Gehör: Kleine und große Terzen sicher unterscheiden können – Übungsvorschläge

Felix

Felix

(ehemals Datenvegetarier)
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Ich hab mal Snowboard ausprobiert und bin die schwarze Piste weitgehend auf dem Hintern runtergefahren.
Mußte bei Konzertklopper irgendwie daran denken.
 
chiarina

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Na hab' ich's doch geahnt. Also:

Es ist eben nicht so, dass jeder alles bis zu einem brauchbaren Niveau lernen kann. Das ist, ich muss es so deutlich sagen, zeitgeistige Legendenbildung.
Ich z.B. könnte mich viele Jahre intensiv mit Geräteturnen beschäftigen, ohne jemals auch nur ansatzweise ein erträgliches Niveau zu erreichen.
Klavierspielen, Turnen, Skifahren usw. sind hochkomplexe Tätigkeiten, zu deren guter Beherrschung tatsächlich geeignete Grundvoraussetzungen gehören. Hier kommt das böse böse Wort von "Talent" ins Spiel.
Ich freue mich ja über jeden, der sich mit Musizieren beschäftigt, bin aber immer wieder erstaunt, dass bei mäßigen oder ausbleibenden Fortschritten so selten nach Alternativen gesucht wird. Viele Menschen kennen offensichtlich ihre wirklichen Begabungen gar nicht.
Lieber schmickus,

wenn ich dich recht verstehe, sprichst du jemandem, der nach ein "paar wenigen Gehörbeispielen" keine große von einer kleinen Terz unterscheiden kann, ab, Klavierspielen bis zu einem brauchbaren Niveau zu lernen.

Dabei stellen sich mir mehrere Fragen:

Erstens frage ich mich, was ein brauchbares Niveau ist, insbesondere für Hobbyspieler, um die es hier geht.

Zweitens frage ich mich, wieviel Begabung überhaupt nötig ist, um zu einem "brauchbaren" Niveau zu kommen. Womöglich hilft auch Interesse, Fleiß, Hingabe, Liebe zur Musik?

Drittens frage ich mich, ob der Fakt, dass man nicht nach wenigen Beispielen imstande ist,. eine große Terz von einer kleinen zu unterscheiden, überhaupt irgendetwas über Begabung aussagt. Und wenn, wieviel?

Ich kann dir versichern, dass in meinem Gehörbildungsseminar der Hochschule damals viele Leute saßen, die dies nicht konnten, aber so gut Klavier spielen konnten, dass sie immerhin die Aufnahmeprüfung bestanden haben. Am schlechtesten hörten die Sänger - mir unbegreiflich, aber es war so.

Und auch in meiner langjährigen Praxis habe ich in hohem Maße die Erfahrung gemacht, dass Gehörbildung eine Frage der Übung ist und für die Frage der Begabung ziemlich irrelevant. Da sind andere Dinge wichtiger. Ich finde es sehr unprofessionell, das Maß der Begabung an einer solchen Kleinigkeit festzumachen. Und ich finde auch die Korrelation zwischen dieser Kleinigkeit und brauchbarem Klavierspiel unprofessionell.

Ein brauchbares Niveau wird von jedem unterschiedlich beantwortet werden. Der eine ist glücklich, wenn er super vom Blatt spielen kann und viel Literatur kennen und spielen lernt. Der zweite ist glücklich, wenn er an seinen Stücken feilt und sie immer mehr zum Leuchten bringt. Der dritte freut sich daran, leichte Stücke klangschön zu spielen. Der vierte liebt Rock und Pop, der fünfte Jazz, der sechste will nur improvisieren, der siebte will gar nicht "brauchbar" spielen, sondern findet es brauchbar genug, sich mit Klavierklängen zu beschäftigen und ihnen zu lauschen.

