Die Minimal Music ist in die Jahre gekommen - Same Procedure As Every Year, Mister Glass?

... der alten weißen Männer ...
Klischees und Vorurteile. Die Hauptsache, man/frau fühlt sich als moralisch besserer Mensch! - Wenigstens ist mein Blutdruck jetzt auch ohne Kaffee auf Normalniveau.
Wenn's medizinisch half, war ich gern Anlass für Deine moralischen Erhebung.

...Allerdings geraten wir in diverse Probleme, wenn wir "echte Musik" daran erkennen wollen, dass die Leute sie "aus den richtigen Gründen" hören.

Ich versuche Musik unabhängig vom Publikum und deren Intention zu bewerten.
Genau meine Rede. Denn in den Konzert- und Opernsälen sitzen nicht nur Musikliebhaber, siehe mein Erlebnis. Etwas zu den Entstehungsbedingungen und der typischen Rezeption zu wissen ist fein, aber die Musik steht darüber.

Cee
 
Genau meine Rede. Denn in den Konzert- und Opernsälen sitzen nicht nur Musikliebhaber, siehe mein Erlebnis.

Der Unterschied war immer groß, ob eine "ernste" Oper oder eine "leichte" Operette gegegeben wurde. Aber mit den Operetten wurden die Opern querfinanziert. Zumindest war das mal vor vier Dekaden so. (Informationen aus erster Hand, mein Klavierlehrer war Opernsänger.)

Mein Erlebnis war diesbezüglich das Neujahrskonzert von Koglmann mir seinem Monoblue-Quartett. Wahrscheinlich haben die Leute bei "An Affair with Strauss" etwas anderes erwartet, die Hälfte ward nach der Pause nicht mehr gesehen. Einige verließen schon nach den ersten beiden Stücken das Konzert. Besser mal vorher das Ankündigungsheftchen gelesen, dann hätte klar sein müssen, dass das nichts zu tun hatte mit dem Stehgeiger aus Maastricht. :-)

Grüße
Häretiker
 
Aber mit den Operetten wurden die Opern querfinanziert. Zumindest war das mal vor vier Dekaden so. (Informationen aus erster Hand, mein Klavierlehrer war Opernsänger.)
Verstehe ich nicht. Der Aufwand ist prinzipiell derselbe, von einigen ganz großen spätromantischen oder neueren Opern mal abgesehen. Was soll an einem "Figaro" denn teurer sein als an einer "Lusigen Witwe"?
 
Verstehe ich nicht. Der Aufwand ist prinzipiell derselbe, von einigen ganz großen spätromantischen oder neueren Opern mal abgesehen. Was soll an einem "Figaro" denn teurer sein als an einer "Lusigen Witwe"?

Einnahmen beim Kartenverkauf ausverkaufter Operettenvorstellungen erzeugen einen Überschuss, der das Defizit bei Opernaufführungen kompensiert. So einfach ist das. :-)

Und: Mit hinreichend vielen Operettenaufführung hält man die Abonennten.

Grüße
Häretiker
 
Noch ein Wort zum Kolonialismus:
Ginge es Afrika nicht wesentlich besser, wären die Europäer noch da?
 
Einnahmen beim Kartenverkauf ausverkaufter Operettenvorstellungen erzeugen einen Überschuss, der das Defizit bei Opernaufführungen kompensiert. So einfach ist das.
Aber Repertoire-Opern wie Zauberflöte, Figaro, Don Giovanni, Così fan tutte, Freischütz, Carmen, Rigoletto, Traviata, Trovatore, L'Elisir d'amore, Barbiere, Tosca, Bohème etc. - die allesamt nicht aufwendiger zu produzieren sind als eine Operette - sind doch auch immer ausverkauft. :016: Insofern verstehe ich das noch immer nicht.

Ich verstehe, dass man Operetten und Musicals produziert - es gibt ja offensichtlich eine Nachfrage. Aber dass man damit die Oper quersubventioniert, halte ich für eine Legende.
 
