Das Klavierwerk von Karol Szymanowski

rolf
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Die Masques (Masken) wurden im Sommern 1915 und 1916 komponiert.
(...)
Alle drei Stücke sind äußerst schwierig zu spielen in allen Bereichen und Wolters vergibt zurecht die Schwierigkeitsstufe 15 (von 15).

Wie schon gewohnt (!) ist es eine Wohltat, deine engagierten und ausführlichen Szymanowskivorstellungen zu lesen!

...bei den Masques aber mach ich mal, der Abwechslung halber, ein wenig den Spielverderber: der Zyklus ist leider zu lang, um über seine gesamte Dauer hin permanent fesseln zu können. Das Glanzstück des Zyklus ist meiner Ansicht nach die Serenade: hier nähert sich der "polnische Skrjabin" tatsächlich ein wenig Ravel und Prokovev, ja sogar Strawinski - aber leider wird dieses wunderbare, streckenweise motorische/tänzerische Stück durch ständige rallentandos etc. unterbrochen, kann gar nicht so richtig in Schwung kommen (der Don Juan versackt alle Nase lang im Fin de Siecle Plüschsofa). Und der Schluß, der ja zugleich den Zyklus abrunden sollte, ist lapidar und eher etwas effektlos...

Übrigens ist Wolters´ ominöse 15. Stufe sehr sehr dehnbar (was da so alles drin ist...) ;):) - die Serenade ist nicht so furchtbar schwierig, sondern liegt recht gut (ok, Triller, Tremoli und etwas Passagengeglitzer muss man drauf haben, aber das ist nichts ungewöhnliches)

Mir gefallen die Metopes mehr (sehr schöner pianistischer "Spätest-Jugendstil", Symbolismus inmitten der großen Katastrophe - eine Art Flucht?)

...aber bzgl. Spielverderberei: selbst in seiner Heimat werden Masques und Metopes nicht so oft aufgeführt wie verschiedene französische und russische Klavierzyklen und Sonaten derselben Zeit...

:) aber lass dich nicht schrecken, keltischer Barde, sondern mach weiter!!! :)
 
Troubadix
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…aber lass dich nicht schrecken, keltischer Barde…

Lieber Rolf,
natürlich lass ich mich nicht schrecken! Ich weiß doch dass du durch deine Wikingernatur unglaublich herzlos, kalt, gemein, boshaft, fies, roh und brutal bist. ;):D

...aber bzgl. Spielverderberei: selbst in seiner Heimat werden Masques und Metopes nicht so oft aufgeführt wie verschiedene französische und russische Klavierzyklen und Sonaten derselben Zeit...

Das glaube ich sofort! Ich hätte das aber darauf geschoben, dass seine Musik, speziell die der zweiten Periode einfach nicht massentauglich ist. Ich unterstelle auch einfach mal (ohne die Qualität in Frage zu stellen!!!), dass viele der russischen und französischen Zyklen und Sonaten jener Zeit (Petruschka, Gaspard, Sonaten von Prokofiev…) auch wegen ihrem Show-Effekt öfter aufgeführt werden. Das fehlt Szymanowskis mittlere Periode trotz der Schwierigkeit mancher Stücke etwas.

…der Zyklus ist leider zu lang, um über seine gesamte Dauer hin permanent fesseln zu können…

Hmmm, das empfinde ich komplett anders. Ich finde ihn recht abwechslungsreich und mit genügend musikalischen Ideen für die Länge bestückt.

…aber leider wird dieses wunderbare, streckenweise motorische/tänzerische Stück durch ständige rallentandos etc. unterbrochen, kann gar nicht so richtig in Schwung kommen…

Das stimmt, allerdings habe ich das als beabsichtigt empfunden, um Don Juan zu charakterisieren. Der Tantris gefällt mir aber weit mehr.

