musikalische Virtuosität - virtuose Musik

rolf

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hallo,

ich habe diesen Faden eröffnet, um auf eine Eigenart von Musik aufmerksam zu machen: es gibt - und zwar sehr gute! - Musik, zu deren Aussage und Anliegen "Virtuosität" gehört. Musik, die ihre klangliche Aussage ohne die virtuosen Mittel gar nicht nicht ausdrücken könnte.

Ich meine damit nicht speziell verflucht schwierige Klavierstücke - ich meine Musik!

Um ein paar Beispiele zu geben:
Mozart: Zauberflöte, Arie der Königin der Nacht
Offenbach: Arie der Olympia (Hoffmanns Erzählungen)
Bach: einige der schnellen Goldbergvariationen
Bizet: Habanera aus der Oper Carmen
Wagner: Walkürenritt
Wagner: Orchestervorspiel Walküre zweiter Aufzug
Wagner: Walküre, Brünnhildes Arie (zweiter Aufzug)
Verdi: ah fors e lui & sempre libera (1.Akt) aus La Traviata
Verdi: celeste Aida (Arie des Radames, 1.Akt)
Ravel: La Valse
Ravel: Bolero
Johann Strauß jun.: Mit Donner und Blitz (Polka - am besten: Kleiber!!!)
Beethoven: "Eroica" erster Satz
Beethoven: Finale 7. Sinfonie
Paganini: Violinkonzert Nr. 1 D-Dur Finale
Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll
Schubert: Scherzo aus dem letzten Streichquartett G-Dur
Berlioz: Sinfonie fantastique, 4. & 5. Satz

Das sind zunächt Beispiele ohne Klavier, und gewiß lässt sich da noch sehr vieles anfügen.

Oft wird ja die "Virtuosität" der Interpreten kritisch beäugt - hier soll es aber nicht um diese, sondern um die der Musik selber als Qaulität innewohnende Virtuosität gehen! In diesem Sinne fände ich sowohl weitere Ergänzungen, als auch eine Diskussion, was denn die Virtuosität leistet (um diesen Aspekt von Musik zu verstehen und zu würdigen und zu akzeptieren!) erfreulich und anregend.

Gruß, Rolf
 
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Gomez de Riquet

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Hallo, Rolf!

Das ist ja mal eine schöne Frage - in gewisser Weise komplementär
zu dem Thread "Gibt es gute Musik gegen das Klavier?",
mit dem ich eine Diskussion hatte eröffnen wollen,
die leider nie zustandegekommen ist.

Ich hatte von Musik gesprochen, die sich alle Virtuosität verbietet
und gerade durch Verzicht, durch Reduktion der technischen Mittel wirkt -
Dir geht es dagegen um Virtuosität als Ausdrucksträger.
Letzteres ist wichtig, um den Begriff der Virtuosität überhaupt retten zu können.
Denn die Virtuosität ist in Verruf gekommen, fast schon synonym mit "leerer Virtuosität",
dem zirkusartig-akrobatischen Zurschaustellen technischer Fertigkeiten.
Die Schuld an diesem im 19.Jahrhundert auftretenden Phänomen
tragen gleichermaßen Komponisten, Interpreten und
ein für diesen Schau- und Hörreiz leider anfälliges bürgerliches Publikum.

Bei der von Dir angesprochenen Virtuosität ist noch zu unterscheiden:

Erstens - die technische Schwierigkeit ist Folge der Komplexität des musikalischen Materials.
Zur kompositorischen Ausgestaltung ist sie so unumgänglich wie zur
Realisierung der dahinterstehenden Idee. Der ungeheuere Ambitus,
die Sprünge und Koloraturen in Mozarts Arie der "Königin der Nacht"
sind kein Selbstzweck, sondern die kompositorische Idee selbst.
Zugleich kommen darin die (scheinbare) Unbesiegbarkeit, die Machtfülle
und das Dämonische der Königin der Nacht zum Ausdruck.