Ich nehme an, du meinst eine bestimmte Qualität. Ich versichere dir, dass Qualität des Klavierspiels auch erreicht werden kann von Menschen, die erst nach etwas Übung eine große von einer kleinen Terz unterscheiden können. Dabei hilft auch ein guter Unterricht, in dem der Lehrer zusammen mit dem Schüler den geeigneten Weg findet.

Liebe Grüße

chiarina
 
S

Stefan379

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Ich kann dir versichern, dass in meinem Gehörbildungsseminar der Hochschule damals viele Leute saßen, die dies nicht konnten, aber so gut Klavier spielen konnten, dass sie immerhin die Aufnahmeprüfung bestanden haben. Am schlechtesten hörten die Sänger - mir unbegreiflich, aber es war so.
Unbegreiflich, wie man so die Aufnahmeprüfung bestehen konnte.
 
altermann

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Gauf,

ne große Terz kann ich von nor kleenen Terz ned unterscheiden. :konfus:
Aber ne Orgel mit tausenden von Pfeifen kann ich stimmen, so sagen Gutachter.:lol:

Gauf! :017:
 
T

tasteur

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Von Konzertkloppern will ich ehrlich gesagt nichts wissen, die will ich mir fürs nächste Leben vormerken, falls es da Klaviere gibt. In diesem Leben bin ich mit TEY, einfachen Liedern und Etüdenkram ausgelastet. Diese Meinung revidiere ich eh automatisch, sobald mich das langweilt, von daher sei mir erlaubt, sie zu haben.

Zumindest außerhalb der Kontra- und Subkontraoktave sollte der Unterschied zwischen großen und kleinen Terzen nach ausreichend Übezeit und mithilfe guter Strategien, die der Lehrer vermitteln muss, gehört werden.
Was ist mit dem oberen Ende? Der drei-, viergestrichenen Oktave? Laut meinem Lehrer sollte ich zunächst dem Teil der Klaviatur anfangen und dort sicher sein, den meine eigene Stimme abdeckt (C2 bis E4, aber das ist dann schon Knarr- bzw. Pfeifregister).
In dem Bereich kann ich oft beliebige Töne ansingen und dann die richtige Taste anschlagen, relativ oft lieg ich aber um eine Vierteltonstufe daneben, selbst geschätzt, denn die benachbarten Halbtöne sind wiederum eindeutig zu tief oder zu hoch, während sich in der Mitte dennoch kein Resonanzgefühl einstellen will. Bedingung: Ich muss die Taste anschauen, dann singen, dann anschlagen, ganz blind geht es nicht. Und auf diesen Selbstbefund geb ich auch nicht viel, da ich eine gute Woche lang schon mal regelmäßig nach dem ersten Oberton gespielt habe, ohne das zu merken.

