J.S. Bach Contrapunctus XIV (Kunst der Fuge) - weiteres Vorgehen?

DonBos

DonBos

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Hallo zusammen,

ich war mir nicht sicher, ob ich mein Anliegen unter der Kategorie "Klavierspielen & Klavierüben" oder hier unter "Einspielungen unserer Forum-Mitglieder" veröffentlichen soll. Aber jedenfalls geht es mir um Folgendes: Ich übe seit einiger Zeit am unvollendeten Contrapunctus XIV aus der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach und dieses Werk ist für mich schon ein gewaltiger herausfordernder Brocken. Mittlerweile bin ich auf einem Übestand, zu dem ich immerhin die Töne recht zuverlässig treffe (bis auf zwei oder drei noch etwas unsichere Stellen). Aber ich komme so langsam auf einen Punkt zu, wo ich nicht weiß, wie ich meine nächsten Übeschritte angehen soll. Ich höre selbst, dass ich noch weit davon entfernt bin, dass das Stück so klingt, wie ich es haben will, aber ich weiß nicht, wie ich zum Ziel kommen könnte. Einen Klavierlehrer habe ich ja leider nicht, deshalb wäre ich dankbar, wenn ihr mir jedwede Übe- und Verbesserungsvorschläge hier niederschreibt, die euch einfallen, ausgehend von meinem aktuellen Stand (siehe Youtube-Link weiter unten).

Mir ist bewusst, dass ich zum einen die Noten auswendig lernen sollte (nicht nur, um das Blättern überflüssig zu machen, sondern auch um mich besser auf die Musik konzentrieren zu können anstatt auf das Papier). Mir ist weiterhin bewusst, dass ich dazu neige, bei diesem Stück das Tempo unglaublich anzuziehen. Und die falschen Töne, die aus ausmerzbaren Unsicherheiten resultieren, sind mir auch bewusst. Aber abgesehen davon, weiß ich eben zurzeit nicht wirklich weiter :confused:

Hier also mein aktueller Übestand, so weit die Qualität der Aufnahmetechnik überhaupt irgendwelche musikalischen Verbesserungsvorschläge zulässt:
http://www.youtube.com/watch?v=r4cny0z1B9w
 
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C

chiarina

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Lieber Don Bos,

könnte es sein, dass du eher die achtzehnte Fuge spielst und nicht die vierzehnte (oder sind meine Kenntnisse der römischen Zahlen schon so verkümmert?)? :p

Da ich die Fuge nicht sonderlich kenne, musste ich nämlich mal in die Noten schauen.

http://petrucci.mus.auth.gr/imglnks/usimg/e/eb/IMSLP35218-PMLP05843-Bach_-_Art_of_Fugue.pdf

Ich konnte mir bisher nur ein paar Ausschnitte deiner Aufnahme anhören und müsste selbst erst einmal die Fuge studieren, bevor ich Genaueres sagen könnte. Nur soviel: du spielst schön und hörst die Stimmen gut heraus. Mir fehlt aber die Übersicht über die große Form - man verliert als Hörer irgendwann den Zusammenhang und den großen Bogen. Um die große Struktur deutlicher zu machen, könntest du dynamisch noch erheblich mutiger sein und vor allem in den wirklich leisen Bereich vordringen! Sowohl in einzelnen Stimmen als auch in einzelnen Teilen. Sonst ist alles zu gleich. Man könnte dazu auch noch unterschiedlicher artikulieren. Und wenn ich das sagen darf: ich würde versuchen, mit dem Rumpf ruhig zu sitzen. Du arbeitest zu viel mit dem Körper die Details heraus, was zu Lasten des großen Bogens geht. Die Details sollten hörbar sein, aber im Gesamtzusammenhang den Stellenwert bekommen, der ihnen zusteht. Bei größeren Körperbewegungen bekommen oft diese kleinen, aber schönen Details zuviel Gewicht im wahrsten Sinne des Wortes und das stört dann den eigentlichen Spannungsbogen. Ich meine dabei die Bewegungen des Rumpfes, die bei dir recht groß sind.

Mir gefällt, wie du spielst: mit Klangsinn und Musikalität - also schon mal Hut ab!!! Ich find's auch toll, dass jemand sich für eine solche Fuge begeistert!!!

Liebe Grüße

chiarina
 
G

gubu

Guest
....Es ist die 18.

Lieber DonBos,

ich kenne diese Fuge v.a. aus diversen Orgelaufnahmen -als Hörer- ziemlich gut und mag sie sehr. Dein Spiel hat mich , selbst wenn es noch nicht "perfekt" ist, sehr berührt, und das will bei einem abgebrühten alten Sack was heißen :p.

Ich bin mir sicher, dass es lohnt, da noch dran zu arbeiten, und ich wünsche Dir dazu weitere gute Tips von unseren Experten hier.