Zweitens, nicht zu vergessen: Das Bürgertum war einmal eine revolutionäre Kraft,
und im Virtuosen, in seinem Wettstreit mit wie in seiner Vorreiterfunktion
gegenüber dem Orchester (dem Kollektiv) sah es sich gespiegelt -
in vielen Solo-Konzerten der Neuen Musik hat sich das ins Gegenteil verkehrt:
Dort vertritt der Virtuose die Stimme des Einzelnen gegen ein (bedrohliches)
Kollektiv; Beispiel: Petruschka, 2.Bild.

Drittens, nicht zu vergessen: Die Virtuosität des Komponisten,
von der Alban Berg anläßlich seines Kammerkonzerts einmal geschrieben hat:
daß auch der Komponist eine elementare Freude daran hat,
sein Können unter Beweis zu stellen.

Es wäre schön, wenn eine rege Diskussion hierüber in Gang käme.

Herzliche Grüße!

Christoph
 
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pppetc

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Moinmoin

Die Schuld an diesem im 19.Jahrhundert auftretenden Phänomen
tragen gleichermaßen Komponisten, Interpreten und
ein für diesen Schau- und Hörreiz leider anfälliges bürgerliches Publikum.
Das allerdings genau in dem Moment zu streiken beginnt, wo einer
hergeht und ernstmacht:

Beethovens großartige Konzeption - vom Einklang zur Sprengung des
Tonraums - seines Streichquartetts No.13 B-Dur, das als letzten Satz die
dann abgekoppelte Große Fuge hatte. Und nicht zufällig findet sich hier,
unmittelbar vor dem Schluß, eines der wunderbarsten "Stücke" Musik,
die jemals aufgeschrieben wurden: Cavatina


"Den Zeitgenossen Beethovens galt die Fuge -....- als 'unverständlich
wie Chinesisch', wie der Rezensent der Allgemeinen musikalischen
Zeitung es ausgedrückt hat,...."

aus dem Vorwort zum Urtext, Studien-Edition - G.Henle Verlag, München​

Viele Grüße

stephan
 
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Yannick

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es gitb wohl einfach sphären in der musik ihre ganze schönheit entfalten kann, die nur durch virtuosität zu erreichen sind ...
 
Faulenzer

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PUCCINI: "Vissi d'arte" from Tosca
PUCCINI: II Trittico Fantasy
DEBUSSY: The Death of Melisande from Pelleas et Melissande
BELLINI: "Casta diva" from Norma
 
K

kristian

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Wenn wir schon beim Gesang sind, dann hier noch was vom guten J.S. Bach:

Die beiden Ecksätze der Sopran-Solo Kantate BWV 51 "Jauchzet Gott in allen Landen"

Hier setzt Bach dem Sopran (sicherlich eine der virtuosesten Gesangspartien von ihm) als Instrument die Trompete gegenüber. Mir ist keine weitere Kombination Sologesang-Trompete bei ihm bekannt.

Grüße,
Kristian
 
rolf

rolf

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oh ja!!

der komplette erste Akt der Turandot (speziell für das Orchester)

natürlich auch "nessun dorma"!!!

che gelida manina (la Boheme)

das große Liebesduett aus La Boheme

dito aus Madame Butterfly

Die große Arie der Cho-Cho-San (Madame Butterfly)

Wagner: Liebestod (Orchester und Sopran)

Wagner: Trauermarsch (Götterdämmerung)

Delibes: Glöckchenarie aus Lakme

J. Strauss jun.: "Klänge der Heimat" aus der Fledermaus!!!

Gruß, Rolf
 
rolf

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zu dem fällt mir noch ein aberwitziges Virtuosenstück für Orchester ein, ja eine wahre Glanz- und Bravouretüde für Orchester:
die Polka "mit Donner und Blitz
und diese am besten gebracht mit Carlos Kleiber am Pult - phänomenal!!!

Ich weiss nicht, wie Kleiber allein die Bläser zu dieser Präzision im extremen Tempo getrimmt hat - es ist atemberaubend! Man höre dagen mal eine Aufnhame mit Karajan an...
 
Faulenzer

Faulenzer

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noch mehr wirklich gute und ausdrucksstarke Musik :cool:

Mozart: Ouvertüre Figaro unbedingt!!!

