JazzStudie2016

Dieses Thema im Forum "Klavier und Jazz" wurde erstellt von Bassplayer, 13. Aug. 2016.

  1. Bassplayer
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    Bassplayer

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    Hallo,
    die Zeitschrift Tastenwelt hat hier einen Beitrag über eine Studie (kann frei runtergeladen werden) zur Situation von Jazzmusikern in Deutschland.
    http://www.tastenwelt.de/lesen/news/kreativ-und-unterbezahlt/

    Während ich im Jazz alleine schon aus Gründen der Gleichberechtigung (siehe Förderung im Bereich Klassik) eine Förderung für wünschenswert und angebracht halte und auch gerne das Konzertangebot der hiesigen Szene wahrnehme, sehe ich jedoch auch, dass eine Förderung z. T. schon stattfindet.

    Z. B. finden in öffentlichen Veranstaltungseinrichtungen neben klassischen Konzerten auch Jazzkonzerte statt. Eine wöchentliche Veranstaltungsreihe wird durch eine Sparkasse gefördert und weiteres Engagement gibt es durch Stiftungen (deren finanzielle Ausstattung von der Allgemeinheit durch Steuerbegünstigung unterstützt wird). Auch die Ausbildungsmöglichkeiten für Jazzmusiker durch Studiengänge und Akademien haben sich in den letzten Jahrzehnten positiv verändert.

    Das wiederum führte auch zu einer deutlich höheren Anzahl an Musikern, die sich die Stücke des Kuchens der Einnahmen der Jazzmusiker teilen müssen. Mir erzählte mal ein Jazz-Musiker, dass es in dieser Stadt vor einigen Jahrzehnten nur weniger als 10 Instrumentalisten eines bestimmten Instruments gab, die in der Lage waren einen amerikanischen Jazzstar spontan angemessen zu begleiten, während die Zahl inzwischen auf fast 100 angewachsen sei.

    Gleichzeitig steht dem relativ geringen Einkommen auch ein Privileg gegenüber, seine Leidenschaft zum Lebensmittelpunkt gemacht zu haben, worauf viele eben aufgrund der Einkommensverhältnisse verzichten und stattdessen nur arbeiten, um Leben zu können - um zwei evtl. gegensätzliche Lebensentwürfe gegenüberzustellen (mir ist natürlich klar, dass es auch Spitzenverdiener gibt, die ihren Beruf gerne und mit Leidenschaft ausüben, etc.).

    LG
    Bassplayer
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Aug. 2016
  2. hasenbein
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    hasenbein

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    Wir haben eine Marktwirtschaft.

    Das heißt, es gibt eine Nachfrage und es gibt ein Angebot.

    Verglichen mit der Nachfrage nach Jazzmusik gibt es ein DEUTLICH zu hohes Angebot an Jazzmusikern.

    Daher sind die Preise, die Jazzmusiker für ihre Arbeit verlangen, nun mal tendenziell niedrig; vor allem im Bereich der nur mittelmäßig spielenden Jazzmusiker (die die Majorität stellen).

    Wer das anders haben will, muss das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem insgesamt in Frage stellen, denn es geht ja nun nicht an, dass in einem Bereich "Sozialismus" herrscht, also eine Bevorzugung und Subventionierung, und in anderen Bereichen nicht.

    Überdies hat niemand einen Anspruch darauf, seinen Lebensunterhalt nur durch künstlerische Arbeit verdienen zu können; daher ist die Aufregung über die angeblichen 12.500 Euro Jahresverdienst verfehlt, und man muss leider vermuten, dass hier durch bewusste Irreführung Propaganda betrieben wird. In meinem Umkreis kenne ich keinen einigermaßen kompetenten Jazzmusiker, der insgesamt (Spielen + Unterricht + sonstige Einnahmen) nur 1000 Euro im Monat verdient. Die kommen alle gut klar.

    Es hat auch niemand einen Anspruch darauf, dass seine Musik von vielen Leuten toll gefunden wird. Wenn nur wenige Menschen künstlerischen Jazz hören wollen, dann ist das halt so, und dann muss man halt sein Leben dementsprechend einrichten. (Und das sage ich als leidenschaftlicher Jazzmusiker und -hörer.)

