Neues vom alten Förster (siehe: Wer hat Info über Förster-Vorkriegsmodelle?)

apruss

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Liebe Clavio-Gemeinde,
dank eurer Hilfe und Ermutigung bin ich bei meiner Flügelsuche an dem bereits beschriebenen Förster Flügel (Flügelsuche: wer hat Info über Förster-Vorkriegsmodelle?) drangeblieben. Hier ein update und natürlich auch wieder Fragen...
Ich habe hier schon ein paar mal gelesen "der Flügel sucht sich seinen Besitzer". Da scheint was dran zu sein. Der Förster steht nur ca 30km von hier. Nach meinem letzten Post habe ich noch zwei Bechstein 203 in Norddeutschland angeschaut und breit weiter gesucht: einen Steingräber 165 "zum Kennenlernen" bei einem Freund probiert, über einen Steingräber 200 in Bayern verhandelt, und Kontakte zu mehreren Blüthner Modell 6 geknüpft. Zu all denen hätte ich quer durch Deutschland fahren müssen, aber bevor es dazu kam haben sie sich alle selbst aussortiert. Ein Bechstein war aussen toll und hatte eine neue Renner Mechanik, aber Boden, Stimmstock und Gußplatte hatten Risse. Der Verkäufer des anderen 203 hatte unrealistische Preisvorstellungen. Der wahrscheinlich gute Blüthner war sofort weg, den Steingräber und einen anderen Blüthner haben lokale Klavierbauer, die die Instrumente sowieso kannten oder die ich zum Preis der gesparten Benzinkosten um ein lokales Gutachten gebeten habe als erheblich beschädigt und/oder schon mal saniert identifiziert. Komisch dass die Besitzer da nie was drüber wissen...

Also, alle anderen aktuellen Kandidaten gestorben, und gestern kam die lang erwartete Besichtigung des Förster mit einem lokalen Klavierbauer.
Ergebnis 1: die Substanz ist intakt und original, die originalen Stimmnägel halten, der Boden ist tatsächlich rissfrei, ebenso Stimmstock und Stege. Ein paar Noten gestimmt, die klingen gut (auch die verstimmten klingen irgendwie gut...). Der Hersteller der gebundenen Mechanik ist in der Tat nicht zu identifizieren, und die Mechanik ist komplett fehlreguliert (mehr dazu unten). Elfenbeinklaviatur ist leicht beschädigt, aber lt Fachmann mit moderatem Aufwand zu sanieren.
Der Schlossbalken ging ganz locker raus (danke @Tia) und darunter tatsächlich das Produktionsdatum....aber leider die entscheidende Zahl überlackiert. AAARRGGHHH! Er ist aber auf jeden Fall nicht von 1931, lesen kann man "30/8 1x. Also lt Seriennummer 1917 oder 1918. Und der Stimmstock ist auch dort rissfrei, super!
Ergebnis 2: ich habe eine Menge äussere Details entdeckt die mir extrem gut gefallen und die ich beim ersten Besuch gar nicht registriert hatte. Genau die richtige kleine Dosis Jugendstil für mich.

Also habe ich kurzentschlossen ja gesagt und angezahlt. Jetzt muss ich den Transport organisieren, und dann kommt er in meinen Werkstattkeller, wird gestimmt und erst mal beobachtet und so wie er ist in Ruhe ausprobiert. Kann gut sein dass ich mir das einrede (klingt er wirklich gut, oder ist er einfach nur laut?), aber ich habe das Gefühl einen guten Fang gemacht zu haben.

So, zur weiteren Strategie hab ich natürlich gleich ein paar Frage:
1. Saiten: der Reso Boden scheint intakt zu sein, die Saiten sind wohl noch original und bis auf die tiefste Saite rasselfrei. Man könnte sich also erst mal nur um die Mechanik kümmern, und die akustische Anlage in Ruhe lassen. Ich habe keinerlei Gefühl dafür, wie viel ich mit neuen Saiten gewinnen werde. Nach welchen Parametern kann man das abschätzen? Kann beim Neubezug auch Schaden angerichtet werden, so dass ich es dann doppelt bereue? Es geht mir nicht die Ersparnis, sondern nur um das Ergebnis. Der Klavierbauer meinte, dass er "mit dem alten Schrott" nicht mal halb so gut klänge wie mit neuen Saiten, aber ich bin nicht sicher ob ich 100% seiner Vorstellungen teile. Von bei ihm überarbeiteten Flügeln bin ich nicht wirklich begeistert....