Ballett
Tschaikowsky: Nussknacker (arabischer Tanz)
Tschaikowsky: Walzer (aus Schwanensee)
Tschaikowski: Blumenwalzer
Offenbach: Gaite parisienne (Vivo - Baracole - Allegro moderato)
Lortzing: Zar und Zimmermann (Holzschuhtanz)
Verdi: Aida (Ballettmusik II Akt)
Khatchaturian: Gayaneh (Säbeltanz)
Smetana: Die verkaufte Braut

Oper
Gounod: Romeo et Juliette
Rossini: II barbiere di Siviglia (Largo al factotum)
Mozart: Zauberflöte (dies Bildnis ist bezaubernd schön)
Mozart: Die Entführung aus dem Serail
Verdi: La Traviata
Verdi: Aida
(ich lass die CD im Player und geniesse ... )

Symphonien
Beethoven: Nr. 5 c-moll op. 67 (Allegro)
Beethoven: Nr. 9 Allegro assai - Alla marcia ...
Schubert: Nr. 8 h-moll D 759 (Unvollendete)
Schumann: Nr. 1 B-Dur op. 38 (Frühlings-Symphonie)
Bruckner: Nr. 4 Es-Dur "Romantische"

Klavierkonzerte
Tschaikowski: Nr. 1 b-moll op. 23
Beethoven: Nr. 5 Es-Dur op. 73
Mozart: Nr. 21 C-Dur KV 467


puh ... mal durch-atmen sollte vorerst reichen

ist auch nichts doppeltes hier angeführt ?

:cool:
 
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rolf

rolf

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hallo Faulenzer,

bei mir rennst Du mit Deiner Ergänzungsliste offene Türen ein!!! :D

ja, Rossini - und largo al factotum ist herrlich!!!

Danke, dass Du Rossini erwähnt hast - sofot fallen mir seine Ouvertüren ein, ganz besonders die zu "Wilhelm Tell" und "diebischer Elster"!

...Aida und La Traviata hatte ich schon erwähnt - ich ergänze noch um die maurische Arie der Eboli in Don Carlo und um die "Wahnsinnsarie" der Lady Macbeth aus der Oper Macbeth

Ganz besonders freut mich, dass Du Zar und Zimmermann erwähnst - ob es nun sehr virtuos ist, oder nicht (eher nicht so sehr), aber dort ist die komische Szene WHeil sei dem Tag an welchem Ihr bei uns erschienen" ein ganz besonders reizvoller Abschnitt.

Und Tschaikowskis Ballette - oh ja!! Da gibt es virtuoseste Reisser für Orchester!!!

Ob die Schubert-Sinfonien und die von Schumann wirklich virtuos wirken - ich weiss nicht so recht. Ausdrucksstark und klasse sind die - aber sind sie auch virtuos? Bei Sinfonien würde ich da eher Berlioz nennen.

eines verstehe ich nicht: was suchen Schuberts Impromptus bei Klavierkonzerten?

lassen wir Klaviermusik lieber vorerst außen vor: die Gefahr, dass man sich dann einzig um die virtuosen Fähigkeiten der Interpreten kümmert, halte ich für zu groß. Mir ging es beim Faden Erstellen um virtuose Musik, also Musik, zu deren Wirkung notwendig auch Virtuosität gehört - nicht um das virtuose Ausführen solcher Musik.

mir fallen noch ein paar Ergänzungen ein:
Liszt: Les Preludes
Mussorgski: Nacht auf dem kahlen Berg
Strawinski: Le Sacre du Printemps
Ravel: La Valse

Gruß, Rolf
 
Faulenzer

Faulenzer

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ich weiß, Du wolltest keine Klavier|musik - ich konntes mir nicht verkneifen, dennoch gute davon mit reinzunehmen.
was der Schubert sich schon wieder überall rumlümmel muss ... tsts ..., hab ihn entfernt - Danke Rolf :cool:

Virtuos vorerst genug

Chabrier: Espana
Vivaldi: seine Jahreszeiten!
Brahms: Ungarischer Tanz

herzliche Grüße Faulenzer
 
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Gomez de Riquet

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Thema verfehlt - setzen - sechs

Guten Morgen!

Nicht daß ich hier als Nörgler und Spielverderber erscheine,
aber im Moment kommt es mir so vor, als ob Top-Ten-Classics-Listen
referiert würden - wogegen nichts zu sagen ist,
außer daß Rolfs Fragestellung unbeachtet bleibt.