Danke für die Beiträge, und sorry, dass ich mit meinem selbstironisch launigen Eröffnungspost die OT-Wahrscheinlichkeit optimiert habe. Mein Lehrer und ich haben uns nun auf folgende Übungsansätze geeinigt, was natürlich aber nicht heißen soll, dass ich eure Vorschläge in Bausch und Bogen ablehne, die will ich auf einer Nebenspur auch probieren, wann immer ich der Terzenraterei gerade überdrüssig bin:
  • eine beliebige Terz auf der Klaviatur anschlagen, und zwar mit l5 und l1 links bzw. r1 und r5. Dann raten, sich festlegen – groß oder klein? – und mit den drei inneren Fingern versuchen, jeweils eine Taste zu treffen. Wenn sich zwei Finger um die gleiche weiße streiten, weiß ich, es ist eine kleine. Auch, wenn ich versehentlich den Daumen übergreife und l4 folglich höher ist als l5, bzw. r2 tiefer ist als r1. Nettes Detail am Rande: Heute im Unterricht wollte ich ihm die höhere Erfolgs-/Fehlerquote demonstrieren. Endete damit, dass ich ein Dutzend mal in Folge blind mit den Fingern auf eine kleine Terz gelandet bin, all meiner Versuche etwas Abwechselung reinzubringen zum Trotz: Rückwärts zum Klavier spielen, mir die Maske über die Augen ziehen, Hocker verrücken ... ein Dutzend verdammte kleine Terzen, selbstredend die wenigsten davon als solche identifiziert. Nächste Unterrichtsstunde nehm ich mir die großen vor. Wenn mir das gelingt, kauf ich mir ein paar Lottoscheine und mach schon mal Termine beim Klavierhändler und Immobilienmakler.
  • Alternativ l4,2 / r2,4; raten ob klein oder groß und Finger in die Tasten schieben. Stoßen beide auf den Rand einer schwarzen Taste, ist es eine große Terz.
  • Meine Kür, eingedenk ich mehr Programmierer bin als Musiker, in letzterem Mètier hab ich hier eh schon den Ruf als Dilettanten weg. Aber ein Schelm wer sich seinen Teil dabei denkt, dass dieser Punkt der längste ist, dann wenigstens weggespoilert:
    Ich lasse mich immer von meinem Audiowecker in den Morgen dudeln, bisher greift er auf meine Musiksammlung zu. Aber stattdessen, dachte ich mir, könnte ich doch meinen selbstprogrammierten Synthesizer alle 169 großen und kleinen Terzen generieren – nicht nur die weißen, wider dem Tastenrassismus! – und vom Audiowecker zufallsbasiert durchskippen lassen. Jede Audiodatei enthält also eine harmonische Terz (4s) und dann noch mal zusätzlich jeder Halbton in aufsteigender Reihe über dem Grundton, z.B. bei C-Dur Cis, D, Dis, E einzeln angeschlagen, legato. Ich widerstehe aber an dieser Stelle der Versuchung, einen Link auf die Seite zu geben, auf die ich die Audiodateien zusätzlich hochgeladen habe, um auch unterwegs darauf zugreifen zu können: Damit würde ich das Thema unweigerlich auf die Klangqualität ziehen, die in euren Ohren erwiesenermaßen weiter von einem Klavier entfernt ist als die Voyager I von der Erde. Aber mir reicht es und erspart mir lange Müh mit richtiger Aufnahme ab Piano, zumal ich gerade wieder mal mein Klinke-Klinke-Verbindungskabel versiebt habe: 100 Cent machen einen EuroHalbton, egal ob nun Luxemburger oder Spanier von nem Yamaha oder nem Möchtegern; auch gespreizte Oktaven und Inharmonizität ... ach nu wird der Punkt wirklich etwas lang.
    Ich kann dir versichern, dass in meinem Gehörbildungsseminar der Hochschule damals viele Leute saßen, die dies nicht konnten, aber so gut Klavier spielen konnten, dass sie immerhin die Aufnahmeprüfung bestanden haben. Am schlechtesten hörten die Sänger - mir unbegreiflich, aber es war so.
    Der Bericht von chiarina über die fehlhörenden Sänger könnte aber im Widerspruch dazu nahelegen, dass das Gehör eben doch klangabhängig ist – zwischen der eigenen Stimme und einem Klavier besteht ja auch noch mal ein Unterschied. Nimmt jedenfalls einen schweren Stein von meinen Schultern.
 
alibiphysiker

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Noch ein kleiner Tipp (den @chiarina auch schon angesprochen hat): Intervalle lassen sich leichter erkennen, wenn diese über Liedanfänge "kontextualisiert" sind.

Such dir zwei Melodien die möglichst unterschiedlich sind, sodass die eine mit einer kleinen und die andere mit einer großen Terz beginnt.

z.B. "Greensleeves" für die kleine Terz und "Alle Vögel sind schon da" für die große Terz.

