Chopin Präludium 28/4 "Suffocation"


Guendola
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Hat das auf Deutsch auch einen Beinamen?

Hier ist meine Einspielung:

[MP3="http://www.guendola-productions.de/Suffocation_2.mp3"]Chopin Präl. 28/4[/MP3]

Konstruktive Kritik ist erwünscht.

Ich habe die Noten übrigens bei Projekt Mutopia heruntergeladen und dort ist die Verzierung in Takt 15 völlig anders als gewohnt notiert, und zwar als Schleife über der Achtel auf 3, die hier ein Gisis ist. Es ist ja bekannt, daß Chopin seine Musik immer neu interpretierte, vielleicht hat er auch mal alternative Noten geschrieben, oder ist es einfach ein Fehler (was ich stark vermute)? Es klingt nicht uninteressant aber man muß die ganze Stelle anders spielen.
 
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musiküsse
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Hi Guendola,

schön gespielt! Gefällt mir. Aber was ist das nun mit der Verzierung in Takt 16(!)? Kannst Du das evtl mal als Bild hochladen. Ich kann mir grad nichts darunter vorstellen. Es ist ein g auf dem dritten Viertel des Taktes nach der Cadenz, hast Du ja auch so gespielt.

Gruß,
Sascha
 
K
koelnklavier
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Deine Verzierungsvariante in Takt 16 (Doppelschlag auf dem 5. Achtel g2) ist interessant, ich kann sie allerdings in keiner anderen Ausgabe verifizieren. Auch die kritischen Textkommentare geben keine Auskunft, woher diese Lesart stammen könnte.

Ansonsten bin ich immer wieder überrascht, welch differenzierte Klangbalance Du auf Deinem Digitalinstrument erreichen kannst. Auch der agogische Gestus gefällt mir. An ein, zwei Stellen verzögerst Du für meinen Geschmack vielleicht etwas zu abrupt, da klingt es fast so, als ob Du nicht weiter wüßtest. Sehr schön auch die ausgehaltene Stille vor den Schlußakkorden.

So, und jetzt muß mal selbst an die Arbeit gehen.

PS: Ich finde Deine Verzierungsvariante übrigens gar nicht so schlecht. Die originale vermittelt leicht den Charakter, als quäle sich ein armer Tenor mühsam auf den Spitzenton.
 
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Haydnspaß
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Laut meinem Wörterbuch heißt suffocation Ersticken. Ich weiß nicht, wie ich so einen Titel mit diesem Prelude in Einklang bringen könnte. Für mein Gefühl handelt es sich um einen resignativen Trauergesang. Ich würde daher ein deutlich langsameres Tempo nehmen. (Wer hätte das gedacht... :p )
 
Guendola
Guendola
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Einmal bin ich tatsächlich fast steckengeblieben, war klar das man das hört.

Die Verzierung habe ich jetzt als Anhang beigefügt. Ich habe sie vermutlich nicht schulmäßig gespielt.

Was das Tempo betrifft, bin ich zur Zeit sehr variabel und spiele je nach Stimmung Man kann es übrigens auch als Erstickungstod spielen, dann müßte es noch etwas schneller sein, dafür aber ziemlich kurzatmig. Im Moment interessiert mich diese Variante aber nicht so sehr. Falls sich das ändert und ich daran arbeite, mache ich davon auch eine Einspielung.

Ich halte das Stück für die Beschreibung, wie man langsam einer Tatsache ins Auge blickt (hier vermutlich dem Tod), erst etwas distanziert, dann kommen zwei schmerzhafte Erkenntniswellen und zum Schluß die Ruhe der Wahrheit. Resignation kann ich nicht erkennen, eher ein Aufbäumen gegen die Wahrheit, bis dann zum Schluß halt das Einsehen kommt.
 