…die Serenade ist nicht so furchtbar schwierig, sondern liegt recht gut (ok, Triller, Tremoli und etwas Passagengeglitzer muss man drauf haben, aber das ist nichts ungewöhnliches)…

:) Nun ja, da hast du natürlich einen ganz anderen Blickwinkel auf die Schwierigkeit des Stücks als ich. Wenn Stücke wie Ondine, Tannhäuser-Ouvertüre, h-moll Sonate und Mephistowalzer das täglich Brot sind, schaut das natürlich ganz anders aus. Würdest du die anderen beiden Stücke auch so einschätzen, wie die Serenade? Ich kann über den Schwierigkeitsgrad nur aus meiner (zugegeben laienhaften) Sicht schreiben und aus der hätte ich sie sehr schwierig eingeschätzt. Allein schon die vielen Dynamik- und Gestaltungsanweisungen sinnvoll umzusetzen und fein zu differenzieren hätte ich bei diesen Stücken als sehr schwierig eingestuft. Auch der Rest des Notenbildes wirkt auf mich eher einschüchternd. Durch Wolters fühlte ich mich da bestärkt auch wenn ich mit vielen Sachen nicht einverstanden bin, die er sonst so schreibt. Daher möchte ich auch nicht ausschließen, dass er sich hier ebenfalls etwas vertan hat. Das kannst du sicher besser beurteilen als ich.

Viele Grüße!
 
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Aleko
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Sag mal, Troubadix, wie beschäftigst du dich mit Musik, dass du solch fundierte Beiträge schreibst? Was machst du ganz konkret, liest du die Partitur oder liest du ein Buch über Szyamanowski (und früher Liszt), spielen kannst du ja selbst bei weitem nicht alles, wenn ich es richtig verstanden hab.
 
Troubadix
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Sag mal, Troubadix, wie beschäftigst du dich mit Musik, dass du solch fundierte Beiträge schreibst? Was machst du ganz konkret, liest du die Partitur oder liest du ein Buch über Szyamanowski (und früher Liszt)...

Da steckt gar nicht so viel dahinter. Grundsätzlich interessiert mich einmal natürlich Musik außerordentlich. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass sie mir nach der Familie das wichtigste im Leben ist. Ich höre jede freie Minute (beim Autofahren, wenn möglich sogar im Büro, daheim sowieso ununterbrochen) Musik und das schon seit etlichen Jahren. Bei mir hat das mit der Zeit dazu geführt, dass mir das heutige Standard-Repertoire zu klein wurde und ich große Freude daran entwickelt habe mich mit Stücken zu beschäftigen, die nicht unbedingt zu den bekannten gehören, es aber meiner Meinung nach sollten. Nur will ich diese Stücke dann nicht nur hören, mich interessiert auch die Geschichte dahinter. Oft gibt es dann eine Initialzündung. Bei den „Harmonies poétiques et religieuses“ habe ich zum Beispiel ein Konzert besucht, bei dem der gesamte Zyklus vorgetragen wurde, was ja nicht so häufig vorkommt. Das Programmheft enthielt einige Informationen zu den einzelnen Stücken und so begann ich, mir so viele Informationen wie möglich über die Stücke, vorwiegend aus dem Internet und aus Büchern (z.B. Wolters) zu besorgen, zu filtern, zusammenzufügen meine eigenen Gedanken hinzuzufügen und niederzuschreiben. Ähnlich war es mit dem Weihnachtsbaum, den ich in der Vorweihnachtszeit (jedenfalls so richtig) entdeckt habe. Bei Szymanowski war es so, dass ich einige Stücke der ersten Periode (seine Etüden und seine Präludien) kannte und mir dann zufällig ein größerer Artikel über sein Klavierwerk in die Hände gefallen ist und ich mich durch das gesamte Klavierwerk gehört habe. Dann habe ich wieder angefangen, so viel wie möglich zusammenzutragen und niederzuschreiben, zumindest was die geschichtlichen Hintergründe betrifft. So lernt man viele neue Sachen kennen...vor diesem Thread wusste ich zum Beispiel nicht, dass es ein Drama namens "Tantris der Narr" gibt. Die Stückbeschreibungen und die Gedanken zu den Stücken stammen dann hauptsächlich von mir (was man wohl leider auch merkt) und das ist dann wirklich das, was ich aus der Partitur lesen kann bzw. hören kann.

