Die Minimal Music ist in die Jahre gekommen - Same Procedure As Every Year, Mister Glass?

Da haben wir doch endlich mal ein Posting, das auf meine Eingangsfrage wirklich eingeht! Vielen Dank, Cee!

Du bist also der Ansicht, weil Glass bei Weltspitzenleuten studiert hat und das Album, das das Stück enthielt, ein Hit war, ist man nicht berechtigt (bzw ist es "albern"), das Stück monoton und einfallslos zu nennen? Den Zusammenhang musst Du mir erklären. Du meinst nicht etwa das Gleiche, was hier in der Vergangenheit schon so mancher geäußert hat: "Komponist/Spieler XY ist mega-erfolgreich und macht fette Kohle mit seiner Musik - wer bist Du, Hasenbein, also, an seiner Musik herumzukritteln? Der Erfolg gibt ihm doch Recht, also muss etwas Gutes an der Musik sein"??
 
Für mich hat das Video zwei völlig verschiedene "Baustellen"
Die erste: Ein Opa, der bekanntermaßen in früheren Zeiten deutlich besser Klavier gespielt hat, als heute.
Ethische Frage: Sollte man öffentlich agieren, wenn die eigenen Fähigkeiten stark nachgelassen und an die bisherigen Leistungen nicht mehr anknüpfen.
Oder anders ausgedrückt: Wird das Klavierspiel/ Auftreten anders/ evtl. besser?? bewertet, als bei jemandem, bei dem frühere Leistungen nicht bekannt sind.
Also meine Meinung: Es wird ganz eindeutig anders bewertet. Sei es ein an Parkinson erkrankter Boxer, oder eine Aneurysma operierte Moderatorin- beide wurden nach ihren Schicksalsschlägen mit Sicherheit nicht wegen ihrer aktuellen Fähigkeiten zum moderieren oder zur Entfachen eines Feuers ausgewählt. Trotzdem bei beiden verdient, meiner Meinung nach.
Altern tun wir alle, Fähigkeiten einbüßen auch. Für den Zuschauer nicht nett daran erinnert zu werden, aber absolut legitim und mutig noch öffentlich aufzutreten- ohne die Eitelkeit das eigene Denkmal zu gefährden.
Das andere Problem ist das Stück- das ja nun nicht erst in den letzten Monaten/ Jahren komponiert wurde. Das Stück kann man mögen, seine Historie und Einfluss auf die Kultur schätzen, oder eben nicht. Da mir die musikalische Bildung fehlt, kann ich nur nach mögen oder nicht- mögen entscheiden.
Und da liegt es bei: Akzeptabel zur Hintergrundbeschallung. Übe-Aufwand würde ich keinen investieren wollen, aber es liefert auch keinen Grund sofort die Playlist zu wechseln und das Einsortieren der Spülmaschine zu unterbrechen.
LG,
Hekse

PS: Ich würde diese Einspielung jetzt eher als eine für Fans/ Neugierige bewerten, die ein persönliches Interesse an Herrn Glass haben und sehen wollen, was er so treibt und wie es ihm geht, oder einen nostalgischen Anflug haben.
 
Jetzt habe ich den ganzen Thread durchgelesen und muss eine blöde Zwischenfrage stellen. Was ist denn TEY? Und muss ich mich schämen, dass ich das nicht weiß?
Bei der Wertung des Videos muss ich allerdings @hasenbein vollständig zustimmen.
 
TEY= Thiersen Einaudi und noch einer mit Y.
Nach 6 Jahren im Forum sollte man das doch wissen ;-)
 
Komponist/Spieler XY ist mega-erfolgreich und macht fette Kohle mit seiner Musik - wer bist Du, Hasenbein, also, an seiner Musik herumzukritteln? Der Erfolg gibt ihm doch Recht, also muss etwas Gutes an der Musik sein"??
Das habe ich auch nie verstanden, wie schlechte Musik Erfolg haben kann.

