Akzentlehre


Insider-Abkürzungen, die langjährige Forenmitglieder verwenden. Aus Schreibfaulheit, oder um sich über Neumitglieder zu beömmeln.

DK: Forenmitglied @Dreiklang
DKMM: Die "Dreiklang-Metronom-Methode". Funktioniert im Prinzip so: Wenn man ein schwieriges Stück lernen will, stellt man das Metronom gaanz langsam ein und spielt immer strikt nach Metronom. Und wenn es irgendwann im langsamen Tempo klappt, stellt man das Metronom ein wenig schneller ein. Bis man nach Monaten und Jahren entweder das Stück im schnellen Tempo beherrscht oder einem das Stück so zum Hals raus hängt, daß man es nicht mehr länger üben will.
 
Auch die Unterscheidung der beiden grundsätzlichen Akzenttypen ist hilfreich: der grammatische Akzent, der die metrischen Schwerpunkte markiert und der oratorische, der 'besondere Ereignisse' betont!

Erlaube mir bitte eine terminologische Zwischenfrage: Wenn du von »grammatischem« und »rhetorischem« Akzent redest, meinst Du sicher musikalische Begriffe, die aber offenbar aus der Linguistik als Metaphern übernommen sind.

Aber was ist ein »grammatischer Akzent« für euch? So etwas gibt es eigentlich nicht. Akzent ist eine Eigenschaft der Wortform. Er kann völlig frei sein, wie in den altindogermanischen Sprachen oder (weitgehend) reguliert wie im Deutschen. Und er kann »musikalisch« (Tonhöhe) sein wie im Altgriechischen oder »expiratorisch«, also ein Druckakzent, wie im Neugriechischen oder Deutschen; das war's im Prinzip. Wenn Du von der Markierung metrischer Schwerpunkte redest, betrifft das eher die Prosodie und den sog. Versiktus (das »metrische Schema«), der mit dem Wortakzent nicht unbedingt konform geht (gut beobachtbar im Lateinischen, das für die griechischen Versmaße nicht geschaffen war, und wo man sich deshalb weitgehend darauf beschränkt, zum Versende hin eine Harmonisierung von Wortakzent und Versiktus hinzukriegen). Warum redet ihr nicht einfach von rhytmischer Hervorhebung (meinthalben »Arsis«, wenns gelehrt klingen soll)? Auch der Begriff des »oratorischen Akzents« ist mir nicht klar. Meinst Du damit die Hervorhebung eines bestimmten Ausdrucks in einem »Satz« / einer Phrase? Das würde man sprachwissenschaftlich z.B. als »Fokus« bezeichnen, der mit dem Akzent gar nicht zu tun hat (gemeinsam ist nur, dass eine »Betonung« erfolgt), und vor allem bei Kontrastfokus sich sogar in einem »Verstoß« gegen den Wortakzent manifestieren kann (»ihr müßt mitdénken, nicht mitf´ühlen«). »Oratorisch« ist der allenfalls eingeschränkt, denn er ist ein natürliches Phänomen jeder Äußerung, im grundlegenden Fall die Markierung der salienten Information in einem Aussagesatz (»ich bin gestern in Brackenlóhr gewesen«).
 
Super, dass wir einen Sprachwissenschaftler unter uns haben.
Grundsätzlich sind die Verhältnisse in der Musik eher an die gebundene Form der Sprache (Gedicht) angelehnt.
Die regelmäßige Wiederkehr von Betonungen ist in der Musik (deshalb lässt sie sich ja auch in Takten notieren) eher die Regel. In vielen Bereichen der Gebrauchsmusik ist dies sogar essentiell für die entsprechende Verwendung (Tanz, Marsch, ...).
Dieser das Metrum klärende Akzent ist der grammatische Akzent, der je nach dem Charakter der Musik von extrem herausgehoben (Schlagzeug!) bis zu dezenter angedeutet ausfallen kann.
Da in der Musik aber wie beim Lesen/Vortragen von Gedichte die Gefahr des Leiern besteht gibt es Störungen dieser Ordnung (Synkopen, Hemiolen, ..)
 
Der oratorische Akzent bezieht sich eher auf besondere Ereignisse im Verlauf der Musik wie höchster Ton einer Melodielinie, Dissonanz (die Auflösung ist in aller Regel leiser) Überraschende Harmonie (hier wird öfter der sogenannte 'negative Akzent' (plötzliches pianissimo) eingesetzt.
Die Analogie zur Sprache hinkt also kräftig, aber immerhin hat beispielsweise Beethoven mehrfach die griechischen Metren (Jambus, Trochäus, ...) als zentral für die Betonung erwähnt und in älteren Büchern zur allgemeinen Musiklehre oder Formenlehre findet man immer wieder Darstellungen dieser Metren mit entsprechenden Rhythmen.
Die Rezeption einer musikalischen Akzent lehre ist in der Musik mit den Entwicklungen des 20. Jahrhunderts etwas zurückgetreten.
Dass nicht alle Akzente dynamisch sind sei nochmals angemerkt. Auch Verzögerungen, Verlängern und Kürzen sind Mittel, die notiert oder nicht notiert angewendet werden!
 
