Mein größtes Erfolgserlebnis als Musikpädagoge

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schiddie

schiddie

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Liebe Forenten, liebe Kollegen!

Jetzt wird jeder wohl darauf warten, welche tolle Schüler man hervorgebracht hat, welche Preise sie schon bei Musikwettbewerben gewonnen haben etc.
Natürlich freut man sich, wenn man einen „Überflieger“ als Schüler bekommt, mit ihm das erarbeiten kann, was einem so wertvoll erscheint.
Ich hatte auch einmal so einen Schüler, der alles in sich aufnahm und das verwirklichte, was man ihm beigebracht hat.
Er kam im Alter von 8 Jahren zu mir, und beim Vorstellungsgespräch, spielte er mir das „Rondo alla turca“ in einem wahnsinnig schnellen Tempo vor. Im Laufe der Jahre machte dieser Schüler immense Fortschritte.
Mit 12 Jahren spielte er schon Chopin´s g-moll Ballade, mit 14 Chopin´s b-moll Sonate und Prokofieff Toccata, mit 16 Jahren debütierte er mit Schostakowitsch Klavierkonzert F-Dur etc.
Inzwischen ist der Schüler fertiger Konzertpianist und hat mich bei weitem technisch überholt.
Stücke wie Wander-Fantasie, Schumann Toccata sind für ihn selbstverständlich.
Das hört sich alles toll an, na ja, ich bin natürlich auch ein bisschen stolz darüber.
Aber war dies mein größtes Erfolgserlebnis?
Ich denke inzwischen, nein!!
Vor 7 Jahren bekam ich einen Schüler, der inzwischen einen Entwicklungsstand von einem mittelmäßigen Schüler nach einem Jahr Klavierunterricht hat.
Eigentlich muss ich bei jeder Klavierstunde fast wieder von vorne anfangen. Eigentlich furchtbar ätzend!! Normalerweise müsste ich mich von diesem Schüler verabschieden. Aber das konnte ich nicht. Weil der Schüler doch so gerne zu mir kam, wie mir seine Mutter immer wieder bestätigte. Dieser Junge müsste eigentlich selber merken, dass er keine oder nur geringe Fortschritte machte und müsste darüber frustirert sein. Aber irgendwie hat sich da wohl eine Liebe zur Musik, respektive für das Klavier entwickelt. Und er merkte, dass das Klavierspielen ihm gut tat.Vor Jahren schon kam ich mit seiner Mutter ins Gespräch, und sie erzählte, dass ihr Kind unter Epilepsie leide. Der Junge befindet sich in neurologischer Behandlung.
Seitdem er nun bei mir im Unterricht war, verbesserte sich der Zustand mehr und mehr. Der behandelte Arzt konnte das nur staunend beobachten, dass das Klavierspiel solch einen therapeutischen Effekt auslöste und es begrüßte, dass durch die Musik gute Fortschritte im Krankheitszustand zu beobachten waren. Die Anfälle kamen immer seltener.Dies erzählte mir die Mutter mit Tränen in den Augen. Sie dankte mir vom ganzen Herzen, dass ich ihren Sohn nicht aufgab und ihn weiterhin unterrichte, obwohl gewisse pianistische Fortschritte ausblieben oder nur zäh vonstatten gingen. Ich möchte damit nicht behaupten, dass durch Klavierspielen eine schwere Krankheit wie Epilepsie geheilt werden kann, aber durchaus im Heilungsprozess unterstützend mitwirken kann.
Dieses Erlebnis hat mich tief bewegt und mir wieder neu gezeigt, welch wunderbaren Beruf wir haben, und was wir durch ihn bewirken können.
Natürlich gönne ich jedem Kollegen, und auch mir, viele begabte Schüler und tolle musikalische Erlebnisse mit Ihnen, aber nach diesem Ereignis, stellt sich bei mir die Frage, welcher Erfolg wohl größer war.

Ich denke, die Begeisterung und Liebe zur Musik bei einem Menschen zu wecken, ist der größte Lohn, den wir empfangen können, egal auf welchem pianistischen Niveau sich der Schüler sich bewegt.

Mit dankbaren Gefühlen für das Erlebte !!!
 
killmymatrix

killmymatrix

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Ich möchte dir danken für diese interessante Geschichte und herzlichen Glückwunsch zu deinem Erfolg als Musikpädagoge.

Da zeigt es sich wieder einmal, wie mächtig die Musik doch sein kann... finde ich wundervoll!
 
Ingrid20000

Ingrid20000

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womit wieder bewiesen ist dass; Musik Berge versetzten kann
 
A

Amfortas

Guest
Ich denke die Liebe zur Musik kann man nicht wecken. Sie muss vorhanden sein, dann kann man sie hochziehen.


Beeindruckend was du geschrieben hast. Mein Kompliment, so sollten alle Beiträge aussehn :)


oli


P.S.: Aber das schlimmste ist doch sicher zu sehen, wie ein Schüler gar keine Lust hat, und nur da ist, weil seine Eltern der Meinung ist, dass man Klavier können muss
 
Stilblüte

Stilblüte

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Meinen Glückwunsch von Herzen, schiddie!