"Dies Bildnis ist bezaubernd schön" als Beleg für kompositionstechnische
oder interpretatorische Virtuosität anzuführen - das möchte ich nicht kommentieren,
aber ich bitte um einen begründenden Kommentar.

Nicht alles, was kompositionstechnisch gelungen ist, ist auch virtuos.
Rolf fragte nach der Bedeutung der Virtuosität in der Musik,
und ich wünschte mir, es gäbe dazu noch mehr Stellungnahmen.

Herzliche Grüße,

Christoph
 
Clavifilius

Clavifilius

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Guten Morgen! :-)


Nicht daß ich hier als Nörgler und Spielverderber erscheine,
aber im Moment kommt es mir so vor, als ob Top-Ten-Classics-Listen
referiert würden - wogegen nichts zu sagen ist,
außer daß Rolfs Fragestellung unbeachtet bleibt.

"Dies Bildnis ist bezaubernd schön" als Beleg für kompositionstechnische
oder interpretatorische Virtuosität anzuführen - das möchte ich nicht kommentieren,
aber ich bitte um einen begründenden Kommentar.

Nicht alles, was kompositionstechnisch gelungen ist, ist auch virtuos.
Rolf fragte nach der Bedeutung der Virtuosität in der Musik,
und ich wünschte mir, es gäbe dazu noch mehr Stellungnahmen.
Ich verfolge diesen Faden mit ähnlichen Gedanken wie Gomez.

Die Fragestellung des Thread-Erstellers ist bislang noch gar nicht diskutiert worden. Allerdings erscheint eine Diskussion auch problematisch, solange die Bedeutung der Frage ungeklärt ist. Wir haben zwar alle ein gewisses Vorverständnis davon, was "Virtuosität" oder "musikalische Aussage" bedeuten, aber es ist nicht wirklich klar, was damit gemeint ist und ob wir alle dasselbe darunter verstehen.
Insofern erscheint es etwas voreilig, Musik-Listen aufzustellen, ohne vorher die inhaltliche Frage zu klären, was "virtuose Musik" überhaupt sein soll.

Eine konstruktive Anmerkung zum Schluss: Möglicherweise handelt es sich bei einer "musikalischen Aussage" darum, dass der Komponist bestimmte Wirk- und Gestaltungsabsichten hatte, die in der Komposition dargestellt werden. Beispielsweise hatte er die Absicht, dass das Stück sehr schnell gespielt werden soll, um bestimmte Effekte beim Hörer zu erzielen. "Schnelligkeit" ist natürlich nicht das einzige Merkmal von "virtuoser Musik". Mir geht es hier nur um den Punkt, dass diese Merkmale "virtuoser Musik" meines Erachtens Wirk- und Gestaltungsabsichten des Komponisten sind, die entweder im Notentext enthalten sind (beispielsweise durch Tempoangaben etc.) oder indirekt erschlossen werden müssen (z.B. Rückschlüsse aufgrund anderer Werke oder zeitgenössischer Aufführungspraxis etc.).

"Virtuose Musik" wären demnach Kompositionen, bei denen die "Virtuosität" (was immer das auch ist) vom Komponisten intendiert wurde - im Gegensatz zu einer lediglich virtuos aufgeführten Musik, bei der die "Virtuosität" bloßer Zusatz des Interpreten ist.
 
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chiarina

Guest
Guten Morgen!

Nicht daß ich hier als Nörgler und Spielverderber erscheine,
aber im Moment kommt es mir so vor, als ob Top-Ten-Classics-Listen
referiert würden - wogegen nichts zu sagen ist,
außer daß Rolfs Fragestellung unbeachtet bleibt.

"Dies Bildnis ist bezaubernd schön" als Beleg für kompositionstechnische
oder interpretatorische Virtuosität anzuführen - das möchte ich nicht kommentieren,
aber ich bitte um einen begründenden Kommentar.

Nicht alles, was kompositionstechnisch gelungen ist, ist auch virtuos.
Rolf fragte nach der Bedeutung der Virtuosität in der Musik,
und ich wünschte mir, es gäbe dazu noch mehr Stellungnahmen.