Dann sing sehr häufig die beiden Lieder von verschiedenen Anfangstönen aus und verbinde die "Emotionen" des einen Liedes mit der kleinen Terz und die "Emotionen" des anderen Liedes mit der großen Terz. Das sollte sich ganz ähnlich "anfühlen" wie wenn du Vokabeln lernst: Hier werden ja auch zunächst abstrakte Begriffe mit Gegenständen (und Erfahrungen/Empfindungen) aus der Realität verknüpft, so wie hier die abstrakten Intervallen mit realen, verschiedenartigen Melodien verknüpft werden.

Nach einiger Zeit solltest du merken, dass du die kleine Terz (wenn du sie isoliert hörst) sofort mit Greensleeves verbindest und die große Terz mit "Alle Vögel sind schon da". (So wie man die Quarte mit dem Martinshorn verbindet).

Wenn du nun von sukszessive angeschlagenen Klängen zu gleichzeitig angeschlagenen Klängen übergehst, kannst du diesen "Übergang" dadurch üben, dass du die hintereinander angeschlagenen Töne immer schneller anschlägst, bis zum "Intervallarpeggio" (ich hoffe du verstehst was ich meine).

Ein gutes Buch ist übrigens "Gehörbildung im Selbststudium" von Clemens Kühn.

Der Bericht von chiarina über die fehlhörenden Sänger könnte aber im Widerspruch dazu nahelegen, dass das Gehör eben doch klangabhängig ist – zwischen der eigenen Stimme und einem Klavier besteht ja auch noch mal ein Unterschied. Nimmt jedenfalls einen schweren Stein von meinen Schultern.
Ja, das ist das Gehör definitiv. Ich "verstehe" Klaviermusik auch viel einfacher als z.B. Blechbläserensembles, eben weil mein Gehör stark mit dem Klavier verwoben ist.
 
rolf

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...hm... kleine und große Terzen hörend zu unterscheiden --- da kann ein berühmter Ohrwurm sehr hilfreich sein! Ja ehrlich gesagt so hilfreich, dass sich der Unterschied zwischen kleiner und großer Terz für immer ins (Hör)Gedächtnis einprägt.

Jetzt wäre es natürlich schön, wenn dieser Ohrwurm genannt würde (und Hand aufs Herz: der Ohrwurm macht das mit den kleinen und großen Terzen inklusive Unterschied moll-Dur-Terz ganz penetrant wiederholend!!!...) ---- aber ich bin ein fieses herzloses Scheusal, ohne jegliche "soziale Kompetenz" und ohnehin ist, wie bei einem Raben von W. Busch, Bosheit mein Hauptplaisier :-D:-D:-D:teufel:

Deswegen verrate ich den Ohrwurm nicht gleich (ok, @mick kennt ihn sicher, bei allen anderen hier bin ich fast sicher - obwohl einige ihn sicher schon gehört haben, er ist sehr berühmt/bekannt - dass sie ihn nicht erraten, und deshalb möge @mick ihn bitte nicht verraten!) sondern mache ein kleines Rätsel daraus:
- der Komponist hat die große Septime melodisch salonfähig gemacht
- der Komponist hat den Unterschied zwischen kleiner und großer Terz öfters wirkungsvoll eingesetzt
- der besagte Ohrwurm gilt musikhistorisch als frühes Beispiel für musikalischen Impressionismus
- der Ohrwurm findet sich mitten in einem sehr umfangreichen Werk, welches ohne Vorzeichen beginnt und mit 6 B endet

Viel Spaß beim rätseln.

Und ich garantiere: der Ohrwurm prägt den Unterschied zwischen kleiner und großer Terz ein!
 
Peter

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Bechsteinfan
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"Spiel mir das Lied vom Tod" mit penetrantem kleine/große-Terzgedudel wirst Du wohl nicht gemeint haben. :-D
 
hasenbein

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Das grundlegende Problem ist, dass den meisten die INTRINSISCHE MOTIVATION fehlt, Dinge hörend zu erkennen.

