Frage zur Entstehung der Mehrstimmigkeit.

rolf
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...[völlige Zustimmung!]...

Ich möchte vor diesem Hintergrund die schäbige Unterstellung, aufgrund eines eurozentrischen Weltbildes andere großen Musikkulturen nicht mit Achtung und Respekt behandeln zu können, hier nicht noch weitere Male vernehmen müssen - egal, ob sich entsprechende Vorwürfe an meine Adresse, oder an wen auch immer richten.

...[weiterhin völlige Zustimmung!]...

dem ist nichts hinzuzufügen!
 
Dreiklang
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höchstens eines noch: man muß ausgesprochen dumm sein, wenn man nicht Musik jeder Art mit Offenheit, Sensibilität, Aufnahmebereitschaft und Unvoreingenommenheit begegnet.

Wenn sie nichts ist, oder einem nicht zusagt, muß man sie ja in Folge nicht weiter anhören... oder man findet vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt dann zu ihr.


Was kann man nicht alles mit Voreingenommenheit versäumen......
 
Haydnspaß
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Rheinkultur, vielen Dank für diesen hochinteressanten Link!

Auf genau dieser Seite steht etwas weiter unten zu lesen:


This evidence both the 7-note diatonic scale as well as harmony existed 3,400 years ago flies in the face of most musicologists' views that ancient harmony was virtually non-existent (or even impossible) and the scale only about as old as the Ancient Greeks, 2000 years ago. Said Crocker: "This has revolutionized the whole concept of the origin of western music."

Also was jetzt? Gabs vor 3400 Jahren mehrstimmige Musik oder nicht?
 
rolf
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Also was jetzt? Gabs vor 3400 Jahren mehrstimmige Musik oder nicht?
nochmal:
vielleicht gab es vor noch viel längerer Zeit polyphon jodelnde Neandertaler - wir haben nur leider keine Aufzeichnungen davon.

wenn in antiken Texten erwähnt wird, dass mehrere Instrumente zugleich spielten, dann wissen wir nur, dass offenbar mehrere Instrumente zugleich gespiuelt hatten - wir wissen aber nicht, was und wie sie gespielt hatten

möglicherweise, ja sehr wahrscheinlich, ist die Lyrik viel älter als die ersten überlieferten Gedichte - aber das sagt uns nicht, wie die älteren und dummerweise nicht überlieferten Gedichte waren.

...das kann doch nicht soooo schwer zu verstehen sein, dass man über nirgendwo notierte Musik oder Dichtung nichts sinnvolles sagen kann
 
Rheinkultur
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nochmal:
vielleicht gab es vor noch viel längerer Zeit polyphon jodelnde Neandertaler - wir haben nur leider keine Aufzeichnungen davon.

wenn in antiken Texten erwähnt wird, dass mehrere Instrumente zugleich spielten, dann wissen wir nur, dass offenbar mehrere Instrumente zugleich gespiuelt hatten - wir wissen aber nicht, was und wie sie gespielt hatten

möglicherweise, ja sehr wahrscheinlich, ist die Lyrik viel älter als die ersten überlieferten Gedichte - aber das sagt uns nicht, wie die älteren und dummerweise nicht überlieferten Gedichte waren.

