Alfred Brendel - Abschiedstournee

S
Sulan
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Hallo zusammen,

ich komme eben vom letzten Konzert Alfred Brendels, das ich (voraussichtlich) hören werde. Bis Ende dieses Jahres tourt er noch durch die Welt, dann geht er in den Ruhestand. Wer ihn noch erleben will, sollte also nicht zu lange zögern - Restkarten gibt es noch.

Das Konzert in Braunschweig war toll. Brendel hat neben Variationen von Haydn und zwei Sonaten von Mozart und Beethoven die B-Dur Sonate von Schubert gespielt. Eine sehr schöne Auswahl, auch wenn mir persönlich die Mozartsonate (K 533) nicht so sehr zusagt.

Brendels Spiel war allerdings wirklich meisterlich. Besonders bei den Haydn Variationen hatte man den Eindruck, verschiedene Instrumente spielten miteinander. Den musikalische Witz und Humor des Stücks, den die meisten Pianisten wahrscheinlich gar nicht entdecken, bringt Brendel so locker-verspielt zum Ausdruck, dass sich Haydn selbst in der Musik wiederspiegelt. Auch bei Beethoven und Schubert versteht er es, die feinen Nuancen so zu betonen, dass man ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle durchlebt.

Als Zugaben spielte er dann noch zwei Schubert Impromptus (As Dur Op 142 No 2, Ges Dur Op 90 No 3) und sicherte sich so Standing Ovations.

Was mich bei Brendel erstaunt hat, war der Einsatz seiner Stücke. Er hatte sich kaum hingesetzt, da erklang schon der erste Ton. Andere Pianisten stellen sich den Klavierschemel nochmal ein, rücken vor und zurück etc. - bei Brendel: nichts dergleichen, einfach hinsetzen und spielen. Wunderbar!

Das Negative an dem Konzert war leider (wie so oft) das Publikum. Neben dem üblichen Raucherlungenfunktionstest zwischen den Sätzen bei Schubert unterbrachen noch diverse SMS sowie ein Anruf die Musik. Am schlimmsten fand ich persönlich aber, dass sich nach der zweiten Zugabe, während ein Großteil des Publikums Brendel mit Standing Ovations beklatschte, drängelnde Banausen an den Klatschenden vorbei in Richtung Ausgang schoben. Das scheint auch Brendel gestört zu haben, denn mit einer abwinkenden Handbewegung sah er von einer weiteren Zugabe ab und verschwand hinter der Bühne.

Sehr schade - dennoch vielen Dank, Alfred! Es war ein wunderschöner Abend.

Sulan
 
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Toccata
Toccata
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Ich bin nächste Woche Mittwoch bei einem Brendel Konzert in Wien und freu mich schon sehr darauf.
Deine Schilderungen haben meine Vorfreude darauf nun noch etwas getoppt, Sulan. Danke! :)

Das Negative an dem Konzert war leider (wie so oft) das Publikum.
Am schlimmsten fand ich persönlich aber, dass sich nach der zweiten Zugabe, während ein Großteil des Publikums Brendel mit Standing Ovations beklatschte, drängelnde Banausen an den Klatschenden vorbei in Richtung Ausgang schoben.

Genau das stört mich auch immer wieder.
Und es sind ja nicht nur die Drängler am Ende des Konzerts, die unbedingt als Erster bei der Garderobe sein wollen - es gibt da auch noch die ungeduldigen Banausen kurz vor der Pause, die schon beim letzten Ton auf der Bühne aufspringen und zur Bar eilen um sich als Erster ein Getränk zu sichern.
Schrecklich sowas und echt peinlich.

Grüße,
Toccata
 
Ayberk
Ayberk
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SMS und drängel Banausen gab's bei uns in Hamburg nicht - und daher wohl auch DREI Zugaben. :D

Ein entgültiger Abschied scheint das aber nicht zu sein. Zumindest ist er noch mal im Dezember hier für ein Mozart Klavierkonzert. Wer weiß, vielleicht wird er von nun an ein Argerich machen?...
 
Ayberk
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PS: Warum signiert ihr Eure Antworten eigentlich mit euren Mitgliedsnamen (die ja jeder auch so sieht)?
 