Es grüßt Dich
gubu
 
DonBos

DonBos

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Zur Frage, ob es die 14. oder 18. Fuge ist und allgemein ein wenig zum Hintergrund des Werks:
Die "Kunst der Fuge" ist leider ein Werk, bei dem vieles nach wie vor recht unklar ist. Weder gibt es von Bach Angaben darüber, für welche Instrumente der Zyklus geschrieben ist, noch gibt es eine eindeutige zweifelsfreie Reihenfolge der Werke. Der gesamte Zyklus enthält folgendes:
a) 13 Contrapuncti. Alle diese 13 Contrapuncti haben das selbe Fugenthema als Basis, wobei es jeweils von Contrapunctus zu Contrapunctus anders variiert wird. Von Contrapunctus 12 und 13 gibt es im Zyklus jeweils zwei Formen: Eine recto und eine inverso, soll heißen diese Stücke liegen je zweimal im ganzen Zyklus vor, wobei die beiden Variationen jeweils vollständige Spiegelungen voneinander sind.
b) 4 zweistimmige Kanons
c) Der unvollendete "Contrapunctus 14" den ich hier gerade spiele/übe. Dieser wurde vom Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel Bach später als "Fuga a 3 soggetti" bezeichnet und oft auch unter diesem "Titel" in Notenausgaben zu finden.

Der Contrapunctus 14 ist im Original eine von Bach unvollendete Tripelfuge, die direkt nach der ersten Engführung aller drei Fugenthemen mitten im Stück abbricht. Das Fugenthema, das allen anderen 13 Contrapuncti zugrunde liegt, ist hier allerdings in keinem der drei Themen der Tripelfuge enthalten.
Das Interessante: Dieses hier nicht auftauchende Hauptthema des Zyklus lässt sich wunderbar mit allen 3 Themen dieser Tripelfuge kombinieren, weshalb die Vermutung nahe liegt, dass der Contrapunctus 14 eigentlich keine Tripelfuge, sondern eine Quadrupelfuge sein müsste, was nur mangels Vollendung des Werks nicht eindeutig ersichtlich ist. Die Engführung aller vier Fugenthemen ist z.B. hier dargestellt:

(Erste Notenzeile = drittes Thema des Contrapunctus XIV, in meiner Aufnahme erstmals bei Minute 7:05 auftretend. Zweite Notenzeile = zweites Thema des Contrapunctus XIV, in meiner Aufnahme erstmals bei Minute 4:28 auftretend. Dritte Zeile = Hauptthema der anderen 13 Contrapuncti der "Kunst der Fuge". Vierte Zeile = erstes Thema des Contrapunctus XIV, welches über beachtliche 114 Takte das einzige überhaupt auftretende Fugenthema ist).

Die meisten Vollendungsversuche dieser Fuge (von denen es wohl sehr viele gibt), basieren auf dieser Annahme, dass eben diese Kombination aller vier Themen bereits von Bach geplant war und folglich auch gegen Ende der Fuge zwingend auftreten muss - nicht zuletzt, weil ohne dieses "fehlende vierte Thema" der Bezug des Contrapunctus 14 zum Rest der "Kunst der Fuge" fehlt.

Es ist anscheinend nicht klar, ob Bach den Contrapunctus 14 im Zyklus vor die vier Kanons oder hinter die vier Kanons setzen wollte. Stellt man den Contrapunctus 14 hinter die vier Kanons, so ergibt sich bei konsequenter Zählung natürlich die fortlaufende "Nummer 18" für diese Tripel-/Quadrupelfuge. Nichtsdestotrotz ist die Bezeichnung "Contrapunctus XIV" gang und gäbe, denn die 4 dazwischengeschobenen Kanons sind ja keine Contrapuncti, sondern eben Kanons.

Viele offene Fragen gibt es also bei diesem Zyklus, was die Interpretation auch nicht unbedingt einfacher macht. Auch wenn ich selbst in meiner aktuellen Übeaufnahme nur das unvollendete Original von Bach spiele, habe ich die Noten einer Vollendung von Zoltan Göncz hier, die im weiteren Verlauf das Werk zur erwähnten Quadrupelfuge weiterführt. Aber an diese Vollendung der Quadrupelfuge wage ich mich erst heran, wenn ich das unvollendete Bach'sche Original halbwegs beherrsche.

Zu euren Anmerkungen, chiarina und gubu:

Zunächst freut es mich, dass euch auch das bei weitem noch "unperfekte" Spiel bereits gut gefällt bzw. sogar berührt (gubu). Um so motivierender ist es für mich, daran weiterzuarbeiten, denn auf ganz dem falschen Weg scheine ich dann wohl nicht zu sein. Und diese Fuge ist einfach eines der faszinierendsten Werke, die ich von Bach kenne!

Zu chiarinas Anmerkung mit der "fehlenden Übersicht über die große Form": Da hast du absolut recht, chiarina. Die große Form herauszuarbeiten, fällt mir hier noch unglaublich schwer. Es ist auch möglich, dass die großen Oberkörperbewegungen da mit schuldig sind. Diese mache ich allerdings absolut unbewusst. Wenn ich spiele, dann bemerke ich gar nicht, wie ich da mit meinem Oberkörper vor den Tasten herumrudere. Und genau deshalb ist es auch schwierig, diese Bewegungen einzuschränken oder zu unterbinden. Der Kopf ist einfach überall, aber nicht bei der Bewegung des Oberkörpers. Gibt es da gute Tricks, wie man diese "Macke" los wird?

