Repertoirepflege - warmhalten oder auffrischen?

Demian

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Liebe Profis des klassischen Klavierspiels,

wie geht ihr mit eurem Repertoire um, haltet ihr es abrufbereit „warm“ durch regelmäßige Wiederholung (zumindest mental) oder legt ihr es für längere Zeit weg und frischt es dann für jeweilige Anlässe wieder auf? Was spricht für die eine, was für die andere Methode?
Hängt die Entscheidung von bestimmten Gattungen oder Ähnlichem ab?
 
Walter

Walter

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Hallo Demian,

möglicherweise hat es diesen Faden schon mal gegeben, aber wir haben einige neue Mitglieder im Forum, die gerne dazu was schreiben wollen, daher ist der Verweis auf einen antiken Faden wenig zielführend.

Eigentlich müssen wir vorab definieren, was wir unter Repertoire verstehen wollen. Ein Opern- oder Schauspielhaus bezeichnet die Werke als Repertoire, die in diesem Haus schon mal Premiere hatten und eine Spielzeit lang auf dem Spielplan waren.
Dementsprechend bezeichne ich für mich als Repertoire diejenigen Klaviersachen, die ich eingeübt und auswendig vor Publikum auf die Bühne gebracht habe. Dann bin ich mit den Sachen gewissermaßen fertig.

Ich bin zwar kein Profi, es hat sich aber in meinem Alter schon so viel Repertoire angesammelt, dass ich Buch führen muss, um einigermaßen den Überblick zu behalten. - Da ergibt es sich für mich von selbst, dass ich nicht alles abrufbereit habe. Ich kann und will auch nicht so viel Zeit zum Üben aufwenden, dass übermäßig viel abrufbereit ist. (Ich bin auch nicht so genial wie andere Forumsteilnehmer, die immer alles gleich wieder spielen können).

2020 hatte ich wegen Corona zwei abgesagte Konzerttermine, die Programme übe ich momentan nicht mehr (sie versinken also langsam), es ist ein neues Programm in Arbeit mit dem ich evtl. mal helfen werde, eine renovierte Kircheninnenausstattung einzuweihen: Bach-Saint Saens und Bach-Siloti, Beethoven Sonate Op.78 (Fis-Dur), zwei oder drei Sachen von Liszt, beide Rhapsodien von Brahms und von Dvorak 4 Silhouetten, zwei Humoresken und drei Walzer. Dieses Programm steht zu über 90% und ich werde es bis Silvester weiter üben. Danach lasse ich es auch langsam versinken, egal ob es zum Einsatz kam oder nicht. - Bei Bedarf kann es schnell wieder aktiviert werden.

Für das nächste Jahr habe ich mich durch die Jahresplanung der Veranstalter auf zwei Termine festgelegt: am 20. Juni ab 17:00 Uhr in der Volkhochschule einen "Kurs", dort spiele ich "Auf 88 Tasten um Westeuropa" mit vielen musikhistorischen, aber auch persönlichen Anmerkungen. Musik aus Finnland, Dänemark, Norwegen, England, Frankreich, Spanien und Italien. Anfang 2020 hatte ich dieses Programm schon sehr gut drauf.
Am 9. November 2021 ab 19:30 Uhr spiele ich mein Dekadenkonzert wieder (dieses Programm spiele ich alle 10 Jahre als mein Geburtstagskonzert), das Programm habe ich schon vier mal öffentlich als 10jähriges gespielt.

Das heißt: in 2021 habe ich vor, kein völlig neues Stück zu lernen sondern nur die erwähnten zwei Programme vorzubereiten. Allerdings liegt bei mir so viel Musik halbfertig rum, so dass es möglich ist, in 2021 doch noch ein "halbneues" Stück zu lernen - was mir aufgrund des Vorwissens nicht allzu schwer fallen dürfte.

Ferner habe ich für 2021 vor, mir eine Stellensammlung zuzulegen: parallel-Läufe rechts und links mit Kopienteilen aus meinen Sachen, in denen diese Aufgaben vorkommen, Läufe im Oktavenabstand, im Terzen- und Sextenabstand (Chopin-Ballade, Brahmsrhapsodie, Lisztrhapsodie Nr.15, Saint-Saens Etüde usw.) Mit solchen Läufen auf Tempo zu kommen tue ich mich immer schwer. - Diese Stellen werden Erinnerungen an die übrigen Stücke wachrufen.

So gehe ich ungefähr mit meinem Repertoire um. Vielleicht ist noch erwähnenswert, dass meine Stücke in meinem Gedächtnis miteinander so zusammen hängen, wie ich sie im jeweiligen Konzertprogramm habe. Ich frische auch nie ein einzelnes Stück wieder auf, sondern immer eine ganze zusammenhängende Gruppe.

Liebe Grüße und gutes Gelingen!