Das ist natürlich etwas aufwendig, aber ich schreibe diese Threads aus mehreren Gründen… Zum einen möchte ich, dass diese Stücke, an denen mir etwas liegt zumindest ein bisschen bekannter werden (besonders Szymanowski hat das verdient). Es gibt einfach so viel mehr zu entdecken als Beethoven-Sonaten und Chopin-Balladen und daran möchte ich erinnern und Neugierde wecken. Ich möchte die Stücke mit euch Teilen und mich interessieren anderen Gedanken zu diesen Stücken. In meinem alltäglichen Umfeld gibt es eigentlich kaum jemanden, mit dem ich mich über solche Sachen austauschen kann. Wenn ich Leute dazu inspirieren kann, sogar die Noten zum Klavier zu legen und über das Erlernen eines der Stücke nachzudenken (wie bei Fips geschehen), macht mich das natürlich besonders glücklich. Zum anderen gibt es hier viele Leute, die sehr viel mehr von Musik verstehen als ich und da erhoffe ich mir zum einen Ergänzungen, die ich noch nicht wusste und zum anderen eine Korrektur, falls ich mal Blödsinn schreiben sollte. Da ich nur Laie bin kann ich letzteres nie ausschließen und daher bin ich froh, dass zum Beispiel jemand wie Rolf hier mitliest und Kommentare schreibt, wozu natürlich auch jeder andere herzlich eingeladen ist. In erster Linie macht es mir aber einfach Spaß, über Musik nachzudenken, zu schreiben, zu diskutieren…

...spielen kannst du ja selbst bei weitem nicht alles, wenn ich es richtig verstanden hab...

Traurig, aber wahr...:(...aber ich arbeite daran! ;)

Das war jetzt die ausführliche Antwort, macht aber vielleicht besser klar, von welchem Standpunkt aus und warum ich hier schreibe.

Viele Grüße!
 
rolf
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Würdest du die anderen beiden Stücke auch so einschätzen, wie die Serenade?

lieber Troubadix,
der komplette Zyklus ist technisch schon sehr schwierig (musikalisch sowieso) - aber die Serenade stellt eigentlich keine ärgeren Hürden auf als etwa Debussys L’Isle Joyeuse --- da mag nun jeder selber für sich entscheiden, ob er das für ein undurchdringliches Notendickicht oder für spielbar hält. Es gibt schlimmeres als L’Isle Joyeuse und folglich auch schlimmeres als die Serenade :) aber das sagt erstmal gar nichts über die Musik.
 
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Hmm, ich hab darüber heute ein bisschen nachgedacht. Wie verstehst du diese Flucht? Meinst du damit die Flucht vor allem Althergebrachten, vor gesellschaftlichen Zwängen, Gewohnheiten, Erwartungen...also direkt auf die Musik bezogen als Flucht vor jeglichem Formalismus, Aufbau, Struktur, Symmetrie, ja sogar Rhythmus hin zu einer frei fließenden, formlosen, quasi sinnlichen Musik? So ungefähr hätte ich es verstanden, allerdings bin ich nicht gerade Experte für den Jugendstil.

Es gibt schlimmeres als L’Isle Joyeuse...

Das Stück hat ja bei Wolters auch nur Stufe 14...:floet:;):D

Viele Grüße!
 
rolf
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im ersten Weltkrieg war die Zeit für Jugendstil und Symbolismus eigentlich mehr oder weniger vorbei, die belle epoque ging unter - vielleicht eine Art Flucht aus der bedrohlichen Realität in die idealere Kunstwelt? Wie dem auch sei, von 1914-18 wurde das Gebiet des heutigen Polens - damals war es geteilt zw. Dt., Öterr. und Russ. - sehr verheert.
 
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...die belle epoque ging unter - vielleicht eine Art Flucht aus der bedrohlichen Realität in die idealere Kunstwelt?...

Absolut möglich, aber war abgesehen davon nicht bereits die "belle epoque" selbst eine Flucht in eine sinnliche, idealere Kunstwelt...nur eben nicht vor der bedrohlichen Realität, sondern viel mehr vor gesellschaftlichen Zwängen...?