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Sulan
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Hallo Ayberk,

der Dezember gehört ja auch noch zu seine Abschiedstournee. Sie endet Ende Dezember in Wien.

Brendel ist für mich einer der letzten großen Klassiker, mit denen ich groß geworden bin - eine Art lebende Legende. Deshalb wollte ich ihn unbedingt noch einmal sehen :)

Gruß,
Sulan

PS: Weil ich auch im Internet auf Höflichkeitsformen wie eine Anrede und eine Grußformel nicht verzichte. Warum auch? Ich tippe schnell genug - Zeitersparnis wäre nur eine Ausrede ...
 
Ayberk
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PS: Weil ich auch im Internet auf Höflichkeitsformen wie eine Anrede und eine Grußformel nicht verzichte. Warum auch? Ich tippe schnell genug - Zeitersparnis wäre nur eine Ausrede ...
Ich sehe nicht was daran höflich ist, immer wieder dieselbe Grußformel einer ungezielten Masse von Leuten auszurichten.

Aber jedem das seine. :p

Und Grüße für Dich!

Von Ayberk!! :D
 
B
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Hab vor kurzem eine Doku über Brendel gesehen.

Ehrlichgesagt fand ich das ganz schlimm, geht gar nicht.
Fürchterlich intellektuelles Getue, für mich hätte der besser
Professor für irgendeine Geisteswissenschaft werden sollen.
Musik ist zum großen Teil von Emotionen durchdrungen und
nicht von Intellekt, das ist zumindest meine Ansicht - für mich kam Brendel sehr abstoßend rüber :(
Oder ich bin auch nur zu blöd, kann auch sein.
 
S
Sulan
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Die Person Brendel kenne ich nicht näher - mir kommt es hauptsächlich auf den Pianisten Brendel an. Und der spielt wirklich schön und vor allem anders als viele andere Pianisten. Kann schon sein, dass er sehr intellektuell daherkommt, er ist schließlich auch Schriftsteller.
 
.marcus.
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Hab vor kurzem eine Doku über Brendel gesehen.

Ehrlichgesagt fand ich das ganz schlimm, geht gar nicht.
Fürchterlich intellektuelles Getue, für mich hätte der besser
Professor für irgendeine Geisteswissenschaft werden sollen.
Musik ist zum großen Teil von Emotionen durchdrungen und
nicht von Intellekt, das ist zumindest meine Ansicht - für mich kam Brendel sehr abstoßend rüber :(
Oder ich bin auch nur zu blöd, kann auch sein.

Ich denke eher du kennst Brendel nicht so gut, wie du meinst ;)

Ich habe ein Buch mit seinen gesammelten Texten gelesen und bin einfach nur begeistert! Übrigens schreibt Brendel dort, er fände es notwendig und erfrischend über Musik nachzudenken, doch müsse das Gefühl das Alpha und das Omega des Musikers bleiben

Aber die Frage, inwiefern die Musik von Intellekt durchdrungen ist bzw. intellektuell erfassbar ist, ist sicher Stoff für eine unendlich lange Diskussion. Wer möchte den Anfang machen? :rolleyes: KLICK

marcus
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H
Hacon
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PS: Warum signiert ihr Eure Antworten eigentlich mit euren Mitgliedsnamen (die ja jeder auch so sieht)?
Hat mich anfangs auch gewundert, warum immer das ganze Forum gegrüßt wird. Mittlerweile mach ichs auch hin und wieder, aber ist ja nicht schlimm, wenn dann nett;)

hacon
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Barpianodilettant
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Hier die Dokumentation

http://de.youtube.com/watch?v=Q2WRzmSf_PA

Hier ein Interview:

