Steinway CD 318:"Romanze mit einem Dreibeiner...."

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kreisleriana

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"Glenn Goulds obsessive Suche nach dem perfekten Flügel"

aus gegebenem Anlaß-meiner Lektüre;)- möchte ich dieses Buch jedem hier wärmstens empfehlen.

Nein,Gould wird einem drin nicht wirklich sympathisch,ich fand die Szene richtig abstoßend,wo er einem völlig harmlosen Steinway-Klavierstimmer eine 300 000 Dollar Klage schickte,weil dieser ihm nett zur Begrüßung auf die Schultern klopfte.
Dessen Komentar:"ich habe nie im Leben jemenden geschlagen,am wenigsten Glenn Gould,aber jetzt würde ich dieser Ratte wirlich gerne eine rein hauen",ist für mich sehr verständlich,Henry Steinway zahlte 10000 Dollar und verzieh dem verrückten Star schulterzuckend.

Goulds Obsession mit Gegenständen aus seiner Jugend war genauso pathologisch wie seine zwanghafte Persönlichkeitsstörung(ob er tatsächlich an Asperger Autismus litt wird im Buch nicht weiter diskutiert),nur so kann man seine Fixation auf den Klappstuhl,der zuletzt nur mehr aus drei Holzstäben bestand oder dem (bei Steinway berüchtigten) Chickering Stutzflügel verstehen,den er höher schätzte als jeden D-274 Konzertflügel mit Ausnahme seines geliebten CD 318 von S&S.Der klapprige Stuhl war von seinem Vater gezimmert worden,den Chickering hatte er seiner ersten Verlobten abgekauft....

Goulds Wunschvorstellung war die leichtgängige schlecht regulierte Mechanik seines uralten desolaten Chickering und der Klang eines Cembalos- man kann sich die Verzweiflung in den Gesichtern der Concert Artists-Abteilung bei Steinway & Sons förmlich vorstellen.
Tatsächlich paßte Gould so gut wie kein einziger Steinway(auch kein Bechstein,die er klammheimlich angeblich mal probierte) bis er dann seine erste Liebe im Basement der Steinway Hall in New York fand,auf dem die erste Aufnahme der Goldbergvariationen entstand.

Goulds Flügel scheinen aber tatsächlich von einem Fluch verfolgt gewesen zu sein.Dieser Steinway stürzte beim Transport so unglücklich,dass er als Totalschaden entsorgt werden musste.
Nach verzweifelter Suche und permanentem "brieflichen Sperrfeuers "(ein überaus gelungenes Bild im Buch) gegen Steinways Unfähigkeit, vernünftige Instrumente herzustellen,fand er dann endlich seinen Traumflügel,wohl wieder kein Zufall, dass es just dieser Steinway D-274 war,auf dem er als Junge debütiert hatte...
Dieser trug die Leihnummer CD 318 des Gestellparks von S&S.

Gould glaubte,er stamme aus der goldenen Zeit des Klavierbaus der 30er Jahre,tatsächlich stammte er aber aus 1945.

Ob die Qualität der amerikanischen Steinways nach dem Krieg tatsächlich so nachgelassen hatte wie viele Pianisten behaupteten,ist schwer zu beurteilen.

Die Katastrophe passierte Anfang der 70er Jahre,auch dieses Instrument wurde von Möbelpackern 2m von einer Laderampe gestürzt,die Folgen waren herzzerreissend,aus einem einzigartigen Meisterwerk des Klavierbaus war ein völlig zerstörtes Wrack geworden,die Gußeisenplatte vier mal gebrochen,Resonanzboden gebrochen,Rim,Deckel zerbrochen,Stimmstock an mehreren Stellen gebrochen und die in 10 jähriger Arbeit bis ins letzte nach Goulds Vorstellungen perfektionierte Mechanik verbogen und deformiert.

Die verzweifelten Bemühungen,den Flügel im Steinway Werk in New York zu restaurieren,führten nur zu einem Achtungserfolg für die Firma.Angeblich ist er auch heute noch -oder wieder-ein erstklassiger Konzertflügel,aber das Herz war gebrochen,es war ein anderes Instrument gewoden und Gould verlor das Interesse an ihm,obwohl er ihn 1973 ankaufte und noch alle Aufnahmen der 70er Jahre mit ihm gemacht wurden.

Der Abschied von Steinway kam bekanntlich mit den Goldberg Variationen 1981,ein 274er Yamaha Konzertflügel war so gut präpariert worden,dass die Mechanik Goulds Vorstellungen entsprach,obwohl er wie zu erwarten bereits während der Aufnahmen seiner Unzufriedenheit mit dem Yamaha Ausdruck verlieh.

