Unterschiedliche Lerntypen im Musikunterricht

Dieses Thema im Forum "Forum für Anfängerfragen" wurde erstellt von méchant village, 9. Juli 2018.

  1. Barratt
    Offline

    Barratt Lernend

    Beiträge:
    9.641
    Ein herrliches Beispiel dafür, wie viel Bewusstseinsleistung das Gehirn "quasi-automatisch" übernimmt! :super:
     
    Klein wild Vögelein und Boogieoma gefällt das.
  2. Klafina
    Offline

    Klafina

    Beiträge:
    3.223
    Dafür gibt es in der Lernpsychologie den griffigen Slogan "Ähnlich gelernt ist dämlich gelernt."
    (Manchmal kommt man allerdings nicht drumrum.)
     
  3. Bernhard Hiller
    Offline

    Bernhard Hiller

    Beiträge:
    834
    Bitte nicht falsch verstehen: ich will ausdrücken, daß die Wörter aus der anderen Sprache zu Sympathie führen.Dann bin ich für die Leute dort der nette Spanier/Italiener und nicht der olle deutsche Tourist...
    ;-)
     
  4. Bernhard Hiller
    Offline

    Bernhard Hiller

    Beiträge:
    834
    Orchid, Barratt und méchant village gefällt das.
  5. J. S. Schwach
    Offline

    J. S. Schwach

    Beiträge:
    312
    Ich möchte in dem Zusammenhang etwas anderes ansprechen. Klavierspielen ist ein hochkomplexer Vorgang. Hand-, Fingerkoordination, Noten lesen, Rhythmus, Tempo, Akzentuierung, Phrasierung, hören...
    Bewusst steuern kann ich dabei immer nur EINE Sache.
    Und wenn ich mich auf eine Sache konzentiere, gehen die anderen schief. Es sei denn, ich habe sie automatisiert. Erst wenn alles von selbst läuft, kann ich mich während des Spiels auf den letzten Schliff des Vortrags konzentrieren.

    Ich kann mit "Lerntypen" nicht viel anfangen. Ich bin am Übungsziel, wenn ich das Spiel komplett automatisiert habe.
     
  6. Stephan
    Offline

    Stephan

    Beiträge:
    655
    Die ganze kategoriale Psychologie gilt ja heute als mehr falsch als richtig und als überholt.
    Das fing ja schon bei den alten Griechen an, über Kretschmers Typenlehre ( Sanguiniker, Melancholiker, etc), oder Riemanns Angsttypen. Natürlich sind beim (Klavier-) Lernen fast alle Sinne beteiligt, auditive, visuelle, haptische (lokomotorische), außer vielleicht Geschmacks, und Geruchssinn (olfaktorisch), wobei ich selbst den nicht in Abrede stellen möchte, wenn man eine bestimmte Musik mit einem konkreten Geruchserlebnis konditioniert hat ( Vielleicht Orgelspiel mit Weihrauch??) Letzteres war aber nicht allzu ernst gemeint. In der heutigen Lernforschung ist deutlich geworden, dass eine gezielte Bevorzugung eines bestimmten Sinns ( und der damit verbundenen Gehirnareale) KEINEN Vorteil hat gegenüber jenen einer Kontrollgruppe, die ...ja, die einfach sinnvoll lernen..Klavier üben..zum Beispiel. Das jeder für sich selbst sensibel ermitteln muss, welche Methoden und äußeren Umstände für das Lernen am besten sind, versteht sich dabei.
     
    Klafina, Barratt und méchant village gefällt das.
  7. Häretiker
    Offline

    Häretiker

    Beiträge:
    2.796
    Trotzdem habe ich krasse Unterschiede bei meinen beiden Stieftöchterchen erlebt:

    A: liest sich Sachen durch, behält die schnell. Kann ein Lied 20x hören und kennt mmer noch nicht den Text.
    B: Kann sich auch nach mehrfachem Abmühen vom reinen Lesen keine Vokalben merken. Hört ein Stück ein- oder zweimal und hat den Text komplett im Kopp.

