Der Guru

Dieses Thema im Forum "Klavierlehrer-Forum" wurde erstellt von Alter Tastendrücker, 14. März 2019.

  1. Alter Tastendrücker
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    Alter Tastendrücker

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    Es passierte mir und auch Kollegen gelegentlich, dass man einen/e einigermaßen begabten Schüler hat, der voller Ehrgeiz und Neugier ist. Dann kommt 'der Guru'!
    Ich konstruiere aus einigen Fällen mal ein fiktives Beispiel:
    Schüler, etwa 17 eventuell geeignet für einen künstlerisch pädagogischen Studiengang, sehr motiviert, fleissig, aber eher Langsamlerner (Level etwa Beethoven op. 90, Liszt Cloches de Genêve, ...), trifft bei einem Kurs den Guru, dieser verspricht Wunderdinge ("mit meiner Methode in einem Jahr Liszt Sonate oder wenigstens die Chopin Balladen") und schwupps ist der Schüler weg und folgt dem Guru nach. Ergebnis meist das Desaster!
    Der Oberguru in Tübingen ist ja nun weg, aber es wachsen immer neue nach!
    Habt Ihr da auch einschlägige Erfahrungen! Wer outed sich als Guru!?
     
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  2. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Wenn dir wirklich etwas am Schüler liegt, was ich glaube, sei nicht beleidigt. Mit siebzehn kann sowas leicht passieren. Kommuniziere ihm, dass er jederzeit zu dir zurückkommen kann und du es grundsätzlich begrüßenswert findest, wenn er sich weiterbildet, dass es aber gravierende Unterschiede zwischen Klavierlehrern gibt , und dann lass ihn seine Erfahrung machen. Selbst wenn er ein Jahr verliert, ist das nicht so tragisch.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. März 2019
  3. chiarina
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    chiarina

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    Lieber Alter Tastendrücker,

    das ist so köstlich beschrieben in deinem ganzen Beitrag! Herrlich! :003: Ja, solche Gurus gibt es leider, auch wenn ich persönlich das noch nicht so erlebt habe. Ich kenne es aber von anderen! Diese Versprechungen.....und man selber hat viel Liebe, Mühe und Geduld in die Entwicklung des Schülers gesteckt.....und dann fragt man sich, wenn der Schüler beim Guru gelandet ist, ob der Schüler das eigentlich wertschätzt, was man die ganze Zeit zusammen erarbeitet, gemacht, getan hat.... .

    Ich denke aber, dass die Wertschätzung schnell wieder kommt. Denn es ist eine Grundlage geschaffen worden, die zutiefst musikalisch ist. Schlimm ist es, wenn Schüler von vorneherein beim Guru landen und das Gehör so versaut wird, dass sie überhaupt nicht hören, wie undifferenziert sie spielen. Das war ja auch beim Oberguru aus Tübingen der Fall, bei dem auch noch ganz andere Dinge nicht bemerkt wurden.... .

    Auch wenn also im Moment des Gehens tatsächlich das Vorhandene nicht so gewürdigt wird, wie man es sich als Lehrer wünscht, wird die Zeit kommen. Gute Arbeit hat IMMER Resonanz zur Folge, davon bin ich zutiefst überzeugt!

    Liebe Grüße

    chiarina
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. März 2019
  4. agraffentoni
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    agraffentoni

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    Hat aber wohl sein Schmelzwasser weiterversprüht...
     
  5. hasenbein
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    hasenbein

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    Habe noch nicht Schüler an "Gurus" verloren; aber eine Sache kann ich berichten.

    Schon ein paar Male kam es vor, dass Schüler bei einem anderen Lehrer Unterricht hatten. Dann hatten sie (in unterschiedlichen Kontexten und aus unterschiedlichen Gründen) auch mal Unterricht bei mir.

    Und es kam dabei ein paar Mal vor, dass sie sagten: "Hey, Hasenbein, völlig geil, bei Dir habe ich ganz neue Sachen gelernt, gefällt mir sehr gut und bringt mich voll weiter, wie Du vorgehst!" und mir berichteten, dass ihr eigentlicher Lehrer immer sehr unsystematisch, unkonkret und unvorbereitet unterrichten würde.

    Dennoch blieben die bei dem anderen Lehrer und wechselten nicht.

    Sofern die nicht einfach nur rumgelabert haben und das alles gar nicht stimmte, fragt man sich da natürlich: Warum? Mit der Lehrerfähigkeit scheint es ja jedenfalls nichts zu tun zu haben...
     