Walter
 
godowsky

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Ferner habe ich für 2021 vor, mir eine Stellensammlung zuzulegen: parallel-Läufe rechts und links mit Kopienteilen aus meinen Sachen, in denen diese Aufgaben vorkommen, Läufe im Oktavenabstand, im Terzen- und Sextenabstand (Chopin-Ballade, Brahmsrhapsodie, Lisztrhapsodie Nr.15, Saint-Saens Etüde usw.) Mit solchen Läufen auf Tempo zu kommen tue ich mich immer schwer. - Diese Stellen werden Erinnerungen an die übrigen Stücke wachrufen.
Das klingt auf jeden Fall sehr interessant.
Vielleicht kannst Du gelegentlich mal ein paar konkretere Beispiele dafür einstellen. :super:
 
mick

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Meine Erfahrung: Sachen, die ich sehr schnell gelernt habe (beispielsweise unter Zeitdruck vor einem Konzert), vergesse ich recht schnell wieder. Stücke, mit denen ich mich sehr ausführlich (teilweise über Monate, im Einzelfall noch länger) beschäftigt habe, sind ins Gedächtnis regelrecht "eingebrannt". Die bleiben im Repertoire, auch wenn ich sie jahrelang nicht anrühre.

Es liegt wohl auch am Alter. Ich weiß von mehreren (älteren) Musikern, dass sie Stücke, die sie bis ungefähr Mitte 20 gelernt haben, jederzeit griffbereit haben. Stücke, die sie später gelernt haben, brauchen regelmäßige Pflege, damit sie sicher im Repertoire bleiben.
 
Walter

Walter

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Hallo Godowski,

nett, dass Du Dich für meine künftige "Stellensammlung" interessierst. - Was willst Du damit anfangen?
Diese Arbeit mache ich mir erst im neuen Jahr, bis dahin: siehe oben.

Solche Stellen - aus meiner derzeitigen Arbeit: Liszt, Polonaise Nr.2, parallele Läufe im Sextabstand, dann auseinander laufend, Brahms, Rhapsodie Op.79 Nr.1, parallel in Oktaven,
was mir so noch einfällt: Liszt, Ungarische Rhapsodie Nr.15 die Kadenz (zur Zeit spiele ich eine eigene und umgehe damit die schnellen Läufe, geht ganz ordentlich), Chopin, Ballade Nr.1 die letzten zwei Seiten, Meyerbeer/Liszt: Schlittschuhläufer, Läufe im Sextabstand, Camille Saint Saens, die bekannte Etüde En Form de Valse (oder so ähnlich) usw. usf. - Liszt: Un Sospiro liegt bei mir schon jahrzehntelang ungelernt rum, die betreffenden Stellen werden auch dabei sein.

Wie gesagt, ich mache mir das betreffende Geschäft erst im neuen Jahr.

Nix für ungut!

Walter

P.s.:
Mick, dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht, schnell gewachsene Bäume stehen eben nicht so stabil wie die langsam gewachsenen. - Ich lerne auch nicht immer nur ein Stück nach dem anderen, sondern ich lasse mehrere Stücke relativ langsam "miteinander aufwachsen". Wenn ich damit fertig bin, habe ich meist eine Konzertgruppe fertig. Diese Art zu arbeiten frustet mich manchmal, weil ich zeitweise nichts zum Vorspielen präsent habe. Es wird allerdings auch kaum danach gefragt.

"Mitte 20" kann ich bestätigen, bei mir war das ungefähr die Zeit bis ca. 26, dann ging allerdings auch mein Studium dem Ende zu und die außermusikalischen Anforderungen stiegen auch gewaltig an. Leider habe ich von der Zeit bis ca. 15 Jahre keinen musikalischen Ertrag, weil ich erst mit ca. 13 Jahren einen vernünftigen Klavierunterricht mit schlechten Klavieren bekommen habe.

Mit regulären Klavierstunden und dem Lernen Stück für Stück über Wochen werden eigentlich nur kurzlebige Stück produziert.

Die beste Zeit (meine beste Zeit), sich Stücke auswendig einzustrudeln ist sicher die Zeit früh am Morgen kurz nach dem Aufstehen. Das Gehirn ist zu dieser Tageszeit am besten durchblutet und ausgeruht, weil der Körper die Nacht über (meistens) waagerecht gelegen war. Wer ich kann: wenn ich kurz vor dem Schlafengehen die neuen Sachen nochmals langsam durchgehe, arbeitet das Unterbewusstsein nachts über daran weiter und ich profitiere echt davon.

Jetzt habe ich wieder so viel geschrieben, hoffentlich hilft mein Beitrag jemand!
 
godowsky

godowsky

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Hallo Godowski,

nett, dass Du Dich für meine künftige "Stellensammlung" interessierst. - Was willst Du damit anfangen?
Diese Arbeit mache ich mir erst im neuen Jahr, bis dahin: siehe oben.

