Das Klavierwerk von Karol Szymanowski

Valse Romantique; Vier polnische Tänze

In den 20er Jahren entstanden fünf kleine Stücke für Klavier ohne Opus-Zahl. Das erste dieser Stücke ist ein kleiner Valse Romantique, der im Oktober 1925 komponiert wurde und Emil Hertzka zum 25. Jubiläum der Gründung der Universal Edition Vienna gewidmet ist. Wieder sind deutlich die polnischen Anklänge zu hören, die typisch für Szymanowskis dritte Schaffensperiode sind, die verzerrten Tanz-Muster erinnern etwas an seine französischen Zeitgenossen (Les Six).

Leider gibt es keine Einspielung auf Youtube, aber zumindest kann man hier kurz reinhören und sich hier die Noten ansehen. Er ist auf jeden Fall spielbar. Meiner Meinung nach eine kleine, vergessene Perle.

Die "Vier polnischen Tänze" sind 1926 entstanden. Sie sind Auftragswerke der Verlags Oxford University Press und sollten einer Sammlung von Volkstänzen der Welt beigefügt werden. Sie beinhalten eine Mazurka, einen anderen polnischen Tanz namens Krakowiak, eine weitere Form der Mazurka, Oberek genannt und eine Polonaise, die einzige, die er je geschrieben hat. Die Stücke befassen sich auf etwas weniger radikale Weise mit der polnischen Volksmusik, als op.50.

Die Stücke sind auch für den Hobby-Spieler eine lösbare Aufgabe, die ersten beiden sollten keinerlei Schwierigkeiten darstellen, die anderen beiden sind etwas schwieriger. Sehr hübsche Miniaturen, wie ich finde.

Mazurka
Krakowiak
Oberek
Polonaise

Viele Grüße!
 
Symphonie Nr.4 - Symphonie concertante op.60

Wie der Titel bereits verrät handelt es sich hier ausnahmsweise nicht um ein reines Klavierstück, aber zumindest ist der Klavierpart solistisch angelegt und da das Stück den Höhepunkt Szymanowskis dritter Schaffensperiode darstellt, möchte ich das Werk hier trotzdem Erwähnen.

Die 30er Jahre waren keine leichte Zeit für Szymanowski. Die Tuberkulose, die ihn seit seiner Kindheit plagte schritt unaufhaltsam voran. Auch einige Laster kamen hinzu, wie starkes Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum (ein echter Wikinger eben :D) und möglicher Weise sogar Kokain. Zusammen mit den Kosten für seine Behandlungen führte ihn das langsam in eine finanzielle Krise. Sein Privatleben geriet auch immer mehr aus den Fugen. Voller Motivation und Reformationsideen nahm er die Position als Direktor der Staatlichen Hochschule für Musik in Warschau an, musste ihn aber frustriert auf Druck der konservativen Seite aufgeben. Auf der Suche nach Auswegen aus seiner finanziellen Misere beschloss er, seine Werke selbst am Klavier aufzuführen und mit ihnen auf Tournee zu gehen, um den Erlös für ihn selbst zu maximieren. Viel Freude bereitete ihm das jedoch nicht, da er zugab „Klavierspielen langweilt mich schrecklich und erschöpft mich“, jedoch blieb ihm keine Wahl, da er feststellte, dass „die Schlinge bereits um meinen Hals liegt“.

Unter diesen erbärmlichen Umständen, entstand 1932 seine 4. Symphonie. Nun sollte man annehmen, dass man diese Tragödie in diesem Werk wiederfindet, doch dem ist ganz und gar nicht so. Keine Spur von Selbstmitleid…Szymanowski schrieb ein herrlichen neo-klassisches Werk, dass er selber als „klar, transparent, wie Mozart“ bezeichnete. Es lassen sich einige Parallelen zu früheren Werken finden, aber alles wird vom Geist seiner Idee einer neuen, polnischen Nationalmusik überschattet. So entspricht der Rhythmus des dritten Satzes zum Beispiel einer Oberek, die Heterophonie, also das gleichzeitige Erklingen verschiedener Varianten eines Themas (vgl. op.50) ist häufig vorhanden, ebenso wie der Lydische Modus.