http://www.zeit.de/2001/02/200102_brendel.xml?page=1


Diese kühle intellektuelle Arroganz ist einfach nur schlimm. Und dann
Äußerungen wie " [Ein virtuoses romantisches Stück] - hab ich früher mal gespielt - Jugendsünden, sowas würd ich heute nie mehr spielen". "Rachmaninow - vertane Zeit."
"Horowitz und Richter? - mit Mythen befasse ich mich nicht." Es mag ja sein dass er
das Gefühl in der Musik für wichtig hält, aber sinngemäß sagt er auch, dass die
"wirkliche" Musik auch immer intellektuell sein müsse, sonst wäre sie mehr oder weniger wertlos (was auch immer das heißen mag).
Die Demut gegenüber Stücken und Komponisten ist ja ehrbar, aber wieso solche enge Grenzen setzen? Wer weiß denn schon,
wie sich Mozart etc. ihre Kompositionen wirklich genau vorgestellt haben? Wieso verbietet sich eine eigene Interpretation?
Nun, ich habe einfach eine starke Antipathie gegen dieses versnobte Getue, so what.
:drummer: :drummer: :drummer:


Interessant allemal, soll sich jeder seine Meinung dazu bilden.
 
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netti
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In Baden-Baden war es sehr schön, dank schönem Wetter, schöner Begleitung, super Akustik und sehr sehr sehr SEHR schönem Spiel!

Ein Zusatzschmankerl war das Publikum: lauter Snobs, wir hatten unseren Spaß. :floet:

Das Programm ist wohl immer dasselbe... die Zugaben waren auch super:

Bach, 2. Satz aus dem italienischen Kozert
Liszt: Au lac de Wallenstadt aus 'Annees de pelerinage, Suisse'
Schubert: Impromptus Ges Dur


und er hat den Bach mit Pedal gespielt und es war TOLL :D

Das Stück von Liszt will ich auch lernen - das war eigentlich das schönste Musikstück am Abend, neben der Schubert-Sonate, aber die ist ja eh jenseits der Kritisierbarkeit.
 
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Rodrigo
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Nabend,

ich finde es von einem Musiker ansich schon unmöglich in "Ruhestand zu gehen". Musik ist eine Lebensweise und die verändert man idr. nicht mit 77.

Schon alleine der Gedanke einfach so aufzuhören versetzt mich ins gruseln, ein Pianist sollte nach so langer Zeit mit seinem Instrument verwachsen sein, wenn er jetzt einfach aufhört dann zeigt das für mich, dass er die ganzen Jahre nicht aus dem inneren heraus gespielt hat sondern wegen irgendwas anderem. (zB. Geld, oder weil er nichts anderes hatte)

Manche Interpretationen von ihm finde ich ja auch ganz ansprechend, für einen "alten" unter den Pianisten (ich muss dazusagen das es für mich nur wenige unter den Pianisten des 20. Jh gibt die ich ansprechend finde).

MFG
Rodrigo :p
 
.marcus.
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Nabend,

ich finde es von einem Musiker ansich schon unmöglich in "Ruhestand zu gehen". Musik ist eine Lebensweise und die verändert man idr. nicht mit 77.

Schon alleine der Gedanke einfach so aufzuhören versetzt mich ins gruseln, ein Pianist sollte nach so langer Zeit mit seinem Instrument verwachsen sein, wenn er jetzt einfach aufhört dann zeigt das für mich, dass er die ganzen Jahre nicht aus dem inneren heraus gespielt hat sondern wegen irgendwas anderem. (zB. Geld, oder weil er nichts anderes hatte)

[...]

Ich glaube nicht, dass Brendel von jetzt an keine Taste mehr anrühren wird. Aber Konzerttourneen und überhaupt die Konzerte an sich sind sicherlich ziemlich anstrengend. Vlt will er ja noch was vom Leben haben ;)

Musiker wird er wohl bleiben, aber (aktiver) Konzertpianist wohl nicht.

marcus
 
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Castati
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Denke auch, dass der Unterschied das Wichtige ist. Im Konzert muss alles perfekt sein und du hast feste Termine, beim Spielen zu Hause ist das freier.

Und ganz unromantisch muss man die biologische Alterung mit einbeziehen. Natürlich trifft das nicht jeden, aber es kann auch sein, dass mit dem Alter das Spiel irgendwann leidet. Wenn man das als Pianist feststellt, ist es besser, das letzte Konzert in Perfektion zu spielen und so in Erinnerung zu bleiben, oder?
 
David
David
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Nabend,

ich finde es von einem Musiker ansich schon unmöglich in "Ruhestand zu gehen". Musik ist eine Lebensweise und die verändert man idr. nicht mit 77.

