Frederic Rzewski

Dieses Thema im Forum "Werke, Komponisten, Musiker" wurde erstellt von OE1FEU, 28. Juni 2018.

  1. OE1FEU
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    OE1FEU

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    Nachdem zu dem Namen kein einziges Suchergebnis auftaucht, möchte ich einfach mal eine Herzensangelegenheit loswerden.

    Als Pianist habe ich ihn zum ersten Mal 1986 gehört, als er vor einem Studiopublikum im belgischen Fernsehen Beethovens Hammerklaviersonate spielte, und zwar so, dass es mir wirklich nachhaltig in Erinnerung geblieben ist.

    Dass er auch ein Komponist der Extraklasse ist, habe ich erst viel später gemerkt und in den letzten paar Wochen habe ich mich intensiv mit seinen Werken auseinandergesetzt, insbesondere mit seinen 1975 geschriebenen Variationen über "The People United Will Never Be Defeated".

    Ein Werk, dessen Aufführungsdauer bei über einer Stunde liegt und in dem ad libitum dem Interpreten erhebliche Improvisationselemente anempfohlen werden. Als Ausgangsmaterial dient eine komponierte Hymne des chilenischen Pianisten und Komponisten Sergio Ortega, die im Original so klingt:


    View: https://www.youtube.com/watch?v=7F_9FEx7ymg


    Daraus hat Frederic Rzewski eine Klavierbearbeitung gemacht, die dann als thematisches Ur-Element zu seinem Variationenwerk dient:


    View: https://www.youtube.com/watch?v=5-UGSjBUusI


    Rzewski selbst hat dieses Werk mehrfach eingespielt und gottseidank sind mehrere Versionen davon als Video auf Youtube verfügbar:

    1. USA (Miami Piano Festival) NY Steinway D von 2006:

    View: https://www.youtube.com/watch?v=q_mQiL19XmI


    2. Hamburg Steinway C Dublin 2016

    View: https://www.youtube.com/watch?v=st8QlF2LKrU&t=253s


    3. Hamburg Steinway D, Mailand 2016, grausamer Sound der Aufnahmetechnik:

    View: https://www.youtube.com/watch?v=-UPHiYoP0CY


    Rzewskis Pianistik ist atemberaubend, wirklich. Ihn zeichnet aus, komplette Kontrolle über seine Physiognomie am Klavier zu haben, so dass er praktisch ermüdungsfrei die virtuosesten Passagen meistert und einen Klang erzeugt, der einerseits unglaublich massiv, andererseits aber auch geradezu wunderbar schillernde Farben im Pianissimo hat. Als pianistisches Anschauungsmaterial sei jedem Pädagogen die erste Aufnahme empfohlen.

    Nehmt Euch ein schönes Glas Rotwein oder zwei und lasst Euch einfach mal gefangennehmen von unglaublich komplexer Neuer Klaviermusik, die einen mitreißen kann.

    Und wer dann noch mehr hören möchte, dem sei die Aufnahme von Igor Levit empfohlen, der das Variationenwerk als Gesamtkunstwerk zusammen mit den Goldberg- und den Diabelli-Variationen veröffentlich hat. Und zwar auf einem Flügel in einem Saal, bei dem sich klanglich einem die Schuhe ausziehen: Konzertsaal des ehemaligen ostdeutschen Rundfunks in der Nalepastraße in Berlin auf einem wirklich Hübsch präparierten Steinway D.

    Würde mich freuen, wenn der eine oder andere von Euch sich inspiriert sieht, einfach mal den Links zu folgen und einen neuen Komponisten und Pianisten zu entdecken.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 20. Nov. 2018
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  2. pianochris66
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    pianochris66

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    Na ja, einige Treffer gibt es schon über die Suchfunktion im Forum;-). Die Aufnahme von Levit, der die Variationen zusammen mit den Diabelli-Variationen übrigens nächste Woche Samstag in Bad Kissingen spielt:puh:, habe ich auch und höre sie immer wieder mit ganz großen Ohren;-).
    Danke für dieses Thema und die Näherbringung dieses Komponisten und Pianisten.
     
  3. Charis
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    Charis

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  4. OE1FEU
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    OE1FEU

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    Ich habe natürlich die Suchfunktion benutzt, aber zu Rzewski als Pianist findet man nichts, daher der Beitrag.

    Danke für den Hinweis auf Levit in Bad Kissingen. Vermutlich werde ich mir ein Auto mieten und die Reise antreten, weil es das einzige Mal in dieser Saison ist, wo er den Rzewski spielt - und zum jetzigen Zeitpunkt, wo mich dieser Ohrwurm nicht losläßt, muß ich mir das wohl geben.

