Die Sache mit dem Klangwillen, der inneren Klangvorstellung und der Gehörbildung

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brennbaer

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schon länger beschäftigt mich die Frage nach der inneren Klangvorstellung und dem Klangwillen.
Immer wieder stößt man in Beiträgen auf diese Thematik, wie kürzlich wieder im "Warum muss man als Kind angefangen haben..."-Thread:
Das kann man nicht mit wenigen Worten erklären. Ganz wesentlich ist die Verfeinerung des musikalischen Gehörs und daraus hervorgehend die Entwicklung einer absolut klaren Klangvorstellung. Denn was man nicht (innerlich) hört, kann man auch nicht adäquat spielen.
Mit Klangvorstellung ist deshalb viel mehr gemeint als Tonhöhen und Rhythmus (was im Prinzip einfach ist) - dazu gehört auch eine immer feinere Vorstellung von Artikulation, Phrasierung, Timing, Klangbalance, Klangfarbe etc.
Wer beispielsweise eine 4stimmige Bach-Fuge gut spielen will, muss sich diese Fuge innerlich präzise vorstellen können, d.h. das Werk nur in der Klangvorstellung "spielen" können und dabei absolute Sicherheit erlangen. Das ist bedeutend schwieriger als die technische Umsetzung auf dem Klavier, aber der einzige Weg, der vom Geklimper hin zur Musik führt. Nicht umsonst haben viele bedeutende Klavierlehrer ihren Schülern Gesangsstunden empfohlen, denn singen kann man nicht ohne innere Klangvorstellung. Klavierspielen leider schon (irgendwie jedenfalls), aber für's Klavierspielen ist das ebenso wichtig wie für den Gesang. Wer so weit ist, dass er ein Notenbild auf Anhieb innerlich zum Klingen bringen kann, kann übrigens auch prima vista spielen. Das funktioniert nämlich - zumindest bei anspruchsvollerer Literatur - ausschließlich über diesen Weg.
Nun hat mich dieser neuerliche Kontakt mit dem Thema bewogen, einen Thread zu eröffnen.

Die Quintessenz scheint ja zu lauten, dass man, um wirklich gut Klavier (oder ein anderes Instrument) spielen zu können, man sich das zu spielende Stück innerlich exakt vorstellen können sollte, bzw. muss.
Dazu liest man immer wieder, dass man sein "inneres Gehör" so weit entwickelt haben muss, dass man alleine schon durch den Blick auf die Noten eine präzise Vorstellung bekommt, wie das Stück klingen soll.
So liest man auch im öfters hier empfohlenen Werk "Praktische Musiklehre" von W. Ziegenrücker zum Thema "inneres Gehör":
"Ein geübter Musiker hört das Notenbild klingen, ohne dass ein Ton gespielt wird. Er liest die Noten und hört in seiner inneren Vorstellung die Töne .... Er hat die Klangvorstellung, wie bestimmte Töne auf verschiedenen Instrumenten und in unterschiedlichen Stimmlagen klingen...."
Sowiet so gut, das hört sich alles nachvollziehbar und vernünftig an. Dass man diese Fähigkeit nicht von heute auf morgen erwirbt, steht wohl außer Frage.
Und genau da setzt meine Frage oder mein Problem an:
müsste man nicht eigentlich, um die geforderte Fähigkeit, das Stück alleine durch den Blick auf das Notenblatt innerlich präzise klingen lassen zu können, ein absolutes Gehör, zumindest aber ein perfektes relatives Gehör haben?
Ich meine, wenn ich auf dem Notenblatt die Noten "XYZ" sehe, wie soll ich sie mir auf Anhieb präzise vorstellen können, wenn ich kein absolutes Gehör besitze und somit keine Referenz für die betreffenden Töne in meiner beschränkten "grauen Masse" zur Verfügung steht?
Und damit meine ich erst einmal ganz banal einfach nur die Tonhöhe; von Dingen wie
dazu gehört auch eine immer feinere Vorstellung von Artikulation, Phrasierung, Timing, Klangbalance, Klangfarbe etc.
rede ich da ja noch gar nicht. Damit kann ich mich ja erst anfangen zu beschäftigen, wenn ich überhaupt erst mal gelernt habe, die Tonhöhen richtig in meinem inneren Ohr abzurufen.

Nun besitzt nicht jeder Musiker ein absolutes Gehör, selbst mit dem relativen Gehör haben nach meinem Eindruck auch so manch erfahrene Musiker gerne mal ihre Schwierigkeiten.
Angenommen, meine Theorie mit dem absoluten oder relativen Gehör hätte auch nur ansatzweise ihre Richtigkeit, würde dies im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass jeder Musiker, der kein absolutes Gehör oder zumindest perfektes relatives Gehör besitzt, im Grunde nicht über ein mehr oder weniger passables Herumdilettieren hinaus kommen wird?

Oder liege ich mit meiner pessimistischen Theorie völlig falsch?
 
B

brennbaer

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danke,
dann ist mein Fall vielleicht doch nicht so ganz hoffnungslos...:konfus:

Mal 'ne doofe(?), nichtsdestotrotz praktische Frage: bei allen Ratgebern, Kursen, etc. bezüglich Gehörbildung steht ja das Singen ganz weit im Vordergrund.
Wie macht Ihr das zuhause in den 4 Wänden, wenn diese ringsum von Nachbarn "belagert" sind, Ihr also keinen Keller im Einfamilienhaus habt, wo Ihr nach Herzenslaune und aus voller Brust schmettern könntet?
Habe da ehrlich gesagt ziemliche Hemmungen und traue mich deshalb nicht über ein leises Brummen und Säuseln, der Begriff "Singen" wäre in meinem Fall ein "euphemistischer Euphemismus" :schweigen:, in normaler Sprechlautstärke hinaus.
 
mick

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Zum einen muss man, um das Gehör zu bilden, nicht mit saalfüllender Opernstimme singen - normale Gesprächslautstärke reicht doch vollkommen aus. Zum anderen ist das hier ein super Tipp:

"Singe fleißig im Chor mit, namentlich Mittelstimmen. Dies macht dich musikalisch."
Du darfst jetzt raten, von wem er stammt. ;-)
 
thomas 1966

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trialogo

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@brennbaer , ich denke, vieles, was Du schreibst ist für uns Amateure nur begrenzt erreichbar und umsetzbar, denn es erfordert schon eine Menge Zeit, sich mit Musik zu beschäftigen..dennoch als Ziel oder innere Orientierung, kann es nicht schaden, sich mit all den Fähigkeiten, die es braucht, um zu einer inneren Klangvorstellng zu kommen, zu beschäftigen.
 
Bernhard Hiller

Bernhard Hiller

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@brennbaer Wenn du einen Text liest, kannst du dir dann vorstellen, wie er vorgelesen klingt? Im nächsten Schritt dann verschiedene Vorlesestile: Nachrichtensprecher, Märchenerzählung, Gedichtvortrag, ...
So ungefähr wird das wohl mit der Klangvorstellung beim Notenlesen sein können (die mir auch noch in ziemlichen Maße fehlt).
 
 

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