    Ich bin mehr so ein Strukturierter oder so: Mir hat einmal einer die Regeln von Backgammon erklärt, danach konnte ich es (weitestgehend) fehlerfrei spielen, recht schnell mit brauchbarer Spielstärke.

    Meine Eltern erzählten mir, dass mein Vater sich öfters mit einem Freund traf und Schach spielte. Einmal war eine Partie zuende, der Freund meines Vaters musste mal zur Porzellanabteilung. Ich setze mich vors Schachbrett, baute die Figuren auf, mein Vater machte den ersten Zug, ich den zweiten, das ging so ein paar Züge und dann wurde ich vom Schachbrett verbannt und durfte nicht mehr zuschauen. Meine Eltern hatten Angst, ich könnte "Spieler" werden. Ich war damals höchstens drei.

    Grüße
    Häretiker
     
    Musikhasser, ehenkes, Boogieoma und 3 anderen gefällt das.
  8. trm
    Offline

    trm

    Beiträge:
    327
    Mit 6 Jahren hatte ich das Vergnügen, zwei Wochen in einem Krankenhaus zu verbringen.
    Da spielten einige Zimmergenossen auch Schach.
    Wieder zu Hause, wollte mein Großvater (Hobby-Spieler) mir nicht glauben, daß ich die Figuren richtig setzen könne.
    Ungefähr 30 Züge später wußte er es dann...:lol::lol::lol:
     
    Barratt, Boogieoma und méchant village gefällt das.
  9. Bernhard Hiller
    Offline

    Bernhard Hiller

    Beiträge:
    834
    und das alles in einem Tempo, das eine bewußte Detailsteuerung der einzelnen Muskeln nicht zuläßt. Es läuft daruf hinaus, daß man nur noch abgespeicherte "Programmblöcke" mit ein paar Parametern (z.B. Triller auf Tasten xy) bewußt ansteuern kann, den Rest muß dann der dem Bewußtsein verborgen bleibende Teil des Hirns / Rückenmarks übernehmen.
     
    méchant village gefällt das.
  10. Stilblüte
    Offline

    Stilblüte Super-Moderator Mod

    Beiträge:
    8.887
    Das Paradoxe: Du hast Recht, und trotzdem kann und sollte man jeden Ton bewusst formen.
     
  11. méchant village
    Offline

    méchant village

    Beiträge:
    732
    @J. S. Schwach
    @Stephan
    Ich meinte wie es @Häretiker bei den Mädels beschreibt: von Mensch zu Mensch unterschiedliche Herangehensweise, wenn jemand etwas lernt. Offensichtlich ist - wie in der Fachliteratur öfter erwähnt - der Begriff „Lerntyp“ im Deutschen tatsächlich mißverständlich.
    Es sollte nicht darum gehen bewußt eine Herangehensweise anderen vorzuziehen.
    Ich glaube aber, nur wenige Glückliche können von vorneherein alle Sinne gleich stark einsetzen. Zu wissen, wo unsere Stärken und Schwächen beim Lernansatz sind, kann helfen, durch bewußtes Heranziehen der Stärken bewußt auszugleichen.
    Und im Idealfall kommen wir dann zu dem kompletten „hochkomplexem Vorgang“ s. Zitat, nur jeder Lernende in anderer Reihenfolge.
    Interessanterweise ist diese Reihenfolge eventuell beim Klavierlernen eine andere als bei anderen Lernprozessen.
     
  12. méchant village
    Offline

    méchant village

    Beiträge:
    732
    Damit hast Du die Frage beantwortet, die ich jetzt in den Raum gestellt hätte.
    Danke!
    Gerade Dein Spiel ist lebendig geformt.
     