Die Dynamik, die hier noch "zu gleichartig" rüberkommt, ist auch ein Stück weit dem Mikrofon meiner Digitalkamera geschuldet. Zum Beispiel spiele ich den Anfang der ersten Teilfuge und den Anfang der dritten Teilfuge (7:05 im Video) sehr viel leiser, als es im Video rüberkommt. Im Video wirkt es ja so, als würde ich nie leiser als mezzoforte spielen. In der Tat ist der Anfang z.B. ein ganz zerbrechliches pianissimo, welches sich erst ganz ganz langsam steigert. Im Video ist da das Hintergrundrauschen der Kamera ein Hinweis. Je lauter das Rauschen ist, desto leiser spiele ich gerade :-)
Aber all das soll nicht als Ausrede herhalten. Denn auch, wenn ich bereits viel deutlichere dynamische Unterschiede herausarbeite, als im Video hörbar ist, besteht da bei mir in der Tat noch einiges an Verbesserungsbedarf. Vor allem auch in der Abstufung zwischen den einzelnen Stimmen. Die auftretenden Fugenthemen arbeite ich zwar meist recht deutlich heraus, aber die anderen drei Stimmen versinken währenddessen gerne in einer einheitlichen Dynamik. Und das ist auf Dauer dann wohl irgendwie eher ziemlich langweilig und macht die ohnehin komplizierte Architektur der Fuge auch nicht unbedingt durchschaubarer für den Hörer.
 
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Mindenblues

Mindenblues

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Will auch noch kurz meinen Senf dazugeben.

Vorneweg, mir gefällt dein Spiel sehr gut. Du spielst sehr musikalisch, mit viel Gefühl. Kompliment!

Weiteres Vorgehen? Mir fallen als erstes ganz profane Dinge ein:
Ich bin mir sicher, nicht nur ich, auch andere Leute hören dir gerne dazu, das ist ja schließlich der Hauptsinn - Leute zu erfreuen.
Aber diese Notenumblätterpausen und Verspieler im Zuge des Blätterns nerven. Also solltest du als erstes entweder einen professionellen Notenumblätterer einstellen:D, oder falls sich deine Freundin nicht auf Abruf zu jeder Tages- und Nachtzeit dazu bereitfinden sollte, es dann so machen wie ich: Den Kram kopieren, Seiten über/nebeneinander.
Es gibt 100 kreative Möglichkeiten, den Notenkram so zu gestalten, OHNE Umblätterer auszukommen (wäre ein eigenes Fadenthema wert, mache ich vielleicht auf).

Es klingt für mich schon so, als würdest du schön dynamisch spielen, aber dein Handy macht da viel kaputt:o. Gönne doch bitte dir und vor allem uns das Vergnügen, und schaff dir, wenn es irgend geht, ein gutes Aufnahmeteil an, wie z.B. Zoom H4n oder ähnlich. Es ist das Geld wert, weil du viele Jahre Freude dran hast, und wir auch! :D
So ein Teil ist auch erstaunlich unbestechlich, was die Überprüfung des eigenen Spiels angeht, finde ich.

Kann nur sagen, weiter so, am besten die Kunst der Fuge von vorne bis hinten! :klavier:
 
DonBos

DonBos

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Hallo Mindenblues,

danke für deine Antwort, die ich gerade eben erst gelesen habe. Ebenfalls danke für das Kompliment!

Zum Notenblätterproblem: Die Fuge bekomme ich bisher leider noch nicht in den Kopf hinein (wobei DAS wohl einer der wichtigsten Schritte zum weiteren Vorgehen wäre...). Also muss ich wohl wirklich kreativ zusammengesetzte Notenseiten basteln (damit habe ich aus diversen Chorbegleitprojekten schon Erfahrung) oder einen Blätterer engagieren. Freundin ist weder vorhanden, noch in Planung. Von daher muss da wohl jemand anderes herhalten. :D
Aber natürlich hast du vollkommen Recht. Das Blättern in meinen Videos ist ein Ärgernis. Es nimmt sowohl den Hörfluss als auch den Spielfluss heraus.

Das ZoomH4N oder ein ähnliches Zoom werde ich mir früher oder später auf jeden Fall gönnen. Damit liebäugele ich nämlich auch schon lange, weil mir der Sound der Digitalkamera auch nur sehr unzureichend gefällt. Man kann zwar einiges erahnen, aber das ist dann schon alles. (vgl. chiarinas Kommentar zur Dynamik).

Die ganze Kunst der Fuge von vorne bis hinten werde ich wohl nicht spielen. Wenngleich ich mir mit dem Contrapunctus XIV wohl so mehr oder weniger das schwierigste Stück des gesamten Zyklus ausgesucht habe (aber dafür auch das meiner Meinung nach spannendste).
 
 

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