...das kann doch nicht soooo schwer zu verstehen sein, dass man über nirgendwo notierte Musik oder Dichtung nichts sinnvolles sagen kann
Genauso ist es. Ein vergleichbares Phänomen, wenn wir uns über mehrstimmiges/polyphones Singen unterhalten: Ausgehend vom Lebenswerk Carl Friedrich Zelters haben sich auf deutschem Boden ab dem frühen 19. Jahrhundert unzählige Gesangvereine und Laienchöre formiert, die irgendwann das Alter erreicht haben, dass man ein Jubiläum feiern kann. Leider ist nur bei vielen dieser Vereine die Gründungsphase unzulänglich dokumentiert worden oder entsprechende Dokumente sind aus ganz unterschiedlichen Gründen verloren gegangen. Aus der eigenen Praxis folgendes (reales) Beispiel: Ein mit der Jahreszahl 1860 bezeichneter Männergesangverein feierte 2010 sein 150jähriges Bestehen. Eine Gründungsurkunde ist nicht erhalten, alte Vereinsfahnen sind in Kriegswirren verloren gegangen, aussagefähige Schriftstücke fehlen weitestgehend - und Zeitzeugen aus den Gründungsjahren kann man ebenfalls nicht mehr befragen. Zu seiner Jahreszahl kam der Verein einzig und allein durch die Tatsache, dass das älteste erhaltene Dokument der Vereinsgeschichte ein Konzertprogramm aus dem Herbst des Jahres 1860 war. Der Chor muss logischerweise schon eine längere Zeit bestanden haben - irgendwann müssen die Sänger unter Leitung ihres am Ort als Schulmeister tätigen Dirigenten ihr Vortragsrepertoire ja eingeübt haben! Manche Chöre haben bereits im nachgewiesenen Gründungsjahr ihr erstes Konzert gegeben, andere sind erst nach langjährigem Probieren unter wechselnden Chorleitern öffentlich aufgetreten, mitunter nach zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Jahren. Viele dieser Vereine sind aus Hausmusik-Aktivitäten und privaten Singkreisen heraus entstanden - vermutlich ist in dem Ort, in dem der spätestens 1860 gegründete Männergesangverein zu Hause ist, schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemeinschaftlich gesungen worden, höchstwahrscheinlich mehrstimmig.

Fazit? Über die nicht mal zwei Jahrhunderte zurückreichende Musizierpraxis eines Vereins mit gewählten Vorstandsmitgliedern (Schriftführer/Protokollanten inklusive) sind kaum Informationen aus der Gründungszeit verfügbar. Wenn wir Überlegungen zu antiken und archaischen Musikkulturen anstellen, beträgt der zeitliche Abstand schon zweitausend Jahre und mehr. Die Chancen, auf eine hieb- und stichfeste Überlieferung und aussagekräftige Dokumente zu stoßen, kann sich da ein jeder selbst ausrechnen. Wenn man sich dann noch überlegt, wie wenige Menschen in jenen Phasen der Menschheitsgeschichte lesen und schreiben konnten, erklärt das auch, warum vieles nicht dokumentiert worden ist: Was ohnehin von den beteiligten Person kaum jemand lesen kann und will, bedarf auch nicht der schriftlichen Fixierung. Dazu kommt, dass viele Dokumente verschollen, verrottet oder auch absichtlich zerstört worden sind.

Manchmal kann es positive Überraschungen geben: Nach allgemeiner Auffassung beginnt die Geschichte der Schallaufzeichnung mit dem Edison-Phonographen im Jahre 1877 - die ersten heute noch erhaltenen Aufnahmen stammen aus dem Jahre 1888, da ältere Aufzeichnungen materialbedingt nicht erhalten geblieben sind, darunter die in Bayreuth mitgeschnittenen Fragmente der Parsifal-Premiere 1882. Eine vom im Folgejahr verstorbenen Richard Wagner dirigierte Darbietung werden wir in akustischer Form wohl niemals erleben können. Mit der Erfindung akustischer Aufzeichnungsgeräte haben sich aber auch andere Pioniere beschäftigt, die (noch) nicht so bekannt geworden sind. Inzwischen konnten bereits experimentelle Tondokumente wiederhergestellt werden, die lange vor 1888 entstanden sind. Dass eines Tages mal eine Aufnahme auftaucht, auf der wir Franz Liszt spielen hören können, dürfte wohl eine vergebliche Hoffnung sein und bleiben.

Als Trostpflaster für den nicht zu hörenden Richard Wagner eine steinzeitliche Aufnahme mit seinem Premierendirigenten Franz Wüllner als Begleiter am kaum wahrnehmbaren Klavier mit einem gerade noch identifizierbaren Schubert-Lied:
http://www.nps.gov/media/ner/avElement/edis-11-tenhp_edison_c_E-5777_edis-93961_20110418.mp3

So vage wie das Tonsignal auf dieser Aufnahme ist wohl auch die Quellenlage bezüglich antiker Musiktraditionen...
 
 

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