German Sixth


David
David
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Hallo,

ich hatte diese Frage zwar schon über Pm geklärt, möchte sie dennoch hier ansprechen.

Wie wird die sogenannte German Sixth gebildet?

Ich bin mir nicht sicher, ob die ganze Kadenz gemeint ist, wie auf S. 232 in Mark Levines Jazz Piano Buch gemeint ist, oder bloß der Akkord.

Dann wäre B7#11/Eb eine German Sixth.
 
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Fred
Guest
Wie wird die sogenannte German Sixth gebildet?

Der German Sixth Chord, auf deutsch übermäßiger Quintsextakkord, bzw. auch verkürzter kleiner Dominantseptnonakkord mit tiefalterierter Quinte im Bass genannt, entwickelte sich aus der Doppeldominante heraus.

Erklärung in C Dur:

Die Doppeldominante in C Dur wäre D7 ( d, f#, a, c). Diese tritt auch häufig als verkürzter kleiner Dominantseptnonakkord auf, das heißt D7 bekommt eine kleine None, deshalb das Wort "kleiner" und der Grundton wird weggelassen, deshalb das Wort "verkürzt". Was bleibt ist ein sogenannter verminderter Septakkord der sich auf der Terz der ursprünglichen Dominante aufbaut. Die Töne wären f#, a, c, eb.
Dieser Dv (= Abkürzung für verkürzter kleiner Dominantseptnonakkord) kann sich einerseits direkt in die Dominante auflösen, andererseits aber auch in den Quartsextvorhalt der Dominante, welcher identisch ist mit der 2. Umkehrung der Tonika (Quartsextakkord).
Die Töne des verm. Septakkordes werden selbstverständlich auf ihren ursprünglichen Grundton (D7) bezogen.
f# = große Terz
a = Quinte
c = Septime
eb = kleine None

Was nun geschieht und stimmführungstechnisch leicht nachvollziehbar ist, ist die Tiefalteration der Quinte. Aus dem Ton a wird somit ein ab.
Wenn man die Linie a ab weiterführt käme als nächster Ton g. Dort angekommen, befindet man sich auf dem Grundton der Dominante welcher ein Teil des vorläufigen Zielakkord darstellt.
Wenn wir also a zu ab tiefalterieren passiert Folgendes mit unserem Akkord:

aus f#, a, c, eb wird f#, ab, c, eb.

Kehrt man nun den Akkord f#, ab, c, eb um, erhält man ab, c, eb, f#. Dies ist der besagte übermäßige Quintsextakkord (= german sixth = verkürzter kleiner Dominantseptnonakkord mit tiefalterierter Quinte). Übermäßig dabei ist natürlich die Sexte. Der Akkord klingt wie ein Dominantseptakkord, verhält sich aber anders, da das f# (enharmonisch umgedeutet stellt es die Septime dar) sich nicht abwärts auflöst, wie man es von einer Dominanteseptime erwartet, sondern ganz conträr aufwärts, und zwar zum g hinstrebend.
Der Auflösungsakkord ist nun nicht G7, wie vermutet, sondern der Quartsextvorhalt der Dominante, welcher identisch ist mit der 2. Umkehrung der Tonika (Quartsextakkord), also C/G.
G7 als Auflösungsakkord kommt aus satztechnischen Gründen (Quintparallelen) nicht in Frage.

Es gibt ausser dem German Sixth noch den French Sixth und den Italian Sixth. Alle 3 haben harmonisch die selbe Funktion und unterscheiden sich nur unwesentlich im Tonmaterial.

German Sixth = ab, c, eb, f#
French Sixth = ab, c, d, f#
Italian Sixth = ab, c, f#


Ich bin mir nicht sicher, ob die ganze Kadenz gemeint ist, wie auf S. 232 in Mark Levines Jazz Piano Buch gemeint ist, oder bloß der Akkord.

Dann wäre B7#11/Eb eine German Sixth.