Meistens ist es doch so, dass Leute "Gehörbildung machen" (allein schon diese Trennung vom "Spielen"! Was für ein hirnverbrannter Quatsch!), entweder weil sie eine Prüfung bestehen wollen oder weil "der KL gesagt hat, dass das irgendwie auch wichtig ist". Woher soll da das Gehirn die Motivation beziehen, das möglichst schnell sicher zu können, wenn das Unbewusste einem sagt "eigentlich brauche ich den Kram nicht"?

Ich z.B. wollte, als ich als Kind mit Musizieren begann, sofort Komponist werden. Und mir war umgehend klar geworden: Dazu muss man wissen, welche Töne zusammen erklingen können/dürfen, damit es sich dann gut anhört. Daher ließ ich mir von meinen Eltern das "rororo Musiklexikon" kaufen, zog mir das Kapitel über Intervalle etc. rein und probierte am Instrument die ganze Zeit rum. Innerhalb von wenigen Wochen waren mir die Intervalle und ihr Charakter vertraut wie alte Freunde. Ich hätte vermutlich nach wenigen Monaten dieses autodidaktischen "Studiums" (das ich kein bisschen als ein solches empfand) großteils eine Gehörbildungsprüfung bestanden. Eine KL, zu der ich ein wenig danach wechselte, hielt mich aufgrund meines mittlerweile sehr guten relativen Gehörs sogar für einen Absoluthörer, was ich energisch bestreiten musste, bis sie mir glaubte, dass ich nur sehr gut relativ höre.
 

FünfTon

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@Tastateur Du schriebst 2018, daß du Besitzer eines 300€-Digitalpiano seist? Verhält sich das immer noch so?

Ich kann dir nämlich versichern, daß sich nach fünf Jahren digitale Konserve bei mir die Gehörbildung ganz automatisch quasi von selbst mit einem akustischen Instrument der 300€-Klasse entwickelt hat. (Insbesondere als es galt, dieses nach Gehör zu stimmen.)

Ich habe hier im Forum auch schon mit dem 1.500€-Digitalpiano aus meinen Profilbild den Spruch bekommen, daß ich damit keinen Unterricht zu nehmen brauche, weil das eh nichts bringt.
 
Klavirus

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@mick, ich meinte das Volkslied, Du spitzfindiges Gerät.
Natürlich jetzt nicht mehr zu gebrauchen.
 
T

tasteur

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Du schriebst 2018, daß du Besitzer eines 300€-Digitalpiano seist? Verhält sich das immer noch so?
Am Rande: Ich bin tasteur, einzig und allein, weil Tastateur schon vergeben war. Wenn du in Zukunft bei der Auswahl des Usernamens stärker darauf achten würdest, sonst bekomme ich das u.U. nicht mit.

Und seit Corona agiere ich mich an einem Yamaha CLP-645 aus. Irgendwo hatte ich hier auch davon geschrieben, auch dass wegen Lockdown der Händler den Montageposten unvorhergesehenermaßen streichen musste.

Irgendwie verfestigt sich bei mir gerade der Verdacht, dass das Auseinanderhaltenkönnen benachbarter chromatischer Intervalle bei einem analogen Instrument dazu verleitet, die Entscheidung an charakteristischen Klangdetails festzumachen, die für das jeweilige individuelle Instrument bautechnisch bedingt sind. So würde sich erklären, warum Pianisten, konfrontiert mit Klängen von einem anderen Instrument ihrer Klasse, an derselben Aufgabe scheitern, die sie zuhause an dem ihren womöglich im Schlaf meistern würden.

Ich bin mir gar nicht sicher, ob das mein Ziel sein soll. Lieber hätte ich, wenn meine Ohren die Intervallabstände pi mal Daumen mit der Elle maßnehmen lernen, natürlich nun nicht strikt plus/minus n * 100 Cent. Mein KL erzählt mir öfters, dass es bei Absoluthörern, zu denen er sich zählt, verschiedene Grade gibt, bis hoch zu Stufe 10, wo man die Tonlage von Staubsaugern benennen können soll.

