Kreidlers Protestaktion in Donaueschingen

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partita

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Ihr Lieben,

ich weiß nicht, wer von euch die krasse Protestaktion von Johannes Kreidler im Rahmen des Festivals in Donaueschingen mitbekommen hat, aber sie ist in jedem Fall wissens- und teilenswert:

Kreidlers Protestaktion

Eine echt krasse Protestaktion gegen die Orchester-Fusionierung.
"Dies ist kein Kunstwerk". "Dieses Requiem haben Sie komponiert".
Die Aktion erinnert mich an die Radikalität des jungen Boulez.
Es tut mir im Herzen weh, ein Instrument so zerbersten zu sehen - aber dies war wahrscheinlich genau die Intention. So schrecklich diese Aktion ist, so interessant finde ich sie aber auch gerade deshalb - zumal Kreidler selbst sagt, dass dies "kein Kunstwerk" sei: Er ist sich sicher bewusst, was er da Schreckliches getan hat und genau dieser Schock war seine volle Absicht. So sehr ich den Grundgedanken dahinter nachvollziehen kann - ich hätte es nicht selbst machen können und muss das gerade erstmal verarbeiten.

Ich bitte alle, die antworten werden, das sehr prekäre Thema ernst zu nehmen und die entstehenden - ziemlich sicher sehr gegensätzlichen - Meinungen gegenseitig zu respektieren.

Nachdenkliche Grüße,
Partita
 
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agraffentoni

agraffentoni

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Wo er recht hat, hat er recht!

Toni
 
cwtoons

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Nun interessiert sich Otto Normalverbraucher nicht für die Donaueschinger Musiktage, erst recht nicht für die dort gespielte Musik, auch nicht für den Komponisten und betrachtet eine geplante Orchesterfusion höchstens als gute Methode, um Steuergelder einzusparen. Daran wird die Aktion nichts ändern. Dennoch war es ein gut geplanter und effektvoller Auftritt, hat mir gefallen.

Dieser Kreidler hat jedenfalls originelle Ideen, wie man bei Google schnell erfährt.

Würde mich interessieren, wem die Bratsche und das Cello gehörten. Die Eigentümer haben jetzt einen Ersatzanspruch. Spielen Orchestermusiker immer auf wertvollen - und eigenen - Instrumenten oder waren das 08/15-Billigkisten aus dem Orchesterfundus, sogenannte Funkgeigen? Dann könnte vielleicht Kreidler vorher dem Eigentümer die Dinger abgekauft haben.


CW
 
Destenay

Destenay

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Liebe Partita,

mit seiner Aktion hat er vollkommen recht. Allerdings ist es nichts neues , dies hatt er übernohmen. Hier ein Link Museum in Casoria bei Neapel verbrennt aus Protest Kunst - SPIEGEL ONLINE.
Kunstwerke oder Instrumente zu zerstören um Aufmerksamkeit zu erwecken, erweckt immer Aufsehen, dies sieht man jetzt bei dir. Keine Angst dies war mit den Musikern besprochen, dieses Cello war nicht viel Wert.
Es darf aber darauf aufmerksam gemacht werden, dass einige sehr bekannte Orchester in Europa in den nächsten 4 Jahren pleite gehen werden, sollte der Staat nicht nicht mehr Unterstützung bieten.
Wir hatten so wie ich mich erinnere schon mal die Diskussion betr.dem Konzertpuplikum, da wurde von alten Reichen gesprochen usw.- die bezahlen ja auch recht Steuern.!
Für manchen Massen Firlefanz werden Unsummen herausgeschmissen:rolleyes::D

Cordialement

Destenay
 
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Gomez de Riquet

Guest
Liebe Partita,

das kann man so machen - man kann's aber auch bleiben lassen.

Was mich an solchen Aktionen stört, ist ihre Harmlosigkeit. Kreidler führt
seine Performance vor den Augen eines für die Untat Verantwortlichen
(Peter Boudgoust) durch, der mit gelangweilter Miene dabeisitzt
und natürlich nicht applaudiert - der Hofnarr vor dem König.
Das längst Beschlossene ist dadurch nicht aufzuhalten,
und der Protest wird durch solche Aktionen kanalisiert.