    In Wien spielt er 'leider nur' die 24 Präludien und Fugen von Shostakovich, wo ich mich schon sehr drauf freue.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2018
  5. OE1FEU
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    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2018
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  6. OE1FEU
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    OE1FEU

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    Frisch digitalisiert, brandneu und bisher unveröffentlicht: Die Fuge aus der eingangs erwähnten Hammerklaviersonate, inklusive Introduktion. Unbedingt mal auf die Pedalisierungskünste in den ersten 2 Minuten lauschen.

    [YT]
    ]View: https://www.youtube.com/watch?v=5KfEevNCFXs[/YT]
     
  7. mick
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    Ich kann deine Begeisterung in diesem Fall nicht teilen. Beethoven hat die Pedalisierung in der Einleitung penibel notiert. Die Haltebögen so zu interpretieren wie Rzewski und sich dabei über Beethovens Pedalvorschrift hinwegzusetzen, ist unter dem Deckmantel künstlerischer Freiheit sicher möglich, aber mir geht das entschieden zu weit. Wenn da fp stünde (wie beispielsweise in der Pathétique), könnte ich diese Effekte noch halbwegs nachvollziehen, aber so?

    Auch die Fuge finde ich höchstens durchschnittlich gespielt. So viele Ungenauigkeiten und Temposchwankungen stören dann doch ein wenig. Auch klanglich ist das alles nicht sehr differenziert, man kann Haupt- und Nebenstimmen oft kaum unterscheiden, was beim Zuhören auf die Dauer recht ermüdend ist. Vielleicht liegt es teilweise auch an der Aufnahme - geschenkt. Ich werde mir das jedenfalls kein zweites Mal anhören.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Aug. 2018
  8. OE1FEU
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    OE1FEU

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    Mußt Du ja auch nicht. Für mich war es eine Rückschau nach über 30 Jahren, nachdem ich das zum ersten Mal sah und ich finde es immer noch spannend.

    Es ist aber vor allem eine Frage der Perspektive. Rzewski ist in allererster Linie schon immer Komponist gewesen und als solcher schon zu Zeiten dieser Aufnahme längst als "wichtig" akzeptiert, immerhin hat er bereits 10 Jahre zuvor die monumentalen Variationen über 'El Pueblo' geschrieben. Als Pianist gibt es ihn vor allem für Musik des 20. Jahrhunderts; er hat Stockhausens 10. Klavierstück uraufgeführt, eng mit Cage, Dallapiccola, Wolff u.v.a. zusammengearbeitet und als Professor für Komposition eine einflußreiche Rolle in der europäischen Musik des 20. Jahrhunderts gespielt.

    Man muß ihn also nicht mit Gulda, Richter oder anderen Meistern der Hammerklaviersonate vergleichen, sondern mit anderen Komponisten seiner Generation - und von denen ist keiner als wirklicher Pianist aktiv gewesen, egal ob Stockhausen, Rihm, Lachenmann oder Ligeti.

    Rzewski sehe ich also eher in der Reihe von Komponisten, die gleichzeitig hervorragende Pianisten waren und nicht nur ihre eigenenen Werke spielten. Im Grunde fand diese Linie mit Rachmaninov seinen Höhepunkt und Abschluß - schon Prokofiev spielte nur seine eigenen Werke, Shostakovich hat nur in jungen Jahren wirklich auf hohem Niveau Klavier gespielt und später nur noch seine eigenen Werke.

    Insofern relativiert sich einfach die Sicht auf Rzewskis Hammerklaviersonate, die er in einer anderen Einspielung noch mit eigenen Improvisationen aufpeppte, ebenso wie die Appassionata. Werktreue war da wohl eher ein untergeordnetes Kriterium.

    Trotzdem, seine Pedaltechnik ist einfach atemberaubend und das hört man auch in den späteren Aufnahmen von El Pueblo und den ensprechenden Spielanweisungen in der Partitur.
     
  9. mick
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    mick

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    Ich kenne nicht wenige zeitgenössische Komponisten, die auch als Interpreten eigener und fremder Werke sehr rege tätig sind: Heinz Holliger, Jörg Widmann, Moritz Eggert, Fazil Say - sogar hier im Forum gibt es ja einen sehr bekannten Pianisten und Komponisten...
     
  10. rolf
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    rolf

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    (1) wer op.106 öffentlich spielt, wird automatisch mit anderen Interpreten verglichen - da genießt niemand Welpen- oder Komponistenschutz ;-)
    (2) das war mit Rachmaninov noch lange nicht zu Ende, oder ist Bernstein kein Komponist und Pianist? (hör dir an, wie er Ravels G-Dur Konzert spielte!)
     