Das Buch ist übrigens auch eine Hommage an die hohe Kunst des Klavierstimmens!(dass eine überdurchschnittliche Anzahl von Klavierstimmern wegen der Strapazen des Berufes in Irrenanstalten landet,ist eine amüsante Anektote)

unbedingt lesen!
 
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pennacken

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@ dass eine überdurchschnittliche Anzahl von Klavierstimmern wegen der Strapazen des Berufes in Irrenanstalten landet, ist eine amüsante Anektote

Hoffen wir, daß es so ist!

LG

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pennacken

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Um das zu verdeutlichen: ..ist eine amüsante Anektote..

Und: Immer schön den Michael pflegen, Kaffee, Kuchen, Aschenbecher, ein freundliches Schwätzchen ... damit er noch lange unsere Instrumente zum singen bringt!

Das Buch ist eines der interessantesten, das ich zum Thema Klavier kenne! Gleichzeitig ein wenig Biografie und etwas Steinway-Geschichte.

LG

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James P. Johnson

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Nein,Gould wird einem drin nicht wirklich sympathisch,ich fand die Szene richtig abstoßend,wo er einem völlig harmlosen Steinway-Klavierstimmer eine 300 000 Dollar Klage schickte,weil dieser ihm nett zur Begrüßung auf die Schultern klopfte.!

Wird dieser Techniker in dem Buch namentlich erwähnt? Franz Mohr nannte in einem seiner Bücher in diesem Zusammenhang Bill Hupfer als den unglücklichen Konzerttechniker.

Die Katastrophe passierte Anfang der 70er Jahre,auch dieses Instrument wurde von Möbelpackern 2m von einer Laderampe gestürzt,die Folgen waren herzzerreissend,aus einem einzigartigen Meisterwerk des Klavierbaus war ein völlig zerstörtes Wrack geworden,die Gußeisenplatte vier mal gebrochen,Resonanzboden gebrochen,Rim,Deckel zerbrochen,Stimmstock an mehreren Stellen gebrochen und die in 10 jähriger Arbeit bis ins letzte nach Goulds Vorstellungen perfektionierte Mechanik verbogen und deformiert.

Das ist jetzt interessant. Aus meiner Quelle geht hervor, dass der CD 318 bei Steinway verpfuscht wurde. Der Flügel musste unbedingt revidiert werden da der nicht nur ausgespielt, sondern "total ausgespielt" war (Materialermüdung der Hölzer uvm.) Sie haben angeblich die Spieleigenschaften des vorherigen Zustands nicht übernommen. Von einem Transportschaden ist nicht die Rede. Komisch komisch...

aus gegebenem Anlaß-meiner Lektüre;)- möchte ich dieses Buch jedem hier wärmstens empfehlen.

Das Buch habe ich mir eben bestellt. Herzlichen Dank für deine Rezension kreisleriana!
 
kreisleriana

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Mohr nannte in einem seiner Bücher in diesem Zusammenhang Bill Hupfer
ja der arme Hupfer war Goulds Opfer :-) Hupfer wird in dem Buch als liebenswürdiger bemühter Techniker beschrieben.

Aus meiner Quelle geht hervor, dass der CD 318 bei Steinway verpfuscht wurde
Nein,Steinway hat da nichts verpfuscht, der CD 318 stürzte den Möbelpackern 2m von der Laderampe.Die Schuldigen Möbelpacker suchten dann das Weite.Gould recherchierte lange,wer verantwortlich war,der Klavierspediteur scheint es eher nicht gewesen zu sein,sondern eher Angestellte des Warenhauses,das den Flügel besaß,Beweise wurden nie gefunden.
Steinway versuchte den Flügel bestmöglich ,aber eben routinemäßig, zu restaurieren,es wurde aber nur mehr ein normaler typischer Steinway D Flügel daraus und nicht mehr Goulds speziell von Enquist getrimmtes Instrument,was Gould interessanterweise nicht daran hinderte, ihn um 6000 $ anzukaufen(vermutlich hatte er insgeheim die Hoffnung,der Flügel könne seine alte Form doch noch wieder erreichen)
viel Spaß beim Lesen!
 
