"...das kulturelle Fußvolk lebt von der Hand in den Mund..."

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Ich bin nicht Berufsmusiker und kann zu diesem Thema nicht mitreden. Diesen Bericht aus erster Hand fand ich sehr aufschlussreich, auch wenn nichts wirklich Neues drin steht.

 
Das „kulturelle Fußvolk“ (übrigens ein Begriff, mit dem der Autor sich selbst und seine Kollegen in weinerlichem Ton unnötig klein macht) hat durchaus die Möglichkeit, etwas an der eigenen Lage zu ändern: Musik ist ein Mangelfach. Die Schulen suchen händeringend nach Musiklehrkräften, auch Seiteneinsteiger werden gern genommen. In Zeiten, in denen mittlerweile schon Gitarre spielende Eltern für Musikunterricht bezahlt werden, sollte dieser Weg für das „kulturelle Fußvolk“ doch auch und erst recht möglich sein. Da ist neben einem angemessenen Verdienst auch der kontinuierliche Arbeitsplatz relativ sicher.
 
Musik ist ein Mangelfach. Die Schulen suchen händeringend nach Musiklehrkräften, auch Seiteneinsteiger werden gern genommen. In Zeiten, in denen mittlerweile schon Gitarre spielende Eltern für Musikunterricht bezahlt werden, sollte dieser Weg für das „kulturelle Fußvolk“ doch auch und erst recht möglich sein. Da ist neben einem angemessenen Verdienst auch der kontinuierliche Arbeitsplatz relativ sicher.
Allerdings muss man fähig und willens sein, eine Gruppe von 15 - 30 Kindern oder Jugendlichen anzuleiten, zu motivieren, zu disziplinieren (ja, auch das) .... Das kommt vermutlich längst nicht für alle in Frage.
 
Das kommt vermutlich längst nicht für alle in Frage.
Ja, das stimmt.

Ich bin jedoch auch der Meinung, dass das jede(r) lernen kann. Lehren ist in erster Linie Handwerk. Wenn im Vordergrund steht, Musik an Kinder und Jugendliche vermitteln zu wollen (und genau das ist ja beim Autor des Textes ein wichtiges Motiv seiner jetzigen Arbeit), ist die Hemmschwelle vielleicht gar nicht so groß.
Ich selbst habe nach dem Referendariat noch drei Jahre gebraucht, bis ich endlich pädagogisch "angekommen" war. Erst nach diesen drei Jahren im Schuldienst fühlte ich mich wirklich souverän und in der Lage, die richtige Balance zwischen Gelassenheit und Strenge (der bessere Begriff wäre Konsequenz) gefunden zu haben. Das erforderrt natürlich Ausdauer. Aber ist Ausdauer nicht eine Grundkompetenz aller Musiker, die es bis zur Musikhochschule gebracht haben?
 
Allerdings muss man fähig und willens sein, eine Gruppe von 15 - 30 Kindern oder Jugendlichen anzuleiten, zu motivieren, zu disziplinieren (ja, auch das) .... Das kommt vermutlich längst nicht für alle in Frage.
Des ist es ja, man verdient soo schlecht ned als Instrumentallehrer.

Aber wenn man da ned irgendwie wirklich hinter steht, wird des nix.
 
Ja, das stimmt.

Ich bin jedoch auch der Meinung, dass das jede(r) lernen kann. Lehren ist in erster Linie Handwerk. Wenn im Vordergrund steht, Musik an Kinder und Jugendliche vermitteln zu wollen (und genau das ist ja beim Autor des Textes ein wichtiges Motiv seiner jetzigen Arbeit), ist die Hemmschwelle vielleicht gar nicht so groß.
Ich selbst habe nach dem Referendariat noch drei Jahre gebraucht, bis ich endlich pädagogisch "angekommen" war. Erst nach diesen drei Jahren im Schuldienst fühlte ich mich wirklich souverän und in der Lage, die richtige Balance zwischen Gelassenheit und Strenge (der bessere Begriff wäre Konsequenz) gefunden zu haben. Das erforderrt natürlich Ausdauer. Aber ist Ausdauer nicht eine Grundkompetenz aller Musiker, die es bis zur Musikhochschule gebracht haben?
Definitiv, Musiklehrer wachsen leider nicht auf Bäumen, der Weg stünde ihm mit Hochschulstudium auf jeden Fall offen, die Arbeitszeit liegt schwerpunktmäßig vormittags und nachmittags und die Vor- und Nachbereitung kann er sich selbst legen. Der Anspruch ist natürlich ein ganz anderer als als Musikschullehrer, aber der Beruf ist toll, wenn auch nicht für jeden erstrebenswert.
 