Dieser das Metrum klärende Akzent ist der grammatische Akzent,

"Akzent" ist also eigentlich eine Übertragung dessen, was in der Metrik das "betonte" Elemente eines "Metrums" ist, auf den musikalischen "Takt"? Gut. Was aber fangen wir dann mit dem Begriff "Akzent" bei "taktlosen" Perioden an, die in der Tradition der antiken nicht-stichischen lyrischen Verse stehen? Sowas wie

Mercuri, fancunde nepos Atlantis
oder
Wie schön leuchtet der Morgenstern?
 
Zuletzt bearbeitet:

Das hängt von der musikalischen Metrik der Vertonung ab!

Aber auch die (oft in kleinen Noten gedruckten) Kadenzen bei Liszt sind außerhalb eines Metrums zu spielen!
Das quasi improvisando ist gleichfalls oft aus dem Metrum herausfallenden.
Zuweilen gibt es sogar die Situation, dass die Linke und die Rechte gleichzeitig in verschiedenen Metren spielen.
 
Bei allen mir bekannten Vertonungen eben doch!
Bei Musik der Renaissance allerdings spielt der metrische Akzent kaum eine Rolle!
 
Bei Bach BWV 1 kann man sehr schön sehen, wie beim Cantus firmus in punktierte Halben die Silben 'schön' und 'Mor' (von Morgenstern ) auf Taktschwerpunkte gelegt sind und damit die natürliche Sprachmelodie durch den grammatischen Akzent unterstützt wird!
Besonders am Anfang mit Quintauftakt!
 
Bei Bach BWV 1 kann man sehr schön sehen, wie beim Cantus firmus in punktierte Halben die Silben 'schön' und 'Mor' (von Morgenstern ) auf Taktschwerpunkte gelegt sind und damit die natürliche Sprachmelodie durch den grammatischen Akzent unterstützt wird!

Und ebenso kann man sehen, wie die unbetonte Silbe leuchtet ebenfalls auf einen Taktschwerpunkt fällt. Das Beispiel beweist nur, dass der "grammatische" Akzent hier ganz klar den Textakzent konterkariert. So wie in meinem Lieblingsbeispiel aus dem 3. Meistersingerakt:

Zitat von Hans Sachs:
Wohin ich prüfend blick
In Stadt- und Weltchronik.
 

Da wird es dann richtig kompliziert und interessant, mit schweren und leichten Takten! Phrasierung!
Bei Wagner!? Ich bin bekennender Anti-Wagnerianer!
Aber natürlich finden sich auch bei Schubert und vor allem bei Liszt (sehr interessante Lieder) Fehlbetonungen; absichtlich und unabsichtlich!
Bei Übersetzungen von Operntexten wird's noch lustiger!
Außerdem ist auch bei instrumentaler Musik nicht zwingend jede Eins betont! (Banalitätsvermeiding besserer Komponisten und Interpreten!!)
Ich finde ja nach wie vor die Aussage von Glenn Gould', er Versuche so zu spielen, dass man dazu dirigieren könne, ganz hilfreich vom Standpunkt der Ausführenden her!
Übrigens würde ich auch gebundene Sprache nicht 'leiern'! Wenn das Metrum erst geklärt ist, sind im weiteren Verlauf auch interessante Abweichungen möglich und werden als solche erkannt!
 
Bei allen mir bekannten Vertonungen eben doch!

Bei den Vertonungen gewiß, und es ist klar, dass durch das »Einziehen« von Takten Konflikte zwischen Versiktus und Wortakzent entstehen werden. Aber mir ging es um den Originalvers, und in dem gibt es keine Takte, oder? Denn hier bilden wie in der antiken Lyrik und wie in den ursprünglichen Formen von Sequenz und Tropus Vers und "Metrum" eine Einheit, wobei das "Metrum" durch die Silbenzahl und den Wechsel lang - kurz an bestimmten Stellen (mit etlichen Freiheiten der Auflösung) definiert wird. Und daher gibt es hier auch nicht die angeführten Konflikte mit dem Wortakzent - die gibt es nur, wenn man den Text als Rezitationstext nimmt (wo dann an den zitierten Stellen gegen die Präferenz von Sprachen mit Druckakzent, Länge und Akzent zusammenfallen zu lassen, verstoßen wird) *). Im Singvers wird somit der sog. grammatische Akzent irrelvant. Und daher scheint dieser Begriff von eingeschränkter Brauchbarkeit. Im übrigen habe ich aus euren Beispielen gelernt, dass er offenbar auch nicht konsistent ist, denn (a) bei Vokalmusik ist grammatischer Akzent offenbar gleich Wortakzent, (b) bei instrumentaler Musik dagegen gleich betonter Taktteil; (b) scheint eine Extension von (a) zu sein, oder täusche ich mich da?