Die Macht der Musik, Viva la musica.

Diese therapeutischen Fähigkeiten in der Musik werden ja u.a. auch noch sehr stark dem Singen zugeschrieben.
Nicht nur,dass (wenn man es denn glauben möchte) singende Kinder intelligenter und aufgeschlossener sind und ihren nicht-singenden Altersgenossen geistig voraus, ich habe auch (in GEO) gelesen, dass ein paar Stunden singen mit Obdachlosen für sie das gleiche Ergebnis erbrachte, wie eine Sitzung beim Psychotherapeuten.

Was haltet ihr von diesen ganzen Berichten in Wissenschaftsmagazinen?

Stilblüte

ps: Oder sollte das in einen eigenen Thread?
 
L

Livia

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Wow, wunderschönes Erlebnis!

EDIT: @Stillblüte: Eigenen Thread.
 
Stuemperle

Stuemperle

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Danke, Schiddie, für diesen Beitrag.

Es fragt sich wohl hier mancher ab&zu, wozu er die Mühe des Klavierspiel -lehrens / -lernens auf sich nimmt. "Leistung zu produzieren" / "Leistungsträger zu produzieren" scheint mir da ein engstirniges sportliches Ziel, welches den möglichen persönlichen Gewinn nur sehr beschränkt erkennt.

LG
Manfred
PS: Epilepsie ist nicht grundsätzlich mit verminderter Lernfähigkeit verbunden, leider haftet der Krankheit jedoch so ein verallgemeinerndes Stigma an :-(
 
jomo

jomo

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Servus Helmuth,

wirklich sehr ermutigend,was man mit Musik erreichen kann. Aus neurologischer Sicht passiert beim Spielen natürlich einiges in der
Denkabteilung. Es wird da auch sehr intensiv rumgeforscht auf diesem
Gebiet.

Überhaupt stellt sich mir immer wieder die Frage, zu welchem Zweck jemand ein Instrument lernt, oder es seinem Kind lernen läßt (Frage stellt sich auch bei anderen Beschäftigungen, wie z. B. Sport).
Das Vortragen von Musik gegen Applaus oder gar Geld stellt da sicher nur einen sehr kleinen Beitrag dar.
Die "Sucht", sich ans Instrument zu setzen und spielen zu wollen, können nur Musizierende nachvollziehen und selbst sie wissen oftmals nicht, warum sie es tun ("macht halt Spaß....").
Eine heilende Wirkung aufs Gemüt hat es aber allemal.

Grüße
Josef
 
Haydnspaß

Haydnspaß

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Die "Sucht", sich ans Instrument zu setzen und spielen zu wollen, können nur Musizierende nachvollziehen und selbst sie wissen oftmals nicht, warum sie es tun ("macht halt Spaß....").


Sehr gut gesagt! Zuallererst ist Musikmachen zweckfrei. Man fühlt sich gut beim Klavierspielen, deshalb macht man es. Wenn nun jemand dazu gezwungen wird, ein Instrument zu lernen, aus Gründen "kultureller Bildung" oder wegen der angeblich "intelligenzfördernden Wirkung des Klavierspielens" oder aus "therapeutischen" Gründen, obwohl er eigentlich gar kein Interesse daran hat - das ist wirklich schrecklich!
 
klavigen

klavigen

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Erlebnisse mit Schülern

@Schiddie - ein wunderbarer Text und ich denke, dass viel hier nachvollziehen können, was das für dich bedeutete.

Ganz besonders froh bin ich, wenn ein Schüler plötzlich anspringt. Hauptfachstudenten sind natürlich eh voll motiviert aber Nebenfachschüler maulen oft, dass ihnen das Klavierspielen eigentlich nur eine Last ist und sie dadurch abgehalten werden, an ihrem Hauptfachinstrument zu üben.
Ab und zu passiert es, dass sie aber "Blut" lecken und sich manchmal zu richtigen Pianisten entwickeln.
Was ich sonst sehe, dass vielen garkeine Gelegenheit geboten wird, mit guter Musik in Kontakt zu kommen. Es müsste eigentlich bereits im Kindergarten Instrumente geben. Sollte die Kindergartenmutter nicht selbst spielen können, kann man ab und zu einen Klavierspieler, Studenten usw., engagieren, der die Kleinen mit dem Unstrument bekannt macht. Diese Investition sollte sich doch lohnen.
 

H

Hacon

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Schiddie, Vielen vielen Dank für den Beitrag.

Ich hab hier noch nie einen auch nur mit Abstand so guten und interessanten Beitrag gelesen.
Schreib doch mal öfter was.
 
Madita76

Madita76

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Hallo an alle Klavierpädagogen,
wo seid ihr denn???

Ihr habt doch sicherlich alle schon Erfahrungen mit Schülern gesammelt, die ihr als mehr oder weniger erfolgreich verbuchen könnt! Erzählt doch mal...
(um Schiddies ursprünglichen Aufruf nochhmals aufzugreifen!)

Neugierige Grüße von Madita
 
 

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