    Bei den "Klassikern" gibt es nur deswegen höhere Gagen, weil es in Kreisen reicher Geldgeber und Sponsoren nun mal standesgemäß ist, Klassik und nicht Jazz oder Pop zu hören und zu fördern. Golfverein & Kammerkonzert halt.
     
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  3. Rheinkultur
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    Rheinkultur

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    Zahlen über derartig dürftige Einkünfte in vergleichbarer Höhe kursieren aber auch bei den "Klassikern", soweit sie überwiegend und ausschließlich freiberuflich tätig sind. Die Anzahl der binnen Jahresfrist von den "Klassikern" gespielten Solo-Recitals fällt in den meisten Fällen ähnlich überschaubar, wenn nicht sogar noch kleiner aus - da ändert eine höhere Gage für den Auftritt im Grundsatz nicht allzu viel.

    Zum Irreführen gehören irregehende Personen auf der Gegenseite dazu. Denn aus der nicht weiter definierten Zahl geht keineswegs hervor, dass dieser statistisch ermittelte Durchschnittswert die komplette Geldmenge abdeckt, die dem Studienteilnehmer binnen Jahresfrist tatsächlich zum Leben zur Verfügung steht. Wer beispielsweise mit einem gut verdienenden Partner verheiratet ist, kann genauso in dieser Statistik auftauchen, ohne deshalb auf eine bessere Auftragslage angewiesen zu sein. Entsprechende Zusatzinformationen bräuchte man aber, um mit diesen Studienergebnissen auf seriöser Grundlage etwas anfangen zu können.

    Die "Bevorzugung und Subventionierung" wäre nichts anderes als eine Umverteilung: Wenn mit Berufstätigkeit in wenig rentablen Bereichen entsprechend wenig erwirtschaftet wird, müssen die zu erwartenden Defizite anderweitig aufgefangen werden - dann wird mit Staatsgeldern eben nicht Arbeitslosigkeit, sondern Arbeit finanziert, deren Ertrag kaum jemand braucht und/oder will, aber die betreffenden Personen haben eine Aufgabe zu erledigen. Erfolgt eine solche Subventionierung nicht, bleibt nur die Aufgabe der Tätigkeit - und dann?

    Auch im "Sozialismus" ändert sich nichts an der Tatsache, dass das öffentliche Interesse an vielen Musiksparten begrenzt ist und bleibt. Subventionen müssen aber aufgebracht werden, indem man den berufstätigen Personen in profitableren Wirtschaftszweigen entsprechend mehr wegnimmt - wo nichts erwirtschaftet wird, gibt es eben auch nichts zu verteilen. Umverteilung ist vor diesem Hintergrund nichts anderes als Marktmechanismen außer Kraft zu setzen. In letzter Konsequenz funktioniert das allerdings auch im praktizierten "Sozialismus" respektive in der Planwirtschaft nicht: Da werden Planziele vorgegeben und der Personenkreis durch Selektion eingegrenzt, die ebenfalls "von oben" vorgenommen wird. In der DDR gab es für Jazz- und Popularmusiker eben einen Berufsausweis, der zur Übernahme entsprechender Engagements berechtigte:
    http://www.musikanalyse.net/tutorials/musik-und-politik-ddr/
    Dass es in einem anderen politischen System leichter wäre und ein Musiker dort selbstverständlich besser dran wäre, trifft ganz sicher nicht zu. Aus ideologischen Gründen Marktmechanismen aushebeln - das kann nicht auf Dauer funktionieren, was sich im Falle der DDR nach vierzig Jahren folgerichtig nicht mehr aufrechterhalten ließ.

    LG von Rheinkultur
     
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  4. gorgre
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    gorgre

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    Nein, wir haben eine Soziale Marktwirtschaft.

    Und es gibt den Staat.

    Kunst hat sich nie gerechnet und wird sich nie rechnen. Es ist Aufgabe von Mäzenen sie zu finanzieren.
    Heute ist es ein demokratischer gewählter. Das ist gut so.