaus etwas abgewinnen! Es muss ja nicht gleich ein reines Thalberg, Henselt und Co. Konzertprogramm sein, aber ich würde es schön finden, gelegentlich mal solche Stücke in einem Konzert zu hören.

Deiner Logik bezüglich des Henselt-Konzerts kann ich folgen und stimme voll und ganz zu! :)

Viele Grüße!
 
rolf
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Beziehst du dich dabei auf die heutigen fachlichen Rezeptionen? Die fachlichen Rezeptionen zu Lebzeiten von Robert und Clara Schumann, Liszt (zumindest nach seiner eigenen Tourneekarriere), Berlioz, Bülow, Mendelssohn, Fétis...waren (mit Ausnahme seiner Opern und seiner Sonate) überaus positiv!
ein enthusiastischer Mammutartikel bei Tante Wiki versucht zu suggerieren, dass es sich bei Thalbergs Opernbearbeitungen um Meisterwerke handele - - man findet viele Wikiartikel, welche sich ihren Gegenstand zurechtschönen...

Thalbergs Popularität zu Lebzeiten, vornehmlich als Pianist und mit seinen eigenen Bearbeitungen, resultiert nicht zuletzt auf der als Sensation begafften Konfrontation mit Liszt - man könnte sagen, ohne diesen wäre Thalberg nicht so populär geworden. Und bei allen Konfrontationen gibt es für beide Seiten Befürworter. Zieht man das ab und betrachtet die Opernbearbeitungen genauer, stellt man fest, dass Thalberg mit Geschick und unter Vermeidung zu komplizierter Harmonien, überwiegend verzierend-illustrativ und auf klanglich-virtuose Effekte abzielend komponiert hatte. Klangliche Inszenierung und Ausdeutung der Vorlage lag ihm nicht und so kamen überwiegend gefällig-virtuose Paraphrasen dabei heraus, die sich auch gefällig-beliebter Vorlagen bedienten.
Es gibt aus der Zeit von 1830-1860 eine immense Fülle an jeweils aktuellen Opernfantasien (da waren Thalberg, Herz und Liszt bei weitem nicht die einzigen), die meisten davon kennt man nicht mehr d.h. man kennt die Namen der Pianisten/Komponisten und sie werden in diversen "Geschichten der Klaviermusik" erwähnt; eine zweite Phase der Bearbeitungswut setzte ungefähr um 1850 ein, welche sich auf pianistisch unmöglich erscheinende Vorlagen stürzte: die gewaltig dimensionierten Orchester spätromantischer Opern reizten dazu, Liszt war hier das Vorbild, welchem dann Tausig, von Bülow, Wolff, Brassin, Godowski, Busoni u.v.a. folgten
sehr kurzweilig aber kenntnisreich ist hierzu Harold Schoenbergs "große Pianisten", eine Geschichte des Klavierspiels, welche sehr viele heute vergessene Namen erwähnt.

interessant ist freilich aus rezeptionshistorischen Gründen, sich die Programme von Kalkbrenner, Chopin, Herz, Clara Schumann, Liszt, Thalberg, Tausig usw. sowie die zeitgenössischen Parteinahmen anzuschauen.
 

C
chiarina
Guest
.........................................
sehr kurzweilig aber kenntnisreich ist hierzu Harold Schoenbergs "große Pianisten", eine Geschichte des Klavierspiels, welche sehr viele heute vergessene Namen erwähnt.

interessant ist freilich aus rezeptionshistorischen Gründen, sich die Programme von Kalkbrenner, Chopin, Herz, Clara Schumann, Liszt, Thalberg, Tausig usw. sowie die zeitgenössischen Parteinahmen anzuschauen.

Dazu zitiere ich auch diesem Buch:

".....bis 1830 mit Vorliebe gespielte(n) Komponisten waren Paer, Pixis, Winter, Mayr, Weigl, Hummel, Reicha, Onslow, Gyrowetz oder Spohr. Hie und da, von 1830 an immer häufiger, tauchten Beethoven, Haydn und Mozart auf."