Viele Grüße!
 
rolf
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aber war abgesehen davon nicht bereits die "belle epoque" selbst eine Flucht in eine sinnliche, idealere Kunstwelt...
Interessante Frage! Symbolismus in Literatur und Malerei dürfte eher kein ästhetischer Eskapismus gewesen sein (wenn ich so an Romane von Bely und Gemälde von Wrubel, Böcklin oder Munch denke) - bei den so genannten Praeraffaeliten und rein dekorativem Jugendstil dürfte das anders aussehen.
Warten wir mal deine weitere Recherche ab, was Szymanowski in den Kriegsjahren 1914-18 ansonsten noch so alles komponiert hatte.
 
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Sonate Nr.3 op.36

Warten wir mal deine weitere Recherche ab, was Szymanowski in den Kriegsjahren 1914-18 ansonsten noch so alles komponiert hatte.

Leider gibt es da nur noch ein Stück für Klavier. Szymanowski schrieb seine letzte Sonate 1917 auf dem Höhepunkt seiner nachimpressionistischen Phase. Ähnlich wie Debussy in seinen letzten Jahren geht auch Szymanowski wieder weg von nichtmusikalischen Assoziationen hin zur „reinen Musik“. Szymanowski vereint hier einige Elemente früherer Stücke und findet letztendlich auch den Weg zur Sonate in einem Satz, die sich aber ähnlich wie Liszts h-moll Sonate in vier Abschnitte einteilen lässt. Gewidmet ist sie dem Pianisten und Dirigenten Alexander Siloti.

Die Sonate beginnt im Presto und erinnert etwas an die Métopes. Auffällig sind wieder die häufigen Wechsel im Takt zwischen 2/4; 3/4; 7/8; 6/8 und 3/8, auch die Tempo-Bezeichnung wechselt häufig. Im Andante ertönt dann ein heroisches Thema, welches kurz einem sehr schönen lyrischem Thema im Allegretto, begleitet von pp-Tremolo-Begleitungen weicht, um dann im Allegro umso kraftvoller zurückzukommen, sich immer weiter auftürmt und schließlich im ppp verfließt. Noch einmal kehrt die lyrische Melodie mit Tremolo-Begleitung zurück und beendet den „ersten Satz“. Der „zweite Satz“ Adagio Maesto macht einen verlorenen und verzweifelten Eindruck. Sehr schön zu hören sind die für Szymanowski typischen polyphonen Elemente. Ein mysteriöses Allegretto ändert die Stimmung kurz, fällt zurück ins Adagio und schaukelt sich ins ff mit weitgriffigen Bassfiguren auf, zerfließt dann aber wieder ins pp. Mit einem repetierten C das sich ins Forte und Assai Vivace steigert geht es nahtlos in den „3.Satz“, ein feuriges Scherzo über. Es ist recht kurz gehalten mit schwierigen Doppel- und Akkordgriffen und mündet attacca in einer Fuge, die gleichzeitig den Beginn des „4.Satzes“ markiert. Sie ist mit „Scherzando“ überschrieben und ähnlich wie in seiner ersten Sonate, bildet sich das Thema aus einer toccata-artigen Variation des heroischen Themas des „ersten Satzes". Die Fuge ist virtuos, schnell und dicht und zerfließt letztendlich in einem Andantino, welches das Fugenthema nun ruhiger wiedergibt. In einer Staccato-Passage nimmt das Stück wieder Fahrt auf und führt ins furiose, pompöse, äußerst komplizierte und schwer zu bewältigende Finale. Nur kurz verklingt das Stück im Pianissimo, bevor es im Fortissimo und Prestissimo zu Ende gebracht wird.

Wolters ist nicht sehr begeistert von dem Stück. Er bezeichnet sie als „Sonate in d-moll“, ich weiß aber nicht, wo er in diesem Stück eine Tonika findet. Er merkt an, dass das Stück eher den Namen „Poém“ im Sinne Skrjabins verdient hätte, als Sonate. Er kritisiert die Überfülle sich bildender und wieder zerfließender, irisierender Klänge und merkt an, dass sich der Spieler einem äußerst komplizierten Klaviersatz gegenübersieht, der ihm kaum erlaubt, eine gewisse Linie durchzuhalten. Damit wird Wolters das Ganze zu lang und zu differenziert, um nicht zu sagen chaotisch. :D Dem kann ich mich nicht ganz anschließen. Als Schwierigkeitsstufe vergibt er die 15 (von 15).

Sonate Nr.3 op.36 Teil1; Teil2

Hier die Noten!