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pennacken

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Ohne die Geschichte mit Hupfer hier auszuwalzen: Hupfer wußte, daß Gould niemandem die Hand gab (wegen seiner panischen Angst vor Infektionen) und deshalb hatt er ihm "nur" beiläufig leicht auf die Schulter geklopft. Gould machte daraus ein Drama, als hätte man ihm mit einem Prügel auf die Schulter geschlagen - bis hin zum Gipsverband. Mir ist unverständlich geblieben, wie aus einem leichten Schlag auf die Schulter ernsthafte Verletzungen entstehen können - aber bei Gould war eben vieles nicht "normal". Die 300.000-Dollar Klage hatte aber letztlich einen anderen Hintergrund (s. dazu den weiteren Text im Buch): Gould wollte unbedingt, daß Steinway anerkannte, ihm einen Schaden zugefügt zu haben. Schließlich hat man sich auf einige tausend Dollar (für Arztrechnungen) geeinigt.

LG

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P.S. Das Buch dreht sich darum, daß Gould (außer seinem CD 318) keinen Steinway finden konnte, der seinen Ansprüchen genügte. Dabei zieht sich beinahe wie ein roter Faden durch das Buch, daß Steinway in den 70er Jahren überhaupt erhebliche Probleme mit der Qualität der Instrumente gahabt haben soll. Gibt es dafür auch andere Quellen?
 
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hasenbein

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Das Problem war nicht "Psychose" oder "Autismus", sondern Gould hatte so eine merkwürdige Art, Klavier zu spielen, daß es halt nur unter ganz bestimmten äußeren Bedingungen überhaupt zufriedenstellend funktionieren konnte (Mechanik mußte auf bestimmte Art reguliert sein, es mußte stets sehr warm sein, weil sonst seine Muskeln nicht locker genug waren etc.). Waren diese Bedingungen nicht gegeben, "lief" es wirklich nicht!

Hätte er eine zweckmäßigere Technik gehabt, hätte er seine Virtuosität auch nicht als so "fragil" erlebt; allerdings hätte er dann auch nicht so einen unverwechselbaren Klang gehabt... tja...

LG,
Hasenbein
 
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chiarina

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Das Problem war nicht "Psychose" oder "Autismus", sondern Gould hatte so eine merkwürdige Art, Klavier zu spielen, daß es halt nur unter ganz bestimmten äußeren Bedingungen überhaupt zufriedenstellend funktionieren konnte (Mechanik mußte auf bestimmte Art reguliert sein, es mußte stets sehr warm sein, weil sonst seine Muskeln nicht locker genug waren etc.). Waren diese Bedingungen nicht gegeben, "lief" es wirklich nicht!

Hätte er eine zweckmäßigere Technik gehabt, hätte er seine Virtuosität auch nicht als so "fragil" erlebt; allerdings hätte er dann auch nicht so einen unverwechselbaren Klang gehabt... tja...

LG,
Hasenbein


Und wenn er nicht so ein völlig kompromissloses und unglaubliches Klangbewusstsein und -vorstellungsvermögen gehabt hätte, hätte er nicht solche Instrumente gebraucht. :p

Liebe Grüße

chiarina
 
kreisleriana

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Mir ist unverständlich geblieben, wie aus einem leichten Schlag auf die Schulter ernsthafte Verletzungen entstehen können - aber bei Gould war eben vieles nicht "normal".
medizinisch nachvollziehbar wäre,dass Gould sich so sehr erschreckte,dass er durch eine ruckartige Bewegung seine vom vielen Klavierspielen sicher bereits lädierte Halswirbelsäule im Bereich der Bandscheiben beleidigte,Folge wäre die diagnostizierte Nervenwurzelirritation gewesen.Bei einem Hypochonder seiner Güte könnte vieles natürlich auch nur Einbildung gewesen sein,heute hätte man mittels MR leicht eine Diagnose stellen können.

daß Steinway in den 70er Jahren überhaupt erhebliche Probleme mit der Qualität der Instrumente gahabt haben soll
Es werden mehrere Pianisten (u.a. Badura Skoda) erwähnt die sich über dies und jenes beschwerten,z.B.zu schmale schwarze Tasten bei neueren Instrumenten.Schlau wurde ich da auch nicht wirklich,denn mir gefallen oft moderne Steinways besser als Instrumente aus den 30er Jahren,und wer weiss,wie ein Steinway BJ 1932 als nagelneues Instrment geklungen hat?Außerdem beziehen sich die Angaben immer auf die amerikanischen Flügel,nicht auf die Hamburger,manche Klavierhändler behaupten,dass die 70er Jahre gerade für die Hamburger Steinways eine goldene Zeit waren,was ich aber keineswegs bestätigen kann....
Ich denke man wird hier zu keinem gültigen Schluß kommen.

