Honorar an privaten Musikschulen & Anteil, der bei der Schule bleibt

Piano.Pianissimo

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Liebe Musiklehrerkollegen,

da eine Recherche im Internet zu diesem Thema zu keinen Ergebnissen geführt hat (offenbar ist diese Frage selbst für Google zu speziell - das will was heißen...), starte ich hier mal eine Diskussion dazu.

Ich bin seit 2009 an einer privaten Musikschule als freiberuflicher Klavier- und Akkordeonlehrer tätig. Private Musikschule heißt ja immer, daß von der Schulleitung immer ein Teil dessen, was die Schüler für den Unterricht bezahlen, einbehalten wird und unter dem undurchsichtigen Begriff "Betriebskosten" etc. verbucht wird, da die Schule ja Unterrichtsräume und Instrumente bereitstellen muß.

An der Schule, an der ich tätig bin, zahlen die Schüler für Einzelunterricht 30 min./Woche monatlich 71 €, für 45 min./Woche monatlich 97 €. Der Lehrer erhält entsprechend 46 € bzw. 64,50 €, also rund 2/3. Ich habe dort ca. 20 Schüler an 2,5 Nachmittagen (nur deshalb mach' ich das auch noch, weil am Ende noch was 'rumkommt, sonst hätte ich längst das Handtuch geworfen, solche Dumpinghonorare sind ja eigentlich nichts als eine Schande!). Die Honorare wurden dabei 2010 für den Einzelunterricht sogar etwas abgesenkt (!!), für den Gruppenunterricht erhöht, und 2018 wurde alle Beträge wieder um 5 % erhöht, sodaß man für den Einzelunterricht heute kaum mehr als vor 10 Jahren erhält! :013:

Neulich hatte ich den Schulleiter angefragt, einen geringen Geldbetrag, der mir für zusätzlichen Unterrichtsaufwand entstanden war, zu übernehmen, was von diesem jedoch in recht überheblicher Art weggebügelt wurde, so etwa im Sinne von "nur, weil ich 1/3 des Geldes behalte, heißt das noch lange nicht, daß ich für irgendwelche Zusatzkosten aufkomme" :010: und "meine Einkünfte [er unterrichtet selbst an seiner eigenen Musikschule] erwirtschafte ich nur durch meinen eigenen Unterricht, der Rest geht alles für die Raummieten usw. drauf". Das glaube ich ihm allerdings nicht. Als Unterrichtsräume dienen bspw. keine Ladenflächen, sondern Räume in Schul- und Gemeindehäusern der umliegenden Ortschaften (die Schule ist dezentral organisiert). Die dort anfallende Nutzungsgebühr ist i. a. deutlich niedriger als fest angemietete Geschäfts- oder Büroflächen. Und wenn der Schulleiter sich dann vor kurzem einen neuen SUV zugelegt hat und gerade sein 2. Einfamilienhaus baut, dann ist da irgendwas faul dran. :018: Seine eigenen Schüler können soviel nicht abwerfen, daß er sich all das leisten oder zumindest abzahlen könnte.

Fragen:

1.) wie sehen bei euch die Lehrerhonorare und der Anteil aus, der von der Schule einbehalten wird?
2.) Gibt es private Musikschulen, bei denen der Lehrer den vollen Schülerbeitrag erhält und dann nachträglich an die Schule anteilig einen Beitrag für die Raumnutzung bezahlen muß? Das könnte gerechter sein!
3.) Wie bewertet ihr die oben geschilderte Situation? Könnte man da ggf. sogar rechtlich dagegen vorgehen oder sollte man sich mit den anderen Lehrern solidarisieren und sich zur Wehr setzen?
4.) Inbesondere wäre interessant, wenn sich hierzu ein Privatmusikschulleiter selbst zu Wort melden würde!

Schon mal danke im voraus für Antworten und eine hoffentlich rege Diskussion!
Beste Grüße
Piano.Pianissimo
 
Peter

Peter

Bechsteinfan
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Wie bewertet ihr die oben geschilderte Situation?
Genau so:
solche Dumpinghonorare sind ja eigentlich nichts als eine Schande
Du musst Dich fragen, warum Du das seit mehr als 10 Jahren unterstützt*

Offensichtlich gibt es keine Tarifpflicht für private Musikschulen. Selbst die 97,-€ liegen ja schon weit darunter, entsprechen allerdings dem Markt, der durch Förderung von öffentlichen Schulen** ziemlich verzerrt ist.


*) Es steht Dir doch frei, selbst Instrumente und Räume zu besorgen sowie Schüler und Lehrer zu für Dich fairen Bedingungen zu akquirieren. Ob ein für Dich erfolgreiches Geschäftsmodell am Ende "gerechter" wäre, wage ich zu bezweifeln.

**) die ich dennoch begrüße
 
thomas 1966

thomas 1966

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Wie bewertet ihr die oben geschilderte Situation?
Der Schulleiter betreibt ein funktionierendes (und für ihn lukratives) Schulmodell. Bei diesen Honoraren gibt es Schüler, die das Angebot in Anspruch nehmen und Lehrer, die für das gebotene Honorar unterrichten.