Herzliche Grüße,

Christoph

Hallo,

ich frage mich schon die ganze Zeit, was Virtuosität in der Musik eigentlich ist. Und welche von den Bedeutungen, die man kennt, ist vorrangig?

Da ich keine Musikwissenschaflerin bin, können sich dazu andere sicher qualifizierter äußern. Interessant wäre auch, von z.B. sla019 etwas mehr über die Herkunft dieses Wortes zu erfahren (kommt es von Können? - lat. virtus = Tapferkeit, Tüchtigkeit?).

Aber so wie ich auch Rolf verstanden habe, meinen wir hier Stellen/Stücke, die entweder besonders schwer zu spielen oder außergewöhnlich und in besonderer Weise komponiert sind. Aber was zählt dann genau zu Punkt 2?
Muss man Virtuosität nicht auch im Kontext der jeweiligen Zeit betrachten. Waren die meisten der Kompositionen Beethovens nicht geradezu unerhört und sehr virtuos komponiert ( auch in ihren technischen Ansprüchen) für seine Zeitgenossen? Aber aus unserer Sicht gab es später natürlich durchaus virtuosere Musik. Mindert das den Anspruch auf die Virtuosität Beethovenscher Werke?

Tja, mal wieder viele Fragen, wenig Antworten. Aber vielleicht kann folgende Episode das ausdrücken, was ich unter Virtuosität verstehe:

Bei einer höchst profanen Tätigkeit, nämlich Flaschen in einen Altglascontainer zu werfen ( auch das muss mal sein ;) ), hörte ich im Auto nicht gerade leise die Dante-Sonate von Liszt. Ich hatte also, während ich die Flaschen einwarf, das Auto offen stehen ( ich wollte nämlich nichts von der Musik verpassen!). Eine Frau kam just bei einer der virtuosesten und lautesten Stellen vorbei und erschrak sich ganz fürchterlich. Den Blick, den sie mir zuwarf, werde ich nie vergessen - ich bin sicher, sie hatte in ihrem Leben noch nie solche Musik gehört und glaubte für einen Moment, der Teufel höchstpersönlich sei mitsamt der Hölle gekommen und hinter ihr her! Im nächsten Moment wurde ihr klar, dass es "nur" Musik war, was sie hörte, aber sie war immer noch geschockt, dass es überhaupt solche Musik gab! ....

Virtuosität hat für mich also viel mit Staunen zu tun. Wie aber kann man sie dann definieren?

Viele Grüße

chiarina

P.S. Habe gerade einen Artikel gefunden "Virtuosität als Gegenstand der Musikwissenschaft" von Heinz von Loesch ( wer auch immer das ist). Habe ihn aber noch nicht gelesen. Hier der Link
www.sim.spk-berlin.de/uploads/03-forschung-praxis/simpk_kub01_gegenstand.pdf
 
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pppetc

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Moin

Die Fragestellung des Thread-Erstellers ist bislang noch gar nicht diskutiert worden.
Da möchte ich leise widersprechen: Ich hatte zumindest einen kleinen
Versuch gemacht.

Mir scheint, daß das "Publikum" einen eigenartig zielsicheren Instinkt
besitzt, "virtuoses Komponieren" zu orten und - nicht anzuerkennen.

Die Ablehnung, die Beethovens dreizehntem Steichquartett begegnete,
findet sich wieder beispielsweise bei der Uraufführung von Alban Bergs
Altenbergliedern: einem der "größten" Musik-Skandale, die uns überliefert
sind.

Als einen Aspekt der Betrachtung könnte man soetwas schon in die
Diskussion mit aufnehmen?

Herzliche Grüße

stephan
 
Faulenzer

Faulenzer

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Hallo Gomez de Riquet, Clavifilius, pptec und chiarina!

Eine zurecht gestellte Bemerkung, die bedauerlicherweise ich nicht beachtet habe.

Wie kann oder wird nun Virtuosität auf einen Punkt gebracht - wie soll es definiert werden?!
Welche ich für meinerseits so beantworten möchte:

chiarina erwähnt, für sie hat Virtuosität mit Staunen zu tun. Dem möchte ich noch was ergänzen; Beethoven schaffte trotz seines Gehörleidens, den Tonumfang in seiner Vollständigkeit perfekt auszuschöpfen (siehe anhand seiner Sinfonien). Für mich ist das absolutes Können = Meisterhaft. Dann erlaube ich mir ihn als Virtuos bezeichnen zu dürfen.