Szymanowski bezeichnet seine 4. Symphonie als „Symphonie concertante“, da das Klavier einen quasi-solistischen Part hat. Laut Szymanowski liegt das Stück irgendwo zwischen Klavierkonzert und Symphonie. Das Werk besteht aus drei Sätzen. Der erste Satz beginnt mit einem pochenden Bass, über dem das Klavier ein Thema in Oktaven vorstellt. Auf diesem Thema basieren sehr Variantenreich alle weiteren Elemente des ersten Satzes, der einer modifizierten Sonatenhauptsatz-Form folgt und eine Solo-Kadenz enthält. Der schimmernde, reich strukturierte langsame Satz enthält auch lyrische Soli für Flöte und Violine, mit nur dezenter Begleitung. Der Kraftvolle Höhepunkt des Satzes ist vielleicht die einzige kleine Anspielung auf die schweren Umstände der Entstehung des Werkes. Nach dem noch einmal auf ergreifende Weise das Thema des ersten Satzes aufgenommen wird, wird in das rhythmisch eindringliche und raue Rondo-Finale übergeleitet, dass schließlich in einem gewaltigen, an Prokofievs drittes Klavierkonzert erinnerndes Finale endet.

Wie schon gesagt schrieb Szymanowski das Werk mit der festen Absicht, es selber aufzuführen und damit auf Tournee zu gehen, was durchaus bemerkenswert ist, da Szymanowski nicht als der größte Pianist galt, körperlich in schlechter Verfassung war und das Werk keinesfalls anspruchslos ist. So spielte er auch die Uraufführung am 09. Oktober mit Fitelberg als Dirigent selbst. Gewidmet ist das Stück Arthur Rubinstein, der es selber oft aufführte.

Für mich ist es eines der schönsten Stücke für Klavier und Orchester, die ich in letzter Zeit entdeckt habe. Ich wünsch euch viel Spaß…

Symphonie Nr.4 – Symphonie concertante

Viele Grüße!
 
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Zwei Mazurken op.62

Die letzten fünf Jahre seines Lebens verbrachte Szymanowski weiterhin mit zahlreichen Konzertreisen und mit dem aussichtslosen Kampf, gegen die Tuberkulose. Seinen Hauptwohnsitz verlagerte er endgültig nach Zakopane. Seinen letzten großen Erfolg erreichte er 1935 mit der Uraufführung des gesamten Balletts „Harnasie“ in Prag, auch in Paris wurde das Stück gut aufgenommen.

Sein letztes Werk für Klavier und seine letzte Komposition Überhaupt wurde 1934 fertig gestellt. Es handelt sich dabei sehr passend um zwei kleine, klangschöne Mazurken… ein stilles Finale seines oft so pompösen Klavierwerks… es endet wie es begann... im Pianissimo.

Wolters sieht in ihnen feinsinnige, pianistisch delikate und gehaltvolle Ausdrucksstücke von hohem melodischen Charme. Die Harmonik ist seiner Meinung nach einfach, aber keineswegs alltäglich. Viele Elemente aus op.50 finden sich auch in diesen letzten beiden Stücken wieder. Wolters vergibt die Schwierigkeitsstufe 11 (von 15)

Zum Finale habe ich hier noch eine Einspielung des Komponisten selbst der ersten Mazurka.

Mazurka op.62 Nr.1

Leider gibt es von der zweiten Mazurka keine schöne Einspielung auf Youtube, hier ist die beste, die ich gefunden habe.

Mazurka op.62 Nr.2

Hier sind die Noten!

Und das war’s…So endet Szymanowskis Klavierwerk. Ich danke allen, die sich dafür interessiert haben! Wer Gefallen an ihm gefunden hat, der kann gerne mal in seine anderen Werke hineinhören. Seine zweite Symphonie ist sehr hörenswert, ebenso die dritte Symphonie (Lied der Nacht) mit Chor und Solo-Tenor. Auch empfehlenswert sind seine Violinkonzerte sowie die Mythen op.30 und die Nocturne und Tarantella für Violine und Klavier, nicht zu vergessen seine Oper „König Roger“.