Levin meint damit ausschließlich die beiden Akkorde im Takt 1, bzw. Takt 3.
Die Kadenz ist allein mit diesen beiden Akkorden allerdings nicht vollständig.
 
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pianomobile
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Ist dieser stufenharmonische Gedankengang richtig ?:
-VI 7 löst sich nach I/V auf
Levines Takte sind tatsächlich etwas verwirrend. Wie würde das Beispiel als vollständige Kadenz aussehen?
 
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Fred
Guest
Ist dieser stufenharmonische Gedankengang richtig ?:
-VI 7 löst sich nach I/V auf

Hallo pianomobile,

Jetzt muss ich kurz nachfragen. Wenn Du -VI7 schreibst, welchen Akkord meinst Du damit? Meinst Du V7/II, also die Sekundärdominante zur II Stufe hin? In C Dur wäre das der Akkord A7. Oder meintest Du subV7/V7, den Tritonusstellvertreter der Doppeldominante. In C Dur wäre das der Akkord Ab7.
Der German Sixth Chord wäre in C Dur natürlich der Akkord Ab7, allerdings werden die Auflösungstendenzen desselben im Jazz anders gehandhabt als in der Klassik.
Wie schon gesagt, aus stimmführungstechnischen Gründen ist in der Klassik eine Weiterführung in den Quartsextvorhalt der Dominante üblich.
Im Jazz hingegen ist eine Auflösung in die Dominante auch durchaus möglich.



Levines Takte sind tatsächlich etwas verwirrend. Wie würde das Beispiel als vollständige Kadenz aussehen?

Nun ja, krass/verwirrend sind die Voicings die er dem German Sixth Chord zuordnet. Er löst diesen direkt in die Tonika auf. Das ist ungewöhnlich. Normal würde man über Quartsextvorhalt der Dominante -> Dominante -> Tonika abkadenzieren.
 
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pianomobile
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Hallo pianomobile,

Oder meintest Du subV7/V7, den Tritonusstellvertreter der Doppeldominante. In C Dur wäre das der Akkord Ab7.
Ja, das meinte ich.
Im Jazz hingegen ist eine Auflösung in die Dominante auch durchaus möglich.
Das wäre aber wohl nichts Anderes, als eine chromatische Rückung vom Substitut der Doppeldominante auf die Dominante?
 
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Fred
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Das wäre aber wohl nichts Anderes, als eine chromatische Rückung vom Substitut der Doppeldominante auf die Dominante?

Ja. Im Jazz ist es bekannterweise üblich von subV/x chromatisch nach unten zu rücken. Kein Problem. Die Klassiker tun sich da aber "schwerer". Bei dieser Stufenbewegen kommt es zu Quint- und Oktavparallelen die es zu vermeiden gilt. Deshalb geht man den Umweg über den Dominantquartsextvorhalt.
Diese Wendung ist übrigens typisch für die Wiener Klassik. Der German Sixth kann auch sehr effektiv bei der Modulation eingesetzt werden indem man ihn enharmonisch umdeutet.
 
klavigen
klavigen
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Geerman Sixth

Der German Sixth Chord, auf deutsch übermäßiger Quintsextakkord, bzw. auch verkürzter kleiner Dominantseptnonakkord mit tiefalterierter Quinte im Bass genannt, entwickelte sich aus der Doppeldominante heraus.

Erklärung in C Dur:

Die Doppeldominante in C Dur wäre D7 ( d, f#, a, c). Diese tritt auch häufig als verkürzter kleiner Dominantseptnonakkord auf, das heißt D7 bekommt eine kleine None, deshalb das Wort "kleiner" und der Grundton wird weggelassen, deshalb das Wort "verkürzt". Was bleibt ist ein sogenannter verminderter Septakkord der sich auf der Terz der ursprünglichen Dominante aufbaut. Die Töne wären f#, a, c, eb.
Dieser Dv (= Abkürzung für verkürzter kleiner Dominantseptnonakkord) kann sich einerseits direkt in die Dominante auflösen, andererseits aber auch in den Quartsextvorhalt der Dominante, welcher identisch ist mit der 2. Umkehrung der Tonika (Quartsextakkord).
Die Töne des verm. Septakkordes werden selbstverständlich auf ihren ursprünglichen Grundton (D7) bezogen.
f# = große Terz
a = Quinte
c = Septime
eb = kleine None

