Sitzhaltung am Klavier - ja wie denn nun?

Marlene

Marlene

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Hallo,

dem Klavierschüler wird geraten aufrecht und mit geradem Rücken am Instrument zu sitzen, am besten mit den vier Buchstaben nur auf der vorderen Hälfte der Klavierbank, die Füße nebeneinander mit den Schuhsohlen flach auf dem Boden (wenn die Klavierschülerin nicht gerade High Heels trägt ;)).

In der Vergangenheit habe ich den einen oder anderen Konzertpianisten gesehen der von dieser „Ideallinie“ mehr oder weniger deutlich abgewichen ist. Manche sitzen mit den Kniescheiben bündig zur Flügelkante, andere rutschen mit den Beinen gefühlte 15 cm weiter unter den Flügel. Einer sitzt mit stoischer Ruhe und mich an Quasimodo erinnernd am Flügel ein anderer schräg zum Flügel oder wieder ein anderer auf einem Stuhl mit Rückenlehne.

Aber kürzlich hat mich ein bekannter Pianist mächtig in Erstaunen versetzt. Außer der Tatsache, dass seine Finger auf den Tasten waren hat er eigentlich alles anders gemacht, als es im Lehrbuch steht bzw. von den Klavierlehrern empfohlen wird. Weil ich nur etwa zehn Meter entfernt von ihm gesessen habe konnte ich ihn gut beobachten. Seine Füße standen oft weit auseinander, oft auf den Absätzen aufgestellt (abgesehen vom Pedalspiel), oder sein rechter Fuß befand sich unter der Klavierbank um dann aus der Entfernung pfeilschnell das Pedal zu treten, sein Rücken war gerundet (manchmal näherte sich sein Gesicht den Tasten). Man sah aber auch, dass er ansonsten mit jeder Faser des Körpers bei der Musik war und mit dem ganzen Körper der Musik des begleitenden Orchesters folgte während er nicht gespielt hat. Das letztgenannte seiner Bewegungen war eigentlich das einzige, das ich nachvollziehen konnte. Seine Haltung beim Spielen hat mich allerdings irritiert wenn auch seine Körpersprache recht interessant war.

Die Konzertpianisten machen es vor: Wenn doch anscheinend jeder am Klavier sitzt wie es für ihn vermutlich am angenehmsten ist warum dann diese akkuraten Vorgaben der Klavierlehrer für ihre Schüler? Warum dürfen die nicht so sitzen wie es ihnen (oder ihren Gliedmaßen) am besten bekommt? Oder gilt der oben beschriebene „Freestyle“ am Flügel nur für Konzertpianisten weil die es „drauf haben“?

Liebe Grüße
Marlene
 
Alter Sack

Alter Sack

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Hallo Marlene,

ich bin auch noch auf der Suche nach der, für mich "richtigen Position". Meines Erachtens ist gibt es wohl kaum eine allgemein gültige, sondern nur eine individuell optimale Lösung.
Wenn ich mir ansehe mit welch krummen Rücken Chilli Gonzales am Klavier sitzt kann das doch unmöglich nachahmenswert sein. ABER, der Mann hält den Weltrekord im Dauerklavierspielen mit 27 Stunden 03 Minuten und 44 Sekunden und saß dabei auf einem Bürodrehstuhl. Also kann es doch nicht soo ineffizient sein.

Daher glaube ich es gibt zwar den einen oder anderen hilfreichen Hinweis für eine gute Position aber letztendlich sollte jeder für sich herausfinden was für ihn am besten funktioniert!

LG der alte Sack
 
R

Rudl

Guest
Mir wurde beigebracht, relativ hoch zu sitzen. Ähnlich der Tippsen, die die Maschine auch weit unten haben.

Der Vorteil ist, dass man die Armgelenke ohne Kraftaufwand höher halten kann, und auch die Schultern leichter hängen lassen kann. Als Negativbeispiel wurde immer Glenn Gould genannt.

Es gibt ein BIld vom jungen Liszt, da sitzt der auch ziemlich hoch. http://www.lisztomania.at/uploads/pics/Liszt-Haus-Raiding2.jpg

Ich hab´s jetzt, nachdem ich wieder angefangen habe, mit normaler Stuhlhöhe versucht, bin dann aber im Laufe des Jahres immer höher gekommen. Allerdings bin ich noch am rumexperimentieren; angeblich soll ja tiefer besser sein.
 
cwtoons

cwtoons

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Oder gilt der oben beschriebene „Freestyle“ am Flügel nur für Konzertpianisten weil die es „drauf haben“?
Ich schätze, das wird es sein.
Du hast ja keinen Schüler gesehen, sondern, um das Wort zu verwenden, einen Könner. Ihm hat man vermutlich früher auch die richtige "offizielle" Sitzhaltung eingebimst. Das macht Sinn. Niemand wird einem Kind individuelle, sich nach Jahren herausgebildete Sitzhaltungen von irgendwelchen Profis beibringen. Niemand wird einem Kind beibringen, so bescheuert wie Glenn Gould am Klavier zu hocken.

Bevor man klasse spielt, obwohl man scheinbar falsch sitzt, sollte man lernen, wie man richtig sitzt. Das ist zwar keine Garantie auf eine Weltkarriere, aber dennoch sinnvoll.

CW
 
Marlene

Marlene

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Danke für Eure Rückmeldungen und danke, Zoel, für diesen interessanten Link. Was dort unter anderem steht habe ich vor einigen Tagen auch erlebt:

...“die verblüffendsten Fortissimi ohne die geringste äußerlich sichtbare körperliche Anstrengung erzeugte“
Bei Tschaikowski's 2. Klavierkonzert habe ich gestaunt und war fasziniert von der Ruhe des Pianisten der während des gesamten Konzerts (auch beim fff) völlig entspannt am Flügel gesessen hat.

Das Problem ist nur, dass eine gute, tragende Sitzhaltung von uns Zivilisationskrüppeln heute erst mal als unbequem empfunden wird...
Vielleicht sollte ich mal Omas Stützkorsett hervorkramen... ;)
 
 

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