Noch ein Wort zum Kolonialismus:
Ginge es Afrika nicht wesentlich besser, wären die Europäer noch da?
Die Europäer sind doch noch immer da:
 
Interessant zum Thema Quersubventionierung der Oper:
"Als «Geldmaschine» für Orchester- und Opernproduktionen erweist sich der Erfolg von Konzert und Theater bei Musicalaktivitäten. «Das Musical ermöglicht dem Orchester Freiräume, es erlaubt die Quersubventionierung von spannenden Opern- und Konzertprogrammen», sagt Werner Signer. Konzertdirektor Florian Scheiber doppelt nach: «Eine so opulente Opernproduktion wie <Die tote Stadt> von Erich Wolfgang Korngold, die in der neuen Saison wieder aufgenommen wird, wäre ohne Erfolge im Musicalbereich undenkbar.»"
(Quelle: https://www.tagblatt.ch/kultur/kontinuitaet-ist-nicht-mehr-sexy-ld.921167)

Oder auch hier - betrifft zwar nicht Oper und Operette, sondern Theater und Kino, aber das Prinzip scheint das gleiche zu sein:
"Um die jeweilig betroffenen Theater nicht schließen zu müs-sen, umging man das offizielle Subventionsverbot kurzerhand durch Quersubventionierung: Die benötigten Summen stammten aus den enormen Überschüssen, die die Kinos erzielten. Letztere befanden sich zumeist ebenfalls in öffentlicher Hand oder wurden eigens zum Zwe-cke der Quersubventionierung in diese überführt. Häufig wurden Theater und Kino dann zu einem Kommunalunternehmen zusammengefasst."
(Quelle: https://www.repo.uni-hannover.de/bi...89/9161/1014714788.pdf?sequence=1&isAllowed=y
 

Nachdem ganzen Unrecht, dass dort durch Europäer verübt wurde, wäre es besser, sie wären nie da gewesen:
@Häretiker ...ja, der belgische König hat sich da nicht mit Ruhm bekleckert (mir ist nach wie vor schleierhaft, warum das nicht als Genozid beurteilt wird) - - aber dank eines scharfsinnigen Beitrags frage ich mich, ob der belgische König den Herren Vieuxtemps, Franck und Ysaye womöglich "ethische Fragwürdigkeit" angeheftet hat (und ob man folglich die - ohnehin böse bourgeoise - "Kunstmusik" besser nur noch aus Kulturen wie Polen, Ungarn, Tschechien hören sollte, denn die hatten keine Kolonien)
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zur Oper: werden auch Met und Scala mittels Musicals quersubventioniert?
 
Interessant zum Thema Quersubventionierung der Oper:
"Als «Geldmaschine» für Orchester- und Opernproduktionen erweist sich der Erfolg von Konzert und Theater bei Musicalaktivitäten. «Das Musical ermöglicht dem Orchester Freiräume, es erlaubt die Quersubventionierung von spannenden Opern- und Konzertprogrammen», sagt Werner Signer. Konzertdirektor Florian Scheiber doppelt nach: «Eine so opulente Opernproduktion wie <Die tote Stadt> von Erich Wolfgang Korngold, die in der neuen Saison wieder aufgenommen wird, wäre ohne Erfolge im Musicalbereich undenkbar.»"
(Quelle: https://www.tagblatt.ch/kultur/kontinuitaet-ist-nicht-mehr-sexy-ld.921167)

Oder auch hier - betrifft zwar nicht Oper und Operette, sondern Theater und Kino, aber das Prinzip scheint das gleiche zu sein:
"Um die jeweilig betroffenen Theater nicht schließen zu müs-sen, umging man das offizielle Subventionsverbot kurzerhand durch Quersubventionierung: Die benötigten Summen stammten aus den enormen Überschüssen, die die Kinos erzielten. Letztere befanden sich zumeist ebenfalls in öffentlicher Hand oder wurden eigens zum Zwe-cke der Quersubventionierung in diese überführt. Häufig wurden Theater und Kino dann zu einem Kommunalunternehmen zusammengefasst."
(Quelle: https://www.repo.uni-hannover.de/bi...89/9161/1014714788.pdf?sequence=1&isAllowed=y
Die Musicals, die in St. Gallen gespielt werden, sind Stücke ohne Chor, Ballett und Orchester (da spielt nur eine kleine Band). Natürlich ist sowas viel billiger als ein "klassisches" Musical wie die West Side Story oder eben eine Operette - da ist der Aufwand tatsächlich genau so hoch wie bei einer durchschnittlichen Opernproduktion.