Was das Klavierwerk betrifft endet mit der dritten Sonate Szymanowskis zweite Schaffensperiode und damit auch seine Zeit des Nachimpressionismus. Bis zu seinem nächsten Klavierstück werden sieben Jahre vergehen (aber sicher nicht in diesem Thread :D)…

Viele Grüße!
 
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Anatol Analogon
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rolf
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Sollte man dann nicht besser sagen, dass es in Milhauds "La Création du Monde" ein paar Anklänge an Szymanowskis dritte Klaviersonate gibt? :floet:
sollte man - unter der Voraussetzung, dass Milhaud ungefähr 6 Jahre nach erscheinen von Szymanowskis Sonate diese auch gekannt hat (ich bin mir nicht so sicher, ob kurz nach dem 1. Weltkrieg Szymanowskis Klavierwerke überall vorlagen und auch wahrgenommen wurden)
 
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Anatol Analogon
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Sollte man dann nicht besser sagen, dass es in Milhauds "La Création du Monde" ein paar Anklänge an Szymanowskis dritte Klaviersonate gibt? :floet:
Objektiv gesehen natürlich schon. Allerdings kannte ich Szymanowskis Sonate bis vor kurzem (leider) noch nicht, während ich mit der Erschaffung der Welt (und anderen Werken von Milhaud) bereits seit Jahren vertraut bin (was wohl auch die spontane Assozation erklärt). Insofern ist die Formulierung aus meiner subjektiven Rezeptionsgeschichte heraus durchaus gerechtfertigt.
 
Troubadix
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Interessanterweise gibt es zum Ende hin ein paar Anklänge an Darius Milhauds La Création du Monde (das aber erst sechs Jahre später entstand).

Milhaud hatte sogar nur etwas weniger Zeit, weil die Sonate erst 1919 veröffentlicht wurde. Ob Milhaud sie kannte oder sich von ihr beeinflussen ließ weiß ich leider nicht. Beide waren sicher vom Impressionismus und von der Bi- und Polytonalität beeinflusst, allerdings wird nirgends erwähnt, dass Szymanowski Einfluss auf Milhaud (der bekanntlich nichts von der Chromatik der Romantik hielt) hatte. Fakt ist jedenfalls, dass Szymanowski in der Nachkriegszeit ein sehr bekannter Komponist war, deutlich bekannter als heute sowohl in Europa, als auch in den USA (übrigens auch deutlich bekannter, als in Polen selbst) und das Milhaud ihn daher sicher kannte. Szymanowskis Werke verschwanden erst Mitte der 30er langsam von den Konzertbühnen.

Kannst du die Anklänge vielleicht genauer definieren? Dann kann sich jeder selbst ein Bild machen…

Viele Grüße!
 
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Gomez de Riquet
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Zur Frage einer Beeinflussung Milhauds: Szymanowskis dritte Klaviersonate
wurde 1919 bei der Wiener Universal-Edition veröffentlicht. "La création du monde"
ist in den Jahren 1922/23 entstanden und wurde 1923 in Paris uraufgeführt.
Im Frühjahr 1922 war Milhaud zusammen mit Poulenc zu Besuch bei Arnold Schönberg
in Wien. Im Wiener "Verein für musikalische Privataufführungen" ließ Schönberg auch
Werke von Szymanowski aufführen. Hier besteht also eine Querverbindung.

Querverbindung Nr.2: Im Mai 1922 kam Szymanowski zusammen mit Arthur Rubinstein
und dem Geiger Paul Kochanski nach Paris. Rubinstein berichtet davon im zweiten Teil
seiner anekdotenreichen Autobiographie. Rubinstein hat sich für Szymanowskis Musik
sehr eingesetzt. Von den Pariser Komponisten - so schreibt er - hatte sich aber nur
Honegger für Szyamnowskis Musik interessiert.

P.S.: Ich habe gerade nachgesehen - weder im Wiener noch im Prager
"Verein für musikalische Privataufführungen" kam die dritte Klaviersonate zu Gehör.