Was nun geschieht und stimmführungstechnisch leicht nachvollziehbar ist, ist die Tiefalteration der Quinte. Aus dem Ton a wird somit ein ab.
Wenn man die Linie a ab weiterführt käme als nächster Ton g. Dort angekommen, befindet man sich auf dem Grundton der Dominante welcher ein Teil des vorläufigen Zielakkord darstellt.
Wenn wir also a zu ab tiefalterieren passiert Folgendes mit unserem Akkord:

aus f#, a, c, eb wird f#, ab, c, eb.

Kehrt man nun den Akkord f#, ab, c, eb um, erhält man ab, c, eb, f#. Dies ist der besagte übermäßige Quintsextakkord (= german sixth = verkürzter kleiner Dominantseptnonakkord mit tiefalterierter Quinte). Übermäßig dabei ist natürlich die Sexte. Der Akkord klingt wie ein Dominantseptakkord, verhält sich aber anders, da das f# (enharmonisch umgedeutet stellt es die Septime dar) sich nicht abwärts auflöst, wie man es von einer Dominanteseptime erwartet, sondern ganz conträr aufwärts, und zwar zum g hinstrebend.
Der Auflösungsakkord ist nun nicht G7, wie vermutet, sondern der Quartsextvorhalt der Dominante, welcher identisch ist mit der 2. Umkehrung der Tonika (Quartsextakkord), also C/G.
G7 als Auflösungsakkord kommt aus satztechnischen Gründen (Quintparallelen) nicht in Frage.

Es gibt ausser dem German Sixth noch den French Sixth und den Italian Sixth. Alle 3 haben harmonisch die selbe Funktion und unterscheiden sich nur unwesentlich im Tonmaterial.

German Sixth = ab, c, eb, f#
French Sixth = ab, c, d, f#
Italian Sixth = ab, c, f#




Levin meint damit ausschließlich die beiden Akkorde im Takt 1, bzw. Takt 3.
Die Kadenz ist allein mit diesen beiden Akkorden allerdings nicht vollständig.

Toll erklärt - für den French Sixth habe ich in Harmonielehre auch die Bezeichnung "Übermässiger Terzquartakkord" gelernt. Ich finde, das passt gut, da die beiden grossen Terzen, die in deinem Beispiel angeführt werden, nämlich ab/c und d/fis dem Klang eine übermässige anmutung geben -
zur direkten Auflösung wollte ich noch anmerken, dass gerade Mozart diese dann auftretenden Quintparallelen häufig benutzt hat (Mozart-Quinten) sodass die Harmonieoberlehrer klein beigeben mussten. Bei den Spätromantikern wie Strauss, Wagner, Reger usw. wird dieser Akkord oft auch in anderem Voicing dargestellt, also nicht mit dwer tielalterierten Quninte im Bass, sodass er sozusagen in Camouflage sich präsentiert und nur von feinen Ohren bemerkt wird.
 
F
Fred
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zur direkten Auflösung wollte ich noch anmerken, dass gerade Mozart diese dann auftretenden Quintparallelen häufig benutzt hat (Mozart-Quinten) sodass die Harmonieoberlehrer klein beigeben mussten.
Hallo Klavigen, interessant was Du da sagst. Ich muss allerdings nun vorausschicken dass ich kein Klassiker bin.
Zu dem Thema "Mozartquinten" weiß ich nur zu berichten, dass besagte Quintparallelen bei Mozart selten vorkamen, da er diese genau durch Zwischenschaltung anderer Funktionen vermieden haben soll. Im Volksmund heißen sie natürlich Mozartquinten. Eine Stelle wo es sich um parallele Quinten handelt findet man in KV 332, I T. 36/37.
Ich glaube dass wenn Du den verkürzten Dominantseptnonentakkordes mit tiefalterierter Quinte direkt in die Dominante weiterführen wolltest, wären in diesem Falle sehr wahrscheinlich Quintparallelen erlaubt, da sie in dieser Situation unumgänglich sind. Mein Ohr gibt mir jedenfalls grünes Licht.