    Boogieoma und Klein wild Vögelein gefällt das.
  13. Barratt
    Offline

    Barratt Lernend

    Beiträge:
    9.641
    Gar nicht paradox. Das Bewusstsein hat erst dann die Kapazität frei, die es für die von Dir beschriebene "Einzelbehandlung" braucht. ;-)
     
    Bernhard Hiller und méchant village gefällt das.
  14. Stephan
    Offline

    Stephan

    Beiträge:
    655
    Exakt so ist es. Wie stark sich das Erlernen eines Klavierwerks vom Verinnerlichen von Sachinhalten unterscheidet, sehe ich selbst zum Beispiel darin, das ich Inhalte von Fachbüchern, die mir wichtig sind, in eigenen Worten als Kurzschrift verfasse ( Excerpt). Das aber bringt für eine Beethoven-Sonate gar nichts, maximal, wenn man einen Notentext auswendig lernen möchte. Das aber qualifiziert nicht zum Spiel, geschweige denn zu einer guten Interpretation. ( "Schreib-Lern-Typ"...)
    Noch mehr experimentieren könnten wohl viele Spieler, mich eingeschlossen, mit dem "mentalen Üben", wo man den Notentext liest, sich dabei Klang und Griffbilder möglichst plastisch vorstellt, also versucht zu visualisieren. Das aber setzt natürlich voraus, dass dieses Werk schon verinnerlicht war, und bezieht sich dabei dann schwerpunktmäßig auf Repertoirepflege.
    Nur bei anspruchsloseren Werken würde ich diese Methode bei Neuliteratur verwenden.
     
    Boogieoma und méchant village gefällt das.
  15. Tastatula
    Offline

    Tastatula Super-Moderator Mod

    Beiträge:
    430
    Das sehe ich 100% wie Chiarina. Das Kind wird gerade besonders auf sein Defizit hingewiesen, wenn der Lehrer zunächst auch die auditive Lernfähigkeit ansprechen will (was ich im Musikunterricht naheliegend finde, daß man das tut).
    Wird vorher die Lage geklärt, kann der Pädagoge sensibel damit umgehen und die auditive Schulung besonders behutsam vornehmen. So fühlt sich der Schüler eher gestärkt als geschwächt.
     
    méchant village gefällt das.
  16. Klafina
    Offline

    Klafina

    Beiträge:
    3.223
    In den letzten Wochen habe ich gemerkt, an welcher Stelle die visuelle Seite eine ganz wichtige Rolle für mich beim Klavierspielen einnimmt:
    Wenn ich Töne von einer Hand in die andere Hand übernehmen muss (wegen meiner recht kleinen Hände), muss ich sie mir auch im dementsprechenden Schlüssel in die Noten malen.
    Okay, ein oder zwei Noten habe ich vielleicht auch so im Kopf, aber sobald es mehr werden, geht ohne Reinschreiben nichts mehr.
     
    méchant village und Boogieoma gefällt das.
  17. Boogieoma
    Offline

    Boogieoma

    Beiträge:
    802
    Das geht mir aehnlich, wegen meiner Arthrose kann ich meine rechte Hand nicht weit genug speizen und muss deshalb oft Noten mit der linken Hand spielen. Wenn ich sie mir dann nicht umschreibe, habe ich vor allem Probleme bei Stücken, die ich länger nicht gespielt habe.
     
    méchant village gefällt das.
  18. Orgeltante
    Offline

    Orgeltante

    Beiträge:
    536
    Auch wenn ihr euch einfach eine "Trennlinie" über die entsprechenden Noten die mit in die linke Hand sollen zieht?
     
    méchant village gefällt das.
  19. Boogieoma
    Offline

    Boogieoma

    Beiträge:
    802
    Bei einfachen Stücken geht das, aber je schwieriger das Stück umso mehr macht das Umschreiben Sinn.
     
    méchant village gefällt das.
  20. Klafina
    Offline

    Klafina

    Beiträge:
    3.223
    Wie gesagt, bei ein bis zwei Noten sind kein Problem.
    Aber aktuell habe ich eine ganze Reihe an Noten, die in die linke Hand müssen, die wiederum dann Akkorde dreier Töne spielt, die für mich visuell gut zu erfassen sind und "Pattern" bilden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Sep. 2018
    Boogieoma und méchant village gefällt das.