Er hält die Ausgaben in Grenzen. Die beschriebene dezentrale Organisation ist anscheinend wirtschaftlicher aber möglicherweise aufwändiger als die Miete eines einzigen Gebäudes. Wenn dadurch für den Betreiber der Schule ein höherer Gewinn abfällt, dann macht er das gut.

Zu deiner Position in dieser Konstellation: Wenn die Tätigkeit Sinn ergibt und Freude macht, das dafür bezahlte Honorar in Ordnung ist, dann mach weiter. Wenn das nicht gegeben ist, verstehe ich nicht, wie man etwas über zehn Jahre lang machen kann ohne nach Alternativen zu suchen.

Von außen gesehen scheint Neid eine Rolle zu spielen. Denk darüber nach, selber so ein Schulmodell zu gestalten aber 'gerecht'. Würde das funktionieren? Was hält dich davon ab?
 
hasenbein

hasenbein

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Solange es ausreichend Musiker gibt, die solche Jobs annehmen - weil sie sich nicht der Tatsache stellen wollen, dass sie nicht gut genug und/oder nicht geschäftstüchtig genug sind und daher eigentlich besser daran täten, ihre Brötchen zumindest teilweise in anderen Metiers zu verdienen - wird es auch solche "Dumpinghonorare" geben.

Also letztlich ein paradoxes Phänomen: Leute sind sich nicht zu schade für so etwas, weil sie sich für etwas anderes zu schade sind...
 
Drahtkommode

Drahtkommode

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Simple Sache: Angebot (zahlreiche Absolventen von Musikhochschulen, die nicht ganz das Weltklasseniveau schaffen) und Nachfrage (zwar relativ konstant im Bildungsbürgertum, das aber eher dünner zu werden scheint). Und natürlich kann sich nicht jeder Mensch (Satire an) ohne eine vernünftige Berufsausbildung (Satire aus) erlauben, ohne Einkommen aus Arbeit zu leben.
 
J

jensen1

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Das Problem ist die Betrachtungsweise nach derzeitig verbreitetem sozialistischem Zeitgeist:
- mir steht etwas zu
- alles muss gerecht sein
- Unternehmer sind alle schlecht
- passiv bleiben, sich beklagen

Realität:
- dir steht überhaupt nix zu, außer du erarbeitest dir diese Position
- das Leben ist ungerecht
- ohne Unternehmer nicht die vielen Waren und Dienstleistungen
- werde aktiv, weil niemand sonst für dich aktiv werden wird

Kein Unternehmer beschäftigt Mitarbeiter, aus reiner Menschenliebe. Es gibt Unternehmer, die sehr gut für ihre Mitarbeiter sorgen, aber am Ende des Tages muss jeder Mitarbeiter das erwirtschaften, was er kostet, plus einen Gewinn. So funktionieren Unternehmen. Den Gewinn bekommt der Unternehmer und er behält ihn oder teilt ihn mit seinen Kapitalgebern.

Dafür trägt er auch das Risiko für die Unternehmung. Was Leute sehen ist immer nur das was von außen zu sehen ist. Hier: Das Eigenheim und das SUV. Was an Arbeit in dem Unternehmen steckt, weiß keiner der von außen auf die Sache guckt, das weiß nur der Unternehmer selbst und er ist darüber auch niemandem Rechenschaft schuldig.

Für dich als Honorarlehrer ist die Arbeit an einer privaten Musikschule die schlechteste Variante von allen. Die private Musikschule steht in Konkurrenz zu kommunalen Musikschulen, dh. sie wird am Markt keine höheren Unterrichtsgebühren durchsetzen können als die kommunale Musikschule, die jedoch durch Zuschüsse gefördert wird. Du bekommst in der Folge weniger Geld, als eine Honorarkraft an einer kommunalen Musikschule.

Als Musiklehrer gut zu leben ist unter folgenden Bedingungen möglich: Festanstellung an einer kommunalen Musikschule, oder privater Unterricht mit Vertrag und monatlichen Abschlagszahlungen als Solo-Selbständiger. Im letztgenannten Fall bist du dann selbst der Unternehmer und musst dich um Kundenakquise, Abrechnung, Ärger mit Finanzamt usw. selbst kümmern.

Wenn dein Ziel ist, reich zu werden, dann wäre es sehr gut, noch andere Tätigkeitsfelder auszuprobieren. Nur sehr wenige Menschen werden mit Musikunterricht reich (relativ). Das sind besonders gefragte Experten, international erfolgreiche Musiker, und auch an Hochschulen oder Konservatorien angestellte Lehrer können gute Privathonorare verlangen.

