Gibt es einen Schiedmayer-Klang?


Hellas
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Im März 2021 schickte uns die KL unserer Tochter einen Link zu einem kleinen Flügel, der zum Verkauf stand. Es war das erste Mal, dass ich aktiv über die Anschaffung eines Flügels nachdachte. Bisher waren wir ganz gut mit unserem Grotrian-Steinweg-Klavier zurecht gekommen, dass auch unser Klavierstimmer für gut befunden hatte. Nun hatte sich die Situation allerdings etwas geändert, da ich zum Jahresbeginn nach 28 Jahren Pause das erste Mal wieder Klavierunterricht bekommen hatte. Der Nachwuchs kommt auch in das Alter, wo man ein gutes Instrument nach einigen Jahren Klavierunterricht auch besser zu schätzen weiss. Also ein Flügel - warum nicht?

Die erste Begegnung war ein Flop. Der Verstimmtheitsgrad liess uns zurückschrecken und als dann auch unser Klavierstimmer bei einem zweiten Besuch dabei war und von einem Kauf abriet, war alles klar: dieser nicht. Danach begannen meine Nachforschungen im Internet zum Thema Flügel mit Google, Youtube, Registrierung bei Clavio und diversen Anzeigenmärkten. Das ging über Monate so weiter. Gleichzeitig nahmen wir aber auch jede Gelegenheit wahr, gebrauchte Flügel von Privat auszuprobieren. Das Angebot ist bei uns nicht so üppig, deshalb waren es noch nur noch einige Instrumente mehr, die wir angespielt haben. Dazu noch Kontaktaufnahmen zu einigen Verkäufern, von denen wir Klangproben erhalten haben.

Am Ende, zwischen dem ersten Reinfall und dem Einzug des Flügels bei uns zu Hause lagen immerhin sechs Monate, haben wir uns für einen Schiedmayer & Soehne mit einer Länge von ca. 175 cm aus dem Jahr 1900 entschieden. Der Flügel stand fast 30 Jahre unbenutzt in einem Wohnzimmer und diente hauptsächlich als Deko-Objekt. Er klang verstimmt und es schepperte. Zum Glück (fast) nur das Set an Mokkatassen, das auf dem Flügel stand :) Nachdem wir ihn öffnen durften, machte sich ein ganz neues Klangbild bemerkbar! Und die Optik erst! Das Innenleben sah aus, wie aus dem Ei gepellt. Wie frisch vergoldet, mit neuen Filzen, neuen Saiten, usw. Der Flügel war etwa 1978 aufwändig renoviert worden und diente einem Organisten als Übungsinstrument zu Hause. Für ihn waren wohl damals Gewichte eingesetzt worden, um vom Gewicht her eine Orgelanschlag zu imitieren. Nach seinem Tod wurden die Gewichte wieder entfernt, so dass andere Klavierspieler wieder "normal" spielen konnten.

Für sein Länge hat der Schiedmayer-Flügel einen ansprechenden Bass. Der Diskant klingen in meinen Ohren etwas scharf und metallisch. Da sollte doch ein Klavierstimmer durch intonieren etwas machen können, oder? Es gibt aber noch eine andere Frage, die mir durch den Kopf geht. Gibt es einen besonderen Schiedmayer-Klang, den man anstreben sollte, wenn der Flügel reguliert und intoniert wird? Oder ist der originale Schiedmayer-Klang eh durch die Renovierung in den 70ern schon hinüber?

Ich fand die Mechanik selbst recht schwergängig und ungleichmässig. Mit Münzen konnte ich einige Tastengewichte ausmessen. Im Mittelbereich lag das Gewicht so bei 59-63 Gramm. Vom Klavierstimmer am vorherigen Standort haben wir uns aber versichern lassen, dass sich die Ungleichmässigkeiten ausmerzen lassen, wenn die Mechanik komplett reguliert wird. Darauf vertrauen wir jetzt und unser eigener Klavierstimmer kommt in der nächsten Woche, um sich des Flügels das erste Mal anzunehmen. Falls ihr Tipps habt, worauf man selbst achten könnte oder worum man den Klavierstimmer bitten sollte, dann lasst sie doch bitte hören.

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende!

Hellas
 
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Hier einige Fotos zum Schiedmayer-Flügel
 

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Weiss jemand, warum man unter den Resonanzboden ein Schaumstoffstück eingequetscht hat (Bild P1033794)?
 

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agraffentoni
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:idee: Herausnehmen und hören, ob was scheppert oder rasselt.
 
virtualcai
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Toller Flügel, hoffentlich schepperfrei. Ich habe einige Jahre auf einem Schiedmayer mit 190cm Länge aus der gleichen Zeit gespielt. Einen Schiedmayer-Klang gibt es mE schon, aber da muss man dem Klavierbauer nichts sagen: ein guter Fachmann wird aus dem Flügel das herausholen, was konstruktiv drinnen steckt. Ähnliches gilt für eine fachgerechte Renovierung. Ich halte es für möglich, dass 1978 neue Hammerfilze aufgebracht wurden, aber nie (ungenügend) intoniert wurde.
 
virtualcai
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Video gesehen, klingt ja super, gar nicht so verstimmt für 30 Jahre. Wie vermutet klingen die Filze sehr hart, da sollte mit Intonation noch sehr viel möglich sein.
 