2. Mechanik: die Mechanik muss wohl komplett überarbeitet und neu reguliert werden. Lt Klavierbauer sind die Hammerköpfe auch hinüber, obwohl sie für mich nicht sehr abgespielt aussehen. Und zu guter letzt ist die Mechanik nicht nach heutigem Standard, sondern eine gebundene Konstruktion. Wie ich von euch gelernt habe ist das ja nur für den Klavierbauer ein Problem beim Regulieren und nicht für mich beim Spielen, aber es wird sicher in Zukunft nicht leichter jemanden zu finden der das kann und es machen will.
Frage also: erhebliches Geld in die alte Mechanik investieren, oder (wie ich es in dem o.g. Bechstein gesehen habe) eine neue Mechanik reinstecken. Ich weiss dass das erst mal teurer wird, aber vielleicht ist es langfristig die bessere Investition.
Die Preise, die ich bis jetzt aufgeschnappt habe, sind 2-3k für Überarbeitung mit neuen Hammerköpfen, und 4k für eine neue Mechanik. Liege ich da grössenordnungsmässig richtig?
Die alte Klaviatur will ich auf jeden Fall erhalten; 24729-70286b026d68001d73c17f67754825a7.jpg 24730-c67e8649f8cba025d2f5f9a5675cd7ba.jpg nicht auf Plastik zu spielen ist für mich ein wesentlicher Grund keinen neuen Flügel zu kaufen. Ich habe auf YT gesehen wie eine Blüthner Patent gegen eine Renner ausgewechselt wurde und die Klaviatur erhalten wurde.

3. Das Äussere: ich hab keine Ahnung was die Vorbesitzer auf dem Flügel stehen hatten, es hatte auf jeden Fall unten scharfe Ecken. Der vordere Teil des Deckels hat hässliche tiefe Kratzer. Die zum Fenster gewandte Seite ist wie üblich ausgebleicht und auch verkratzt, aber nicht ganz so hässlich.
Ich hasse glänzendes Polyester, und für mich darf der Flügel gerne matt sein und Kampfspuren haben. Nur nicht ganz so hässlich wie auf dem Deckel.
Ich habe hier die Geschichten von Schellack Selbstversuchen gelesen. Bei manchen von euch scheint es gut zu gehen, andere berichten echte Horrorgeschichten. Was tun? Ich mache gerne was selbst und habe einen guten Werkstattraum. Soll ich es probieren oder besser gleich die Finger davonlassen?

Sorry für den langen Post, wenn ihr bis hierher durchgehalten habt schon mal im Voraus vielen Dank für die Hilfe.
Viele Grüsse, Andreas
 

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agraffentoni

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Ich würde die Mechanik überarbeiten, eventl die Köpfe neu befilzen lassen.
Wenn die Stimmhaltung gut ist, laß die Saiten wie sie sind.
Das Gehäuse könnte man abschleifen und schwarz seidenmatt spritzen lassen, wenn Dir die Optik wichtig ist.
 
apruss

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Danke für die schnelle Antwort. Da die Mechanik anscheinend ein bisschen exotisch ist (ich habe schon mehrmals Blüthner Patent unter den Fingern gehabt, aber noch nie so eine...) habe ich etwas Bammel dass man nicht gut vorhersagen kann wie das Ergebnis sein wird.
Es wäre schade wenn nach viel Zeit und einigem Geld eine mittelmässige Lösung rauskommt. Gibt es ausreichend gute Beispiele, dass eine solche Mechanik den aktuellen Ansprüchen genügen wird?
 
Barratt

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@apruss

Der Flügel steht doch sowieso schon bei Dir. Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Instrument!

Du hast Dich also entschieden. Was hält dich davon ab, das Instrument erst mal in Ruhe kennenzulernen? Ich würde ihn nur stimmen lassen und eine Zeit lang darauf spielen. Mir scheint, dass Dein Klavierbauer nicht Dein volles Vertrauen genießt. Bilde Dir selbst eine Meinung, bevor Du da irgendwas rumbasteln lässt, was Dich überhaupt nicht stört, und Du evtl. für eine Verschlimmbesserung viel Kohle verbrennst.

