Gehört ein Flügel zum Sinfonieorchester?

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Tastenscherge

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Gerade rief mich ein Bekannter an und stellte mir diese Frage. Hintergrund: in einer Quizsendung wurde gefragt: welches Instrument eines Sinfonieorchesters hat die meisten Saiten? Als richtige Antwort wurde die Harfe gewertet. Die hat aber definitiv weniger Saiten als ein Flügel. Also kann sich das ja nur daraus erklären, dass ein Flügel nicht zum Sinfonieorchester gehört, oder? Andere Erklärung natürlich: die Redaktion hat sich geirrt.
 
Rheinkultur

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Also kann sich das ja nur daraus erklären, dass ein Flügel nicht zum Sinfonieorchester gehört, oder?
Das ist tatsächlich so - und ein Blick auf die in der Literatur verbreiteten Orchesterbesetzungen bestätigt das. Während zum vorklassischen "Orchester"-Apparat das Tasteninstrument als Continuo sehr wohl gehört und die Funktion des instrumentlos vor dem Ensemble stehenden Dirigenten so noch nicht existierte, zählt das Klavier nicht zum (spät-)klassischen und zum romantischen Orchester. Die symphonischen Werke von Beethoven bis Brahms enthalten einen solchen Part nicht mehr oder noch nicht. Das änderte sich dann ab dem frühen zwanzigsten Jahrhundert - da waren Reduktionen und Erweiterungen der Ensembleformationen an der Tagesordnung, nachdem bereits in den späten Ausläufern der symphonischen Ära (beispielsweise bei Gustav Mahler und Richard Strauss) Parts für Tasteninstrumente wieder auftauchten. Die Berufsorchester hierzulande besetzen entsprechende Instrumente in der Regel mit für die Produktion dazu gebuchten Kräften und schaffen dafür eher selten feste Planstellen.

Oft sind solche Parts recht heikel und erfordern neben überdurchschnittlichen Spielfertigkeiten ein präzises Spiel nach Dirigat, was bei so manchem Tastenspieler nicht unbedingt zu seinen künstlerischen Stärken gehört. Kammermusikalische Spielpraxis und eigene Erfahrung in der Leitung von Instrumental- und Vokalensembles erleichtern das Mitatmen und Mitspielen und ausgiebiges Pausenzählen und angespanntes Warten auf den nächsten Einsatz machen auch nicht immer nur Spaß. Im Gegensatz zum solistischen Spiel geben dann andere Takt und Tempo vor - sich darauf einzustellen braucht Einfühlungsvermögen und ebenso Übung wie das Meistern solistischer Aufgaben.

LG von Rheinkultur
 
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Das ist tatsächlich so - und ein Blick auf die in der Literatur verbreiteten Orchesterbesetzungen bestätigt das. Während zum vorklassischen "Orchester"-Apparat das Tasteninstrument als Continuo sehr wohl gehört und die Funktion des instrumentlos vor dem Ensemble stehenden Dirigenten so noch nicht existierte, zählt das Klavier nicht zum (spät-)klassischen und zum romantischen Orchester. Die symphonischen Werke von Beethoven bis Brahms enthalten einen solchen Part nicht mehr oder noch nicht. Das änderte sich dann ab dem frühen zwanzigsten Jahrhundert - da waren Reduktionen und Erweiterungen der Ensembleformationen an der Tagesordnung, nachdem bereits in den späten Ausläufern der symphonischen Ära (beispielsweise bei Gustav Mahler und Richard Strauss) Parts für Tasteninstrumente wieder auftauchten. Die Berufsorchester hierzulande besetzen entsprechende Instrumente in der Regel mit für die Produktion dazu gebuchten Kräften und schaffen dafür eher selten feste Planstellen.

Oft sind solche Parts recht heikel und erfordern neben überdurchschnittlichen Spielfertigkeiten ein präzises Spiel nach Dirigat, was bei so manchem Tastenspieler nicht unbedingt zu seinen künstlerischen Stärken gehört. Kammermusikalische Spielpraxis und eigene Erfahrung in der Leitung von Instrumental- und Vokalensembles erleichtern das Mitatmen und Mitspielen und ausgiebiges Pausenzählen und angespanntes Warten auf den nächsten Einsatz machen auch nicht immer nur Spaß. Im Gegensatz zum solistischen Spiel geben dann andere Takt und Tempo vor - sich darauf einzustellen braucht Einfühlungsvermögen und ebenso Übung wie das Meistern solistischer Aufgaben.

LG von Rheinkultur
Trotzdem ist das aber dann doch nicht genau. Sobald es Planstellen gibt, seien die auch noch so selten

http://cso.org/about/performers/chicago-symphony-orchestra/piano/mary_sauer/

Und in der Frage stand ja nicht klassisches oder romantisches Orchester ;)
 
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Trotzdem ist das aber dann doch nicht genau.
Aber es ist der Regelfall, wobei natürlich gilt, dass man in der Regel bei Regeln auch Ausnahmen findet.

Tasteninstrumente im "traditionellen" Orchesterapparat sind ein solcher Sonderfall. Global gesehen ist es so, dass die Sinfonieorchester die Grundlage ihres Repertoires im Musikschaffen von Klassik und Romantik ansiedeln können, wo die Harfe des öfteren anzutreffen ist und das Klavier und/oder die Orgel nur in solistischer Funktion eingesetzt wird. Wenn Orchesterwerke des 20. und 21. Jahrhunderts einen gewichtigen Teil des gespielten Repertoires darstellen, lohnt sich im Einzelfall die Schaffung zusätzlicher Planstellen, um nicht mit wechselnden Aushilfskräften Dauereinsätze bestreiten zu müssen. Feste Zusatzpositionen sind in allen Instrumentengruppen denkbar - nach Bedarf kann das auch ein Spezialist für Tasteninstrumente sein, der neben Klavier weitere verwandte Instrumente (zum Beispiel Celesta) spielen kann. Solche Engagements übernehme ich immer wieder mal aushilfsweise - in einer festen Position stelle ich mir das als eine sehr abwechslungsreiche und interessante Tätigkeit vor. Komponisten wie Respighi, Bartók, Ravel, Strawinsky und viele andere bis zur Gegenwart haben in den Orchesterapparat damit klanglich sehr reizvolle Elemente integriert.

Allerdings sind diese Kompositionen dem Otto-Normalverbraucher und Otto-Normalhörer weniger geläufig als das schon erwähnte Traditionsrepertoire. Und in den Sinfonien von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Bruckner, Brahms, Tschaikowsky und weiteren Zeitgenossen sucht man in der Regel vergebens nach einem Klavierpart. Dass es Ausnahmen wie Mendelssohn-Bartholdys Lobgesang-Sinfonie geben kann, steht nicht im Widerspruch zum allerorts verbreiteten Regelfall. Wenn die Existenz von Ausnahmen zum Selektionskriterium für die Formulierung von Rätselfragen würde, bliebe vermutlich fast nichts mehr übrig, womit man überhaupt noch ein Quiz veranstalten könnte... .

LG von Rheinkultur
 
Henry

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Wenn ein Klavier/Flügel im Synphonieorchester mit zum Einsatz kommt, handelt es sich meist um ein Klavierkonzert.

LG
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Wenn ein Klavier/Flügel im Symphonieorchester mit zum Einsatz kommt, handelt es sich meist um ein Klavierkonzert.
Diese beiden Videos verlinke ich, weil die Tastenspieler so aussagekräftig präsentiert werden, dass man sich besonders gut vorstellen kann, wie man einen Flügel als Orchesterinstrument einsetzt:



LG von Rheinkultur
 
 

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