:rauchen:

Jetzt habe ich den ganzen Thread durchgelesen und muss eine blöde Zwischenfrage stellen. Was ist denn TEY? Und muss ich mich schämen, dass ich das nicht weiß?
Bei der Wertung des Videos muss ich allerdings @hasenbein vollständig zustimmen.
TEY ist ein abwertender Clavio Begriff für die Komponisten Tiersen Einaudi Yiruma
 
Die Bewertung eines aufgeführten Werkes wird immer unter Einfluss synästhetisch einfließender Komponenten erfolgen. In der bildenden Kunst wird mittlerweile der Wert eines Werkes nahezu ausschließlich am Namen des Künstlers bemessen.
Bei Weinproben bewerten professionelle Verkoster denselben Wein unterschiedlich, wenn er in Flaschen mit unterschiedlichem Etikett abgefüllt wurde. Niemand kann sich davon freisprechen. Man kann diesen Effekt auch in der pianistischen Gestik ausnutzen, wenn man das denn will. Wenn das Video Egon Mustermann aufgenommen hätte, würde es sicher nur wenige Klicks bekommen. Ob der Komponist sich damit einen Gefallen getan hat, mag man dahingestellt sein lassen. Wenn man die Zahl der Antworten hier sieht, dann könnte man das möglicherweise bejahen. Das ist praktisch Gratiswerbung!

Was die Minimal Music betrifft - den Begriff hat übrigens Michael Nyman geprägt - so sind diese ständigen Wiederholungen mit nur geringfügigen Änderungen und das Fehlen von Spannungskurven nicht jedermanns Sache. In der Filmmusik findet man das mittlerweile schon recht verbreitet vor. Musik erfüllt Bedürfnisse. Diese Musik erfüllt sicherlich die Bedürfnisse eines bestimmten Hörersegments.

Übrigens: Es gibt von diesem Komponisten Etuden, deren Bewertung des Schwierigkeitsgrades beim Hören in krassem Gegensatz dazu steht, was man erkennt, wenn man auf die Noten schaut.
 
@Triangulum
Ich habe dir ein Like für deinen Beitrag gegeben, aber die Minimal Music ist etwas so Vielfältiges, dass es unzulässig erscheint, ihre Hörerschaft auf ein „bestimmtes Hörersegment“ zu reduzieren.
 
Mir gefallen die distanzierten Interpretationen auch besser, aber hat Glass selber am Klavier nicht immer schon "romantisch" gespielt?

I play the musich much more lyrically than other people other people play this music play the way they think I play it and very kind of almost well more mechanically.

aus
 
Nicht unbedingt abwertend, sondern im Grunde zunächst neutral verwendet.
Im Grunde vielleicht nicht. Man könnte auch abwertend mit belächeln ersetzten. Man kann sich ja den Tiersen Thread mal zu Gemüte führen.
Ich war ja früher auch ein Tiersen (nur Tiersen) Jünger, aber jetzt ist seine Musik zwar immer noch schön, aber seine Stücke zum Spielen einfach zu simpel.

Ich habe dir ein Like für deinen Beitrag gegeben, aber die Minimal Music ist etwas so Vielfältiges, dass es unzulässig erscheint, ihre Hörerschaft auf ein „bestimmtes Hörersegment“ zu reduzieren.
Absolut Vielfältig.
Ich mag die Glass Stücke auch nicht besonders, bei Minimal am liebsten so etwas wie Erik Satie.
 
Zuletzt bearbeitet:
TEY-Musik hat auch durchaus ihre Daseinsberechtigung. Ohne Ironie: Ich bin dankbar dafür, dass es diese Musik gibt, sodass ich während des Einschlafprozesses besser ins Land der Träume finde als ohne Musik oder mit Musik, deren Spannungsaufbau mich immer wieder aufschrecken lässt. Aber im Wachzustand wäre mir diese Musik zu öde und die Zeit zu kostbar. Do ergeht es mir auch mir Glass, aber eben nicht mit Riley, Reich, Adams oder Hamel (dem prominentesten deutschen Vertreter der Minimal Music).
 

