Erfahrungen mit Meisterkursen

Walter

Walter

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Hallo, alle miteinander!

Ich möchte hier einen Faden losspinnen über Erfahrungen mit Meisterkursen und mache mal den Anfang. (Ich hoffe, dass das Ganze nicht schon mal da war!)

Ich selbst war noch nie aktiv bei einem solchen Kurs dabei, aber als Zuhörer habe ich sogar von nur einem Vormittag sehr viel mitgenommen.

Gehört hatte ich einen Klavierlehrer als Teilnehmer, von dem ich weiß, dass er fast penetrant auf Texttreue achtet und im Kurs das dritte Klavierkonzert von Beethoven durchnahm. Bei einer Stelle, hinter der viel Pathos steckt, bemerkte der (ungarische?) Professor: bitte nicht mit reduziertem Pathos spielen! Pathos war zu Beethovens Zeit eine Befreiung aus überkommenen Zwängen. Also: obwohl die Deutschen verständlicherweise mit Pathos Probleme haben, trotzdem leidenschaftlich werden, voll draufhalten! :confused:Das heißt Werktreue an einer solchen Stelle!

(Das „Schillerproblem“: können wir Schillers originale Texte mit ihrem für unsere Ohren übertriebenem Pathos noch ernst nehmen?)

Weitere Erfahrungen später!

Gruß Walter
 
ubik

ubik

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Ich war mal in einem Kurs einer Komponistin. Wir waren ca. 20 Leute, jeder konnte ein Stück vorstellen. Die Frau hat dann erzählt, was man besser machen kann, wie einzelne Stellen in den Stücken zu verstehen sind, usw. Das hilft nicht nur demjenigen, der gerade vorne am Klavier sitzt und mit der Frau redet, sondern auch allen, die zuhören. Werde dieses Jahr wieder dran teilnehmen, weiß nur nicht mit was für einem Stück.
 
K

koelnklavier

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[...] bitte nicht mit reduziertem Pathos spielen! Pathos war zu Beethovens Zeit eine Befreiung aus überkommenen Zwängen. Also: obwohl die Deutschen verständlicherweise mit Pathos Probleme haben, trotzdem leidenschaftlich werden, voll draufhalten! [...] Das heißt Werktreue an einer solchen Stelle!

(Das „Schillerproblem“: können wir Schillers originale Texte mit ihrem für unsere Ohren übertriebenem Pathos noch ernst nehmen?)
Danke für diese zwei Gedanken. Ich werde sie im Unterricht gerne weitergeben. (Muß ich dann Tantiemen an Dich und den ungarischen Professor zahlen? :confused:)
 
Walter

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im Meisterkurs als Zuhörer

Der folgende Beitrag ist nach einem Gedächtnisprotokoll direkt nach dem Besuch desselben Kurses wie oben als Zuhörer geschrieben (Internationale Klavierakademie Murrhardt).
Chopin Fantasie in f-moll: Wurde von einer japanischen Studentin zunächst technisch fast ganz perfekt durchgespielt – aber „leblos“, „alles hört sich so gleich an“.
Was ist zu tun? Einzelepisoden feiner herausarbeiten! In welcher Beziehung stehen die Einzelabschnitte zum Trauermarsch am Anfang, wo führen die Überleitungen hin? Wie stehen die Einzelabschnitte zueinander?

Terzenepisoden: nach einem Takt könnte schon alles gesagt sein, es geht aber weiter wie im Leben, nämlich anders als man denkt.

Könnte die Phantasie auch mit dem Adagio sostenuto kurz vor dem Schluss aufhören? Wie? Die beiden Schlussakkorde könnten auch anders heißen: wie das „Amen“ in der Kirche mit tiefem Schlussakkord (probieren!) oder ähnlich. Hört aber mit einem hohen As-Dur auf – warum? Es ist der Schluss nicht nur der letzten Episode, sondern des ganzen Werkes! („Siegerakkord“?)

„Sie sind wohl die fleißigste Studentin hier“ … Symphonische Etüden, einige Sonaten, der Professor sah sich die Liste der vorbereiteten Werke durch.

Generell: lieber weniger und kleinere Werke „sich aneignen“ (nicht „üben“), dafür aber gut ausgearbeitet. Abschnitte untersuchen auf Frage-Antwort-Phrasen, aufbauen und lösen von Spannungen, Ausdruck von Wehmut, wo gibt es ähnliche Phrasen in den Werken desselben Komponisten, wo in der übrigen Klavierliteratur?

Weitere Gesichtspunkte: Ist das ein Spottlied, Kinderlied, Wiegenlied, Gondellied, ein frommes Lied?

Melodien: werden die Melodien gesungen oder werden sie von einem Instrument gespielt? Welches Instrument? Flöte, Fagott, Cello .... ?
Vgl. bei Beethoven: werden die Melodien von einem Instrument begonnen und mit einem anderen Instrument weitergeführt wie in den Symphonien?

Ich hoffe, Ihr könnt aus dem Beitrag ein bißchen Nutzen ziehen, nicht nur Phantasie-F-moll-Spieler!

Walter
 
 

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