Wagner Tannhäuser 3. Aufzug: Harmonieanalyse-Frage

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weber18

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Hallo!

Ich habe mir nach langer Pause mal wieder eine Harmonieanalyse vorgenommen und mir ist der Beginn des 3. Aufzugs von Richard Wagners "Tannhäuser" in die Hände gefallen. Da ist ja ziemlich zu Beginn ein hübscher Blechbläserchoral, gleich zwei Mal hintereinander. Einmal recht kurz und einmal etwas ausgedehnter.

Kann mir jemand sagen, ob ich mit meiner Analyse so richtig liege? Oder gibt es irgendwo Dinge, die man definitiv anders deuten sollte?

Hier meine Analyse:

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Vielen Dank und liebe Grüße,
weber18
 
rolf

rolf

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Du gehst davon aus, dass die Es-Dur Vorzeichen alles festlegen und man folglich alle Akkorde hinsichtlich der Tonika Es-Dur bezeichnen müsse. Die Generalvorzeichen können aber weiterhin stehen bleiben, auch wenn eindeutig in eine andere Tonart moduliert wird. Schönstes Beispiel: Beethoven, Finale Mondscheinsonate (die cis-moll Vorzeichen bleiben, obwohl nach gis-moll moduliert wird)
Hier ist der Ausschnitt zu kurz, um eindeutig zu bestimmen, ob Es wirklich für längere Zeit das tonale Zentrum bleibt (Opern, besonders (spät)romantische, haben nicht wie Sonaten/Sinfonien eine Tonart für Beginn und Finale als tonales Zentrum: Aida beginnt in a-moll und endet in Ges-Dur, Walküre beginnt in d-moll, endet in E-Dur usw)
Wenn wir partout Es als Tonika festlegen für den kurzen Ausschnitt, dann wundert mich eine Inkonsequenz: mal ist F7 bei dir als (D7) mal als DD7 bezeichnet - was soll das? Bezogen auf T = Es ist F7 immer die Doppeldominante.
Die beiden Zeilen des Klavierauszugs haben eine Gemeinsamkeit: sie führen nach B-Dur, und dieses Ziel wirkt in beiden nicht wie ein Halbschluss.
(Schau doch nach, wie sich der Weg der Harmonien weiter entwickeln und mäandern wird - der Wagner moduliert gerne und viel: Es- und B-Dur hier sind weit entfernt vom anfänglichen Pilgerchor in E-Dur)
 
W

weber18

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Hallo!

Danke für deine ausführliche Stellungnahme! Ich habe mal nachgeschaut, die Einleitung zum 3. Aufzug im Tannhäuser beginnt in reinem Es-Dur und endet auch in reinem Es-Dur, von daher fand ich es gar nicht so weit hergeholt, die Funktionen der Blechbläser-Choräle auch nach Es-Dur zu deuten.

Von daher die Frage, ob es sachlich wirklich falsch ist, es nach Es-Dur zu deuten?

Liebe Grüße,
weber18
 
rolf

rolf

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Wenn der Abschnitt in Es beginnt und endet, dann ist da Es die Tonika. F7 freilich ist die Doppeldominante :-)
 
motz-art

motz-art

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Beide Ausschnitte stehen in B-dur. Vorzeichen hin oder her....
 
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weber18

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Habe die Funktionen nun auch einmal nach B-Dur als Tonika gedeutet. Ist meine Analyse schlüssig oder habt ihr Verbesserungsvorschläge?

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mick

mick

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Sind ein paar Ungereimtheiten drin (auf B-Dur bezogen):

Im ersten Choral ist der drittletzte Akkord keine S₆, sondern eine Sp⁷. Es gibt zwar Subdominanten mit hinzugefügter Sexte (Sixte ajoutée), aber wenn die Sexte als Basston erscheint, ist sie so dominant, dass sie den Akkord bestimmt.

Im zweiten Choral ist die erste eingeklammerte Dominante eine Doppeldominante. Die notiert man üblicherweise als Doppel-D (nicht zu verwechseln mit der Körbchengröße!). Was zwei Akkorde später dort steht, ist schlichtweg Unsinn. Den d-Moll-Akkord hört man nicht als Tonika-Septakkord mit fehlendem Grundton - es ist eine banale Tp; das B ist nur eine bedeutungslose Durchgangsnote. Der T₅⁷ kurz darauf ist mitnichten ein solcher - der Akkord hat eindeutig dominantische Funktion und muss korrekt als (D₅⁷) bezeichnet werden.
 
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weber18

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Danke für die Anmerkungen! Nur eine Sache verstehe ich nicht:

mick: "Den d-Moll-Akkord hört man nicht als Tonika-Septakkord mit fehlendem Grundton - es ist eine banale Tp; das B ist nur eine bedeutungslose Durchgangsnote."


Wenn wir das Ganze nun nach B-Dur deuten, dann müsste d-Moll doch Dp sein und nicht Tp oder?!? Tp wäre für mich g-Moll.

LG
weber18
 
mick

mick

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Ja, sorry - es ist natürlich die Dp.
 
 

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