Steinway B, Seriennummer 60103 (1887)

Ich möchte die Moderation bitten, diese Beiträge zu löschen und den Thread für weitere Postings zu schließen.
Tut mir leid aber so funktioniert ein Forum nicht. Das lebt vom Austausch und da gehören Reaktionen zu einem Bericht dazu.
Das Gute: Dümmlichkeit und Gehässigkeit sind nicht in der Lage, irgend was zu entwerten.
 
Daher meine Bitte, den Thread zu schließen und #110 als letzten Beitrag zu sehen.

Tut mir leid aber so funktioniert ein Forum nicht. Das lebt vom Austausch und da gehören Reaktionen zu einem Bericht dazu.
Der naheliegende Kompromiss im Spannungsfeld dieser Positionen könnte so aussehen: Ich entspreche der Bitte des Fadenerstellers und mache hier zu. Im Gegenzug lasse ich im Interesse des Austauschs die Folgebeiträge ab #111 unkommentiert stehen, nicht ohne eine Verwarnung in Richtung des Beitragsschreibers von #111 auszusprechen. Sollten wir diese Spannungen im nachhinein anders einschätzen, können wir jederzeit Änderungen bezüglich unserer Vorgehens vornehmen und beispielsweise den Faden wieder öffnen.

LG von Rheinkultur
 
Zuletzt bearbeitet:
Obschon "zu ist", drängt es mich auf einen Nachklapp. (Ich habe den Krams erst jetzt gelesen, weil ich in Sachen "Musikinstrument" (BMW R 80 R speciale) tagelang unterwegs war.)

Steinway fertigte über sehr wesentliche Zeiträume seine Klaviere und Flügel nach einem dreifachen Möbelkonzept.

1- Es gab und gibt die "schlichte" Version, wie sie zumeist in den Läden steht (und auf den Bühnen),

2- dann eine "fancy"-Version, mit etwas Bordüren- und Schnitzverzierung und anderen Beinen, meist immer nur EINEN als höherwertig angenommenen Alternativ-Stil zu dem glatten Äußeren von Nr.1 - in der Regel geordert von Menschen, die ihren Empfangssalon oder ihr Wohnzimmer nach jeweilig gängigem Möbelstil schick zu machen wünschten,

3- und als dritte Variante on top die sehr individuelle Schnitzverschnörkelage, die man entweder "inhouse" durch die Herren der Familie Ajuso (Vater und Sohn, Tätigkeitszeitraum grob ca. 1890-1930) oder aber bei externen bekannten Möbeldesignern ausführen ließ. Sei das noch aufwendigere Verschönern beauftragt durch das Haus Steinway selber, oder aber nach den individuellen Vorstellungen eines meist sehr wohlhabenden Eigners.

(Hier auch mal als NB die Warnung aus dem Hause Fazioli, dessen F-308 in einer Version mit Gold und extrem viel Schnitzerei nach Brunei in einen der Paläste des Sultans Hassan al Bolkiah ging - Piero Fazioli gab dann mal an, man habe sehr erhebliche Aufwendungen gehabt, um eine Kompromittierung des Instrumentencharakters über das malaiische Holz & Gold zu verhindern.)

Mr Tinway ist - aufgrund seines Baujahres 1887 - derjenigen Ära punktgenau ab 1880 zuzurechnen, in der Steinway ALLE Flügel, so denn der Käufer bereit war, etwas mehr Geld auszupacken, in diesem viktorianischen Outit mit den "Elefantenbeinen" fertigte. Die Amerikaner nennen sie auch "hydrant post legs", Hydrantenbeine, weil die Längsrillen etc. den gusseisenernen Hydranten auf New Yorks damaligen Trottoirs ähneln.

Davor (ab Anbeginn 1853 bis 1880) waren es die "Cabriole(t) legs", die S-förmig gekurvten Beine, im Stil der Verdeckscharniere der Kinderwagen-Verdecke und der Cabrio-Verdecke der 30er und 50er Jahre, Beine, die man auch "Löwentatzen" nennen darf.

Danach waren es die Stylings ab ca. 1910, die man dem Sheraton-Design zurechnelt.