Andere Anforderungen, welche Werke / Stücke eines Komponisten zu bieten haben (mit und ohne Gesang), obliegt in der Kunst und Technik des einzelnen Interpreten (schwierige Passagen, Tempo usw.), dieses musikalisch umzusetzen.

So definiere ich für mich Virtuos.

:cool:
 
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Ambros_Langleb

Ambros_Langleb

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Hallo Chiarina,

Interessant wäre auch, von z.B. sla019 etwas mehr über die Herkunft dieses Wortes zu erfahren (kommt es von Können? - lat. virtus = Tapferkeit, Tüchtigkeit?)
also in groben Zügen:

1. `vir-tus' (Abstraktum zu vir "Mann") ist ursprünglich alles, was typischerweise ein Mann (in der archaischen Adelswelt) tut oder tun können sollte: raufen, saufen, jagen und andere respektheischende Verrichtungen; ein bisserl netter ausgedrückt: virtus ist "Tatkraft" (eines Mannes, versteht sich; Frauen haben - ursprünglich - keine virtus).

2. Unter dem Einfluß des Kulturkontakts mit den Griechen fangen die Römer dann aber an (so im 2. J.v.Chr.), ihre alte Robustheit ein wenig (!) zu verlieren und unterlegen dem Wort "virtus" den Inhalt des griechischen Tugendbegriffs `areté'. `Areté' ist sehr viel abstrakter als `virtus' - es gehört zu `áristos' (der beste) und meint das Optimum an Leistungsfähigkeit - wessen auch immer; das Wort läßt sich also auch von Frauen und von Gegenständen verwenden: wenn Homer von der Areté eines Messers spricht, meint er halt, daß es gut schneidet. `Virtus' hat nun, als Ergebnis des Kulturkontakts, nebeneinander die alte Bedeutung "Tatkraft" und die neue Bedeutung "optimale Leistungsfähigkeit", "Tugend" eben. Zu `virtus' wird in der Spätantike ein Adjektiv `virtu-osus' gebildet, davon wiederum ein Abstraktum `virtuositas' (Grundlage unseres Worts Virtuosität).

3. Die beiden Wörter sind dann mit beiden Bedeutungen ins Italienische übergegangen: `virtú' ist a. "Tugend" und b. "hoher Grad an Fähigkeit, Wirkungskraft", `virtuoso' ist a. "tugendhaft" und "hochgradig fähig zu etwas". Jetzt brauchen wir nur noch den letzten Schritt: das Adjektiv wird, wie so oft, substantiviert - `un virtuoso' - und behält dabei beide Bedeutungen, und zwar bis heute; so steht z.B. im Wb. von Zingarelli:

virtuoso s. m. (f. -a)
1 Chi pratica il bene, la virtù: essere un virtuoso; atteggiarsi a virtuoso.
2 Chi conosce perfettamente un'arte, una scienza o una data attività, ed è in grado di usare con assoluta padronanza e abilità tutti i mezzi tecnici inerenti all'esercizio della stessa: un virtuoso del violino, del pennello, del bel canto, della penna; un virtuoso del pallone, del volante.
Man kann es also in Bed. 1 von guten Katholiken und anderen Tugendbolden, in Bed. 2 von guten Pianisten sagen.

4. Auf dem Weg vom Italienischen ins Deutsche (im 17. Jh.) hat das Wort die Bedeutung 1 abgeschüttelt (Rolf wird das sicher gerne hören ;)), weswegen wir unter einem Virtuosen nur den perfekten Pianisten oder kreislerschen Triangler verstehen. Und auf diesem Weg hat sich auch die Bedeutungs`verschlechterung' "bloßer Virtuose" verfestigt. Das kann man im Internet im grimmschen Wb. nachlesen (http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/):

aus it. virtuoso, seit dem ende des 17. jhs.
aufkommend: un virtuoso [...] wird in Italien von
sprach- und exercitienmeistern, poeten, operateurs, alchimisten,
musicanten, mahlern, bildhauern und dergl. gesagt; un gran virtuoso,
ein groszer, hochbegabter künstler