Schon alleine der Gedanke einfach so aufzuhören versetzt mich ins gruseln, ein Pianist sollte nach so langer Zeit mit seinem Instrument verwachsen sein, wenn er jetzt einfach aufhört dann zeigt das für mich, dass er die ganzen Jahre nicht aus dem inneren heraus gespielt hat sondern wegen irgendwas anderem. (zB. Geld, oder weil er nichts anderes hatte)

Manche Interpretationen von ihm finde ich ja auch ganz ansprechend, für einen "alten" unter den Pianisten (ich muss dazusagen das es für mich nur wenige unter den Pianisten des 20. Jh gibt die ich ansprechend finde).

MFG
Rodrigo :p
Das ist einfach nur Quatsch. Auch ein Pianist hat ein Recht in den Ruhestand zu gehen. Das bedeutet nicht, dass er sofort die Musik aufgibt. Konzerttourneen kosten auch Nerven, und ich glaube für sein Alter ist das auch keine leichte Sache. Es lässt einfach vieles nach und auch gesundheitliche Probleme häufen sich: Gelenkprobleme etc. Und Gewiss ändert man seine Lebensweisen: Man tritt kürzer, keiner arbeitet mit 70, so wie er mit 25 gearbeitet hat.
 
Haydnspaß
Haydnspaß
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Hier ein Interview:

http://www.zeit.de/2001/02/200102_brendel.xml?page=1


Diese kühle intellektuelle Arroganz ist einfach nur schlimm.

...

Nun, ich habe einfach eine starke Antipathie gegen dieses versnobte Getue, so what.


Ich glaube, da mißverstehst du Brendel total. Man mag Brendel übertriebene Intellektualisierung vorwerfen - aber er ist das Gegenteil von einem Snob. Es zeigt sich ja gerade darin, daß er an den pianistischen Aktivitäten der "Snobs" überhaupt nicht interessiert ist. Nicht der Pianist ist wichtig sondern das darzustellende Werk. Dort wo die pianistische Eitelkeit im Vordergrund steht, wird die Intention des Komponisten eben oft mit Füssen getreten - Hauptsache das Publikum tobt.

Ein bißchen schwarzweißmalerisch kommen mir Brendels Äußerungen über Richter, Horowitz und Gould aber auch vor. Ich glaube einfach, daß er sich nie nennenswert mit diesen Pianisten befaßt hat und daher auch garnicht zu einer zutreffenden Einschätzung in der Lage ist. Die drei genannten Pianisten haben teils haarsträubend schlecht gespielt, teils sind ihnen aber auch atemberaubend schöne, einfühlsame Interpretationen gelungen.

Erinnert mich ein bißchen an ein Interview mit Horowitz, wo er gefragt wurde, was er von Pollini halte: "Pollini? Wer ist das?"
 
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Barpianodilettant
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@haydnspaß:


Da hast Du sicherlich recht, ich lasse mich da durch sehr subjektives Empfinden
zu solchen Äußerungen hinreißen.
Dass sich Künstler egal welchen Niveaus seit jeher gerne anfeinden oder geringschätzen, falls sie nicht befreundet sind, ist ja kein Geheimnis.
Ich schätze das sehr wohl als eine Art von Demut hoch ein, wenn jemand sich selbst zurücknimmt und das Werk absolut in den Vordergrund stellt. Allerdings akzeptiere ich es nicht, wenn dies als einzig legitimer Zugang zur Musik angesehen wird und alles andere naserümpfend abgewertet wird (vielleicht liege
ich schon wieder falsch, aber Brendel erweckt schon stark einen solchen Eindruck).
Mich persönlich fasziniert einfach "menschlich" geprägte Musik viel mehr,
also wo auch der Interpret eine wichtige Rolle einnimmt, auch mal übertreibt, sich darstellt, danebenlangt, spontan, einzigartig ist, nicht alles immer ganz ernst nimmt. Die Resultate sprechen - gerade bei Horowitz etwa - doch m.M.n. für sich.

Brendel, über Richter, Horowitz, etc. befragt: "Mit Legenden beschäftige ich mich nicht". Aha, Schubert ist etwa keine Legende? Very open-minded.
 
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