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J. Gedan
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Das Viertel gisis und der darüber stehende Doppelschlag sind so offensichtlich ein Druckfehler, daß man sich über diese "Variante" keine Gedanken machen muß. Harmonisch macht sie nicht den mindesten Sinn. Da sind dem Notensetzer offensichtlich nur die Zeichen verrutscht und das vielleicht deswegen, weil er die originalen Zeichen nicht versteht -- anders ist ein so dummer Fehler ja kaum erklärbar.
 
M
Melodicus
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Wie sieht diese Stelle denn nun "richtig" aus?

Ich habe an verschiedenen Stellen im Netz gesucht und überall nur die Variante gefunden, die Guendola hier eingestellt hat.

Tolle Interpretation, Guendola!
Da werde ich noch mächtig dran arbeiten müssen, bis es annähernd so gut hinkriege wie du!
 
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Melodicus
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Danke!!!
Jetzt geht mir ein Licht auf.
 
Mindenblues
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Guendola, mir gefällt deine Aufnahme sehr gut! Schön gefühlvoll gespielt und für mein Empfinden mit geschmackvoll dezentem und nicht zu aufdringlichem Rubato. Toll!!!

Gerade bei solchen Stücken, die vermeintlich leicht scheinen von der technischen Seite her, ist man gerne etwas kritischer als wenn man einen hochvirtuosen Klopfer spielt. Also, die eine Stelle mit dem Stocken ist mir auch aufgefallen, aber ansonsten wirklich sehr schön gespielt.

Tempo ist sowas Subjektives, da sollte man jedem das seinige zubilligen, solange es überzeugend dargeboten wird, wie es hier der Fall ist.

Bzgl. Titel zu den einzelnen Preludes, die sind nicht nur nicht von Chopin, er hatte sie auch nicht gebilligt. Es könnte sich hierbei z.B. auch um das Präludium handeln, was G. Sand in ihrem Mallorca-Roman erwähnte (was Chopin ihr in völlig desolaten Zustand unter Tränen vorspielte, während es ununterbrochen geregnet hatte). Es ist nicht verbürgt, dass es 28/15 ist, könnte also auch 28/4, oder womöglich 28/6 sein (obwohl 28/15 für mein Empfinden schon am besten passt zum Regenbild, zumal G. Sand es als "wunderschön" bezeichnete, und da sind mir 28/4 als auch 28/6 doch zu tieftraurig).

Dieses Prelude wurde übrigens zusammen mit 28/6 zu Chopins Totenfeier in der damals neugebauten Madeleine-Kirche auf der Orgel gespielt, gefolgt vom Mozart-Requiem.
 

klavigen
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Stimmung und Gehalt

Ganz besonders gefällt mir gegen Ende die Gestaltung. Hier habe ich das sichere Gefühl, dass du das gut verstehst und auch toll vermittelst-

Der c-dur Klang kommt zu erst in Grundstellung, dann führt die Melodie die Septe ein und fast am Schluss- kurz vor herher kommt dieser akkord C 7 als Sekundakkord- Der bleiche oder auch fahle Klang, den du einsetzt ist genau der richtige- diese Stelle ist für mich so ein Prüfstein, dieser akkord ian dieser Stelle ist KLang gewordene Resignation und das hast du toll vermittelt.
 
Guendola
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Chopin war ja ein Freund von Alkan und irgendwie die beiden sprechen anscheinend eine Sprache, die ich ganz gut verstehe :)

Vielen Dank übrigens für die Kritiken aller Richtungen! Jetzt muß ich endlich mal zusehen, daß ich in die Kirche komme, um das mal "richtig" - also auf einem Flügel - aufzunehmen.