inimal Music ist etwas so Vielfältiges, dass es unzulässig erscheint, ihre Hörerschaft auf ein „bestimmtes Hörersegment“ zu reduzieren.
Das mag wohl stimmen, allein wenn man Glas und Nyman gegenüberstellt. Ich zähle mich nicht zur Zielgruppe dieser Musik, habe aber einmal spaßeshalber in mein Archiv gesehen und siehe da, eine Cd von Steve Reich, zwei von Glass und vier von Nyman - die Sampler mir zeitgenössischer Musik nicht eingeschlossen. Das war aber eher Neugier, als die Suche nach Nachspielbarem.
Nebenbei: Nyman's Produktionen mit seiner eigenen Band - nicht nur im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit Peter Greenaway - sind sehr unterhaltsam. Aber seine Klaviermusik hat mich bisher nicht zum Nachspielen animieren können.
 
Vielleicht könnte man TEY ja in TEYG umbennen? Habe mal in einem recht populär gestalteten Konzert etwas von Glass gehört und fand das schon auf dem geichen Niveau wie TEY. Und der Kommentator (Christian Ehring) hat das mit Tabula Rasa von Pärt (was ich eigentlich ziemlich gut finde) in einen Topf geworfen.
Und in Sachen Verstimmung habe ich echt kien besonders feines Gehör, aber das empfinde ich dann doch als sehr störend. Und selbst wenn ich mal wieder einen Anfann von Größenwahn habe und meine etwas in der Henne-8-Region spielen zu müssen, dann spiele ich trotzdem nicht derart unpräzise (und man würde genug zu meckern finden).
 
Ich glaube ja, Musik von TEY und auch Glass muss man in anderem Kontext betrachten: das ist keine Musik, die man in einem Konzert von vorn bis hinten hören sollte. So ist sie gar nicht gedacht. Nicht umsonst feiern TEY und Glass ihre größten Erfolge als Filmmusiken. Im Film hat so eine Musik eine ganz andere Aufgabe: da begleitet sie Bilder und schafft eine Stimmung und so etwas wie eine wiederkehrende Corporate Identity für Charaktere, Orte, Szenen. Tiersen vertont eine romantische Rollerfahrt von ca. 90 Sekunden Dauer durch das Strassenbild von Montmartre. Glass (mit einem anderen Stück als dem hier) einen schlafenden Truman (vermutlich weniger als 60 Sekunden). Was soll da eine Sinfonie? Eine zu komplexe Musik hat da gar keinen Platz, keine Zeit sich zu entfalten und verdrängt die Bilder und die Filmhandlung. Yiruma hat Stücke für diese Vampirserie komponiert, Einaudi auch für Filme...
Und als CI und dauerhaft wiedererkennbare Motive, die den Charakter von Filmen ganz wesentlich prägen (man stelle sich bitte Amelie mit Mozartuntermalung vor?? Anderer Film!!) funktioniert diese Art von Musik fantastisch. Ob sie jemand Stand alone auch mag und sich sogar motiviert fühlt, sie nachzuspielen, vielleicht weil sie an die Filmbilder erinnert, möge ja jedem selbst überlassen sein.

Und ich freu mich, wenn ich mit 84 noch so wacker am Klavier sitze wie Glass und meine Freunde und Fans, die ich wegen Corona nicht zur GeburtstagsParty einladen kann, mit einem Video grüße... da muss man doch nix mehr beweisen..
 
Ich beziehe mich ausschließlich auf das 84 Jahre-Opa- Video: Nein, das ist nicht gut. Dröge Komposition, mäßig gespielt. Ob das jetzt Herr Glass ist oder der Kaiser von China ist unerheblich.
 
Und wenn man jetzt argumentiert "Ja, aber musikgeschichtlich, und Kontext, und alter Mann und überhaupt...!"
Nein! "Entscheidend ist auf'm Platz!" Alte Fußballweisheit.
 
Hier spielt ein anderer Opa, fast 94 Jahre alt (inzwischen 97 und konzertiert immer noch!),
allerdings nur Werke von toten weißen Männern!

 
Ich bin für die Umbenennung in LMHH (Langweilige Musik, Harmlose Harmonien).
 

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