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Der Flügel ist also bezüglich seines Outfits in der Substanz top original und zeitgemäß.
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Ob er en detail noch "schicker" würde gemacht werden können, so frischen Lack etc., ,... das sei achselnzuckend als möglich hintangestellt. Das spielt hier auch keine Rolle: Ein "inhaltlich" guter Flügel mit u.U. bemeckerbarem Äußeren ist allemale das bessere Instrument, als ein auf Hochglanz mit Prestolith pardon Polyester auf Hochglanz poliertes Instrument, in dem sich kein gescheiter Klang entwickelt. Fraglos ist ein sowohl in der Optik als auch im Klang feines Insrument stets das beste, aber wenn es daran geht, einen Kompromiss zu haben, dann sollte man doch M.b.M.n. an der Optik, und nicht am Klang sparen...

Der Kerl, der da der unmaßgeblichen Meinung war, der Flügel sei irgendeine "Ansammlung" von Teilen oder so (ich weigere mich, diesen "Beitrag" nochmal zu lesen) muss sich also sagen lassen, dass sein Wissen um die zeitgeschichtliche Korrektheit ein minderes ist, und ähnliches darf man an Vermutung anstellen zum Ethos seines Beteiligenwollens.

Ein Admin darf dann diesen Beitrag gerne putzen, oder nach Wahl OE1FEU (wäre mein Vorschlag) unter den alten Thread kleben.
Merci.
[mod] Vorschlag umgesetzt [/mod]
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Dies war am Sonntag meine Abschiedsvorstellung vom geliebten Mr. Tinway, dessen Werdegang ich ja hier:


ausführlichst vorgestellt habe.

Verzeiht mir, dass ich einfach keine Lust mehr hatte, ihn für das letzte Stück auch noch einmal zu stimmen, zumal man ihn im Diskant sowieso nicht mehr sauber stimmen kann, sowie auch in einigen Bereichen des Basses. War eine schöne Zeit mit ihm und die Musik ist doch einigermaßen passend als kleiner Schwanengesang.

 
Kommt er jetzt in die Werkstatt?
 
Wie kommt's, dass Du Dich jetzt plötzlich von ihm trennst?
 
OK, ich löse das einmal auf.

Vor ziemlich genau einem Jahr schrieb ich in https://www.clavio.de/threads/steinway-b-seriennummer-60103-1887.2387 :

Nein, Mr. Tinway hat fertig, so wie er jetzt ist.

Der Kreis ist geschlossen und ich habe ein traumhaftes Instrument, das mir in letzten zwei Jahren über eine schwierige Zeit hinweggeholfen hat und mir eine neue berufliche Perspektive eröffnet hat. Endlich ist wieder etwas da, das mich motiviert hat, viel Zeit, Energie zu investieren und Frusttoleranz aufzubauen, um unglaublich viel neue Sachen zu lernen, die mein Leben sehr bereichert haben.


Seitdem hat sich dann doch einiges getan. Unter anderem habe ich jetzt doch einige Routine im Stimmen von Flügeln bekommen und höre mit anderen Ohren als noch damals. Und ich habe inzwischen ein schönes freundschaftliches Verhältnis zu einem Klavierbaumeister in Wien, der sich auf Konzertflügel aus dem 19. Jahrhundert spezialisiert hat. Und deswegen ist der Stand der Dinge jetzt dieser:

Abtransport.jpg

Neugierige-Katzen.jpg

Ich habe also die Entscheidung getroffen, bestimmte Sachen in der Akustikanlage des Flügels überholen zu lassen, die mich inzwischen immer mehr genervt haben und mit Gert Hecher den genau richtigen gefunden, der sich des Instruments annimmt.

GertHecher.jpg

Als erstes einmal die Dämpfer ausgebaut:

Daempfer1.jpg

Erste Bestandsaufnahme: Die Dämpfer sind noch original, aber in hervorragendem Zustand. Außer Reinigen muß da nichts gemacht werden.

Und dann geht's an die Bestandsaufnahme derjenigen Sachen, die nicht mehr so toll sind, um dann einen Plan zu entwickeln, was man wie machen wird:

Stegbeschau1.jpg

Der Steg hat durchgehend in allen Bereichen Risse; manche sind winzig, kaum sichtbar, manche sind klaffende Löcher. Also wurde entschieden, dass der gesamte Steg komplett neu gemacht wird, also durchgehend eine neue Kappe bekommt. Das Holz ist bereits vorhanden und es wird recht altes Ahorn aus einem 150 Jahre alten Stimmstock sein, das hier zum Einsatz kommt.

