Professionelles Klavierspielen und Musizieren (2.0)

Stilblüte

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Ich denke immer wieder darüber nach, was ich in meinen langen Jahren des Klavierunterrichts und Studiums eigentlich gelernt habe - auch bedingt durch meine eigene Lehre und die Frage, wie ich nicht nur "Symptombehandlung" betreibe ("spiel da mal lauter"), sondern wirklich das Verständnis von Musik verbessern kann. Vor einiger Zeit ist mir dazu das hier eingefallen:

1. Rhythmische und metrische Präzision
2. Richtungssinn
3. Vertikale und horizontale Klangqualität

...
Zu 1. Rhythmischer und metrischer Präzision:
Immer wenn ich Kammermusik spiele oder manchen Leuten zuhöre, wird mir klar: Rhythmisch ganz genau zu spielen, sowie ein inneres Gespür für Puls / Tempo zu haben, gehört mit zum Anspruchsvollsten in der Musik überhaupt. Da wird verlangsamt, verkürzt, aufgeweicht oder ganz falsch gespielt, und obwohl das häufig nur feinste Nuancen sind und obwohl "man doch den Rhythmus spielt", geht genau in diesen kleinen Ungenauigkeiten der Sinn, die Rundung, der Bogen, und damit die Qualität verloren.

Zu 2. Richtungssinn:
Richtungssinn und Rhythmus / Metrum hängen miteinander zusammen. Ich meine damit grob gesagt das Verständnis von harmonischer, melodischer und rhythmischer Entwicklung, Phrasen und Bögen, sowohl im kleinsten Detail von manchmal nur zwei Tönen über Motive, Themen, längeren Abschnitten bis hin zum ganzen Satz und ganzen Werk. Der Richtungssinn äußert sich im agogischen und dynamischen Umgang mit dem Werk und dem "Gestus", mit dem gespielt wird. Er macht wahllos aneinandergereihte Töne zu einer Melodie mit Richtung - und Ziel.

Zu 3. Klangqualität: Das ist das, was hier oft diskutiert wird. Anschlagskultur, Pedalspiel, Legatospiel, dynamische Abstufung von Akkorden oder Händen und so weiter. Ohne diesen Punkt klingt natürlich alles grob und hässlich. Ich denke aber, dass ein Stück, welches 1) und 2) besitzt und 3) nicht, als angenehmer empfunden wird als eines, das 3) besitzt und die anderen beiden nicht hat.

Inzwischen würde ich es noch anders formulieren. Was im übergeordneten Sinne gebraucht und geschult wird, ist eine ganz besondere Form der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, die man im Alltag normalerweise nicht braucht. Allerdings vermute ich, dass sie in einigen anderen künstlerischen und auch nicht-künstlerischen Berufen oder Tätigkeiten ebenfalls so ähnlich ausgeprägt ist, z.B. bei Chirurgen oder in manchen Sportarten wie Kampfsport, Eiskunstlauf, Skispringen, die auch mit höchster Konzentration und punktueller Höchstleistung verbunden sind. Was ich meine ist eine Aufmerksamkeit für zwei Aspekte:

1. Das große Ganze (oben benannt mit "Richtungssinn"). Also der Sinn des Zusammenhangs, der Entwicklung des Stückes, der Verbindung von Tönen, Klängen, Motiven und Abschnitten.
2. Das wahrnehmen und Formen von Details (oben am ehesten "Vertikale und horizontale Klangqualität").

Diese zwei Punkte klingen relativ banal, werden aber nicht ganz dem gerecht, was für mich wirklich dahintersteht. Natürlich sind die obigen drei Punkte aus dem alten Beitrag darin enthalten, technisches Vermögen muss gegeben sein, ein grundsätzliches Wissen und Kenntnisse von Musik, Instrument und Stilistik etc. Aber das ist noch nicht alles. Diese Art von Aufmerksamkeit gleicht für mich einer Geisteshaltung. Ich suche nicht aktiv die ganze Zeit nach Informationen, die ich dann musikalisch verwerte, sondern vieles passiert durchaus im Flow und auch automatisiert. Allerdings nicht in einem beiläufigen, unaufmerksamen Sinne, sondern die Musik ist für mich plastisch wie ein dreidimensionales Gebilde glasklar vor dem inneren Auge und Ohr. Praktisch heißt das, dass mir möglichst wenig entgeht und alles genauso klingt, wie es soll. Alles fällt an seinen richtigen Platz. So wie in einem sorgfältigen Gemälde jeder Pinselstrich genau beabsichtigt ist.