Letztlich dienen Kreidler, dem Schlingensief unter den Komponisten,
solche Aktionen der Eigenwerbung, der erfolgreichen Selbststilisierung
als 'kritischem' Künstler - der gleichzeitig aufpaßt, daß er dabei nicht
zu Schaden zu kommt: Er hätte ja aus Protest gegen die Fusionspläne
sein in Donaueschingen aufgeführtes Werk "Der 'Weg der Verzweiflung' (Hegel)
ist der chromatische"
zurückziehen und auf die SWR-Knete verzichten können.
Dazu hatte er aber auch keine Lust. Da erschien es ihm ungefährlicher,
ein Sperrholzcello zu zertrümmern.

HG, Gomez

.
 
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pianochris66

pianochris66

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Es ist leider immer so, dass zuerst bei der Kultur gespart wird. In meiner Heimatstadt Viersen geht das z.B. seit Jahren mit dem Jazzfestival, welches durchaus einen internationalen Ruf hat, so. Wenn aber bei einem Projekt wie dem Neubau des Großflughafens Berlin-Brandenburg Milliarden versenkt werden ist man arm aber sexy, der "Wutbürger" und Steuerzahler schluckt es. Ob so eine Cellovernichtung etwas bringt ist mehr als zu bezweifeln, für mich eher ein Akt der Selbstdarstellung.

Gruß
Christian
 
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partita

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Liebe Leute,

ich bin sehr müde nach einem langen Arbeitstag ohne Zeit für Mittagessen und dafür einer Uraufführung (hab den Klavierpart im Orchester gespielt) und bin daher nicht mehr zu ordentlichen, ausführlichen Statements in der Lage. Aber eins wollte ich kommentieren:

Kunstwerke oder Instrumente zu zerstören um Aufmerksamkeit zu erwecken, erweckt immer Aufsehen, dies sieht man jetzt bei dir. Keine Angst dies war mit den Musikern besprochen, dieses Cello war nicht viel Wert.
Ja, das ist mir soweit alles klar. Was mich aber als Musiker einfach total schmerzt (und da geht es nicht nur mir so), ist nicht der finanzielle Wert des Cellos, sondern die Zerstörung des Cellos an sich. Ich könnte so etwas einem Instrument nicht antun, auch nicht aus ästhetischen Zwecken (z.B. würde ich es nie in ein Stück einkomponieren, ein Instrument zu zerstören!). Das bedeutet nicht, dass ich diese Aktion blöd finde. Im Gegenteil. Ich finde schon, dass er sehr recht hat nicht nur darauf aufmerksam zu machen, sondern sogar auch damit, es auf eine solch schockierende Weise zu tun. Dass es solcher Aktionen bereits genügend gab, schmälert vielleicht den Werbewert für ihn selbst, aber nicht die Tatsache, dass die Cello-Zerstörung an sich Menschen - vor allem wahrscheinlich Musiker - schmerzt. Dass eine Menge Selbstinszenierung dabei ist, ist sicher richtig. Trotzdem eine krasse und irgendwo gute Aktion, wie ich finde.

Gomez' Idee, dass er sein Stück hätte zurückziehen können, wäre natürlich noch besser gewesen (interessant wäre, ob es werbewirksamer gewesen wäre, sein Stück spielen zu lassen oder es eben zurückzuziehen...!).

So, ich muss ins Bett... Morgen nochmal Orchesterkonzert Neue Musik...

Herzliche Grüße,
Partita
 
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partita

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PS: Übrigens war es nicht mein Anliegen mit meinem Beitrag meine eigene Verwirrung und Überlegungen dazu online zu stellen als vielmehr der Wille, diejenigen Leute, die es nicht mitbekommen hatten, darüber zu informieren. Ich finde, so etwas gehört ebenso in ein interessiertes, gebildetes Forum wie Diskussionen um Übetechniken und alles andere.

Herzliche Grüße und gute Nacht,
Partita
 
cwtoons

cwtoons

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dass die Cello-Zerstörung an sich Menschen - vor allem wahrscheinlich Musiker - schmerzt.
Das war ´ne Celloattrappe oder ein Cellofake, wie ja hier mehrfach bemerkt wurde. Wie kann einen die Zerstörung einer rundlichen Holzkiste, die vorgibt, ein Cello zu sein, schmerzen?
Wenn jemand eine falsche Mona Lisa anzündet, kann ich darüber nur anerkennend schmunzeln, Betroffenheit spare ich mir für andere Gelegenheiten auf.

Und darüber hinaus wäre auch die Zerstörung eines echten und vielleicht auch teueren Cellos nur die Vernichtung von geschickt zusammengeklebten Holzbrettchen plus Draht. Das lässt sich ersetzen. Die wahre Wertigkeit eines Instrumentes entsteht durch den Musiker, der es benutzt und nicht durch den Ruf des Herstellers. Da feiern Mythen wie üblich Triumphe.