Damit ist natürlich der ursprüngliche Plan, nur einen Teil des Steges zu ersetzen und damit auch die Gußplatte nicht ausbauen zu müssen, Makulatur. Schade eigentlich, denn die Wirbel sitzen super und lassen sich toll stimmen. Also bis auf die Tatsache, dass die alten Agraffen inzwischen zu 80% beim Stimmen laut knacken. Nun gut. Also komplette Neubesaitung mit neuen Wirbeln und Ersetzen der Agraffen und Stegstifte.

Wirbel1.jpg



Interessantes Detail: Auf der Gußplatte ist hinten eine Jahreszahl zu sehen, nämlich 1886, und da es nicht, wie wir ursprünglich dachte, eine Jahreszahl zu einem Patent ist, handelt es sich wohl um das Herstellungsjahr:

Gussplatte1.jpg

Und dann kommt also die plötzlich die interessante Frage auf: Ist das überhaupt ein B-Fügel? Das Buch von Kirkland/Kehl gibt dann Aufschluß:

Steinway-Book1.jpg

Es gibt also zwei Bauformen des Bs mit 85 Tasten, die sich leicht in den Maßen unterscheiden und bei meinem handelt es sich um die zweite Bauform ab 1884 mit einer Länge von 6'10¹/²'', mithin der Größe, wie sie auch zwischen 1891 und 1914 und zwischen 1967 und 2005 der aktuellen Bauform offiziell angegeben wurde. 211cm waren also nicht immer 211cm...

Steinway-Book2.jpg

Das einmal als ersten Überblick über den zweiten Teil des Projektes, meinen geliebten 1886er wieder richtig auf Vordermann zu bringen. Weiteres wird folgen.
 
Ok. Dein erstes Posting hörte sich so an, als hättest Du Dich endgültig von ihm getrennt. Das hätte mich dann doch überrascht nach all dem, was Du bisher geschrieben hattest.
 
@OE1FEU oh, der klingt aber schön! Das leicht Verstimmte schickt ihn in die Zeit, aus der er kommt. So wohltuend, man hört ja zur Zeit nur sterile Instrumente.
Unlängst hörte ich in einem online-Konzert jemaden Webern spielen. Sein Flügel war recht verstimmt und auch ein älteres Model. Die 12Tonmusik klang unglaublich toll in dieser Stimmung, die fast das mitteltönige eines Rathausschlagwerkes hatte. Ich war begeistert.
Deine Bagatelle finde ich auch wunderschön gespielt!
 
Na das ist ja dann was ganz anderes, ich nehme meine Anteilnahme am Abschied wieder zurück. In welchem Zeitraum soll das alles denn passieren?
 

@OE1FEU oh, der klingt aber schön! Das leicht Verstimmte schickt ihn in die Zeit, aus der er kommt. So wohltuend, man hört ja zur Zeit nur sterile Instrumente.
Unlängst hörte ich in einem online-Konzert jemaden Webern spielen. Sein Flügel war recht verstimmt und auch ein älteres Model. Die 12Tonmusik klang unglaublich toll in dieser Stimmung, die fast das mitteltönige eines Rathausschlagwerkes hatte. Ich war begeistert.
Deine Bagatelle finde ich auch wunderschön gespielt!

Danke für die Blumen! Die letzten Wochen habe ich wirklich mit viel Freude an diesem Zyklus gearbeitet und speziell diese Bagatelle hat mich wirklich tief berührt, bei jedem Spiel.

Ja, der Flügel an sich klingt wirklich traumhaft, definitiv der schönste alte B, den ich jemals gespielt habe. Was aber die Stimmung angeht, möchte ich vorsichtig widersprechen. Es gibt eine Tendenz, alte Instrumente auf eine Art und Weise zu stimmen, die ihrem angeblichen historischen Kontext entsprechen. Diese Meinung teile ich nicht, nachdem ich das Vergnügen hatte, auf allen Konzertflügeln von Gert Hecher zu spielen, die praktisch das gesamte 19. Jahrhundert abdecken - und jeden von ihnen kann man vernünftig modern stimmen. Und wenn man das kann, dann war das auch schon früher so, also so, wie es Komponisten und Pianisten gut gewartete und gestimmte Instrumente erlebt haben.

Bestes Beispiel: Ein soeben restaurierter Bechstein von 1862, den ich gestimmt habe - und zwar so, wie ich jeden anderen Flügel auch stimmen würde.