In der Tat, es geht darum, im Bereich Methodik und Didaktik kompetent zu werden. Das ist Handwerk.
Aber mit größeren Gruppen umzugehen ist nicht jedermanns Sache!
Da haben ja auch die Lehrkräfte für Musik an Musikschulen dieses riesige Glück, sich in der Regel einer Person widmen zu können (ich nehme jetzt mal Partner- und Kleingruppenarbeit aus, sowie den Bereich MFE).
 
Allerdings muss man fähig und willens sein, eine Gruppe von 15 - 30 Kindern oder Jugendlichen anzuleiten, zu motivieren, zu disziplinieren (ja, auch das) .... Das kommt vermutlich längst nicht für alle in Frage.
In der Realität könnte man die obengenannte Folge vielerorts sogar umdrehen: der größte Teil des energetischen Aufwands der Lehrkraft geht nicht für Vermittlung von Inhalten und Kenntnissen drauf, sondern dafür, erst einmal in der Bude für Ruhe zu sorgen. Dass das längst nicht jeder gerne macht, ist sicherlich nachzuvollziehen.

Ein wichtiger Aspekt wurde noch nicht thematisiert: kann sich die oder der Einzelne die Entscheidung für eine Existenz als freiberuflicher Musiker überhaupt leisten? Sicherlich genau dann nicht, wenn man als Alleinverdiener oder mit ebenfalls nur dürftigem Einkommen von Lebenspartner(in) das Auskommen einer Familie sicherstellen soll. Mehrere Kinder, ein (gut-)bürgerlicher Lebensstandard, Wohneigentum, regelmäßige Urlaube, Motorisiert-Sein und was alles noch sonst machen Einkommensperspektiven erforderlich, die weit jenseits des Freiberuflerstatus' als Künstler liegen - oder man muss alles an Aufträgen zwanghaft ergeiern, was irgendwie zum Füllen der eigenen Brieftasche taugt. Und das in einem Beruf, den die Bevölkerungsmehrheit als reine Hobbytätigkeit geringschätzen. Und nach Aufhebung der Corona-Maßnahmen mögen sich Künstler bereits glücklich schätzen, wenn man ihnen herablassend überhaupt wieder Auftrittsmöglichkeiten zukommen lässt. Sogar für Gratis-Promotion ohne Honorar findet man inzwischen interessierte Künstler.

Müsste ich für sechs Kinder sorgen mit einer ebenfalls wenig Geld verdienenden Partnerin, hätte ich vermutlich noch nicht einmal Musik studiert und mich stattdessen für irgendeinen deutlich lukrativeren Brotberuf entschieden respektive entscheiden müssen.

Vermutlich haben viele den Musikerberuf auch in der Hoffnung gewählt, eines Tages zu den Topverdienern der Branche zu gehören. Wer dann mit vielleicht dreißig, fünfunddreißig, vierzig oder noch mehr Lebensjahren die Erkenntnis an sich heranlässt, niemals zum im Geld schwimmenden Weltstar werden zu können - was hat er dann noch an Möglichkeiten? In einem bürgerlichen Beruf auf dem Niveau eines ungelernten Hilfsarbeiters ohne jegliche Qualifikation nochmal bei Null anfangen? Sich als endgültig im Leben Gescheiterter selbiges zu nehmen erfordert Mut - tut also auch längst nicht jeder in dieser Situation. Bleibt den am Lehramt absolut nicht interessierten Kandidat(inn)en nur noch die Möglichkeit, weiter zu murksen und zu wurschteln wie zuvor mit dem Leben von der Hand in den Mund. Vielleicht wird man ja doch noch spät entdeckt und in hohem Alter nochmal zum Star - die Hoffnung stirbt zuletzt:


LG von Rheinkultur
 
der größte Teil des energetischen Aufwands der Lehrkraft geht nicht für Vermittlung von Inhalten und Kenntnissen drauf, sondern dafür, erst einmal in der Bude für Ruhe zu sorgen.
Gut, das hängt natürlich von der Schulart ab. Ich habe es nicht so krass erlebt, war ja aber auch am Gymnasium. Da war wirklich viel Zeit für Wissensvermittlung.
Aber die Musiklehrkräfte werden ja schwerpunktmäßig in den anderen Schularten gesucht, wo es tendenziell anders zugeht.
Und das in einem Beruf, den die Bevölkerungsmehrheit als reine Hobbytätigkeit geringschätzen.
Okay, ich lebe nun natürlich in einem Umfeld (hübscheres Wort als "Blase", oder?:001:), in dem diese Arbeit in hohem Maße geschätzt wird.