Beim Unterrichten bemerke ich, dass diese Aufmerksamkeit und der Horizont des Überblickens viel kleiner ist, sowohl für Details als auch für Zusammenhänge. Wenn ich dann sage "hör doch mal auf die Basslinie" ist das augenöffnend, wenn ich auf einen Vorhalt hinweise, hat man ihn vorher nicht gehört etc. Das ist völlig normal und ich erinnere mich noch gut daran, wie sich das für mich früher angefühlt hat (und bis heute entgeht mir natürlich nach wie vor Vieles - man kann immer Neues entdecken und noch anders hinhören und hinsehen!). Aber genau dies wird unter anderem geübt: Erweitere dein Blickfeld, bis dir nichts mehr entgeht. Dafür gibt es leider keine Abkürzung, vermutlich muss man es trainieren wie die Ausdauer und Kraft für einen Marathon.

Mich interessiert, wie das andere Profis, Studenten und Amateure sehen, wenn ihr sowas lest. Könnt ihr es nachempfinden? Anders formulieren? Böhmische Dörfer? :004:

Viele Grüße!
Stilblüte
 
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Liebe @Stilblüte, in der Tat neigen klavierlernende Menschen dazu, ihr Aufgabe als eine rein vertikale zu verstehen. Es gibt ja so vieles, auf das man achten muss, was nicht selten - übertrieben - zu einem Buchstabieren der schwarzen Punkte führt.
Die Richtungssicht, von der Du sprachst ist in allen Sprachen wichtig. Wer Latein gelernt hat, erinnert sich möglicherweise: Schau auf das Ende des Satzes und dann erschliesst sich - vielleicht - der Sinn.
Eine Geschichte können wir nur spannend vorlesen, wenn wir als alleiniger Insider das Ende kennen, wenn wir wissen, wie sich die darin agierenden Personen verhalten werden. Nur dann gelingt uns ein spannender Vortrag.
Nicht anders ist es in der Musik. Auch Harmonielehre möchte immer von den Zielen aus betrachtet werden. Eine Dominante erklärt sich über ihre Auflösung, der Tonika, um es vereinfacht auszudrücken.
Was bei Musik als besonders wichtig hinzukommt, ist das Ohr. Wenn wir innig zuhören, dann entsteht der Wunsch zu spüren, wohin die Reise geht.
Wenn Menschen ohne Ohr improvisieren, neigen sie oft dazu, einfach loszulegen mit nicht endenwollenden Phrasen, ohne Pausen, ohne Denkmale.
Die musikalische Kraft von Pausen im Fluss zu vermitteln, ist unsere Aufgabe.
Um in Richtung zu musizieren hilft ungemein die Choreographie, bewegt sich die Hand in Richtung der Melodie, wird der Geist sie auch spüren und das Ziel suchen.
Tippen wir aus den Fingern Ton für Ton, entsteht genau das: Ton für Ton...
 
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Mich interessiert, wie das andere Profis, Studenten und Amateure sehen, wenn ihr sowas lest. Könnt ihr es nachempfinden?
Absolut! Ich bin zwar kein Musikprofi, aber erkenne alles, was Du schreibst, auch in meinem Beruf wieder, und ich gehe davon aus, dass das in jedem Beruf, dessen Fertigkeiten ein gewisses Maß an Komplexität umfassen, passiert. Im Lauf der Jahre eignet man sich Automatismen, unbewusste Wahrnehmungen, Blickwinkel/Fokus von nah und fern (Deine Punkte 1 und 2) an. Ich merke das, wenn mich jemand fragt, was ich da gerade mache und warum. Manche Dinge muss ich dann selbst erst reflektieren, um sie erklären zu können.

Ich nenne sowas Erfahrung.
 