Die im Zitat erwähnte "Tote Stadt" ist natürlich eine andere Hausnummer, da braucht ein kleines Orchester wie St. Gallen viele Proben und viele Aushilfen, was die Kosten enorm nach oben treibt.
 
Was an diesen Fakten verursacht da deine Pose des Fremdschämens???
Du versuchst meine Argumentation zu entkräften, in dem du einen Autor (der sich Süskind schreibt, oh Mann, shame on me) mit Millionenauflage und dutzenden Sprachübersetzungen in alle Welt herbeizitierst. Dabei verkennst du die Tatsache, dass der zwar den Olymp erklommen haben mag, Zehntausende mittelmäßige Autoren aber nicht.

Das hat dazu geführt, dass ich die Contenance verloren habe. Meine Bemerkung war natürlich zweifellos dumm, deine Rüge verdient und ich enttäuscht von mir selber, bin erst jetzt frisch und wohlgemut wieder aus dem Loch geklettert. :-) Nene, um den Applaus hab ich mich hier wohl für alle Zeit gebracht, aber was solls, und »Likes« sind mir sowieso schnuppe, das ist eine sinnlose Dopaminfalle (also bitte nicht meine Postings liken, selbst wenn sie auf Gefallen stoßen, gell?). Ein Anfänger, der noch nicht einmal Trivialmusik à la Glass nach Gehör aus dem Ärmel schütteln kann, dem würde Applaus nur den Charakter verderben, von daher bekümmert mich das eher wenig. ;-) Nur Politiker erwarten Applaus auf das was sie sagen, was ich suche ist ein interessantes Streitgespräch und wenn ich als Verlierer daraus hervorgehe.

Nun, jedenfalls, diese aus nachfrageseitiger Sicht mittelmäßigen Autoren wollen aber auch gerne trotzdem leben von ihren Talenten.
Das geben sie zur Zeit reihenweise auf – oder ergeben sich einem empathielosen Lektorat, wenn sie überhaupt eins kriegen, das sie teilweise ganze Plots trivialisieren sehen will, oder verlegen sich ganz auf Werbetexte und Auftragsarbeiten. Oder lernen Klavier.
Und dieses Wissen habe ich frank und frei auf die Musik übertragen. Denn wie sollte es ausgerechnet ihr anders gehen, wo doch auch die bildenden Künste mit Photoshop-Desastern konkurrieren in ahnungslosen Augen.
Nein, ich weiß es natürlich nicht, welche Komponisten auch Trivialmusik produzieren (lassen) und an Agenturen verticken. Wenn, tun sie das im Interesse ihrer Diskographie tunlichst so, dass man sie nicht erkennt. Die Coronapandemie ihrerseits dürfte auch so manchen auf derlei Ideen bringen, die er nach außen nicht zugibt, man ist ja menschlich und kann nicht ewig auf ausbleibende Hilfen warten.

Sicher, das ist eine Mutmaßung, das hast du richtig erkannt. Für mich Grund genug, Trivialmusik nicht zu ächten. Wenn ich Analphabet irgendwann mit der Fibel durch bin und mich an Ulysses versuche, werde ich die Fibel wohl auch anders sehen, aber sie nach wie vor nicht als »TEY-Kram« schmähen. Als Musik, die nicht wehtut. Klar tut sie nicht weh. Eine Schlafbrille soll ja auch nicht wehtun. Trivialmusik ist trivial im besten Sinne, Musik für Anspruchslose. Die Menge der Anspruchslosen deckt sich nicht mit der Menge der Menschen mit Lernbehinderung, ohne Bildungsabschluss oder so, es sind einfach Leute mit anderen Ansprüchen.