Es gibt keinen Hinweis darauf, das Chöre/Unisons vor 150 Jahren anders gestimmt wurden als heute - und das gilt auch für die Temperatur einer Stimmung. Letztendlich ist ein Flügel aus dem 19. Jahrhundert, der die Stimmung hält und auch richtige Dynamik bereitstellt, bereits ein modernes Instrument. Und vor diesem Hintergrund sehe ich auch meine 134 Jahre alte Mühle als modernes Instrument.

Und da sind wir wieder bei meiner alten Kiste: Mr. Tinway hat Schwächen, die sich negativ auf den Klang auswirken und die zur Zeit seiner Entstehung einfach deutlich besser und auch moderner geklungen haben. Die Saiten sind mittlerweile 40 Jahre alt. Die aktuelle Besaitung war ein schräges Gemisch aus mit Kupfer umsponnenem 6-Kant-Kern, teilweise rund, aber vor allem inkonsistent in der Obertonzusammensetzung im Diskant. Und dazu kam dann noch der desolate Zusatnd des Steges.

Daher die Reparatur, nach reiflicher Überlegung. Natürlich ist schon viel zu viel verpfuscht worden im Laufe der Jahre, aber er läßt sich in Sachen Akustikanlage wieder in einen Zustand überführen, der einfach den Ansprüchen genügt, die seinerzeit ein Käufer mit guten Ohren erwartet hätte.
 
Na das ist ja dann was ganz anderes, ich nehme meine Anteilnahme am Abschied wieder zurück. In welchem Zeitraum soll das alles denn passieren?

Ich beantworte die Frage mal etwas ausweichend und gleichzeitig deskriptiv. Ich war heute in der Werkstatt, also drei Tage nach Abtransport und das ist, was ich vorgefunden habe:

Vollansicht.jpg

Gussplatte-Out1.jpg

Also schon mal alle Saiten runter, alle Wirbel entfernt, Gußplatte draußen und gereinigt.

Wirbel+Agraffen1.jpg

Ersatzteile nachbestellt.

Stegkappe-Entfernen1.jpg

Steg in Gänze begutachtet, Stifte zur Gänze gezogen, Mensur genommen, erste Stegkappen mit dem Beitel entfernt.

Vorzeichnung-Steg1.jpg

Steg komplett vorgezeichnet, Holz für die Stegkappen zugeschnitten (Ahorn aus einem alten Stimmstock, Löcher für Wirbel gut zu sehen). Verteilung einzelner Abschnitte definiert, markiert und angerissen.

Das mal als erstes Update. Morgen gibt's ein paar interessante Nebendetails. Und um die eigentliche Frage zu beantworten: Der Flügel ist ohne Terminvorgabe abgeliefert worden und es wird gleichzeitig noch an anderen Instrumenten gearbeitet und nebenbei ist es auch noch ein schönes Lernprojekt für einen ganz frischen Auszubildenden.

Ich habe keinen Zeitdruck und der Flügel ist fertig, wenn er fertig ist. Sicherlich noch in diesem Jahr.
 
Zuletzt bearbeitet:
Schön zu sehen das du deiner Kiste doch nochmal ein wenig Zuwendung zukommen lässt. Bei jeder Aufnahme von dir erkennen meine Ohren den vertrauten Klang wieder den sie täglich gewohnt sind.

Ich gehe davon aus das du weiterhin bei "function over form" bleibst und es keine neue Lackierung gibt? Hätte dann ja auch Auswirkungen auf den Klang also wahrscheinlich eh nicht gewollt.
 
"Ich empfehle Ihnen, nochmals über die Erneuerung des Stegdoppels samt aller Nebenarbeiten und eine Neubesaitung des Flügels nachzudenken, da es sein könnte, dass Sie nach den durchgeführten Arbeiten
die unsaubere und heisere Tonentwicklung, speziell im Bereich der ein – und zweigestrichenen Oktave, als sehr störend empfinden könnten.

Weiteres ist das saubere Stimmen des Klavieres dadurch auch beeinträchtigt.


Das waren die weisen Worte desjenigen, der seinerzeit die Mechanik neu aufgebaut hatte. Die Mechanik war in der Tat der erste Schritt, aber ich habe diesem Teil des Kostenvoranschlags nicht wirklich die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Aber je länger ich mich über das tolle Spielgefühl der Mechanik und später dann auch über den schönen Klang nach dem richtigen Intonieren gefreut habe, desto mehr traten genau diese Bedenken immer mehr in den Vordergrund.