"Etwa von 1860 an wurde in Europa das Publikum immer wählerischer, und die Programme entwickelten sich allmählich zur heute noch gültigen Form.
..................................
Bis um die Mitte des (19.) Jahrhunderts hatten die Pianisten ein "seriöses" Repertoire zu studieren, das inzwischen längst vergessen ist. Das des jungen Anton Rubinstein in den dreißiger Jahren umfasste Werke von Hummel, Herz, Moscheles, Kalkbrenner. Diabelli und Clementi - weder Bach noch Mozart, Beethoven oder Schuibert."............................

Dann haben sich aber immer mehr die herausragendsten Komponisten durchgesetzt, die auch ihrerseits spätere Komponisten beeinflusst haben. Chopin war z.B. von Bach und Mozart sehr beeinflusst und hat ab und an auch ihre Werke gespielt. Qualität setzt sich eben durch, wobei dabei die eine oder andere Perle übersehen werden kann.

Liebe Grüße

chiarina
 
Troubadix
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...Thalbergs Popularität zu Lebzeiten, vornehmlich als Pianist und mit seinen eigenen Bearbeitungen, resultiert nicht zuletzt auf der als Sensation begafften Konfrontation mit Liszt - man könnte sagen, ohne diesen wäre Thalberg nicht so populär geworden...

Wäre Thalberg vor dieser Konfrontation Jahre lang erfolglos gewesen, würde ich dir zustimmen. Zwischen 1830 und 1836 machte er sich bereits einen Namen Österreich. Seine wirkliche Karriere begann erst 1836, also gerade mal ein Jahr vor der berühmten Konfrontation. 1836 feierte er bereits große Erfolge in Paris in ausverkauften Konzertsälen, daher bin ich mir nicht sicher, ob seine Karriere ohne die Konfrontation weniger erfolgreich verlaufen wäre.

Liszt hat übrigens vermutet, Thalbergs Erfolg und Popularität kämen einzig und allein von dessen guten Beziehungen zum Adel! :)
 
Troubadix
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...1836 feierte er bereits große Erfolge in Paris in ausverkauften Konzertsälen...

Das auch? Für mich bleibt das Spekulation und selbst wenn es so ist, dann bin ich sehr froh dass es diese Konfrontation gab, da ich Thalbergs Musik schätze und sie mir ein gutes Gefühl gibt. Dass sie bis an das Niveau der großen Kompositionen von Liszt, Beethoven, Brahms oder Chopin heranreicht, möchte ich damit aber nicht sagen. Völlig aus den Konzertsälen zu verschwinden, hat Thalberg dennoch meiner Meinung nach nicht verdient! :p
 
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Und Liszt am aller meisten!

Für mich ist Thalberg mehr als eine Zirkusattraktion des 19. Jahrhunderts. Ich bin sehr glücklich, dass ich seine Musik habe und freue mich für jeden, der solche Gefühle ebenfalls beim hören von Musik, egal welches Komponisten auch immer, empfinden kann.

Bei diesem Thread geht es mir unter anderem darum, solche Musik, die einen selber tief berührt, aber dem Großteil der musikinteressierten eher unbekannt ist, mit anderen zu teilen. Vielleicht entdeckt der eine oder andere ja auch eine Perle für sich darunter, sei es nun Thalberg, Schumanns Beethoven-Variationen (wie bei mir zum Beispiel), Rossinis Klaviermusik, Liszts Bearbeitung der Symphonie Fantatique oder sonst eines der hier vorgestellten Stücke, das würde mich wirklich sehr freuen!

Musikalische Grüße an euch alle und eine gute Nacht!

Sebastian
Der heute Abend ein bisschen sentimental ist!
 
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Bei diesem Thread geht es mir unter anderem darum, solche Musik, die einen selber tief berührt, aber dem Großteil der musikinteressierten eher unbekannt ist, mit anderen zu teilen.
MacDowell Klavierkonzert d-Moll (Teresa Careno gewidmet)
Samuel Barber Klavierkonzert
de Falla Nächte in spanischen Gärten (Klavierkonzert)

nicht dass diese drei Konzerte gar vergessen worden sind - aber sie werden viel zu selten im Vergleich mit Grieg, Rachmaninov, Chopin oder Tschaikowski gespielt; und sie alle drei berühren mich sehr.
 
 

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