Die Kunstmusik hat nichts direkt mit Kolonialisierung zu tun. Und wenn mal ein Afrikaner einen Flügel für Beethoven auf die Bühne gerollt hat (keine Ahnung), sollte man darüber jetzt auch keinen Zusammenhang konstruieren. Bartók hatte meines Halbwissens weltmusikalische Ambitionen umgesetzt, allerdings nach Kolonialherrenart bestimmt nicht, abgesehen davon, dass er sich auf den osteuropäischen Raum und den Vorderen Orient beschränkte.

Auf einen Zusammenhang zwischen europäischer Kunstmusik und Kolonialismus hab ich auch gar nicht abgehoben in meiner, äh, »Suada«. Es ging mir um die typische Arroganz des europäischen Adels und ihrer Getreuen, dass ihre Kunstmusik das höchste Gut sei, tausendmal daseinsberechtigter als das, was das Volk liebt. Und es ist diese Haltung, die hier im Forum herrscht. Und meine Position ist einfach die: Die Komplexität der Musikkultur bei Hofe und in den Salons der Adels konnte sich nur entwickeln, weil man Komponisten unterhalten konnte und Zeit hatte, ihnen zuzuhören. Unter anderem für diesen Luxus beutete man die halbe Welt aus.

Luxus ist Schuld. Auch europäische Kunstmusik war einst ein Luxusgut. Man kann sie genießen, aber alles andere verschmähen, weil es keine Kunstmusik ist, das offenbart einen kleinen Geist.
 
was ich suche ist ein interessantes Streitgespräch
das wäre sicherlich interessant, aber worüber?
Zur Musik von Glass habe ich mich in diesem Faden noch gar nicht geäußert (kann es in Klammern nachholen: sowohl seine Etüden, als auch ein Streichquartett und die Gandhi-Oper gefallen mir sehr, die Filmmusik Kooyanidingsbums (ich google jetzt nicht die Schreibweise) fand ich ebenfalls gelungen; mir ist schleierhaft, warum manche Teilnehmer die Sachen von Glass abwerten)
Der Themenkomplex Kunstmusik-Gebrauchsmusik-Trivialmusik-Unterhaltungsmusik ist eigentlich nutzlos, mir scheint die Haltung von Guiseppe Verdi die vernünftigste: "für mich gibt es nur gute und schlechte Musik" - da ist doch zweifellos was dran. Gelungenes und Misslungenes gibt es in jeder Musiksorte (kleine Schikane: ganz ohne Kolonialismus ;-) ) --- das einzig bemerkenswerte vielleicht in diesem Themenkomplex ist, dass niemand für eine Musiksorte namens "Schlager" in die Bresche springen will - woran mag das liegen?
 
Zuletzt bearbeitet:
Da ich nicht luxuriös lebe, kann es kein Komplex sein. Was ist auch ein Komplex daran, zu befinden, dass der Besitz von Luxus mit der Mittellosigkeit von anderen korreliert, der Luxusgutbesitzer (um beim Thema zu bleiben: »Gönner«, der einen Komponisten unterhält) also an ihrer Misere mit Schuld trägt? Aber okay, die Frage ist hier offtopic, @schmickus. Vielleicht könntest du direkt in deinem Posting oben etwas begründendes dazu schreiben, damit die Behauptung nicht so unbedarft dasteht mit leeren Händen. Ich will auch tapfer versuchen, nicht noch mal dazu Stellung zu beziehen, das hab ich ja hiermit schon getan.
 
Luxus ist Schuld. Auch europäische Kunstmusik war einst ein Luxusgut. Man kann sie genießen, aber alles andere verschmähen, weil es keine Kunstmusik ist, das offenbart einen kleinen Geist.
Ersetzungsproben:
Auch europäische Weltliteratur war einst ein Luxusgut. Man kann sie genießen, aber alles andere verschmähen, weil es keine Weltliteratur ist, das offenbart einen kleinen Geist.
Auch europäische (Kunst)Malerei war einst ein Luxusgut. Man kann sie genießen, aber alles andere verschmähen, weil es keine Kunstmalerei ist, das offenbart einen kleinen Geist.
...usw...
was ist nun damit gewonnen?
 

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