Chopin auf Mallorca Teil2

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Die Reise nach Mallorca war für Chopin ein gesundheitliches Desaster,kompositorsich war diese unglückliche Zeit jedoch aus rätselhaften Gründen eine der fruchtbarsten seines Lebens,er arbeitete an mehreren Werken gleichzeitig,der zweiten Ballade,der b-moll Sonate,dem dritten Scherzo,Nocturnes und Mazurken,die Preludes wurden abgeschlossen:

Paris 1838:

Chopin hatte gerade die Beziehung zu Aurore Dupin de Francueil,geschiedene Baronin Dudevant begonnen,die sich nach ihrem ehemligen Liebhaber Jules Sandeau nun George Sand nannte.

Chopin kränkelte, litt unter dem nahenden kalten Winter in Paris,seine Ärzte rieten zu einem Aufenthalt im warmen Süden Europas.Die Diagnose der Pariser Ärzte lautete "Grippe","hartnäckige Verkühlung",in Wahrheit war es das beständige Wetterleuchten der Tuberkulose,die bereits in seinem Körper wütete.

Sands Sohn Maurice litt unter rheumatischen Beschwerden,eine Besserung wäre ebenfalls durch einen Aufenthalt im Süden zu erwarten.

Und letztlich Sand selbst,sie reiste einmal gerne,wollte aber auch Ruhe finden nach zahlreichen turbulenten Affären,Scheidung,Sorgerechtsstreitigkeiten("Il ne s'agit pas tant de voyager que de partir:quel est celui de nous qui n'a pas quelque douleur à distraire ou quelque joug à secouer?" schreibt sie in ihrem Vorwort zu "Un hiver à Majorque")

Die Wahl fiel unglücklicherweise auf Mallorca,dessen Tramuntana Gebirge im Winter kaum wirtlicher war als Paris,noch dazu ohne den Luxus einer Heizung.

Unter diesen unglücklichen Umständen und falscher Planung reiste man also auf die Baleareninsel,auf der Touristen völlig unbekannt waren,mitten unter eine bigotte spanische Landbevölkerung mit strengen gesellschaftlichen Regeln,gegen die sich unsere Reisenden ,die in "wilder Ehe" mit zwei Kindern daher kamen,die Dame in Hosen,Zigarre rauchend, niemals die Kirche betretend,statt dessen auf arrogante französische Art die Einheimischen als "arme Wilde" behandelnd und belehrend,der Mann scheinbar todkrank permanent Blut hustend.Mehr hätte man die Bevölkerung wohl kaum brüskieren können.

Das Wetter war herrlich,während sich in Paris bereits der Winter ankündigte,herrschten hier noch hochsommerliche Temperaturen.Nach etwas mühsamer Herbergssuche (Hotels waren natürlich noch unbekannt) ließen sich Chopin und Sand mit Kindern nördlich von Palma nieder.

Diese Zeit von Mitte November 1838 bis Mitte Dezember 1838 entschädigte für die anfänglichen Ärgernisse.

Hier möchter ich nun von diesem ersten Aufenthalt unseres Grüppchens Abenteurer des 19.Jahrhunderts erzählen.

Nördlich von Palma erstreckt sich eine langgezogene Ebene,die schließlich schroff in das Tramuntana Gebirge übergeht.(Sand hatte offenbar einen katastrophalen Orientierungssinn,sie schätzt die 20km von Palma nach Valldemossa auf 4 km!).

Mitten in dieser Ebene ließen sie sich nieder,ein "Segnor Gomez" vermietet ihnen sein Landhaus.

Seit 3 Jahren besuchen wir nun jedesmal dieses traumhafte Dornröschen-Haus.
Beim betreten des Weges fühlt man sich wie in einer Zeitmaschine in die Vergangenheit versetzt,meterhohes Gras,Kletterrosen,Disteln wuchern auf den Wegen,die Mauern der riesigen ehemaligen Gartenanlage sind zum Teil zerborsten,über allem surren die Insekten,eine glühende Sonne taucht dieses Märchenland in gleißendes Mittagslicht.

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von den Zeichnungen von Maurice Sand kennt man den Stiegenaufgang,der,ebenfalls verwachsen und verträumt,in den bezauberndsten Vorgarten führt,den ich kenne.Zwei alte Brunnen stehen links und rechts im Garten,grüne Inseln werden von verfallenen Steinmauern gesäumt,schwerer Wein spendet Schatten:

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wir erhielten von dort tätigen Arbeitern auch die Erlaubnis uns überall umzusehen,und mitten im Paradies eine Jause zu genießen :-)

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von der Terasse des Hauses genoßen die Reisenden die lauen Nächte,bis fünf Uhr früh verbrachte Sand auf dieser Terasse:

"je restai en plain air sur une terasse jusqu'à cinq heures du matin,livré au bien-être d'une température délicieuse."

und wieder folgt eine wunderschöne Naturbeschreibung beim Genießen des Abends auf diesem Balkon:

"Auf Mallorca ist das Schweigen tiefgründiger als in anderen Ländern.Die Maultiere und Esel,die die Nacht auf der Weide verbringen,unterbrechen die Stille manchmal mit ihren Glocken,deren Ton heller und melodischer klingt als der Schweizer Kühe.An den verlassensten Orten und und in den dunkelsten Nächten erklingt der Bolero.Es gibt niemanden auf dem Lande,der nicht zu jeder Tages-und Nachtzeit seine Gitarre bei sich hätte.Von meiner Terasse aus hörte ich auch das Meer,aber so weit entfernt und leise,daß mir das seltsam phantastische Gedicht der Djins wieder einfiel:Ich lausche/alles flieht/man zweifelt/die Nacht/alles geht vorbei/der Raum/löscht/das Geräusch aus."

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so sieht der Ausblick von jener Terasse heute aus (was das Meer anlangt,ist Sand wieder mal die Fantasie durchgegangen.)

In der näheren Umgebung findet man auch jenen Bach,den sie als "Poussin" bezeichnet:

folgt in "Teil3":...
 
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rolf

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große Klasse!!!
und andiamo: Teil 3 usw :):)
 
Destenay

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Die Reise nach Mallorca war vielleicht ein Fehlentscheid, da die Provence ebenfalls traumhaft ist und das ähnliche Klima hat, dies musste zur Zeit von Chopin den Ärzten bekannt gewessen sein. Alleine die Distanz nach Mallorca ist doppelt so weit und das war dazumal sehr sehr viel. Aus was für einem Grund wurde dies nicht berücksichtigt ???????

Cordialement
Destenay
 
kreisleriana

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war das nicht derjenige, welcher die Reisegesellschaft zwang, ihm das gesamte Mobiliar zu bezahlen, welches er verbrennen ließ aus Angst wegen Ansteckungsgefahr (und der sie auch quasi wegjagte?)
genau der :-)

Gerechtigkeithalber muss man aber sagen ,dass Tuberkulose damals unheilbar war und sehr oft tödlich verlief,zudem recht ansteckend ist.Bei der Art der Abreise übertreibt Sand aber,sie hatte Valldemossa schon lange vorher "gebucht".
 
 

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