CW
 
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partita

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Lieber CW,

das mag ja alles sein (Attrappe) und sicherlich hat es für mich natürlich eine ganz andere Dimension als wenn z.B. ein Mensch umgebracht wird - das ist selbstredend klar.

Und darüber hinaus wäre auch die Zerstörung eines echten und vielleicht auch teueren Cellos nur die Vernichtung von geschickt zusammengeklebten Holzbrettchen plus Draht. Das lässt sich ersetzen. Die wahre Wertigkeit eines Instrumentes entsteht durch den Musiker, der es benutzt und nicht durch den Ruf des Herstellers. Da feiern Mythen wie üblich Triumphe.
Da stimme ich allerdings für mich persönlich nicht zu 100% zu - sicherlich bringt der Musiker selbst das Instrument erst zum Erklingen und schreibt ihm seine künstlerische Handschrift ein. Aber wenn man sich einmal anschaut, wieviel Zeit und Arbeit es braucht, um ein gut klingendes Musikinstrument herzustellen, dann ist das auch ein Wert, vor dem ich große Achtung habe.

Generell bin ich wohl ziemlich empfindlich, was das Zerstören von Dingen angeht, die eigentlich nicht dazu gemacht wurden um zerstört zu werden. Daher findet sich bei mir in solch einer Situation immer ein ungutes Gefühl ein. Aber um das nochmal festzustellen, bin ich mit Abstand nicht der einzige Musiker, dem da das Herz blutet.

Ich möchte aber nochmal die Aufmerksamkeit weg von meiner eigenen persönlichen Empfindung lenken und wieder auf die Aktion an sich.

Herzlich,
Partita, die gleich in Gehörbildung geht :)
 
G

Gomez de Riquet

Guest
Ich könnte so etwas einem Instrument nicht antun, auch nicht aus ästhetischen Zwecken
(z.B. würde ich es nie in ein Stück einkomponieren, ein Instrument zu zerstören!).
In der Ikonographie der visuellen Kunst steht die Zerstörung von Musikinstrumenten
(wie Klavier oder Violine) für 'Protest gegen die bürgerliche Hochkultur' oder Protest
gegen das Nischendasein, das die Kunst führt, ihre Abgetrenntheit vom Leben -
also ein Ausdruck der Anti-Kunst, so geschehen in der Wiener Gruppe 1959, oder bei
Philip Corner, George Macunias, Nam June Paik u.v.a. im Zusammenhang mit Fluxus.
Wer's mag, findet hier dazu den rechtfertigenden Kommentar.

Wen die inhärente Biederkeit einer solchen Aktion bzw. ihres Remakes nicht stört -
von der Zerstörung des Instruments zu schweigen -, sehe sich dieses Video an
(es hat keinen Ton).

Hinter den Aktionen steckt im wahrsten Wortsinne Ideologie, falsches Bewußtsein.
Zwei Widersprüche haben diese Anti-Künstler meines Wissens nie reflektiert:
ihre Abhängigkeit von dem zu zerstörenden Objekt - sie zehren vom Nimbus dessen,
was sie zerstören (der Flügel ist berühmter als Paik); ihre Weiterexistenz als Künstler:
Anti-Kunst ist immer Bestandteil der Kunst geblieben, als solche rezipiert worden.
Die Trennung zwischen Kunst und Leben hat keinen dieser Anti-Künstler so geschmerzt,
daß er die Kunst aufgegeben und sich im Leben verloren hätte; im Gegenteil, sie haben
sich von ihrem angeblichen Feind, dem hedonistischen Establishment, als brave Künstler
feiern lassen. Mir fallen nur wenige ein, die sich wirklich aus Überdruß an der Kunst
ins Leben zurückgezogen haben: Rimbaud (wurde Waffenhändler), Rossini (hat gekocht),
Duchamp (hat Schach gespielt), Sibelius (trank finnischen Branntwein),
wobei Rossini und Duchamp heimlich - sozusagen nachts, unter der Bettdecke -
künstlerisch aktiv geblieben sind.

[...] dass er sein Stück hätte zurückziehen können, wäre natürlich noch
besser gewesen (interessant wäre, ob es werbewirksamer gewesen wäre,
sein Stück spielen zu lassen oder es eben zurückzuziehen...!).
Es wäre unspektakulärer und zugleich ehrlich gewesen. Stattdessen hat Kreidler
kurz mal in die Hand gebissen, von der er sich füttern läßt.

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