Es gibt noch eine dritte Querverbindung zwischen Szymanowski und dem Paris
der frühen zwanziger Jahre - in Gestalt seines Freundes Boris Kochno,
der ab 1920 zur Entourage um Serge Diaghilew gehörte, zeitweilig dessen Sekretär
gewesen ist und Strawinsky das Libretto zur Oper "Mawra" geschrieben hat.
Für Diaghilew hat Milhaud "Le train bleu" komponiert (1924). "La création du monde"
wurde aber für die Konkurrenz geschrieben, Rolf de Marés Ballets Suédois.

Vielen Dank, lieber Troubadix, für Deine schönen und ausführlichen Werkeinführungen!

Herzliche Grüße,

Gomez

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Anatol Analogon
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Gomez de Riquet
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Lieber Anatol,

wenn Du gewisse Übereinstimmungen zwischen den Fugen-Themen
bei Szymanowski und Milhaud ("Le chaos avant la création") meinst,
eine gewisse Ähnlichkeit zum Beispiel in der letzten Ruheepisode
(Meno mosso (Andante), in der rechten Hand), kurz bevor Szymanowski
in die Zielgerade einläuft – das halte ich für einen Zufallstreffer.

Die Tonfolge ist nicht sehr charakteristisch, sondern eine Allerwelts-Spielfigur.

Ein unfreiwillig jazzoides Idiom ergibt sich bei Szymanowski durch seine
Skriabinismen, d.h. den unsystematischen Gebrauch der oktatonischen Skala,
die beim späten Skriabin die Grundlage aller harmonischen und melodischen
Ereignisse bildet. In der oktatonischen Skala ergeben sich Dur-/Moll-Mischungen
wie von selbst, und unser Ohr hört Dur-/Mollmischungen schnell als "Blue note".

Von der Ästhetik her sind kaum größere Unterschiede denkbar als die zwischen
der nachromantischen Daueremphase bei Szymanowski und der Nüchternheit
bei Milhaud.

Herzliche Grüße,

Gomez
 
Troubadix
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20 Mazurken op.50 Teil 1

Wie gesagt beginnt Szymanowskis dritte Schaffensperiode sieben Jahre nach der dritten Sonate auf dem Klavier. Um die dritte Schaffensperiode zu verstehen, muss ich etwas weiter ausholen.

Szymanowskis Familienanwesen in Tymoszówka wurde im Ersten Weltkrieg zerstört, er zog nach Ende des Krieges nach Warschau. In dieser Zeit gingen seine guten Freunde Kochanski und Rubinstein in die USA, um ihre Karrieren voranzutreiben, Szymanowski entschied sich jedoch, sich in Polen für die Volksmusik einzusetzen. Das führte dazu, dass sich seine Musik in eine höchst unerwartete Richtung wendet, aber immer der Reihe nach…

Szymanowski war nie ein Freund von übertriebenem Patriotismus. Er schätzte zwar Chopin als Komponisten sehr, hielt aber dessen Verherrlichung in Polen als größten aller Komponisten für übertrieben. So schrieb er 1910 rund um die Feiern zu Chopins 100. Geburtstag an seinen Freund und polnischen Musikwissenschaftler Zdzislaw Jachimecki: „Man darf nicht Bach und Mozart herabwürdigen, Beethoven und Wagner übergehen nur damit man in der Lage ist, noch leichter polnisch-sienkiewiczianische Tränen über das Grab unseres einzigen Genies, Chopin zu vergießen…Ich gebe nichts auf diese Art von Patriotismus! Wenn ich daran denke, dass 90% der polnischen intellektuellen und kulturellen Elite mehr oder weniger von dieser Art sind, fühle ich mich tief in meiner Seele krank…Ich bin in keiner Weise ein Kosmopolit, aber in meiner momentanen Umgebung fühle ich mich als Außenseiter.“ In dieser Zeit kümmerte ihn die polnische Volksmusik wenig. Den polnischen Nationalismus der früheren Generationen von Musikern und Künstlern wie Stanislaw Moniuszko bezeichnete er als provinziell.

Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich seine Meinung über Chopin Bedeutung jedoch. So sagte er 1924: „[Chopin`s] geistiges Vermächtnis – ein Schatz von unaussprechlicher Schönheit der sich fleißig angesammelt hat bedingt durch ein kurzes und schwieriges Leben während den dunkelsten Tagen unserer Geschichte – hat nicht einen Bruchteil seines himmlischen Glanzes verloren, sondern scheint weiter mit den wundervollsten Färbungen eines Regenbogens, wie ein klarer Diamant ohne Spur eines Fehlers oder Makel… Auf den entfesselten Flügeln des Vertrauens in die Zukunft, strahlen die Werke Chopins empor und überlebten die große Tragödie unserer Nation… Ich habe sie den Mythos unserer polnischen Seele genannt, da im Kern ihrer rätselhaften Schönheit, in der Fülle und Vielfalt ihrer Formen, immer die gleiche unveränderliche Wahrheit ihrer polnischen Seele funkelt.“ Für dieses Umdenken gab es mehrere Gründe.

Nach dem Ende des Weltkrieges nach über 100 Jahren (1795-1918 ) Besatzung durch Russland, Preußen und Österreich-Ungarn war Polen wieder unabhängig. Polen begann sich wieder neu zu identifizieren und Szymanowski war der Meinung, das Land bräuchte eine neue Volksmusik, eine Volksmusik des 20. Jahrhunderts. Großen Einfluss auf diesen Weg Szymanowskis hatte Strawinski, besonders dessen „Russische Periode“, in der Strawinski russische Volksmelodien verarbeitete. 1913 sah Szymanowski eine Aufführung von „Petruschka“. 1914 lernte er Strawinski in London kennen und hörte dessen neue Kompositionen. Szymanowski realisierte, dass man Merkmale von Volksmusik verwenden konnte, ohne sie banal zu präsentieren. 1921 lernte er Strawinskis Ballett „Les Noces“ kennen, was ihn zu seiner ersten volkstümlichen Komposition inspirierte, fünf Lieder über Gedichte von Julian Tuwins.

Neben Strawinski hatte auch Bartók Einfluss auf Szymanowskis dritte Schaffensperiode. Bartóks Bemühungen, authentische Folklore zu sammeln und sein Erfolg in der Etablierung einer neuen, ungarischen Volksmusik verbesserte sein Bild von der Volksmusik und motivierte ihn weiter, den polnischen Nationalismus auf musikalische Weise zu beleben.

Durch Szymanowskis andere Sicht auf die Bedeutung der polnischen Volksmusik, kam ihm Chopin immer mehr in den Sinn, weshalb er sich auch für das Genre entschied, dass seiner Meinung nach Chopins Volkstradition am besten widerspiegelt, die Mazurka. Dies allein reichte ihm aber nicht, da die Mazurka nur der Tanz der polnischen „Flachländler“ war. Den Oktober und Winter 1922-23 verbrachte Szymanowski in Zakopane, in der Podhale-Region des Tatra-Gebirges und lernte dort die Musik des dort ansässigen Volkes, den Goralen kennen, die ihn nachhaltig beeinflusste. 1923-24 schrieb Szymanowski diverse authentische Melodien der Goralen auf 66 Seiten nieder und verbrachte von nun an regelmäßig Zeit in Zakopane. Beim Versuch, diese Musik des Bergvolks mit der Mazurka zu kombinieren, entstanden die 20 Mazurken op.50. Herausgegeben wurden sie in fünf Bänden mit jeweils vier Stücken. Von der klassischen Mazurka übernimmt Szymanowski Elemente wie den typischen Rhythmus, Wiederholung von kleinen Motiven und Abschnitten und die Benutzung der Lydischen sowie der Ungarischen Reihe (C-D-Es-Fis-G-As-H-C).
Das traditionelle, polnische Ensemble bestand aus einem Melodieinstrument (Violine oder Fujarka, ein schrilles Hirten-Blasinstrument) und einem oder zwei Bassinstrumenten (meist ein Dudei, ein polnischer Dudelsack oder Basetla, ein polnisches Streichinstrument). Der Dudelsack ist übrigens an der ungewöhnlichen Betonung beim Mazurka-Rhythmus auf dem zweiten oder dritten Schlag schuld.

...
 
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20 Mazurken op.50 Teil 2

...

Die Musik der Podhale Region ist bedingt durch die geographische Isolation einzigartig und unterscheidet sich von den anderen Regionen Polens. Vor 1920 wurde sie im Rest Polens ignoriert. Zirka ein Drittel der Goralen spielen ein Instrument und fast jeder singt. Die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen und sozialen Zusammenlebens. Das typische Ensemble besteht aus erster und zweiter Violine und Bass. Die Melodie wird von der ersten Violine (Prym) getragen. Typisch sind fallende, absteigende Figuren. Die zweite Violine (Sekundy) unterstützt die Harmonik und/oder führt dabei oft eine eigenständige Melodie. Der Bass wird oft durch die Basetla (Basy) (dreisaitiges Streichinstrument in Cello-Größe) gespielt, die durch leere Quinten und Ostinati einen Dudelsack imitiert. Harmonien werden durch vertikale Akkorde durch zweite Violine und Bass erzeugt. Beim Singen ist die Männerstimme dominant und stets höher und lauter, als die Frauenstimme. Die hohen Männerstimmen, Stimmen-Kreuzungen, die unkontrollierte Dynamik und Lautstärke, die verschiedenen Bereiche der Tempi und scharfe, harmonische Dissonanzen (besonders durch häufige Nutzung des Tritonus und der Podhale-Reihe, also vierte Stufe erhöht und siebente Stufe vermindert) machen die Musik der Goralen hart, um nicht zu sagen schroff, Chromatik ist aber nur wenig vorhanden. Polyphonie bzw. Heterophonie in der Form, dass zwei unabhängige Stimmen zur selben Zeit auftreten ist häufig vorhanden. Der Rhythmus ist eher unregelmäßig und nicht vorhersehbar. Eine kurz-lang punktierter rhythmische Figur (Podhale-Rhythmus) ist ebenfalls charakteristisch und wird von Szymanowski häufig benutzt.

Szymanowski schrieb an den 20 Mazurken op.50 von 1923 bis 1931, die ersten vier entstanden 1923-24. Sie sollen ohne Unterbrechung gespielt werden, was durch den fehlenden doppelten Taktstrich verdeutlicht wird. Die ersten vier sind Arthur Rubinstein gewidmet und sind sicher die bekanntesten der Sammlung. Szymanowski wendet sich völlig vom Koloristischen seiner zweiten Periode ab und vereinfacht seine Musik deutlich. Häufig legt er sich wieder klar auf eine Tonart fest, gelegentlich sind die Stücke auch bitonal angelegt. So steht die erste Mazurka in E-dur. Der Aufbau folgt dem ABA-Schema. Bereits in den ersten Takten vermischt er die Lydische (E-Fis-Gis-Ais-H-Cis-Dis) mit der Podhalen Reihe (E-Fis-Gis-Ais-H-Cis-D) indem er zwischen D und Dis wechselt. Auch das Goralen-Ensemble bestehend aus zwei Violinen und Bass wird bereits deutlich dargestellt. Im B-Teil kann man dann im Bass die charakteristischen, offenen Quinten sehen bzw. hören. Die zweite Mazurka ist bitonal und polyrhythmisch angelegt und enthält so ziemlich alle vorgestellten Elemente der Goralen Musik.
Ich möchte jetzt nicht auf jede einzelne eingehen, man kann die verwendeten Elemente bei so ziemlich jeder Mazurka sehr leicht heraushören.

Wolters stellt das Fehlen des Koloristischen fest und hebt die harten und rhythmisch prägnanten Konturen sowie die schroffe Harmonik hervor. Er stellt einen Zug zur Intensivierung durch Vereinfachung, durch Festlegung auf klare Tonarten fest. Das schöne ist, dass die Stücke zwar keineswegs einfach sind, aber wieder in den möglichen Bereich von ambitionierten Hobbyspielern reichern bei Wolters-Schwierigkeitsstufen 11-13 (von 15).

Hier gibt es die Mazurken komplett zu hören.

Hier sind die Noten!

Sorry, dass der Beitrag so lang geworden ist, aber ich halte diese Informationen für wichtig, um zum einen den Umschwung in Szymanowskis Musik und zum anderen die Musik an sich zu verstehen. Wer sich näher mit dem Thema der Goralen-Musik beschäftigen möchte, kann das alles in dieser Dissertation nachlesen mit Analyse der ersten vier Mazurken.

Viele Grüße!
 
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