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Mich interessiert, wie das andere Profis, Studenten und Amateure sehen, wenn ihr sowas lest. Könnt ihr es nachempfinden? Anders formulieren? Böhmische Dörfer? :004:

Ich bin auch nur Amateur, aber ich verstehe gut was du schreibst. Beim Klavier, ja. Aber besser erklären könnte ich das eher im Sport, oder einem Sport-Kunst Mischbereich.
Beim Seekajakfahren. (Ich fahre Grönlandboote) Erst ist man nur damit beschäftigt nicht umzufallen. Und sieht nur die nächste Welle und reagiert nur darauf und dann auf die nächste und hat auch manchmal keine Ahnung was vor sich geht, dafür aber etwas Angst zuweilen. Irgendwann später nimmt man Dinge war, die größer sind und darüber hinausgehen. Man hört viel mehr was das Wasser macht, man kann Rippströmungen sehen und Eddies..... Und weil man anfängt den Zusammenhang im Großen mehr und mehr zu verstehen, wird es im kleinen einfacher und schöner. Und automatischer.

So verstehe ich ein bisschen deinen Text, kann das aber beim Klavier nicht so einfach schildern, weil da ja vieles noch viel unsichtbarer und ungreifbarer ist. Wann ist schön schön, wann atmet die Musik..... ja, irgendwann versteht man was gemeint ist. Aber das ist halt beim Kajak einfacher :-) Nass ist nass und im Boot ist anders als daneben.

Vielleicht ist das Erfahrung wie Peter schreibt.
Aber ich glaube, nur Erfahrung ist auch nicht alles. Auf manches wäre ich nur durch Tun im Boot nie gekommen, hatte gute Mentoren. Manche Sachen, die mein Klavierlehrer mich hat machen lassen haben mir Auge und Ohr geöffnet :-)
 
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auch in meinem Beruf wieder, und ich gehe davon aus, dass das in jedem Beruf, dessen Fertigkeiten ein gewisses Maß an Komplexität umfassen, passiert.
Nicht nur in jedem Beruf. Das ist der normale Vorgang des Lernens und das läuft in allen Dingen die man tut so ab. Egal was es ist. Ob Beruf, Musil, Sport, Schuhe binden. Am Anfang ist das Arbeitsgedächtnis sehr beschäftigt und dann ist keine Kapazität mehr da für das größer Bild und das ändert sich dann mit der Übung. Weniger abhängig von Talent als von zielführender/gutet Übung und schnellem Feedback das Fehlerkorrrektur erlaubt.

Es gibt ein sensationelles Buch von Molly Gebrian dazu. Sie hat alle Studien zum lernen von komplexen Aufgaben (Musik/ Chirurgie/ Sport) zusammengetragen und aufgezeigt dass das richtige üben das einzige um und auf ist. Talent spielt sich dann nur in dem Bereich ab wie schnell diese Schritte ablaufen oder bis zu dem Ziel dass das Hirn bei der Verarbeitung der Aufgabe nicht mehr aufleuchtet wie ein Christbaum sondern im Energiesparmodus gelerntes anruft damit Aufmerksamkeit auf andere Aspekte gelegt werden kann.

Ich für meinen Teil habe die Erfahrung gemacht dass ein guter Lehrer einem den Blickwinkel beibringen sollte den man beim
Herangehen an komplexe Aufgaben haben sollte. Also das Prinzip seines Denkens vermittelt wenn er so eine Aufgabe sieht.

Auch dann entgeht einem natürlich viel aber das ist ja das interessante, dass man eben nicht von Anfang an alles sofort durchsteigt sondern im laufe des Übens noch entdeckt. Das ist es was simple Musik so langweilig macht und Komplexe attraktiv. Ich hoffe ich werde nie in der Lage sein nur noch und ausschließlich vor Stücken zu sitzen die ich mir noch noch als fleissaufgabe anüben kann ohne darin etwas zu entdecken was mir vorher nicht bewusst war.
 
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Liebe Blüte,

Ich kann damit sehr viel anfangen und finde es sehr gut beschrieben! Was mir noch fehlt, ist der Dialog mit sich selbst, die Wahrnehmung des Gehörten und der Vorstellung davon mit dem, was die Klänge in jedem ganz persönlich und individuell auslösen. Sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler und gedanklicher Ebene. Es wird also eine immer feinere Wahrnehmung des Auditiven und des Körperbewusstseins (Sensomotorik) gebraucht und geschult.

Ich weiß, du schreibst von Wahrnehmung unter Punkt 2. Ich persönlich würde aber einen dritten Punkt in ähnlicher Weise formulieren. So entwickelt sich auch das, was man Persönlichkeit nennt.