Solche Stellen - aus meiner derzeitigen Arbeit: Liszt, Polonaise Nr.2, parallele Läufe im Sextabstand, dann auseinander laufend, Brahms, Rhapsodie Op.79 Nr.1, parallel in Oktaven,
was mir so noch einfällt: Liszt, Ungarische Rhapsodie Nr.15 die Kadenz (zur Zeit spiele ich eine eigene und umgehe damit die schnellen Läufe, geht ganz ordentlich), Chopin, Ballade Nr.1 die letzten zwei Seiten, Meyerbeer/Liszt: Schlittschuhläufer, Läufe im Sextabstand, Camille Saint Saens, die bekannte Etüde En Form de Valse (oder so ähnlich) usw. usf. - Liszt: Un Sospiro liegt bei mir schon jahrzehntelang ungelernt rum, die betreffenden Stellen werden auch dabei sein.

Wie gesagt, ich mache mir das betreffende Geschäft erst im neuen Jahr.
Was ich damit anfangen will ?
Zum einen allgemeines Interesse an Arbeitsmethoden.
Zum anderen hatte ich auch schon ähnliche Sammlungen von " schwierigen Stellen „ angelegt, die ich dann systematisch und zeitsparend immer wieder separat geübt habe. Das hat den Vorteil, dass ich viel weniger redundante Wiederholungen von bereits gut laufenden Sequenzen durchgespielt habe.
Dazu habe ich die entsprechenden Stellen mit meinem Tablet fotografiert und archiviert.
Vor dem Üben der entsprechenden Literatur kann man so die schwierigen Stellen sehr effektiv und vor allem zeitsparend und problemzentriert bearbeiten.
 
C

Cheval blanc

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Von Neil Stannard gibt es mehrere Bände mit „schwierigen“ Stellen der Klavierliteratur, hübsch nach Kategorien sortiert: The Pianist's Guide To Practical Technique ... (The Pianist's Guide To Practical ... Studies from Music You Want to Play)

Man sollte sich nur nicht der Hoffnung hingeben, daß man, wenn man all diese Stellen beherrscht, auch Klavierspielen kann ...
 
godowsky

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Darüberhinaus lassen sich derartig isolierte Motive auch einfacher zur geistigen Verankerung transponieren, spiegeln, überkreuz spielen oder auf vielfältige Art abwandeln. Auch die repetierende mentale Speicherung von Mustern kann man durch eine solche " Patternsammlung" ähnlich wie bei Vokabeln oder Idioms betreiben.
Diese kurzen Einheiten lassen sich auch gut mental üben.
Derartig erlernte Passagen kann ich mir dann sehr gut und lange merken.
 
Walter

Walter

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Von Neil Stannard gibt es mehrere Bände mit „schwierigen“ Stellen der Klavierliteratur, hübsch nach Kategorien sortiert: The Pianist's Guide To Practical Technique ... (The Pianist's Guide To Practical ... Studies from Music You Want to Play)

Man sollte sich nur nicht der Hoffnung hingeben, daß man, wenn man all diese Stellen beherrscht, auch Klavierspielen kann ...
So ein Werk erinnert mich an meine Schulzeit als Mathelehrer: ich habe meine Schüler fast nie aus Mathebüchern lernen lassen. Jeder Autor solcher Bücher ist gehalten, auf Vollständigkeit und Korrektheit zu achten. Aber: wer braucht schon die vielen Herleitungen oder Beweise? Der Vollständigkeitswahn macht den Lernstoff in Mathebüchern für Schüler sehr unübersichtlich und unhandlich. Dafür enthalten die neueren Lehrbücher oft ungeeignete bis keine Übungsaufgaben. Bei meinen Schülern entstand durch die Mitschriebe im Unterricht nach und nach ein eigenes Skript das genau das enthielt, was sie wirklich bis zum Abi brauchten. Von den vielen Übungsaufgaben mussten in der Prüfungsvorbereitung die meisten rausgeschmissen werden, nur die repräsentativen blieben zum Wiederholen drin.
Auch in der Zwischenprüfung in Mathe an der Uni waren alle Hilfsmittel zugelassen und jeder Student hatte sich sein persönliches "Kochbuch" zusammengestellt.

Also: besser lerne ich nach einer eigenen Zusammenstellung als in der "vollständigen Sammlung" zu wühlen. Abweichend davon kann ich beim Zusammenstellen noch ein paar Takte vor und nach der "Stelle" mitnehmen, wenn mir das dienlich erscheint.

Sollte mir meine eigene Stellensammlung als zu dünn vorkommen, kann ich jederzeit mit Etüden erweitern.

Walter
 
godowsky

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Von Neil Stannard gibt es mehrere Bände mit „schwierigen“ Stellen der Klavierliteratur, hübsch nach Kategorien sortiert: The Pianist's Guide To Practical Technique ... (The Pianist's Guide To Practical ... Studies from Music You Want to Play)
Vom Verfasser habe ich schon ein Buch gelesen, (Piano Technics demystified -> wohl ein recht gut gelungenes Exzerpt der Taubmann Tapes. Da kann man auch in YT einiges finden.) Das Buch hat mir gut gefallen und hatte für mich einige wirklich brauchbare Anregungen.
@Cheval blanc : besitzt Du die "Guides to practical technique" ? Da würde mich Deine Einschätzung interessieren.:-)
 
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