Zur Erinnerung:

Riss-im-Steg.jpg

Diese Risse im Steg direkt vor dem ersten Diskantfeld haben vor allem dazu geführt, dass das h' einfach unerträglich klang. Die Schwingung direkt nach dem Anschlag war unangenehm schräg und wir haben alles versucht, um dieser einen Saite (links vom ganz rechten Chor) irgendwie beizukommen:

  • Stegstift eingeschlagen
  • Mit Filz direkt am Steg leicht abgedämpft
  • Riß mit Cyanacrylat aufgefüllt
  • Riß mit Epoxidharz ausgefüllt
  • Silie der hinteren Duplexskala angefeilt, um Kontakt der Saite zu vermeiden
  • Saite ersetzt
  • Hämmer mit danebenliegendem b vertauscht
  • Intoniert
  • Saite beim Stimmen extrem überzogen
  • Anschlagslinie variiert
Geholfen hat nichts - und wenn man tagtäglich spiielt, dann brennt sich dieser ungute Ton einfach ein in das Gehör und führt auch dazu, dass man sich negativ konditioniert und weniger die danebenliegenden Töne noch genießen kann.

Und dann eben noch das Stimmen. Das durchwachsene Saitenmaterial in Verbindung mit einigen kleinen Rissen im Steg hat als dämlichen Nebeneffekt, dass die Obertonzusammensetzung der einzelnen Saiten innerhalb eines Chores unterschiedlich ist, sogar bis hinunter in den zweisaitigen Bassbereich. Das bekommt man zwar irgendwie hin, aber eben auch nur irgendwie. Und die knackenden Agraffen beim Stimmen waren dann auch irgenwie nicht so toll.

Kurzum: Ich hatte einerseits einen wirklich schönen Flügel hier stehen, der aber auch anderrerseits für mich nervige Schwächen aufwies - und zur Abhilfe gab's nur zwei Möglichkeiten: Anderes Instrument oder eben die genannten Arbeiten an der Akustikanlage durchzuführen. Das Angebot von Gert Hecher konnte ich dann wirklich nicht mehr ausschlagen.
 
Kleiner Zwischenbericht:

Einen etwas jüngeren B hat Gert bereits einmal hergerichtet und natürlich auch entsprechend dokumentiert:

Saitenbezuege1.jpgSaitenbezuege2.jpgSaitenbezuege3.jpg

Anhand der Seriennummer erkennt man, dass es sich tatsächlich um das identische Modell nach 1884 mit noch 85 Tasten handelt. Das Ausrufezeichen hinter der Seriennummer läßt darauf schließen, dass er nicht erwartet hat, tatsächlich irgendwann noch einmal etwas Älteres zu bearbeiten. So kann man sich irren.

Stichprobenmessung Saiten:

Saitenmessung1.jpg

Und dieser Anblick hat mich heute schon in einiges Staunen versetzt:

Steg-Vollansicht1.jpg

Vergleich alter Baßsteg, neuer Gesamtsteg:

Basssteg1.jpg

Einiges an feiner Nacharbeit wird noch notwendig sein, aber grundsätzlich ist der neue Steg bereits fertig. Wie schnell das ging, hat mich dann noch überrascht. Nächste Woche kommt also die Gußplatte wieder rein, neue Agraffen und neue Saiten. Die Baßsaiten werden auch komplett erneuert, um sie einheitlich zu haben, also kein Mischmasch mehr aus rund und Sechskant. Ich werde weiter berichten.
 
Mal wieder ein kleines Update, zunächst mit ein wenig abseitigem Steinway-Trivia. Die Seriennummer ist zwar 60103 und danach läßt sich dann auch bestimmen, wann der Flügel gefertigt wurde und im Auslieferungsbuch weitere Details herauslesen. Diese Seriennummer ist also eher für die gesamte Betriebsdokumentation gedacht, anhand derer ich dann auch lustigerweise erfuhr, dass der Flügel 1887 an den Berliner Oscar Agthe ausgeliefert wurde, seines Zeichens Stiefbruder von Carl Bechstein; da schließt sich also ein schöner Kreis...