Eine Geschichte können wir nur spannend vorlesen, wenn wir als alleiniger Insider das Ende kennen, wenn wir wissen, wie sich die darin agierenden Personen verhalten werden. Nur dann gelingt uns ein spannender Vortrag.

Liebe Tastatula,

das meine ich nicht. Man kann auch spannend erzählen, wenn man gerade eine eigene Geschichte vor Zuhörern entwickelt. Wenn man dabei allerdings keine Sätze mit einem Anfang und Ende bildet, versteht einen niemand - vielleicht meintest du das. Aber man muss als Erzähler nicht zwangsläufig das Ende der Geschichte kennen - es gibt doch auch so viele dramaturgische Weichen und Entscheidungen in alle möglichen Richtungen - dieser Kreativität, die auch einen Teil der Spannung ausmacht, sollte man sich nicht berauben.

In der Musik hängt natürlich viel von dem ab, was man sagen will und welche Form man dafür wählt. Je nachdem ist ein Überblick oder eine grobe Skizzierung samt Ende wichtig für den Anfang und die Klarheit der musikalischen Aussage.
Um in Richtung zu musizieren hilft ungemein die Choreographie, bewegt sich die Hand in Richtung der Melodie, wird der Geist sie auch spüren und das Ziel suchen.
Tippen wir aus den Fingern Ton für Ton, entsteht genau das: Ton für Ton...

Perfekt ausgedrückt, finde ich! :super:
Es gibt ein sensationelles Buch von Molly Gebrian dazu. Sie hat alle Studien zum lernen von komplexen Aufgaben (Musik/ Chirurgie/ Sport) zusammengetragen und aufgezeigt dass das richtige üben das einzige um und auf ist.

Das meine ich auch! Die beiden Punkte von @Stilblüte werden methodisch erreicht, indem wir durch eine riesige Vielfalt an Übestrategien dem Schüler ermöglichen, diese Dinge selbst zu erfahren und zu erleben. Indem eine Passage, ein Werk in seinen Parametern und in dem, was musikalisch dort erfahrbar ist, aus sehr vielen Perspektiven erlebt wird, die sich schließlich zu einem Ganzen zusammenfügen, gelangt der Schüler zu seiner persönlichen Hör-Sicht und Interpretation. Verständnis von Musik funktioniert über Erleben, Reflektieren, Wissen - die drei gehen bei einem sinnvollen Üben und Klavierunterricht Hand in Hand.

Liebe Grüße

chiarina
 
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Da bleibt noch zu ergänzen, dass ein sehr wichtiger Punkt ist, wie und was man übt. Dass das Üben wichtig und zielführend ist, dürfte allen klar sein, die in ihrer Profession sehr gut geworden sind. Damit man aber durch das Üben auch besser wird, braucht es sehr gute Lehrer und ein förderndes Umfeld. Aber diese ganzen Aspekte habe ich quasi für meine obigen zwei Punkte vorausgesetzt. Ich habe überlegt, warum ich den Eindruck habe, jetzt sehr gut Klavierspielen zu können, und warum ich es früher nicht konnte.
 
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Man kann auch spannend erzählen, wenn man gerade eine eigene Geschichte vor Zuhörern entwickelt.
Da bin ich ganz Deiner Meinung! Das ist Improvisation.
Aber ich sprach vom Vorlesen. Das kann man in etwa damit vergleichen, wenn man sich mit notierter Musik beschäftigt und deren Geschichte erzählen möchte.
 
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  • #10
Da bin ich ganz Deiner Meinung! Das ist Improvisation.
Aber ich sprach vom Vorlesen. Das kann man in etwa damit vergleichen, wenn man sich mit notierter Musik beschäftigt und deren Geschichte erzählen möchte.
Ich verstehe! :super: Und trotzdem kann man auch Geschichten spannend vorlesen, deren Ende man nicht kennt (schon sehr oft gemacht) und ich kann auch ein Stück spannend vom Blatt spielen, das ich nicht kenne (wenn ich ein einigermaßen guter Blattspieler bin).

Aber ich gebe dir Recht, dass es natürlich ein riesengroßer Unterschied ist, wenn man ein Stück kennt und versteht als wenn man es zum ersten Mal vom Blatt spielt. Jedenfalls meistens. 😃

Liebe Grüße

chiarina
 
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