Wenn Du Deinen Standort preisgibst, könnten Dir hier im Forum erprobte Fachkräfte aus Deiner Region für die ggf. von Dir als notwendig empfundenen Verbesserungen empfohlen werden.
 
apruss

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Danke für die Glückwünsche, aber Försterlein wohnt leider noch nicht bei mir zu Hause. Das Foto ist noch vom Vorbesitzer.

Das in-Ruhe-kennenlernen habe ich mir genau so vorgenommen. Ich wollte ihn eigentlich noch bei der Besichtigung komplett stimmen lassen, aber der Klavierbauer hatte nicht genug Zeit und machte nur ein paar Chöre in Mitte und Bass. Sobald er bei mir steht wird er gestimmt und und ich lasse ihn auf mich wirken.
Leider befürchte ich, dass sich das im wesentlichen auf Klangexperimente anstatt aufs wirkliche Spielen beschränken wird, da die Klaviatur recht uneben ist und die Regulation selbst für mich erkennbar ziemlich daneben ist. Z.b. ist auch der Tastenhub ungewöhnlich gering.
Aber bevor ich in die Mechanik investiere kann ich mir sicher sein, dass er gut klingt. Da bin ich guter Hoffnung. Und so lange ich mir noch nicht sicher bin was ich will spiele ich den Baby-Grotrian, der klingt immer noch viel besser als ich spielen kann.
(Übrigens: wer nicht viel Platz hat sollte sich das Ding mal anhören, es sind zZ 2 oder 3 Grotrian 140 auf dem Markt. Ich hatte ein Bechstein 12N gleichzeitig zu Hause, frisch aufgearbeitet und mit neuen Baßsaiten. Schon der unbearbeitete Grotrian war viel besser, und das 12N ist wieder verkauft. Teurer Fehler, aber man lernt....)

Für Empfehlungen von Klavierbauern wäre ich sehr dankbar, regional wie auch überregional. Ich bin exakt in der geographischen Mitte von Schleswig-Holstein, zwischen Kiel, Neumünster und Rendsburg.
Oder, anders gefragt: wenn man ein paar Stunden hier im Forum unterwegs ist merkt man bald, dass der leider verstorbene Micha wohl den Maßstab gesetzt hat. Wen würde er empfehlen?

Vielen Dank und beste Grüsse
Andreas
 
apruss

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Moin,
nach langer Pause ein update zum Projekt Förster 1917:
zum Glück habe ich Stefan Schafft in Dannau gefunden, den manche vielleicht als Betreiber der hammerflügel.info Datenbank kennen.
Er hat sich den unbearbeiteten Förster bei mir angehört, hat gutes Potential befunden, und das Gerät zu sich in die Werkstatt geholt.

Strukturelle Schäden gab es keine, Reso-Boden musste nicht bearbeitet werden. Der Plan war also abriggen, saubermachen, neu besaiten, Hammerköpfe und Dämpfung neu befilzen, und die total fehlregulierte Mechanik in die Reihe bringen.

Wir haben auf meinen Wunsch eine neue Hybrid-Besaitung bei Stephen Paulello berechnen lassen. Das Ergebnis führte bei Stefan erst mal zu sehr stark angehobenen Augenbrauen, weil die tiefsten Blanksaiten sehr viel dünner vorgeschlagen waren als üblich. Er hat es trotzdem gemacht, und obwohl das Instrument vorgestern beim Ausprobieren noch nicht ganz fertig war klingt es EXTREM gut. Und dazu muss ich sagen, dass die Erwartungen bei Stefan und mir durchaus sehr hoch waren und somit übertroffen wurden.

Beinahe hätte ich mich gegen die Restauration entschieden, weil mit der alten Besaitung der Bereich der tiefen Blanksaiten dumpf und dröge klang, während der Bass alles überwältigt hat. Jetzt ist alles sehr ausgeglichen, der Übergang vom Bass in den vorher dumpfen Bereich ist exzellent. Die Berechnung von Paulello war nicht billig, aber jeden Euro wert!

Baßsaiten sind von Heller mit Paulello-Kernen, die neuen Hammerfilze sind Abel mittelhart, die finale Regulierung und Intonation ist in Arbeit. Ich bin jetzt sicher dass ich gut investiert habe und freue mich sehr darauf den Förster nach Hause zu holen.
Viele Grüsse,
Andreas
 
apruss

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PS: neue Röllchen haben wir bei Abel auch noch machen lassen....
 
 

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