Anders als die Seriennummer gab es aber noch so etwas wie eine Arbeitsnummer für den Fabrikationsprozess, in meinem Fall die Nummer 1057, die auch an verschiedenen Stellen eindeutig hervorgehoben wurde, sogar im Gußrahmen:

Gussplatte1.jpg

Gussplatte-Arbeitsnummer-Kreide.jpg

Stimmstock-Arbeitsnummer1.jpg

Man sieht eindeutig, dass die Arbeits- und die Seriennummer aus einer Hand geschrieben wurden - Das Wort Platte (Also entspricht diese Arbeitsnummer der Seriennummer der Gußplatte) hingegen wurde mit einer anderen Handschrift und einem anderen Stift geschrieben. Nach kurzer Recherche war klar, dass die Ziffern ein Amerikaner geschrieben hat, die 'Platte' hingegen von einem Deutschen stammt.

Demnach ist dieser Schriftzug:

Depot1.jpg

"Depot der Steinway Pianos in New York" wohl so zu verstehen, dass bestimmte Instrumente bereits teilvorgefertigt im Lager in New York standen und für den Transport nach Hamburg bestimmt waren. Dass das Wort "Platte" auf dem Stimmstock zu lesen ist, macht auch klar, dass die tatsächliche Endfertigung in Hamburg stattfand, denn die Gußplatte bedeckt diesen Beschriftungsteil vollständig.

Hier noch Details zur Arbeitsgrundlage für den Steg und die Stegstifte:

Beschreibung-Stegverteilung.jpg

Übrigens: Für die Fetischisten in Sachen Wölbung eines Bodens, hier noch ein nettes Detail:

Woelbung-Boden1.jpg

Satte 4mm Wölbung! OK, der Boden sieht aus wie ein doppelter Zugunfall, inklusive der angeschraubten Rippen, aber Tatsache ist, dass der keinerlei Nebengeräusche produziert und Power und Sustain hat wie nichts Gutes. Mit neuen Saiten kann der gar nicht schlechter klingen als vorher.

Nun denn. Werkstatt ist immer Parallelbetrieb und daher kann es dann durchaus auch einmal sein, dass der Flügel als Ablage genutzt wird:

Ablage1.jpg

Das war gestern. Heute sah es so aus:

Platte-drin2.jpg

Platte ist also schon wieder drin. Davor wurden die Löcher im Stimmstock ein wenig aufgebohrt, damit die neuen Wirbel (7,5mm) passen. Schon wirklich ein bißchen schade, dass die vorhergehenden Wirbel (7,35mm) nicht beibehalten werden konnten, vor allem aber, dass es keine Wirbel mit 7,40mm oder 7,45mm gibt. Na gut, muß ich mit leben; wird halt ein komplett anderes Gefühl beim Stimmen sein und das bisherige war wirklich sehr angenehm.

Duplex-vorne1.jpg

Anhand der Verteilung der Silien in der vorderen Duplex-Skala konnte man übrigens auch genau nachvollziehen, um welches Modell es sich handelt; frühere Modelle hatte eine komplett andere Verteilung. Morgen werden dann also schöne rote Filzplättchen ausgestochen und auch der Bereich vor den unteren Silien neu befilzt, die Agraffen werden reingeschraubt und angepasst und schlußendlich kommt der neue Bezug drauf.

Es ist übrigens bezeichnend, dass es am Capo d'astro keinerlei Nachschleifens bedarf. Auch nach 134 Jahren ist dort keine Vertiefung, keine Rille spürbar. Spätere Gussplatten hatten da etwas andere Neigungen. Das hat wohl durchaus dazu beigetragen, dass mir beim Stimmen des Flügels bisher noch keine einzige Saite gerissen ist.

Nun gut. Ein Ende der Arbeiten ist abzusehen, aber bis der Flügel dann auch wirklich 'steht' und nicht mehr wöchentlich nachgestimmt werden muß, wird noch einiges an Wasser die Donau runterfließen. Trotzdem freue ich mich sehr darauf, den regelmäßig zu stimmen, weil die Saiten doch wirklich deutlich reiner sein werden als man es in der Aufnahme der Beethoven-Bagatelle am Anfang noch gehört hat.
 
Zuletzt bearbeitet:
Der Rahmen bleibt so und wird, weil er schon mal draußen ist, nicht neu lackiert? Weil? Du die Patina nicht missen möchtest?
 

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