Noch was zu Chopin: Ich bin ja bekennende Kulturbanausin und die wenigen Aufnahmen von seiner Musik, die ich kenne finde ich größtenteils einfach zu platt. Mein Klavierlehrer mir die Augen und Ohren dafür geöffnet, daß es für jede offensichtliche Spielweise einer Stelle mindestens eine weitere gibt und sowas zu entdecken macht wirklich Spaß. Und Chopins Musik ist eine wahre Fundgrube für solche Expeditionen :D
 
klavigen
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entdeckungen

Hi Guendola
da wünsch ich dir viel Spass bei den Excursionen im romantischen Dschungel

und auch das ist wirklich richtig. es wurde noch nie eine Stelle gespielt, die man nicht auch anders spielen könnten.
Ich bin gespannt ajuf weitere Entdeckungen
 
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koelnklavier
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Ich bin ja bekennende Kulturbanausin [...]
:confused: Dann frage ich mich jetzt, was Du unter Kultur verstehst? :confused:
Mein Klavierlehrer mir die Augen und Ohren dafür geöffnet, daß es für jede offensichtliche Spielweise einer Stelle mindestens eine weitere gibt [...]
Da bist Du um Deinen Klavierlehrer zu beneiden. So jemanden findet man selten. Die meisten kennen nur ihre eigene Sichtweise.
und sowas zu entdecken macht wirklich Spaß.
Da ist allerdings auch Dein Klavierlehrer zu beneiden um diese Schülerin ... ;)
 
rolf
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was ist das erschütternd schöne an diesem sehr depressiven Klanggedicht? einerseits singen die absinkenden Akkorde trübselig gleichmäßig ihr resigniertes Lied, andererseits bäumt sich die klagend-leidende "Solistenstimme" (Melodie) gegen diese Resignation auf, freilich leider vergeblich... (wie so oft bei Chopin).
Tipps:
- suche nach melodischen Fragmenten in den Akkorden, betrachte sie durchgehend als dreistimmige Klanggesten
- spiele absolut streng im Takt!!! absolut gar keine "gefühligen" mini-Rubati
- gehe in den dreistimmigen Akkorden immer weich gefedert in den Tastengrund, denke und fühle sie total legato
- überlege dir, warum Richard Wagner dieses Prelude sehr geliebt und bewundert hat!!! (tatsächlich hat er beim HÖREN erkannt, dass der vermeintliche C-Dur Septimakkord gar keiner ist, sondern dass statt b ais gemeint ist, sodass hier ein quintalterierter Doppeldominantseptakkord, also Fis 7 b5, gemeint ist -- und dann: im zweiten Durchlauf findet sich doch ein herrlicher Tristanakkord!!!)
die Verzierung: sie muss als tristanartige langsam beginnende und leicht beschleunigende Schleife vor dem hohen Ton einsetzen, um in ihn hinein zu führen!! Alles andere widerspricht Chopins an der italienischen Oper geschulter Melodik!! (hör dir mal die Schlussarie aus Tristan an, am besten mit Birgit Nilsson, achte auf dieselben Schleifer und ihr mini-accelerando zu den Zieltönen - dann versteht man, warum Debussy schrieb, dass im Tristan viel zauberhafter Chopin steckt)
je scheinbar leichter und langsamer ein Klavierstück ist, umso besser hört man die geringsten Durchhänger einer Interpretation. Das Prelude ist musikalisch sehr problematisch bzgl. der Gestaltung, ähnlich den/die Spielr/in entlarvende Stücke sind z.B. Träumerei und der Dichter spricht aus Schumanns Kinderszenen
 
M
manaus
Guest
...ich wußte gar nicht, dass Wagner diese Werk so bewundert hat......
hast du noch mehr so Hintergrundwissen rolf? Ist hoch interessant;)
 
rolf
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Prof. Werner Breig (Erlangen) "Chopin und Wagner" ist ein guter Aufsatz zum Thema; ansonsten kann man es bei Wagner selbst (Briefe) und seiner Cosima (Tagebücher) nachlesen: Wagner schätzte Chopin wirklich sehr! Allerdings übertreibt die polnische Musikwissenschaft, wenn sie behauptet, W. habe alle Harmoniktricks bei Ch. abgekupfert (aber ok, in Polen hat man einen etwas heftigen nationalstolz...)
 

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