Und noch was: sei nicht so nett, zehn Jahre für dasselbe Geld zu arbeiten! Durch die Inflation hast du jedes Jahr weniger an Kaufkraft.
https://www.welt.de/kmpkt/article18...te-Menschen-haeufig-nur-wenig-Geld-haben.html
 
Stilblüte

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Mir wurde vor einigen Jahren so eine Stelle angeboten. Ich glaube, damals waren die Zahlen noch unverschämter - eigene Fahrtkosten in eine andere Stadt und dann ca. 50€ pro Monat für wöchentlich 45 Minuten Unterricht. Grund: Mehr können sie nicht zahlen.
Da würde ich doch glatt sagen: Dann mach keine Musikschule auf.

Ich kenne einige Klavierlehrer mit mehr Nachfrage als Angebot, die könnten alle "leicht" eine private Musikschule gründen, Unterricht "auslagern" und Provision einstreichen. Aber das ist unanständig, denn sie würden dafür nur eine unechte Gegenleistung bringen: Ihr Name, Reputation, Bekanntheit oder was auch immer zieht Schüler an, und diese Bekanntheit wird an (warum auch immer) weniger gefragte Lehrer weiterverkauft. Bis zu einem Gewissen Grad kann ich die Idee verstehen, obwohl ich noch nie irgendeine Gegenleistung für das Weiterempfehlen eines Schülers verlangt oder bezahlt habe. Aber der monatliche Abschlag steht in keinem Verhältnis zur Leistung, die die "Musikschule" der Lehrkraft gegenüber erbringt, das ist nämlich meistens gar keine. Wäre man angestellt, sähe die Sache natürlich anders aus.

Als Honorarkraft hat man nur Nachteile. Das kann man eigentlich nur dann in Erwägung ziehen, wenn man keine Chance sieht, sich selbst einen Unterrichtsraum zu organisieren oder Schüler zu finden, oder wenn man kurzfristig sofort Geld braucht - oder wenn man keine Lust zum Organisieren hat und mit seinem geringen Honorar zufrieden ist.

Ich würde soweit gehen und sagen: Wer als Honorarkraft arbeitet, unterstützt dieses ausnutzende System. Mir ist klar, dass mancher darauf angewiesen sind und man da nicht so ganz leicht rauskommt. Aber das steht nicht im Widerspruch zueinander, denn das Problem hat keine triviale Lösung. In der Arbeitspolitik bewegt sich im Moment einfach vieles auf einem arbeitnehmerunfreundlichen Weg.
 
mick

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In der Arbeitspolitik bewegt sich im Moment einfach vieles auf einem arbeitnehmerunfreundlichen Weg.
Das kann man so und so sehen. Gerade weil das Arbeitsrecht so arbeitnehmerfreundlich ist, kann man Angestellte in Deutschland im Zweifelsfall kaum wieder entlassen. Da kann ich in gewisser Weise verstehen, dass so mancher private Musikschulbetreiber Festanstellungen scheut wie der Teufel das Weihwasser. Wenn ein angestellter Lehrer irgendwann aus Frust nur noch 08/15-Unterricht macht und die Schüler da nicht mehr hinwollen, dann kann das für den Musikschulbetreiber schnell im Ruin enden.

Sinnvoll wäre vielleicht ein Verbot von Honorarverträgen bei gleichzeitiger Lockerung des Kündigungsschutzes.

Und zu allererst sollten mal die staatlichen Arbeitgeber von ihren elenden Honorarverträgen wegkommen!
 
Stilblüte

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Und zu allererst sollten mal die staatlichen Arbeitgeber von ihren elenden Honorarverträgen wegkommen!
Richtig, das ist in der Tat eine Schande.
Dein Argument bezüglich Kündigungsschutz verstehe ich. Ich ärgere mich auch maßlos, wenn Menschen ihre Unkündbarkeit ausnutzen bzw. der Arbeitgeber oder das Umfeld unter Unfähigkeit leiden. Aber das sind zwei verschiedene Baustellen. Und wenn ich die Bedingungen in Deutschland mit denen in den USA vergleiche, ziehe ich Deutschland doch eindeutig vor.
 
Dorforganistin

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Unkündbar ist relativ. Die Frage ist, wie weit man den Geldbeutel öffnen möchte ;-)
Aber das führt jetzt zu weit.

Ich erinnere mich an Diskussionen in den 1990er Jahren, als eine Dozentin erzählte, dass immer mehr Musikschulen mit Honorarkräften statt mit Festangestellten arbeiten würden und dass wir uns nicht auf solche Konstrukte einlassen sollten. So neu ist diese Vorgehensweise wohl nicht, aber man sollte sich schon gut überlegen, ob man sich in eine solche Konstellation begeben will.
 

thomas 1966

thomas 1966

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Es wäre ohne Änderung des Gesetztes schon etwas gewonnen, wenn die Arbeitsgerichte ...
Wozu braucht man da ein Arbeitsgericht? Das Problem verstehe ich grundsätzlich nicht. Ebenso verstehe ich die schriftlichen Verwarnungen nicht. Was macht das für einen Sinn?
Wenn mein Arbeitgeber meine Zeit nicht mehr in Anspruch nehmen will, genügt ein kurzes Gespräch.
 
 

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