  11. OE1FEU
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    Ich habe explizit von Pianisten, nicht Bläsern, geschrieben und auch explizit von Komponisten aus Rzewskis Generation. Da passen die Gegenbeispiele dann doch nicht.

    Letzten Endes ist es aber auch Wurscht. Rzewski kann sich als Pianist und Komponist profilieren, hat in beiden Metiers ganz eigene und klar definierte Charakteristika, die ich sehr schätze und dessen Werke ich in den letzten Monaten kennengelernt habe, was durchaus eine spannende Erfahrung war, speziell für Soloklavier. Und sein Klavierspiel halte ich für wirklich hochinteressant, aber nein, das muß nicht jedermanns Sache sein.
     
  12. Alter Tastendrücker
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    Alter Tastendrücker

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    Schön, dass man hier Mal was über das vereinigte unbesiegbare Volk von Rzewski lesen kann. Wenn ich 25 Jahre jünger wäre,und etwas Zeit hätte, dann hätte ich es gerne versucht!
    Geniales Stück!!
     
  13. OE1FEU
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    Und ich habe Rzewski am Samstag in der University of Connecticut tatsächlich live gehört. Neben "The people united" spielte er noch die Welturaufführung seines letzten Werkes "Saints and Sinners", sowie eine Bearbeitung für 2 Klaviere vom "Winnsboro Cotton Mill Blues", zusammen mit der Widmungsträgerin Angelina Gadeliya.

    Tags zuvor gab es noch eine Meisterklasse, in der zwei junge Pianistinnen jeweils zwei der Nano-Sonaten spielten und zwei Stücke aus den North American Ballads. Später am Nachmittag gab es noch eine Podiumsdiskussion und anschließend spielte Rzewski noch "Dear Diary", ein fünfteiliges Werk für sprechenden Pianisten mit Texten aus seinen eigenen Notizbüchern.

    Rzewski ist nun 80 Jahre alt und natürlich nicht mehr der Supervirtuose, der sich in der Rasanz mit Levit, Hamelin oder Schumacher messen kann - oder auch will. Weite Passagen waren deutlich langsamer als all seine vorhergenden Einspielungen und auch in Sachen Treffsicherheit mit einigen Einschränkungen verbunden, was allerdings auch an der Blätterin lag, die ihn stellenweise wirklich in den Wahnsinn getrieben hat - zu spät geblättert, einzelne Blätte sind durch die Gegend geflogen. Auch wenn Rzewski das mit einem Lächeln abgetan hat - der Konzentration war es sicherlich nicht zuträglich.

    Dennoch: Für mich war es ein einzigartiges Erlebnis, ihn auch später in gelöster Stimmung in kleiner Runde mit einer Reihe interessanter Anekdoten zu erleben. Ein hochgebildeter Mann mit viel Humor und Erinnerungen an wichtigste Ereignisse im Entstehen von Musik des 20. Jahrhunderts.

    Am 1. Dezember 2018 wird er im Mousonturm in Frankfurt noch einmal "The People United Will Never Be Defeated" spielen. Der alte Steinway B des Veranstalters bleibt dabei in der Abstellkammer, denn freundlicherweise hat sich die Firma Bechstein bereiterklärt, einen 282er zur Verfügung zu stellen und sogar für dieses Konzert ihren Cheftechniker Torben Garlin aus Berlin einzufliegen.

    Vielleicht trifft man sich ja in Frankfurt; so oft dürfte Rzewski nicht mehr mit diesem Stück zu hören sein. Zusätzlich zu "El Pueblo" wird er noch "Dear Diary" als europäische Erstaufführung spielen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Nov. 2018
  14. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    "Dieses Video ist nicht verfügbar"
     
  15. OE1FEU
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    Ja, "The People United" ist lang. Aber auch großartig. Und der eine oder andere wird vielleicht auch Zitate wie diese beiden hier sofort im Stück erkannt haben:


    View: https://www.youtube.com/watch?v=kXSymRTugqk



    View: https://www.youtube.com/watch?v=hAXoGxLx6yk


    Man nennt ihn nicht umsonst "Red Fred".

    Die erste Aufnahme ist übrigens im Konzertsaal des damaligen ostdeutschen Rundfunks in der Berliner Nalepastraße aufgenommen worden. Dort hat Rzewski schon 1960 Sachen aufgeführt und sich mit dem Architekten Gerhard Steinke angefreundet. In diesem Saal ist übrigens auch Igor Levits Aufnahme von "People United" entstanden.