Hellas
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Das hoffe ich auch. Am Donnerstag kommt unser Klavierstimmer und dann gehen wir das Instrument mal gemeinsam durch und klären alle Optionen. Danke für das Feedback!
 

virtualcai
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Stimmt, das war nicht so schlau ausgedrückt, ich meine keinen erkennbaren Schiedmayer-Klang oder gar keine Marken, die unterscheidbar wären, sondern nur individuelle Flügel.
 
SternimMeer
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Herzlichen Glückwunsch, ein schöner Flügel! Schön, dass ein altes Instrument aus deutscher Herstellung eine neue Heimat gefunden hat und gewürdigt wird.

Ist die Position im Raum bereits final?
Sind da Risse im Resonanzboden oder täuscht das Foto?

Viel Freude daran!
 
Hellas
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Ist die Position im Raum bereits final?
Sind da Risse im Resonanzboden oder täuscht das Foto?
Danke schön! Die Geschichte des Flügels seit 1978 ist bekannt und war mit ein Grund, warum wir uns für ihn entschieden haben. Leider gibt es die Klavierbaufirma aus Helsinki von damals nicht mehr, so dass die frühere Geschichte für uns erstmal im Dunklen bleibt.

Die oben gezeigten Fotos sind aus dem früheren Standort des Flügels. Die Position bei uns ist vorerst wahrscheinlich final, auch in einer Ecke. Unser Wohnzimmer muss noch weiteren Funktionen dienen und ein Klavier steht auch noch drin. Nun können wir aber endlich Stücke für 2 Klaviere auch zu Hause üben :-)

Und es gibt Risse im Resonanzboden, die für uns aber keine Rolle spielen. Wir hören sie nicht.
 
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Der Schiedmayer-Flügel wurde vor gut 10 Tagen genauer untersucht. Der Bereich zwischen e'-h' wurde zur Probe neu eingestellt, wodurch die Hämmer jetzt ein paar Millimeter näher an den Saiten stehen (s. Foto ...662.jpg). Ich merke jetzt schon, wie bei diesen Tasten der Anschlag leichter und ein pianissimo besser zu erreichen ist. Beim nächsten Besuch unseres Klavierstimmers in zwei Wochen soll dann die komplette Mechanik so reguliert werden.

Das Scheppern der letzten Basssaite ist nun auch weg. Sie wurde ausgehängt, gedreht und wieder eingehängt.

Ein Ton klang matter als die Nebentöne. Das lag daran, dass die mittlere Saite des Chores tiefer lag und die Aussensaiten gar nicht vom Hammer angeschlagen wurden. Die mittlere Saite wurde mit einem Haken höher gezogen und jetzt liegen alle Saiten des Chores plan.

Weiter oben hier im Faden wurde schon vermutet, dass der Flügel eventuell nie intoniert worden sei. Das ist gut möglich, auch unser Klavierstimmer war dieser Meinung. Jetzt wurde im Diskant schon ein bisschen vorintoniert. Keine Ahnung, ob es jetzt Einbildung ist, aber für meine Ohren ist die gröbste Härte im Klang schon weg. Ich verlinke später noch das nächste Video von Fräulein Schiedmayer, wo man den Jetzt-Zustand mit früher vergleichen kann.

Kann man anhand der Fotos sagen, von welcher Firma die Hämmer sind (eingebaut ca. 1978)? Unser Klavierstimmer vermutete Abel.

Eine Besonderheit war noch die schwarze Vorderleiste unter den Tasten, die einfach runterklappen kann und an Scharnieren am Flügel hängt (Foto ...678.jpg). Kennt ihr noch andere Marken, die dieses Merkmal aufweisen?

Bin gespannt, wieviele Tage unser Klavierstimmer mit dem Flügel zubringen wird, aber ich freue mich schon auf das Endergebnis :)
 

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Der Gerät hört sich ja wunderbar an. Da frage ich mich doch schon sehr, ob die Länge eines Flügels in einer Wohnung nicht doch zu sehr überbewertet wird. Aber klar, ich als Laie kann nur Vermutungen anstellen. :005:
 
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Die Suche nach dem Schiedmayer-Klang geht weiter ;-)
Heute wurde der Flügel elf Stunden lang gewartet, reguliert und nochmals gestimmt. Ich bin einfach überwältigt, was sich darauf für ein neues Spielgefühl ergeben hat! Und auch der Klang kommt mir besser vor, jetzt wo das Instrument in etwas das hervorbringt, was ich beabsichtige. Ein paar Sachen muss ich mir jetzt allerdings wieder abgewöhnen, nachdem ich mich ein paar Wochen auf die Besonderheiten des Instruments eingestellt hatte.

Wenn ich es zeitlich schaffe, verarbeite ich die Wartungsschritte noch in einem zukünftigen Video. Hier aber ein ganz frisches Klangbeispiel von heute:

https://www.youtube.com/watch/?v=jii_biFeSpk
 
 

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