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Ich denke immer wieder darüber nach, was ich in meinen langen Jahren des Klavierunterrichts und Studiums eigentlich gelernt habe - auch bedingt durch meine eigene Lehre und die Frage, wie ich nicht nur "Symptombehandlung" betreibe ("spiel da mal lauter"), sondern wirklich das Verständnis von Musik verbessern kann. Vor einiger Zeit ist mir dazu das hier eingefallen:
Inzwischen würde ich es noch anders formulieren. Was im übergeordneten Sinne gebraucht und geschult wird, ist eine ganz besondere Form der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, die man im Alltag normalerweise nicht braucht. Allerdings vermute ich, dass sie in einigen anderen künstlerischen und auch nicht-künstlerischen Berufen oder Tätigkeiten ebenfalls so ähnlich ausgeprägt ist, z.B. bei Chirurgen oder in manchen Sportarten wie Kampfsport, Eiskunstlauf, Skispringen, die auch mit höchster Konzentration und punktueller Höchstleistung verbunden sind. Was ich meine ist eine Aufmerksamkeit für zwei Aspekte:
1. Das große Ganze (oben benannt mit "Richtungssinn"). Also der Sinn des Zusammenhangs, der Entwicklung des Stückes, der Verbindung von Tönen, Klängen, Motiven und Abschnitten.
2. Das wahrnehmen und Formen von Details (oben am ehesten "Vertikale und horizontale Klangqualität").
Diese zwei Punkte klingen relativ banal, werden aber nicht ganz dem gerecht, was für mich wirklich dahintersteht. Natürlich sind die obigen drei Punkte aus dem alten Beitrag darin enthalten, technisches Vermögen muss gegeben sein, ein grundsätzliches Wissen und Kenntnisse von Musik, Instrument und Stilistik etc. Aber das ist noch nicht alles. Diese Art von Aufmerksamkeit gleicht für mich einer Geisteshaltung. Ich suche nicht aktiv die ganze Zeit nach Informationen, die ich dann musikalisch verwerte, sondern vieles passiert durchaus im Flow und auch automatisiert. Allerdings nicht in einem beiläufigen, unaufmerksamen Sinne, sondern die Musik ist für mich plastisch wie ein dreidimensionales Gebilde glasklar vor dem inneren Auge und Ohr. Praktisch heißt das, dass mir möglichst wenig entgeht und alles genauso klingt, wie es soll. Alles fällt an seinen richtigen Platz. So wie in einem sorgfältigen Gemälde jeder Pinselstrich genau beabsichtigt ist.
Beim Unterrichten bemerke ich, dass diese Aufmerksamkeit und der Horizont des Überblickens viel kleiner ist, sowohl für Details als auch für Zusammenhänge. Wenn ich dann sage "hör doch mal auf die Basslinie" ist das augenöffnend, wenn ich auf einen Vorhalt hinweise, hat man ihn vorher nicht gehört etc. Das ist völlig normal und ich erinnere mich noch gut daran, wie sich das für mich früher angefühlt hat (und bis heute entgeht mir natürlich nach wie vor Vieles - man kann immer Neues entdecken und noch anders hinhören und hinsehen!). Aber genau dies wird unter anderem geübt: Erweitere dein Blickfeld, bis dir nichts mehr entgeht. Dafür gibt es leider keine Abkürzung, vermutlich muss man es trainieren wie die Ausdauer und Kraft für einen Marathon.
Mich interessiert, wie das andere Profis, Studenten und Amateure sehen, wenn ihr sowas lest. Könnt ihr es nachempfinden? Anders formulieren? Böhmische Dörfer?
Viele Grüße!
Stilblüte
1. Rhythmische und metrische Präzision
2. Richtungssinn
3. Vertikale und horizontale Klangqualität
...
Zu 1. Rhythmischer und metrischer Präzision:
Immer wenn ich Kammermusik spiele oder manchen Leuten zuhöre, wird mir klar: Rhythmisch ganz genau zu spielen, sowie ein inneres Gespür für Puls / Tempo zu haben, gehört mit zum Anspruchsvollsten in der Musik überhaupt. Da wird verlangsamt, verkürzt, aufgeweicht oder ganz falsch gespielt, und obwohl das häufig nur feinste Nuancen sind und obwohl "man doch den Rhythmus spielt", geht genau in diesen kleinen Ungenauigkeiten der Sinn, die Rundung, der Bogen, und damit die Qualität verloren.
Zu 2. Richtungssinn:
Richtungssinn und Rhythmus / Metrum hängen miteinander zusammen. Ich meine damit grob gesagt das Verständnis von harmonischer, melodischer und rhythmischer Entwicklung, Phrasen und Bögen, sowohl im kleinsten Detail von manchmal nur zwei Tönen über Motive, Themen, längeren Abschnitten bis hin zum ganzen Satz und ganzen Werk. Der Richtungssinn äußert sich im agogischen und dynamischen Umgang mit dem Werk und dem "Gestus", mit dem gespielt wird. Er macht wahllos aneinandergereihte Töne zu einer Melodie mit Richtung - und Ziel.
Zu 3. Klangqualität: Das ist das, was hier oft diskutiert wird. Anschlagskultur, Pedalspiel, Legatospiel, dynamische Abstufung von Akkorden oder Händen und so weiter. Ohne diesen Punkt klingt natürlich alles grob und hässlich. Ich denke aber, dass ein Stück, welches 1) und 2) besitzt und 3) nicht, als angenehmer empfunden wird als eines, das 3) besitzt und die anderen beiden nicht hat.
Inzwischen würde ich es noch anders formulieren. Was im übergeordneten Sinne gebraucht und geschult wird, ist eine ganz besondere Form der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, die man im Alltag normalerweise nicht braucht. Allerdings vermute ich, dass sie in einigen anderen künstlerischen und auch nicht-künstlerischen Berufen oder Tätigkeiten ebenfalls so ähnlich ausgeprägt ist, z.B. bei Chirurgen oder in manchen Sportarten wie Kampfsport, Eiskunstlauf, Skispringen, die auch mit höchster Konzentration und punktueller Höchstleistung verbunden sind. Was ich meine ist eine Aufmerksamkeit für zwei Aspekte:
1. Das große Ganze (oben benannt mit "Richtungssinn"). Also der Sinn des Zusammenhangs, der Entwicklung des Stückes, der Verbindung von Tönen, Klängen, Motiven und Abschnitten.
2. Das wahrnehmen und Formen von Details (oben am ehesten "Vertikale und horizontale Klangqualität").
Diese zwei Punkte klingen relativ banal, werden aber nicht ganz dem gerecht, was für mich wirklich dahintersteht. Natürlich sind die obigen drei Punkte aus dem alten Beitrag darin enthalten, technisches Vermögen muss gegeben sein, ein grundsätzliches Wissen und Kenntnisse von Musik, Instrument und Stilistik etc. Aber das ist noch nicht alles. Diese Art von Aufmerksamkeit gleicht für mich einer Geisteshaltung. Ich suche nicht aktiv die ganze Zeit nach Informationen, die ich dann musikalisch verwerte, sondern vieles passiert durchaus im Flow und auch automatisiert. Allerdings nicht in einem beiläufigen, unaufmerksamen Sinne, sondern die Musik ist für mich plastisch wie ein dreidimensionales Gebilde glasklar vor dem inneren Auge und Ohr. Praktisch heißt das, dass mir möglichst wenig entgeht und alles genauso klingt, wie es soll. Alles fällt an seinen richtigen Platz. So wie in einem sorgfältigen Gemälde jeder Pinselstrich genau beabsichtigt ist.
Beim Unterrichten bemerke ich, dass diese Aufmerksamkeit und der Horizont des Überblickens viel kleiner ist, sowohl für Details als auch für Zusammenhänge. Wenn ich dann sage "hör doch mal auf die Basslinie" ist das augenöffnend, wenn ich auf einen Vorhalt hinweise, hat man ihn vorher nicht gehört etc. Das ist völlig normal und ich erinnere mich noch gut daran, wie sich das für mich früher angefühlt hat (und bis heute entgeht mir natürlich nach wie vor Vieles - man kann immer Neues entdecken und noch anders hinhören und hinsehen!). Aber genau dies wird unter anderem geübt: Erweitere dein Blickfeld, bis dir nichts mehr entgeht. Dafür gibt es leider keine Abkürzung, vermutlich muss man es trainieren wie die Ausdauer und Kraft für einen Marathon.
Mich interessiert, wie das andere Profis, Studenten und Amateure sehen, wenn ihr sowas lest. Könnt ihr es nachempfinden? Anders formulieren? Böhmische Dörfer?
Viele Grüße!
Stilblüte

Nass ist nass und im Boot ist anders als daneben. 