Nur weil ein Autist, der noch an paranoiden Psychosen gelitten hat, keinen passenden Flügel für sich gefunden hat, heißt das nicht das Steinway Probleme mit der Qualität hatte. Das einzige Problem das Steinway hatte war, auf die Pychosen dieses Interpreten einzugehen.
Gould hatte sicherlich auffällig viele typisch autistische Züge und außerdem Phobien und Zwangsneurosen,eine Psychose aber mit Sicherheit nicht.
Wie die meisten Asperger Autisten hatte er sehr intensive Bindungen zu Objekten,z.B.dem Chickering Flügel,oder dem kuriosen zuletzt sitzlosen Sessel.Die intellektuelle Verschrobenheit(vgl.Einstein),Isolation,Scheuklappenmentalität(Verhältnis zu Chopin,Schubert,Schumann,Mozart etc),Unfähigkeit zu "normalen" zwischenmenschlichen Beziehungen sind ebenfalls Symptome des Asperger Autismus.

Hatte Gould also Asperger Autismus??

Definitionsgemäß müsste Gould zwei der folgenden Kriterien erfüllt haben,um Asperger zu diagnostizieren:

-Unfähigkeit zu angemessenem Blickkontakt,
-Unvermögen Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln,
-Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit mit adäquater Reaktion auf Emotionen anderer Menschen,und
-fehlender Wunsch mit anderen Menschen Interessen zu teilen.

Gould war einmal verlobt und unterhielt später eine langjährige heterosexuelle Beziehung,Punkt zwei ist also nicht erfüllt.
Gould hatte großes Interesse seine Erkenntnisse anderen Menschen mitzuteilen,telefonierte dazu stundenlang,spielte einige Jahre lang Konzerte und nahm unzählige Platten auf,auch lange Gespräche über Musik führte er begeistert,Punkt vier fällt also auch weg.
Konnte er angemessenen Blickkontakt halten? weiß ich ehrlich gesagt nicht,in den Filmen mit ihm ist mir nichts Auffälliges aufgefallen
Bleibt nur punkt drei,den er sicher erfüllte-
Zusatzsymptome:konzentrierte Beschäftigung mit begrenzeten Interessensmustern,-trifft sicher zu.
Und zwanghafte Befolgung nonfunktionaler Routinen, trifft ebenso sicher zu
Stereotype repetitive motorische Manierismen,trifft so viel ich weiß nicht zu.

Die Diagnose ist wahrscheinlich,steht aber auf schwachen Beinen.
Andererseits sind die obigen ICD 10 Kriterien in der Fachwelt sehr umstritten.
Unterstrichen wird die Verdachtsdiagnoser Asperger Autismus bei Gould durch die starke Bindung zu Objekten(Stuhl,Chickering),Orten(Auto,Abneigung gegen Reisen),Routinen.

Differentialdiagnostisch käme eine anankastische oder zwanghafte Persönlichkeitsstörung ebenso in Betracht.

hoffentlich war das nicht zu viel Fachchinesisch,da schlägt mein Brotberuf leider etwas durch :-)

lG
 
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rolf

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hoffentlich war das nicht zu viel Fachchinesisch,da schlägt mein Brotberuf leider etwas durch :-)
aber nein, das war nicht zu viel Fachchinesisch!

ich frage mich aber, ob zwingend notwendig jeder, der ein paar Marotten hat aber auch überdurchschnittliche Talente, deswegen sogleich therapiert werden müsste bzw. deswegen gleich ein Krankheits- oder Störungsbild angehängt bekommen muss... also wenn Gould Autist war, möchte ich nicht wissen, was für weitaus schrecklichere Krankheitsbilder dann bei Horowitz, Chopin oder Beethoven diagnostiziert werden müssten... ...und mortuis causae: behandeln oder gar heilen geht bei keinem von denen mehr ;) :D:D
 
Wiedereinaussteiger

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Der persönliche Klaviertechniker von Glenn Gould hieß Verne Edquist, ein armer Mann, beinah blind. Seine vergeblichen Versuche, CD318 zu reparieren, bewirkten viel Stress. Die Verursachung des Rahmenschades konnte Gould nie aufklären. wahrscheinlich war es wie beschrieben: der Flügel kippte von der Rampe oder vom Stapler.Die Mitarbeiter, denen das passierte, meldeten es nicht und vertuschten es.

CD318 war im Lager eines Kaufhauses und muss ein Flügelvon sehr besonderer Machart der "belly works"; der Klanganlage gewesen sein. Denn Steinway baute einen nagelneuen Rahmen ein, aber das war's einfach nicht..