Ich hoffe, ich konnte euch diesen außergewöhnlichen und meiner Meinung nach viel zu wenig beachteten Komponisten etwas näher bringen. Für weitere Kommentare und Diskussionen stehe ich natürlich gerne zur Verfügung.

1936 verschlechterte sich Szymanowskis Gesundheitszustand dramatisch, weswegen er aufgrund des Klimas zunächst nach Davos, dann nach Grasse und Cannes und schließlich in ein Sanatorium nach Lausanne reiste, dass er nicht mehr lebend verlassen sollte.


Szymanowski starb genau heute vor 75 Jahren.
Ich hoffe, mit diesem Faden habe ich sein Werk für euch wieder ein bisschen lebendiger gemacht.


Viele Grüße!

Sebastian
 
Szymanowski starb genau heute vor 75 Jahren.
Ich hoffe, mit diesem Faden habe ich sein Werk für euch wieder ein bisschen lebendiger gemacht.

Lieber Sebastian,

und wie!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! :kuss:x 100

Troubadix in diesem Faden nicht so

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,

sondern so

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Tausend Dank für diesen Faden - ein echtes Geschenk und ich muss leider zugeben, dass ich noch nicht ganz durch bin.

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Liebe Grüße

chiarina
 
Vielen Dank, Troubadix, für diese ausführliche und informative Einführung in Szymanowskis Klavierwerk. Ich habe einige Stücke entdeckt, die mir sehr gut gefallen, - allen voran op. 3, das nun auf meiner Liste steht.

Welcher Komponist kommt als nächstes dran? :p

Grüße von
Fips
 
Lieber Troubadix, auch ich bedanke mich bei Dir, auch wenn ich die Beiträge nicht immer vollständig verfolgt habe. Ein wenig über Szymanowski habe ich durch die Rubinstein Geographie gelesen. Aber was Du hier vollbracht hast, darüber hege ich höchste Bewunderung.

Gruss
Manfred
 
Hmmm...Rubinstein....Geographie?....hmmm....Na klar doch. Das kommt davon, weil der unheimlich viel herum gereist ist.:floet:
 

Rafal Blechacz befasst sich intensiv mit der Literatur von Szymanowski.

Blechacz ist super! Seine Einspielung von Opus 3 ist fantastisch!


Welcher Komponist kommt als nächstes dran? :p

Ich brauch jetzt erstmal Urlaub, dann fällt mir schon wieder was ein! ;)

Szymanowski empfand ich für so einen Faden ideal, weil sein Werk bei uns relativ unbekannt ist und sehr interessant, vielseitig und hochwertig ist und vom Umfang her recht überschaubar ist mit ca. 5 Stunden Spieldauer inklusive Symphonie concertante und mir sehr am Herzen liegt. :kuss:

Danke euch allen!

Viele Grüße!
 
Als ich damals hier den Beitrag über die Mazurken op.50 verfasst habe, konnte ich leider nicht alle Stücke auf YT finden. Nun gibt es dort eine Gesamteinspielung von Hamelin, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Szymanowski - Mazurken op.50 & op.62

Hier sind noch mal die Noten! Auch wenn ich mich wiederhole...Das sind ganz wundervolle Stücke die es absolut wert sind, gespielt zu werden!

Viel Spaß!

P.S.: Als kleine Zugabe...

Arthur Rubinstein: Szymanowski - Symphonie Concertante op.60
1. Moderato, tempo comodo
2. Andante molto sostenuto
3. Allegro non troppo, ma agitato ad ansioso
 
Habe gerade erst dieses Thema vom ersten bis zum letzten Beitrag gelesen und bin begeistert, Chapeau Troubadix und vielen Dank! Leider funktioniert (mal wieder) der letzte Rubinstein-Link nicht, schade:-(, wusste gar nicht, dass er dieses Stück auch gespielt hat. Szymanowski war mir bis jetzt jetzt nur aus den Erinnerungen von Rubinstein bekannt und als Aufnahme habe ich nur eine Live-Aufnahme Rubinsteins von 1961 aus der Carnegie Hall von 4 Mazurken op. 50. Da gibt es ja noch eine Menge zu entdecken.