Bei den Spätromantikern wie Strauss, Wagner, Reger usw. wird dieser Akkord oft auch in anderem Voicing dargestellt, also nicht mit der tielalterierten Quinte im Bass, sodass er sozusagen in Camouflage sich präsentiert und nur von feinen Ohren bemerkt wird.

Das klingt hoch interessant. Hast Du dafür ein paar Quellenangaben?
 
klavigen
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Quellenangaben

Bei Gelegenheit gern, aber ich hab viele Stellen im Ohr, da ich, man möge es mir glauben, diese Akkorde, wie auch den Neapolitaner immer sofort während des Hörens bemerke und als solche identifiziere.

Bevor ich jetzt die PArtituren durchwälze ein kleines Notenbeispiel:

In vielen Werken, vor allem bei Wagner finden wir in unterschiedlichen Tonarten diese Fortschreitung:

der Akkord f,h,des,as löst sich in den Sextakkord von C-dur auf e,c,g wobei c verdoppelt ist weil sich h und des beide nach c auflösen.

Der Akkord wird üblicherweise des,h,f,as gespielt und löst sich nach c,c1,e,g auf und so ist er leichter zu hören und zu erkennen. In der oberen Setzweise scheint er sich seiner Identifikation mehr zu widersetzen. Des ist hier bei beiden Beispielen die tiefalterierte Quinte der Dominante auf G, welcher Ton natürlich weggelassen wird, da wir es ja strenggenommen mit einem verkürzten Dominantseptnonakkord mit tief alterierter Quinte zu tun haben
 
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Fred
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...der Akkord f,h,des,as löst sich in den Sextakkord von C-dur auf e,c,g wobei c verdoppelt ist weil sich h und des beide nach c auflösen.
Der Akkord wird üblicherweise des,h,f,as gespielt und löst sich nach c,c1,e,g auf und so ist er leichter zu hören und zu erkennen. In der oberen Setzweise scheint er sich seiner Identifikation mehr zu widersetzen. Des ist hier bei beiden Beispielen die tiefalterierte Quinte der Dominante auf G, welcher Ton natürlich weggelassen wird, da wir es ja strenggenommen mit einem verkürzten Dominantseptnonakkord mit tief alterierter Quinte zu tun haben

Danke für Deine Antwort. Das was Du schreibst ist verständlich. Wenn Du den Sekundakkord in weiter Lage, wir Jazzer sagen dazu Drop2, als Ausgangsposition des kleinen verkürzten Dominantseptnonakkord mit verminderter Quinte nimmst, ändert das ja nichts an der Stimmführung, beziehungweise bleiben die Auflösungstendenz identisch. Gut, es ist eine Art Camouflage. Ich dachte aber vielmehr an zusätzliche Alterationen als Du von Camouflage sprachst. Aber trotzdem vielen Dank.
 
klavigen
klavigen
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Hi Fred,

deine Idee mit den zusätzlichen Alterationen gibt es sicher auch, würde mich Wundern, wenn das den Klangmeistern nicht auch eingefallen wäre. Man muss eben nachprüfen, ob dann der Funktionsbezug noch erhalten bleibt.

Die von mir beschrieben "harmlose" Camouflage ist immerhin Verkleidung genug, damit sie ein Grossteil der Höhrer vielleicht fühlt aber nicht relaisiert.
 

David
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Kleine Frage am Rande:

ist es auch eine German Sixth Kadenz, wenn ich folgende Töne spiele:

linke Hand: ab-f; rechte Hand: ab-b-d; und dann nach Ab maj7 auflöse?
 
 

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