Aber absolut hören will ich ja gar nicht, nur eben erkennen, wenn – lasst mich mal übertreiben – zwei Staubsauger eine Terz zusammenbrummen. Und das nicht, weil ich auf "Musik" von Haushaltsgeräten stehe, sondern weil ich mich nicht vom Klavier allzusehr abhängig machen möchte, auch wenn es mein Lieblingsinstrument ist. Wenn ich Musik höre, ist mir noch vieles ein Rätsel, ich glaube, der Genuss ist dadurch noch etwas eingeschränkt, was ich schade finde. Ein Musiker nimmt aus guten Interpretationen nach einmaligem Hören sicher viel mehr mit als ich heute.
 
FünfTon

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Und seit Corona agiere ich mich an einem Yamaha CLP-645 aus.
Ah, dann sind wir da ja etwa auf dem gleichen Stand.

Irgendwie verfestigt sich bei mir gerade der Verdacht, dass das Auseinanderhaltenkönnen benachbarter chromatischer Intervalle bei einem analogen Instrument dazu verleitet, die Entscheidung an charakteristischen Klangdetails festzumachen, die für das jeweilige individuelle Instrument bautechnisch bedingt sind. So würde sich erklären, warum Pianisten, konfrontiert mit Klängen von einem anderen Instrument ihrer Klasse, an derselben Aufgabe scheitern, die sie zuhause an dem ihren womöglich im Schlaf meistern würden.
Bei mir war es so, daß sich das Gehör binnen Monaten an der akustischen Gitarre entwickelt hat. Das ist nicht ans konkrete Instrument gekoppelt (habe inzwischen drei Stück :-D). So war ich zu meiner eigenen Überraschung am Flügel meiner Klavierlehrerin plötzlich in der Lage, die Moll-Terzen von den Dur-Terzen zu unterscheiden, die der vorherige Schüler spielte, also genau das, was du im Titel als Problemstellung ansprichst. Das alles ohne "Gehörbildung" irgendwann mal explizit geübt zu haben.

Dabei habe ich zuvor jahrelang alle Arten von Intervallen und Akkorden aus der digitalen Klavier-Konserve gehört und gespielt, ohne daß sich da irgendwas getan hätte. (Außer daß ich meinem Gehör auf Teufel komm raus nicht beibringen kann, daß Pianoteq wie ein Klavier klingen soll. Ich höre da schlicht keines.)

Meine eigene Erfahrung ist also, daß die immer perfekt gestimmte digitale Konserve zur Gehörbildung rein gar nichts beigetragen hat. Möglicherweise hört man überlagerte Samples einzeln statt als Intervall (würde einem also nur helfen, wenn man absolut hört). Inzwischen kann ich unabhängig vom Instrument auch hören, ob Intervalle und Akkorde in Stimmung sind, was teilweise ziemlich nerven kann, besonders wenn man die billige Stromgitarre ständig nachintonieren muß. Wenn das so weitergeht, fange ich womöglich irgendwann an, Klaviere zu stimmen. ;-)
 
Frédéric Chopin

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Das Klavierkonzert Nr. 1 in b-moll von Peter Tschaikowsky zum Beispiel beginnt in der Einleitung mit einer großen Terz. Wenn das Klavier dann einsetzt, kommt das Thema in der Tonikaparallele und beginnt mit einer kleinen Terz.
So hatte ich mir früher große und kleine Terz gemerkt. :-)
 