  6. Destenay
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    Destenay

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    das erinnert mich ganz an Vitaly Margulis und Karl-Heinz Kämmerling, die konnten sich nicht riechen, da bezeichnete jeder den anderen als Guru:lol:


    View: https://www.youtube.com/watch?v=UUHiBhqSCd8
     
  7. Bernhard Hiller
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    Bernhard Hiller

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    Das Wort "guru" stammt aus dem Sanskrit. Es bedeutet "Lehrer".
    Was hast du also gegen Lehrer?
     
  8. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Was soll die Kleinkariertheit? Es ist allgemein bekannt, wie das Wort im Deutschen konnotiert ist.
     
  9. Revenge
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    Revenge

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    Ich.

    :-D:-D:-D:-D

    Bin gar kein Klavierlehrer, habe aber jahrelang 3 SchülerInnenXXX. ( Genderschreibweise )

    :-D:-D:-D:-D

    ( Muss aber zugeben: Sie werden bzw. sind langsam erwachsen :super::super: ) - sie sollten entweder bald selbst weitermachen oder richtige KLrer suchen, sie übersteigen langsam meine PotenzARRGH mein POTENTIAL !!!! :super::-D

    LG, Revenge / LMG:ballon:
     
  10. rolf
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    rolf

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    @Stilblüte kultivierte Schöngeister denken da als erstes an Hesse (Siddartha) und erinnern sich ihrer Sanskritkurse an der Oberschule, primitives Fußvolk wie du und ich denken da an Baghwan & Co. :lol::lol::drink:
     
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  11. playitagain
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    playitagain

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    Verstehe dich das ist bitter.
    @Stilblüte hat das sicher gut geschrieben und gemeint
    Das ist im ersten Moment sicher das Beste.
    Im zweiten Moment denke ich aber, auch wenn man das vlt nicht hören will, hat der Schüler eventuell Zweifel am vorankommen. Es geht ihm vlt nicht schnell genug. Oder er versteht nicht dass das länger dauert, oder vlt passt ihm dein Konzept oder er versteht es nicht. Die Gründe herauszufinden ist sicher wertvoll und kann einen Lehrer weiterbringen.
    Letzten Endes und das ist auch unangenehm vermarktet sich der "Guru" aber besser und sogar so gut dass der Schüler wechselt.
    Die eigene Vermarktung zu hinterfragen "Wie kann ich mich besser verkaufen?" kann vlt auch hilfreich sein.
     
  12. Alter Tastendrücker
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    Alter Tastendrücker

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  13. playitagain
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    playitagain

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    @Alter Tastendrücker
    Hier hast jetzt aber falsch zitiert das sind deine Worte, nicht meine.
    An den fiktiven Beispielen steckt manchmal auch ein wahrer Kern.
    Ich wollte dir nur sagen dass man auch einen Perspektivenwechsel machen soll,wie es so schön heißt. Wie sieht die Welt aus der Sicht des 17 jährigen aus?
    Der glaubt noch an Abkürzungen;-)
     
  14. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Ich glaube an Umwege ;-)
     
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  15. Alter Tastendrücker
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    Alter Tastendrücker

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    Ja, und die sind oft langwierig, aber im Endeffekt sehr gewinnbringend!
    Für uns und für unsere Schüler!!
     
  16. Barratt
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    Barratt Lernend

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    Das Phänomen gibt es überall, wo ein langer Lernprozess erforderlich ist.

    Nach meiner Beobachtung aus dem (Reit-)Sport sind besonders diejenigen dafür anfällig, die mit den richtlinienkonformen Methoden nicht "normaldurchschnittlich" reüssieren. Wenn ich sage "Richtlinien": Da machen manche ja schon dicht. Die tiergerechte Ausbildung von Pferden (und damit Reitern) folgt einem klar definierten Schema. Alles Schematische ist dem postmodernen Menschen suspekt – "sich in ein Schema pressen zu lassen" ist des Teufels. Schade, denn das Schema ist genial, und man muss es kapieren, vor allem die Interdependenzen innerhalb des Schemas.

    Alles was komplex ist, ruft wortreiche "Vereinfacher" bzw. "Andersmacher" auf den Plan. Sie "holen die Leute da ab", wo sie ihre mentalen Brüche haben oder Inkonsequenzen in der Zieldefinition.

    Die Arbeit im Galopp gehört logo zur Ausbildung dazu. Galopp ist eine Gangart, die sich in Sprüngen vollzieht. Sie kann schnell schnell werden :021:und ein realiter traumatisierendes Gefühl des völligen Kontrollverlusts entsteht. Gerade erwachsene Anfänger entwickeln nach so einem Erlebnis Ängste, denen man mit den Methoden der richtlinienkonformen Ausbildung kaum beizukommen vermag.

