Original-Tonaufnahme von Brahms aus 1889

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Pianist685

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...oder was davon übrig ist.

Auf Klassik-Radio wude vor kurzem erwähnt, daß Brahms 1889 seinen Ungarischen Tanz No. 1 auf einen Phonograph-Zylinder einspielte. Den Meister einmal selbst zu hören, wollte ich mir nicht entgehen lassen und fand die Aufnahme auf Youtube.

Naja... Der Zylinder soll stark beschädigt sein, und auch technisch ist die Aufnahme von so schlechter Qualität, daß man außer Rauschen eigentlich fast gar nichts hört. Man hat dann das Stück von einem anderen Pianisten eingespielt und Teile davon auf die ursprüngliche Brahms-Aufnahme draufgelegt, so daß man einen Eindruck von der Darbietung bekommt. Aber das ist dann leider nur zum Teil die Originalaufnahme von Brahms.

View: https://www.youtube.com/watch?v=H31q7Qrjjo0
 
Barratt

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Den Meister einmal selbst zu hören, wollte ich mir nicht entgehen lassen und fand die Aufnahme auf Youtube.
Ich kenne die (originalen) Uralt- Aufnahmen*, und wie sie hier aufbereitet präsentiert werden, finde ich gelungen.

Es ist eine historische Tragödie, dass sowohl Bild- als auch Tonaufzeichnungen so spät erfunden wurden. :cry2:




* P.S. Ich bin ganz jeck nach alten Bild-, Film- und Tondokumenten. ;-)
 
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Rheinkultur

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Hier spielte der Meister ein fremdes Stück auf einem zweiten Wachszylinder, der allerdings noch schlechter erhalten ist:


Wenn man Klavierbearbeitungen von Strauss'schen Opera im Geiste der Meister selbst hören möchte, hat man am ehesten dazu die Möglichkeit, wenn man auf historische Einspielungen befreundeter Musiker zurückgreift, die zu einem späteren Zeitpunkt entstanden und besser erhalten sind:


Grünfeld kannte Brahms noch persönlich und begann 1899, also ganz nach dessen Tod, offiziell mit den ersten Schallplattenaufnahmen:


Ein Stimmungsbild jener Zeit?:


Einspielungen von Ilona Eibenschütz, Adelina de Lara und Carl Friedberg (meist erst viele Jahrzehnte später) besitzen durchaus noch Aussagekraft, wenn man sich interpretierend mit Brahms in einer Weise befassen möchte, die zurück zu den Wurzeln geht. Von Friedberg ist inzwischen ein Amateurmitschnitt des B-Dur-Konzerts von Brahms aufgetaucht:


LG von Rheinkultur
 
FünfTon

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Es ist eine historische Tragödie, dass sowohl Bild- als auch Tonaufzeichnungen so spät erfunden wurden. :cry2:
Ich finde nicht. Eine auch nur ein oder zwei Jahrhunderte früher entstandene Tonträgerindustrie hätte einen gewaltigen Einfluß auf Kompositionen und deren Veröffentlichung genommen. Möglicherweise wären dabei interessante (und heute nicht mehr gehörgängige) Tonaufnahmen entstanden, aber womöglich auch nichts mehr niedergeschrieben und gedruckt worden. Und ein Großteil des Fundus weg, aus dem Klavierspieler heute schöpfen.

Die Arbeit unter großen Einschränkungen (verfügbares Material, unterentwickelter Stand der Technik) hat schon so manches mal die Kreativität erst beflügelt. Deshalb werde ich auch nicht die sehr späte Erfindung von Digitalpianos beklagen. Aus den frühen Versuchen einen elektro-akustischen Ersatz fürs Klavier zu schaffen, ist gar eine eigene Instrumentengattung mit einem ganz eigenen Klang entstanden.
 
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cwtoons

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Und inwieweit bringt mich die unbearbeitete alte Aufnahme von Herrn Brahms jetzt weiter?

Das ist doch nur eine musikalisch nutzlose Reliquie.

CW
 
Barratt

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Und inwieweit bringt mich die unbearbeitete alte Aufnahme von Herrn Brahms jetzt weiter?
Du bist plötzlich "live" in der unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit. :herz:


Möglicherweise wären dabei interessante (und heute nicht mehr gehörgängige) Tonaufnahmen entstanden, aber womöglich auch nichts mehr niedergeschrieben und gedruckt worden.
Diese Befürchtung teile ich nicht, jedenfalls nicht, solange es um "analoge" Aufzeichnungen geht. Sogar heutzutage wird noch alles von Wichtigkeit auf Papier niedergeschrieben. Allein schon, weil die digitalen Informationsträger kurzlebiger sind als Papier. :cry2: Zu befürchten steht, dass Historiker künftiger Generationen nur das werden erforschen können, was heutzutage nicht-digital dokumentiert wird. :-(

Hingegen wäre es in musikalischer Hinsicht spannend, über Originalaufnahmen von z. B. Mozarts Zeit zu verfügen. In allgemeinhistorischer Hinsicht kämen Licht- und Tonbilder, egal welcher Qualität, einer Offenbarung gleich.
 
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Doc88

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Kann man auch als Reliquie sehen, wie so ein heiliges Überbleibsel oder Knochensplitterchen.
 
cwtoons

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Wobei der Nutzen von Reliquien äußerst ungewiss ist - genau wie der dieser Tonaufnahme.

CW
 

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Doc88

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Mit Reliquien hat man im Mittelalter mächtig Kohle gemacht. Lt. Otto v. Corvin sind damals z.B. solche Massen von Arche Noah Splittern an die Gläubigen verkauft worden, daß man daraus eine riesige Flotte hätte zusammensetzen können. Insofern wurde erfolgreich eine gewaltige Marktlücke bedient.
Ich muß doch mal im Speicher kucken, ob ich nicht noch eine alte Phonorolle mit dem dem von WAM persönlich eingespielten Rauschen des Türkischen Marsches finde.
:-D
 
rolf

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Mit Reliquien hat man im Mittelalter mächtig Kohle gemacht. Lt. Otto v. Corvin sind damals z.B. solche Massen von Arche Noah Splittern an die Gläubigen verkauft worden, daß man daraus eine riesige Flotte hätte zusammensetzen können.
@Doc88
...die vielen Splitter vom Kreuz Christi zusammengerechnet legen nahe, dass man den Heiland an einen ganzen Wald genagelt hatte... auch ein Jokus aus dem Mittelalter :-D
 
Barratt

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Für jemanden, der Brahms verehrt, ist so ein Tondokument also von unschätzbarem Wert.
So ist es.
Und nicht nur für diejenigen, die Brahms persönlich "verehren". Ich "verehre" Brahms zum Beispiel nicht, aber ich messe solchen Dokumenten trotzdem einen unschätzbaren (historischen) Wert bei.

Jemand, der Brahms wirklich verehrt, gerät sicher in kerygmatische Verzückung.;-)
 
Rheinkultur

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technisch ist die Aufnahme von so schlechter Qualität, daß man außer Rauschen eigentlich fast gar nichts hört.
Dazu eine kurze Erklärung zum Anlass dieser Aufnahmesitzung. Theo Wangemann sollte in seiner Eigenschaft als Angestellter von Thomas Edison die Stimmen namhafter Persönlichkeiten der Zeitgeschichte akustisch einfangen und begab sich im Herbst 1889 auf eine ausgedehnte Europareise, um über den Jahreswechsel 1889/90 hinaus "Grußbotschaften an Edison" aufzunehmen. Etliche dieser Zylinder sind erhalten geblieben, vieles ist aber verloren gegangen, verschollen oder offensichtlich zerstört worden. Und längst nicht jeder Ansprechpartner war von dem Gedanken begeistert, Akustisches für die Ewigkeit festzuhalten. Der britische Komponist Arthur Sullivan verband seinen Glückwunsch mit der Einschätzung, dass so leider auch Minderwertiges die Zeiten überdauern könne, das man lieber nicht festgehalten hätte.

Brahms äußerte sich brieflich durchaus angetan von dieser Innovation und Mauricio Kagel lässt ihn als sprechenden Darsteller in seinen "Variationen ohne Fuge" mit einem entsprechenden Zitat zu Wort kommen. Wenn wir schon mal beim gesprochenen Wort sind: Andere Versuche, die kaum verständliche Ansage zu verstehen, gelangen zu einem plausibleren Resultat. Zunächst pflegte Theo Wangemann kurz die Rahmenbedingungen der Aufnahmesitzung zu benennen, nicht ohne sich dabei auch schon mal im Datum zu irren und nach dem Jahreswechsel nach 1890 immer noch die Jahreszahl 1889 anzusagen. Hier ist die Angabe "Dezember 1889" klar zu vernehmen. Weniger klar erkennbar ist die nervös klingende und mit erhobener Stimme gesprochene folgende Äußerung, die in der Tat von Brahms selbst stammen soll. An anderer Stelle ist der Wortlaut wiedergegeben mit "Grüße an Herrn Doktor Edison! My Name is Brahms, (Doktor) Johannes Brahms!" - halte ich für plausibler.

Zum Weiterlesen:
http://www.cylinder.de/deeplink_resource_brahms.html

Ich "verehre" Brahms zum Beispiel nicht, aber ich messe solchen Dokumenten trotzdem einen unschätzbaren (historischen) Wert bei.
Andernorts spricht man gerne vom editorischen Wert und meint damit wohl dasselbe. Immerhin ist ein solches Dokument die einzige Möglichkeit, die persönliche Anwesenheit irgendwie noch erahnen zu können, zunächst ein faszinierender Gedanke. Wissenschaftlich-künstlerischer Nutzen ist jedoch nur sehr eingeschränkt oder fast nicht zu erwarten. Dazu ist zu wenig darauf zu erkennen oder die Aufzeichnung unter verfälschenden Rahmenbedingungen zustande gekommen. Vor allem sollte man künstlerische Auffassungen im Spiegel ihrer jeweiligen Entstehungszeit begreifen können. Könnten wir noch ältere Audiodokumente hören und würden diese mit ästhetischen Maßstäben der Gegenwart bewerten, wären wir vermutlich belustigt, enttäuscht oder sogar entsetzt. Bereits Einspielungen des beginnenden 20. Jahrhunderts mit namhaften Pianisten (die es bereits in stattlicher Anzahl gibt) befremden durch asynchrones Anschlagen von Stimmen, durch sehr individuelle Tempowahl und -führung und vor allem durch viel größere Freiheiten beim Umgang mit einem ausgeschriebenen Notentext den unvorbereiteten Hörer unserer Tage gewaltig. Es ist davon auszugehen, dass das Befremden eher noch ausgeprägter wäre, wenn wir mit heutigen Ohren Wolfgang Amadeus Mozart und andere musizieren hören könnten. Vielleicht ist es gut, dass man darüber nur spekulative Vermutungen anstellen kann, weil es eine Aufnahme aus dieser Zeit nicht gibt...!

LG von Rheinkultur
 
 

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