Nochmals danke für die große Mühewaltung von Deiner Seite!

Gruß
Christian
 
Leider funktioniert (mal wieder) der letzte Rubinstein-Link nicht, schade...

Haben die ProxTube immer noch nicht wieder in Gang gebracht? :(

Hier spielt er das Stück wenigstens kurz an.

Und hier gibt es noch Szymanowskis 1. Quartett mit anschließender Diskussion zu hören.


Da gibt es ja noch eine Menge zu entdecken...

!!!
 
Bei mir funktioniert Proxtube, also auch die Links. Nun kommt der wenig dezente Hinweis auf Spenden nicht mehr über das ganze YT Feld sondern ist als Streifen darunter.
 
Stabat Mater op.53

Nein, diesmal ist es kein Klavierwerk. Trotzdem ist dieses einzige liturgische Werk Szymanowskis heute passend, da wir zum einen die Karwoche haben und es zum anderen ein schönes Gedenken an Szymanowskis morgigen 76. Todestag ist.

Stabat mater ist ein mittelalterliches Gedicht, das mit den Worten Stabat mater dolorosa, lat. für „Es stand die Mutter schmerzerfüllt“ beginnt. Es geht um Marias Trauer über den gekreuzigten Jesus. Die katholische Kirche nahm es in die Liturgie auf, seit dem 2. Vatikanischen Konzil, wird es jedoch nur noch am 15. September, dem Gedächtnis der Schmerzen Mariä, - ad libitum - gesungen oder gebetet.

Vertonungen des Gedichtes gibt es jede Menge. So nahm sich auch Szymanowski dessen an. Komponiert hat er es von 1925-26, damit fällt das Werk in Szymanowskis dritte Schaffensperiode. In der Besetzung sind Solisten für Sopran, Alt und Bariton, SATB-Chor und Orchester vorgesehen. Es sollte sich ursprünglich um ein Auftragswerk für Winnaretta Singer handeln, die eine Art polnisches Requiem haben wollte, daraus wurde jedoch nichts. Szymanowski griff die Idee wieder auf, als Bronisław Krystall ihn mit einem Werk zum Gedenken an dessen verstorbene Frau beauftragte. Die Uraufführung fand am 11. Januar 1929 in Warschau statt und wurde von Fitelberg dirigiert.

Das Stück ist in sechs Sätze unterteilt. Als Text wählte Szymanowski die polnische Übersetzung von Jozef Janowski. Szymanowski schrieb die lateinische Übersetzen ebenfalls in die Partitur hielt aber fest, dass in Polen ausschließlich die polnische Version aufzuführen ist.

Im Zeitraum der Komposition beschäftigte sich Szymanowski sehr viel mit der Musik aus der Zeit Palestrinas und davor. Ebenfalls beschäftigte er sich mit der alten polnischen religiösen Musik. Diese Einflüsse werden durch parallel Bewegung zwischen den Stimmen und Ostinati deutlich. Szymanowski bezieht auch melodische Elemente von zwei polnischen Hymnen mit ein: Święty Boże (Heiliger Gott) und Gorzkie Zale (Bitter Sorrows). Ansonsten ist das Werk musikalisch ganz im Sinne seiner dritten Schaffensperiode, die ich im Beitrag über die 20 Mazurken op.50 beschrieben habe gehalten.

Es war Gomez der mich einst fragte, ob ich nicht auch dieses Werk einmal zu Gehör bringen möchte.

Lieber Christoph,
ich bedaure es sehr keine Möglichkeit mehr zu haben, mich hier mit dir auszutauschen. Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg alles Gute und verabschiede mich mit diesem Werk von dir.

Karol Szymanowski - Stabat Mater op.53

Viele Grüße!
 
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