    Wer Schiss vor der Galopparbeit hat, findet Ausbilder, die vorgeben, alle richtlinienkonformen Ausbildungsschritte (also doch, haha) im Schritt und im Trab erarbeiten zu können.

    Kann man auch. Dauert halt ewig. Aber ewig brauchen die Leute auch, um ihre Ängste zu überwinden. Also, warum nicht!

    Wirklich schaden tun sie nach meiner Beobachtung nicht. Für meist teures Geld bieten sie den Kunden das, was sie wollen: Ganzheitlichkeit, einen Schuss Esoterik, Gespräche und das Gefühl, zu denen zu gehören, die es viel besser machen als die Anderen. Man ist ggf. überrascht über die Lehrmethoden und Lernziele. Ich habe früher fleißig darüber gelästert. Mittlerweile (nach ein paar Jahrzehnten Beobachtung) bin ich ganz milde gestimmt. Die richtlinienkonforme Ausbildung ist der Goldstandard für ein bestimmtes Ziel. Die SuS, die ich an "Gurus" verloren habe, WOLLEN einfach etwas anderes. Wer das Ziel nicht will, muss auch nicht den geraden Weg zum Ziel wollen. So what.

    Mit der Pianistik lässt sich mein Beispiel allerdings nur eingeschränkt vergleichen, denn selbstverständlich besteht beim Reiten täglich und jederzeit die Gefahr schwerster Verletzungen. Die Ängstlichkeit trägt dazu bei, das auch tatsächlich etwas schief geht.

    Der alte Weltkriegssoldat, bei dem ich reiten gelernt habe, zwang uns nach jedem Sturz wieder aufs Pferd und hieß uns dasselbe nochmal machen. Wenn man dem nicht nachkam, wurde man vor allen Leuten zusammengestaucht und brauchte sich dort nicht mehr blicken zu lassen. Diese Methode, so unangenehm sie rüberkam, war vollkommen angemessen. Damit werden negative Erlebnisse durch Erfolg "überschrieben" und man wächst daran. Heutzutage ist das ausgeschlossen. Heutzutage schließt man sich einer Gesprächsgruppe an, um das Trauma aufzuarbeiten. Dort erfährt man von der Guru-Methde, bei der man nicht galoppieren muss. À la bonne heure.
     
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  17. playitagain
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    playitagain

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    @Barratt
    Im Sport ist man da offensichtlich um Längen voraus.
    Wobei eine hohe Komplexität einer Sache ja auch eine wichtige Berechtigung für einen Lehrer ist.
     
  18. Pedall
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    Pedall

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    Wer ist wem voraus? Die Sportgurus den Musikgurus?
     
  19. chiarina
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    chiarina

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    Das Wort "Guru" ist zwar negativ konnotiert, tatsächlich haben Gurus oft besondere Fähigkeiten, Menschen in ihren Bann zu ziehen. Darin bestehen manchmal auch ihre einzigen Fähigkeiten... . :heilig:.

    Sie treten z.B. charismatisch auf oder wirken sehr freundlich und empathisch. Ich habe den Tübinger Oberguru mal persönlich erlebt und er wirkte so nett und einnehmend, dass ich ihm niemals die begangenen Missetaten zugetraut hätte. Er zog ja offensichtlich auch Eltern so in seinen Bann, dass sie Hinweise und Anzeichen ihrer Kinder nicht ernst genommen haben.

    Genauso Gerold Becker, der charismatische Leiter der Odenwaldschule. Beide wirkten in Systemen von sehr wenig Kontrolle und elitärem Anspruch, besser als die anderen zu sein. Vielleicht auch eine Voraussetzung?

    Von Sektenführern berichtet man ähnliches.

    Zusammengefasst also ein elitäres System mit wenig Kontrolle, einen Menschen (Guru) mit Charisma und Ausstrahlung, der gleichzeitig unglaublich von sich überzeugt ist und sich niemals in Zweifel zieht (Selbstherrlichkeit).

    Lieber Alter Tastendrücker, du wirst leider niemals ein Guru werden, so leid mir das tut. Dazu bist du viel zu reflektiert. So wird das nix! :blume::drink:

    Willkommen im Club!

    chiarina
     
    Klafina, thomas 1966, beo und 5 anderen gefällt das.
  20. Destenay
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    Destenay

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    :lol::lol::lol::schweigen: