Ausführung des Unausführbaren: Ravel, Noctuelles

Stilblüte

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Ich habe eine Frage zur Ausführung einer Stelle in den Noctuelles aus den Miroirs von Ravel. Hier die Takte, Quelle ist IMSLP sowie die neuen Henle-Ausgabe:

Es geht um das d1 in der linken Hand im Beispiel. In der neuen Henle-Ausgabe (welche bedauerlicherweise mindestens zwei grobe und offensichtliche Fehler in diesem Stück enthält...) ist es etwas weiter links notiert, an seinem "rechtmäßigen" Platz unter der punktierten Halben der rechten Hand.
IMSLP:
15980-5d13ae6343d7497bd12f01791563bce6.jpg
Henle:
15983-5c92582fd906ac07b4784e10203822e0.jpg
(Sorry, ich hab das Foto gedreht, bei Clavio ist es trotzdem nicht richtig)

Rechts muss die gefüllte Oktave anschlagen, die linke Hand unten die Quinte und oben das d1, was rein anatomisch völlig unmöglich ist. Soweit, so gewöhnlich, das kommt in der Literatur ständig vor und man könnte leicht die Quinte im Bass etwas früher anschlagen.

Was mich stutzig macht ist, dass das nicht zu Ravel passt. Mir ist bisher niemals etwas in seinen Noten begegnet, was "unmöglich" zu spielen war. Es wäre ein Leichtes gewesen, dies auf spielbare Weise zu notieren (mit Arpeggio, Vorschlagsnote, oder das d1 etwas später mit der folgenden, oberen Quinte angeschlagen als Halbe). Hat er aber nicht getan (oder doch? - siehe unten), obwohl er sonst so extrem genau notiert.
Im kritischen Bericht von Henle steht allerdings:

- im Autograph steht das d1 auf Zählzeit 2+ und als halbe Note (!)
- in Ravels "Handexemplar" der Erstausgabe ebenfalls auf 2+, aber als punktierte Halbe [was objektiv falsch ist]
==> "Wir [Henle] folgen dem Handexemplar der Erstausgabe, korrigieren aber Position zu Zählzeit 2".

Die Aufnahmen, die ich Probegehört habe, spielen alle das d1 wie im Autograph notiert. Ich frage mich, was das eigentlich soll? :lol:Hat jemand eine Erklärung für diese Verwirrung? Es scheint ziemlich offensichtlich, dass Ravel es so wollte, sonst hätte er eine Notationsweise gewählt die gewährleistet, dass das d1 mit dem Akkord rechts zusammengespielt wird. Warum hat Henle sich dann für die unwahrscheinliche Variante entschieden?
Soll vielleicht diese Merkwürdigkeit Ravels unmöglich ausführbaren Idealklang an dieser Stelle ausdrücken, dessen reine Vorstellung die Interpretation des Pianisten auch in der unvollkommenen Spielweise noch positiv beeinflusst?... Gegebenenfalls könnte ich an Henle schreiben und fragen, ob die beiden Fehler schon bekannt sind (falls jemand die Ausgabe hat, sie befinden sich in Takt 40 und 120 am Ende) und bei der Gelegenheit mich gleich nach einer Entscheidungsbegründung erkundigen.

Amüsierte und verwirrte Grüße
Stilblüte
 
 

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