Produziert unser Schulsystem musikalische "Analphabeten"?

Ich übe das gerade, spiele einen Ton und singe dann kleine oder große Terz oder Quarte, es stellt sich heraus dass da viel Übungsbedarf besteht, aber es macht total Spaß. Eben habe ich außerdem festgestellt, dass das Lied das ich gerade übe (Korobeinki) zwar in Moll geschrieben ist aber mit einem Dur Dreiklang beginnt und in dem einen Takt in dem sich die Begleitung "irgendwie anders" anhört wieder zu Moll wechselt. Das ist alles total spanndend und ich freue mich darauf mehr darüber zu lernen (vielleicht klappt es dann ja auch mal einen Lehrer zu finden wäre auch toll).
Dabei ist außerdem noch eine Frage aufgetaucht und zwar wenn ich d g b spiele ist das ja eine Quarte von d zu g und von g zu b eine kleine Terz, kann man das zu Dur oder Moll zuordnen? Ist vielleicht eine komische Frage aber ich bin ja auch Anfänger.
 
Ist es eigentlich schlimm, wenn ein Mensch sich gar nicht für (klassische) Musik interessiert, sondern z.B. für Kunst oder fürs Hobbygärtnern ? Oder für Geschichte oder für Tiefseeforschung ? Warum die vermeintliche Sonderstellung von Musik ?

Gruß
Rubato

Schule sollte im besten Sinne Persönlichkeiten hervorbringen und gerade im humanistischen Bildungsideal spielt Musik da schon eine große Rolle (daher rührt die vermeintliche Sonderstellung). Es muss aber ganz sicher nicht in jeder Schule ein humanistisches Bildungsideal gelebt werden und ich persönlich finde es auch alles andere als schlimm, wenn Menschen sich nicht für Musik interessieren. Ich finde es nur schlimm, wenn Menschen rein gar keine Leidenschaft für irgendwas aufbringen können!

Ich sehe immer noch die Fußball-Nationalmannschaften von 1990 und früher vor mir, wenn sie vor einer WM oder EM mit Udo Jürgens (oder einem anderen Musiker) ein Lied gesungen haben. Das war eine Zeit, in der durch alle Schichten der Bevölkerung noch viel mehr gesungen worden ist, in der Freizeitfußballer noch in Chören waren (die inzwischen reihenweise wegsterben), in der auch in den Schulen noch mehr gesungen worden ist. Das genau halte ich für den musikalischen Auftrag von Schule, gemeinsam Singen, weil das einfach Gemeinschaft fördert. Dass Musiklehrer sich die Kinder sammeln, die ein Musikinstrument spielen, und diese besonders fördern, während sie die anderen links liegen lassen, habe ich schon öfter gehört und das halte ich für eine absolute Verfehlung des Bildungszieles. Oder dass Leute fachfremd Musik unterrichten müssen, weil ein Mangel an Musiklehrern besteht, und dann mit einer Arbeitsblätterflut um sich schmeißen, dass einem Hören und Sehen vergeht. Oder es werden verhinderte Profimusiker Musiklehrer und lassen ihren Frust an den Schülern aus, dass es nicht zu mehr gereicht hat. Einen solchen Musiklehrer hatte ich! Der saß arrogant da vorne am Flügel und hat zwar wohl erklärt, was Tonleitern, Dreiklänge, deren Umkehrungen oder Kadenzen sind, aber didaktisch wertvoll ist ein solcher Unterricht nicht, weil einfach das handlungsorientierte Moment fehlt. Für sowas braucht man kleine Gruppen, sowas muss man am Instrument lernen oder zumindest im Chor, anders kann ich das sein lassen.
 
@Vanessa
Nein, eine „Gemeinschaft“ (die letztlich im Schul-Kontext fast immer nur eine Pseudo-Gemeinschaft sein kann) zu bilden, ist nicht das primäre Ziel des schulischen Musikunterrichts. In erster Linie geht es darum, Menschen Möglichkeiten zu geben, die eigene Persönlichkeit musikalisch auszudrücken und unsere Welt aus einer anderen, gleichzeitig individuellen und dennoch geteilten Perspektive zu erleben. Natürlich hat der Musikunterricht auch soziale Aspekte (z.B. fördert er das Aufeinander-hören, auch im Umgang miteinander), aber diese Effekte ergeben sich als Folge der primären Ziele.
 
Laut Lehrplan ist eine "Gemeinschaft" natürlich nicht das primäre Ziel schulischen Musikunterrichts. Aber ich halte es dafür (so habe ich das geschrieben), weil alles andere unter den gegebenen schulischen Bedingungen einfach unmöglich ist. Die Gemeinschaft durch Singen zu fördern ist möglich, alles andere mit derart wenig Geld, wie in unserem Land für die Schule zur Verfügung steht, nicht. Aber das haben offenbar auch viele schon verstanden, deswegen schießen seit vielen Jahren die Gymnasien mit musikalischem Schwerpunkt aus dem Boden (Bläserklassen, Streicherklassen, Gesangsklassen). Da zahlen die Eltern einen zusätzlichen Monatsbeitrag für den wöchentlichen Einzelunterricht und wenn dann die gesamte Klasse in der Lage ist, miteinander zu musizieren (und die völlig Desinteressierten eh schon weg sind, weil die sich nie in einem solchen Zweig anmelden würden), dann lassen sich die Ziele schulischen Musikunterrichts verwirklichen.
 
Die Gemeinschaft durch Singen zu fördern ist möglich, alles andere mit derart wenig Geld, wie in unserem Land für die Schule zur Verfügung steht, nicht.
Das ist eine völlig verkürzte und pauschalisierende Sichtweise. Und es würdigt die Arbeit aller Musiklehrer herab, die an ganz normalen, nicht musisch orientierten Schulen viel mehr erreichen als du hier vorgibst. Entweder du bist selbst Musiklehrerin (was ich bei deiner verengten Sichtweise nicht hoffe), oder du hast einfach keinen durch wirklichen Überblick gewonnenen Sachverstand. Dann seien dir deine Aussagen verziehen, aber dann würde ich mich an deiner Stelle aus dem Thema heraushalten. Ich schreibe ja auch nicht im Forum für Friseure o.ä., eben weil ich davon nichts verstehe, obwohl ich eine Friseurin habe (dies entspricht der oberflächlichen Erfahrung mit Musikunterricht, die man ja so hat).
 
Naja, woran liegt es, das jemand die Frage stellt, die hier in der Überschrift steht? In unserem Bildungssystem liegt vieles im Argen, nicht nur der Musikunterricht. Ich habe auch keinerlei Arbeit eines engagierten Musiklehrers herabgewürdigt, ich bin froh um jeden, den es noch gibt. Doch das sind viel zu wenige.
 
Wieder so eine pauschale Aussage. Woran machst du das fest? Auf welcher Datengrundlage basiert deine Aussage? „Bauchgefühl“ reicht für eine solche Diskussion nicht aus. Auch nicht das Hörensagen usw. Fakten bitte.

Die Überschrift dieses Fadens bezog sich übrigens auf den Vorwurf des TE, der Musikunterricht würde zu wenig Notenkenntnisse vermitteln. Soviel zu deiner Frage, woran es liegt, dass jemand dies thematisiert hat. Du vermischst hier manches.
 

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