Und dass der »oratorische Akzent« überhaupt eine halbwegs konsistente Definition hätte, sehe ich aus den angeführten Beispielen überhaupt nicht. Beethoven verweist nicht auf einen »Akzent«, sondern auf Versfüße, Metren und metrisch gebaute Verse; alles andere sind Mittel der rhetorischen Hervorhebung und der Manipulation des Erwartungshorizonts (Aprosdoketon), die historisch in die rhetorische Ornatus- und vielleicht auch Ehtos-/Pathos-Lehre gehören und mit dem sprachwissenschaftlichen Begriff des Akzents überhaupt nichts mehr zu tun haben.

Nun, aber das scheint ja insgesamt das Schicksal von Metaphern zu sein - die Übertragung in ein anderes Sachfeld macht den Ausdruck oft prägnanter, aber nicht präziser. Dank Euch schön für den Einblick in ein nettes Kapitel terminologischer Rezeptionsgeschichte!

*) @mick: Ich glaube in den Meistersingern hat das damit zu tun, dass Wagner bewußt den Sach'schen Knittelvers (oder das, was er darunter versteht) imitiert.
 
Zuletzt bearbeitet:
Das wäre mal ein richtig tolles Thema für eine Dissertation: der Konflikt zwischen Sprachlichen und musikimmanennten Akzenten!
Wahrscheinlich 1000 Seiten aufwärts!
 
Beethoven spricht in der Tat eher von Längen und Kürzen.
 
Im Singvers wird somit der sog. grammatische Akzent irrelvant. Und daher scheint dieser Begriff von eingeschränkter Brauchbarkeit. Im übrigen habe ich aus euren Beispielen gelernt, dass er offenbar auch nicht konsistent ist, denn (a) bei Vokalmusik ist grammatischer Akzent offenbar gleich Wortakzent,

Das kann man so vereinfacht nicht stehen lassen. Bei Gedicht Vertonungen gehört es zur künstlerischen Gestaltung den Wortakzent und den Taktakzent (um das offenbar schwierige Wort Grammatisch zu vermeiden) in ein bestimmtes Verhältnis zu setzen. Das meint, dass in jeder Zeile aufs neue der Komponist entscheiden muss, ob die beiden Akzente zusammen, verschoben oder in Kontrast gestaltet werden. Musikalische Akzente können neben dem metrischen auch andere Hervorhebungen sein (vorgeschriebener Akzent durch sf oder ^ oder Ä.; hoher Ton, Tonsprung, Dissonanz, Länge, Verzögerung durch Pause, .... )!
Besonders hübsch kann man das Zusammenwirken der Akzenttypen beispielhaft in der Melodie des Schubertliedes 'Die Forelle' studieren.
Aber wie schon gesagt die Begriffe der Sprachwissenschaft und der Musik sind nur begrenzt kompatibel.
 
Ich glaube in den Meistersingern hat das damit zu tun, dass Wagner beußt den Sach'schen Knittelvers (oder das, was er darunter versteht) imitiert.

Aber warum passt dann der Rest von Sachs' drei Monologen metrisch so gut? Und wenn man sich die Szene im 2. Akt anschaut, in der Sachs den Merker spielt - wieso achtet er da so penibel auf das Wort-/Tonverhältnis von Beckmessers Lied? Ganz schlüssig erscheint mir das nicht.
 
@Ambros_Langleb : Umfassend und essentiell für die musikalische
Klassik:
Czerny Vom Vortrage
Sollte jeder der Beethoven spielt zu Hause stehen haben!
https://www.breitkopf.com/work/1753
 
Das kann man so vereinfacht nicht stehen lassen. Bei Gedicht Vertonungen gehört es zur künstlerischen Gestaltung den Wortakzent und den Taktakzent (um das offenbar schwierige Wort Grammatisch zu vermeiden) in ein bestimmtes Verhältnis zu setzen.

Ich fürchte, wir fangen jetzt an, aneinander vorbeizureden. Dir schweben immer noch die »metrifizierten« Versionen des Schönen Morgensterns vor, mir das Original. Das Original ist taktlos, also sich die Frage des Verhältnises von Wort- und Versakzent hier gar nicht erheben, und der Begriff des »grammatischen Akzents« ist offenbar für diese doch wohl letztlich vom Meistersang abstammende Versform nicht brauchbar. Alles andere will ich Dir natürlich gerne glauben - das auseinandertreten von Worakzent und versiktus ist ja schon in der Antike Kunstmittel.
 

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