[...]

in ital. form: ich will dich nur zu einem
gröszern virtuoso machen WIELAND 29, 24 (1840);

[...]

das wort hat seinen gebrauch in sehr eigenthümlicher weise
verändert. als grundbedeutung gilt jetzt durchaus die musikalische;
wenn virtuos auch in freiester weise auf alle möglichen gebiete
übertragen wird, so empfindet man doch immer die engere bedeutung mit,
und diese wird ohne weiteres angenommen, wenn keine nähere bestimmung
dabei steht. ferner kann sich die bedeutung in neuerer sprache
leichter verschlechtern. ansätze zur verschlechterung sind von anfang
an da, als vom italienischen her die vorstellung des zurschaustellens
des könnens sich leicht mit dem worte verbindet. [...] sehr oft wird gerade in
neuerer zeit der virtuos dem künstler gegenübergestellt, als der zwar
das technische in aller vollkommenheit beherrschende, aber der
auffassung und des genius ermangelnde.
Was kann man daraus für die aktuelle Bedeutung von "virtuos" etc. lernen? Altfränkisch ausgedrückt: ja nix halt. Etymologie kann zwar z.B. zeigen, wie sich ein Wort, wie hier, von einer Ausgangsbedeutung, die sozusagen noch Stallduft verströmt, zu einem ästhetischen Begriff entwickelt; zur Analyse der aktuellen Wortbedeutung hat sie nicht viel beizutragen. Aber unter Klavierliebhabern ist ja zweckfreies Wissen wohl noch keine Schande.

Schönen Gruß,

Friedrich
 
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Clavifilius

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Was kann man daraus für die aktuelle Bedeutung von "virtuos" etc. lernen? Altfränkisch ausgedrückt: ja nix halt. Etyomologie kann zwar z.B. zeigen, wie sich ein Wort, wie hier, von einer Ausgagnsbedeutung, die sozusagen noch Stallduft verströmt, zu einem ästhetischen Begriff entwickelt; zur Analyse der aktuellen Wortbedeutung hat sie nicht viel beizutragen. Aber unter Klavierliebhabern ist ja zweckfreies Wissen wohl noch keine Schande.
:D Sehr schön! Da hat jemand nicht bloß ausgezeichnete Fachkenntnisse, sondern auch eine gehörige Portion Humor.
Es stimmt natürlich, dass die Etymologie nichts leistet für die Analyse der aktuellen Wortbedeutung. Aber es war sehr amüsant, diesen Beitrag zu lesen. :)


@ Faulenzer: Der Hinweis darauf, dass Beethoven trotz Taubheit den "Tonumfang in seiner Vollständigkeit perfekt" ausgeschöpft habe (was immer das genau bedeutet), leistet auch nicht viel zur Klärung des Begriffs.
Aber Du scheinst Beethoven zu mögen - und das finde ich sympathisch. :)

@ pppetc: Ja, stimmt, das Publikum versteht künstlerische Intentionen oft nicht. Allerdings ist mangelndes Verstehen ein ganz alltägliches Phänomen. Wann immer Menschen miteinander kommunizieren, können Missverständnisse auftreten. Und auch die Kunst betrachte ich als eine Art von Kommunikation.
 
Faulenzer

Faulenzer

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Hallo Clavifilius!

ganz klein-laut gebe ich zu - ja richtig erkannt :cool: ich bin Beethovenfan

Sicher mag der Begriff "Virtuos", den ich für mich persönlich wie oben bereits genannt, für den einen oder anderen nicht nicht auf den Punkt gesetzt erklärbar sein. Meine Ansicht ist, dass jeder eine andere Vorstellungskraft von ausdrucksstarker und guter virtuoser Musik hat. Ich kann die Virtuosität nicht verallgemeinern, sondern nur für mich so erklären, wie ich dabei empfinde und fühle. Ich bin mir sicher, dass noch weitere gute Argumente in diesen Thread des "Fragenstellers" einfliessen werden. Da darf ich mich jetzt schon gespannt darauf freuen, wie andere es sehen.

liebe Grüße Faulenzer
 
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