Aber manchmal wird man doch überrascht: Vor Jahren sollte ja die MuHo Trossingen mehr oder minder eingestampft werden. Noch ein, zwei kleine Institütchen und sonst nichts mehr. Was braucht man auch Kultur in der tiefsten Provinz?
Es gab viele (!!!) Proteste in der Gegend, aber angeblich soll der Einfluss von Mercedes Benz den Ausschlag gegeben haben, dass die Pläne des Wissenschaftsministeriums dann eingestampft wurden. Irgendwie scheinen die der Meinung gewesen zu sein, dass man neben Autos auch noch Kultur brauchen könnte. (Jaja, Mercedes hat in Immendingen ein Test- und Prüfzentrum.)

Ich persönlich, die ich vom Wert einer musikalischen Erziehung zutiefst überzeugt bin, hätte ja gerne so etwas wie mehr Kooperation zwischen Schulen und Musikschulen, und nicht nur hie und da eine Bläser- oder Streicherklasse. Und auch mit verlässlicherem Einkommen für die Lehrkräfte.
 
Ich bin auch selbständig tätig und ganz ehrlich, ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie sich jemand 20 Jahre lang in einer prekär bezahlten Honorarkraftstelle einrichten kann, teilweise sogar in Vollzeit, insbesondere, wenn er eine Familie zu versorgen hat.

Wäre interessant zu erfahren, was der gute Mann so versucht hat, um sich als Musiklehrer in lukrativeren Bereichen zu etablieren.
 
Die Wertschätzung den Musikern gegenüber war schon immer miserabel. Fürst Esterhazy (der Dienstherr Joseph Haydns) stellte einen Gärtner für seine Rosenzucht ein - mit der Auflage, daß der gute Mann abends im Orchester die Geige zu streichen hatte. In den höfischen und städtischen Besoldungslisten rangierten die Musiker immer ganz weit hinten (von Ausnahmen wie Telemann und Quantz einmal abgesehen).

Zu meiner Schulzeit galt der Musiklehrer sowohl bei den Schülern als auch bei den Kollegen als der „dumme August“, weil eine Sechs in Musik nicht versetzungsrelevant war. Ernstgenommen wurde der Musiklehrer nur, wenn irgendwelche Schulfeierlichkeiten anstanden. Da braucht es schon ein starkes Selbstwertgefühl, um ein ganzes Berufsleben so durchzustehen.

Angesichts der Bildungsmisere wird gerne über die Chancen für Quereinsteiger im Schuldienst gesprochen. Aber die Hürden sind hoch, und die Besoldung mehr als dürftig. Zum Teil werden lediglich Honorarverträge abgeschlossen, die dann jeweils zu den Sommerferien gekündigt werden.

Ähnlich sieht es an Musikschulen und Musikhochschulen aus: Stellen werden halbiert und geviertelt, so daß es zum (Über-)leben kaum ausreicht.

Wie wenig der Musikerberuf geschätzt wird, erlebt man sogar in diesem Forum oft genug, wenn es um die Honorare für Klavierlehrer geht: Da ist manch einer sogar stolz darauf, wenn man nur 15 Euro für die Unterrichtsstunde bezahlt, und echauffiert sich, wenn ein Lehrer es wagt, mehr zu verlangen.
 

Also irgendetwas passt nicht.
Dennoch haben wir unseren Heizöltank dieses Jahr nur zur Hälfte auffüllen lassen.
Für ein eigenes Haus scheint es zu reichen.
Ansonsten ist es ja nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal von Musikern, dass eine Familie mit 6 Kindern finanziell schnell an Grenzen stößt.
 
Selbst schuld, wenn man trotz sehr mäßigen Verdienstes meint, unbedingt auch noch einen Haufen Kinder in die Welt setzen zu müssen.

Manche Leute haben einfach kein Gefühl für Verhältnismäßigkeiten. Und dann wundern sie sich, dass es irgendwie nicht hinhaut.

Ich kenne übrigens mehrere Kollegen im Jazzbereich, die sich einfach eine Ärztin, Juristin oder Lehrerin als Partnerin genommen haben. Das vereinfacht die Sache mit den Kröten doch gleich ungemein.
 

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