Seinen Rim, das Gehäuse aus geklebten Furnierstreigen, hatte der Flügel behalten, aber der Zusammenbau war dann anders und im alten Stand nicht mehr zu reproduzieren. Das macht mich denken, dass das "doweling", die Höhenpositionierung von Rahmen und Soundboard zueinandern sowie im Rim, bei der Produktion des ursprünglichen Flügels unerkanntermaßen stark abseits der Spezifikationen gewesen war. Dass der zerlegende Techniker das weder gewusst noch geahnt hatte, dass er also auch nicht ausgemessen hatte, wie denn der Flügel mit defektem Rahmen überhaupt "stand". Sondern sich auf seine Kompetenz verließ, er werde den Flügel mit neuem Rahmen schon so wieder zusammensetzen, dass das ein ordentlicher D-Flügel werde.. ... Was aber eben leider dann nur einen "normalen" Flügel (re-)produzierte, und nicht das sehr besondere bzw. eigenartige Instrument, in das Gould sich schwer verliebt hatte.

Dass also, summa, einer u.v.a von Gould häufiger zu hörenden Klage zufolge, die Steinway-Techniker in jenen Jahren nicht achtsam genug waren - man wisse, dass in jenen Jahren in New York Henry Z. schon an CBS verkauft hatte und das Cost accounting von CBS der Steinway-Firma im Nacken saß, was sehr viele erfahrene Steinway-Mitarbeiter verprellte und einen Durchhänger der Steinway-Qualität jener Jahre produzierte. Zum Vergleich siehe auch das Teflon-Desaster von 1961 bis 1982.

Bill Hupfer ging normal in Pension bei Steinway, hoch geachtet. Dem Boss Henry Ziegler Steinway war schon klar, dass er es mit Gould mit einem "sehr besonderen" Fall zu tun hatte. Die Beschreibung in H.Z.' Ergänzung des Buches von Theodore Steinway "people and pianos" legt nahe, dass Gould bei der unangekündigten Annäherung von hinten sich erschreckte, beim Berühren seiner Schulter in der Folge ruckartig den Kopf wendete und dass DAS ihm dann gesundheitliche Probleme machte.

Frank Mohr folgte Bill Hupfer regulär nach. Heute macht den Job als Cheftechniker und Verwaltung der New Yorker Steinway-Flügelbank "the Big Boy", Ron Coner.

Der immer noch defekte Flügel von Gould wird in Toronto, Kanada im Museum gezeigt, mitsamt dem ominösen Stuhl.

Eine der interessantesten Arbeiten bei Prüfungen zur amerikanischen Klaviertechniker-Vereinigung RPT ("registered piano technician") ist, in einem Steinway-Instrument die Einstellung zu reproduzieren, die das charakteristische Gould'sche "hiccup" produziert, den "Schluckauf", das Prellen des Hammers nach einem Anschlag, sodass im Bruchteil einer Sekunde je nach Anschlagsstärke oft ein zweiter Ton nachfolgt. Daran ist nichts geheimnisvoll, sondern lediglich eine Kombination von nachvollziehbaren Maßnahmen von leichtem Spielgewicht, "zu scharfem" Auslösen sowie entsprechende Einstellung des Abnickens und der Federwirkung am Repetierschenkel - dann prellt eine Mechanik quasi "verlässlich" - im normalen Spielbetrieb absolut unerwünscht, aber durchaus machbar - abseits der Steinway-Specs. (Auch Horowitz hatte in seinem Flügel "Beauty" von 1942 eine von Franz Mohr "sehr besonders" gepreppte Mechanik mit extrem leichtem Spielgewicht, jedoch ohne "hiccup"..., Horowitz hätte wohl Franz Mohr geprügelt, hätte der gewagt, ihm so eine Gould'sche Mechanik anzudrehen..)

Hier finden sich einige relevante Ausagen und Quellen:

Steinway D-274
 
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dass das "doweling", die Höhenpositionierung von Rahmen und Soundboard zueinandern sowie im Rim, bei der Produktion des ursprünglichen Flügels unerkanntermaßen stark abseits der Spezifikationen gewesen war.
das mit dem "dowelling" ist eine hochinterressante Theorie.
Eine der interessantesten Arbeiten bei Prüfungen zur amerikanischen Klaviertechniker-Vereinigung RPT ("registered piano technician") ist, in einem Steinway-Instrument die Einstellung zu reproduzieren, die das charakteristische Gould'sche "hiccup" produziert
Lustig ,das mit der "hiccup Prüfung" habe ich noch nie gehört.
Danke für die weiterführende Info.
 
 

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