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G

Gefallener

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@schmickus
Ich nehme bei dir eine sehr eindimensionale Betrachtungsweise wahr. Es geht doch nicht nur um Leistung, gerade im Hobbybereich! Es geht um eine weitere Ausdrucksmöglichkeit und alternative Welterfahrung. Dass natürliche Grenzen gegeben sind, darüber müssen wir doch nicht diskutieren. Es ist aber so, möglicherweise sogar wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen, die sich etwas zutrauen und ausprobieren, wie weit sie kommen, besser und schneller lernen als diejenigen, die primär ihre Grenzen sehen.
Interessanterweise finde ich die Welterfahrung und die Ausdrucksmöglichkeiten derer, die perfekt Valentia Lisitia´n eindimensional. Grade dieses vermaledeite Leistungsstreben macht aus jedem Keimling einen Paradeapfel. Zigfach behandelt, die Blüte eingefroren, nie einen Schädling gesehen, nur die Sonne (aus dem Arsch), handverlesen, frei von jedem Makel, "wie gemalt" , von einer ebenso elitär - makellosen Jurie prämiert, einer gleich dem anderen, wie im Wachsfigurenkabinett und alle produzieren die gleiche seelenlose Melasse.

Ich bin froh, dass es Späteinsteiger gibt, weil sie, im Gegensatz zu den Gezüchten, schon eine Geschichte erlebt haben und schon etwas in sich angereichert haben was nicht steril, pränatal auf Pianistentum getrimmt wurde.

Es ist, für mich, deshalb nicht das fck Intervall maßgeblich, oder die Tatsache es zu bestimmen oder zu hören, also nicht die Frage: "Hallo Malermeisterriege, ich würde gerne eine Kuh malen tu mir da aber schwer, wie kann ich das besser hinkriegen" sondern der Kontext, die Herkunft (Sehnsucht) dieses Wunsches. Also welches "innerweltliche Echo" warum und wie wechselwirken will mit einem Außentun/m. Kurz: Eine Kuh sieht in jedem Kontext anders aus und ist Steakwerdung einer mitunter ganz anderen Empfindung, Gedanke etc. Klar könnte man messen "jou, 500gr, buntgefleckt", aber, und darauf möchte ich hinaus, wichtiger ist der Sinnzusammenhang, die Komposition "mit der Kuh".

Und wenn ich da zu wenig Anpack - Willen, zu wenig stürmenden Drang habe, kein Hungern nach "hey ich will malen können", "ich möchte grundlegende Rechentechniken beherrschen", dann ist jedes "Toll du kannst Intervalle / Skalen / whatever bestimmen" nicht mehr als ein Auswendiglernen von Termen oder malen nach zahlen.

Es gilt weniger ein absolutes Messinstrument auszuprägen, welches die Lehrer ach so toll abprüfen können, als vielmehr einen Vorstellungsraum mit kreieren zu helfen. Dass man weiß, "ok was ist (ungefähr) alles eine Kuh und was nicht, und wie viel sind 5 Kühe, und was unterscheidet sie in Lila auf Malle von in schottisch - kariert auf Kuba?"

In der Schule lernen wir recht schreiben, rechnen, aber die Begeisterung wird nicht entfacht, weil es oft nichts anderes ist als ein Wiederkäuen und auskotzen des Verlangten und es immer getrennt bleiben muss von unserem Konzeptionieren der Wirklichkeit.

Wenn also jetzt hier plötzlich händeringend Terzen gelöst werden müssen, dann ist das Kind gewissermaßen schon in den Brunnen gefallen, denn es wurde versäumt genug Weltengier und Intrinsik aufzubauen, zu fördern und befeuern.

Und das ist auch einer der Sargnägel der Musik, dass sie sich als "wir können Noten, bestimmen Intervalle, fühlen uns geil, raffen nichts" selbst im Kreis beweihräuchert.
 
C

Cheval blanc

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Du magst ja „im Prinzip“ recht haben. Aber selbst, wer die große „Weltengier“ in sich verspürt, kommt nicht umhin, sich in die Niederungen von Theorie und Technik zu begeben. Und andererseits ist sich nicht jeder zum künstlerischen Riesen geboren und fühlt sich in seinem musikalischen Schrebergarten sehr wohl. Schrecklich, wenn wir eine Welt voller Titanen hätten.
 
 

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