Bechstein-Flügel: Welche Modelle und Baujahre sind interessant?

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Bechsteinfreund
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Guten Tag,

ich finde hier immer wieder echte Bechsteinexperten und an diese möchte ich nun einige Fragen richten. Ich selbst bin ebenfalls in einen Bechstein-Flügel Modell M von 1933 verliebt. Das Instrument ist in einem hervorragenden Zustand, regelmäßig gewartet und sehr gepflegt. Klanglich bin ich immer wieder beeindruckt und berührt. Trotz der "Größe" ist der Bass satt und voll und doch lieblich und sanft. Bei meinen Recherchen im Internet finde ich nur sehr wenige Instrumente dieses Modells und ähnlichen Alters. Meines Erachtens sind die Flügel aus den 20er und 30er Jahren interessant. Man baute damals schon sehr modern und präzise, jedoch komplett von Hand und mit besten Rohstoffen.

Komischerweise finde ich nur wenige Exemplare im Internet, deutlich mehr Treffer landet man bei der Suche nach älteren Instrumenten vor 1920 oder nach anderen Modellen wie z.B. B-Modell aus dieser Zeit. Ist das M-Modell so selten, will es keiner haben oder einfach nur keiner verkaufen, wenn er es besitzt. Die Modelle K und S dieser Zeit gelten als eher zu klein geraten, L und M jedoch als tonlich sehr ausgewogen und bechsteintypisch, was ich nur bestätigen kann.
Die älteren Instrumente sind sicher z.T. gut, jedoch eher technisch doch unterlegen und oft in schlechteren Zustand, werden jedoch häufig angeboten. Die 20er und 30er sind für mich wohl die stärksten Jahrgänge. Machen sich danach also ab 1939 die Kriegs-und Mangeljahre bemerkbar und wenn ja wie lange? Die Flügel aus den 50er und 60 er Jahren gelten oftmals als eher uninteressant. Was ist mit 70ern, 80ern und 90ern? Selbst die aktuellen Modelle begeistern klanglich nicht mehr jeden Bechsteinfreund.

Welche Modelle und Epochen sind Eure Favoriten unter den Bechstein-Flügeln?
Wo würdet Ihr "zuschlagen"?
Welche wurden häufiger gebaut, welche sind rar? Wie teilt sich das anteilig unter den verschiedenen Modellen der verschiedenen Epochen auf?
Wovon lässt man die Finger und wann muss man kaufen?
Wie sind die preislichen Unterschiede der verschiedenen Modelle gleicher Epochen (bei angenommen vergleichbarem Zustand)?


Mit herzlichen musikalischen Grüßen

Euer
Bechsteinfreund
 
Bechsteinfreund
Bechsteinfreund
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...danke für Deine Antwort. Mir ist schon klar, dass baugleiche Instrumente, die nahezu gleichzeitig gefertigt wurden, unterschiedlich klingen können. Natürlich ist gerade bei handgefertigten Flügeln jeder anders und individuell - das ist ja auch gerade das interessante. Aber gibt es denn keine Tendenzen, also Baujahre, die heute eher hervorstechen, als andere. Schon alleine wegen unterschiedlicher Technik und Herstellungsart. Und v.a. weisst Du, wie sich die Modelle anteilig verhalten. Warum finde ich so wenige M-Modelle aus den 20ern und 30ern, und wieder gefühlt mehr ältere. Ich lese immer wieder, das viele echte Bechstein-Liebhaber durchaus gut gepflegte und fachgerecht überholte alte Instrumente bevorzugen. Klar muss jedes Instrument einzeln bewertet werden, aber bei welchen Angeboten würde denn des Fachmanns Interesse zumindestens geweckt?
 
verdi1813
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Und die nach 1945?
 
verdi1813
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Von einem lieben Forumsmitglied habe ich folgende Information:

"Laut Auskunft des Stimmers vom hiesigen Bechstein Centrum war es in der Zeit von ca. 1890 bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg folgendermaßen:
Bechstein verwendete die Rennermechanik, zugleich aber auch französische Komponenten und "bastelte" diese zusammen - eine Art verbesserte Rennermechanik (diese muss ja bei jedem Flügel angepasst und ausgefeilt werden).
Gerade die Instrumente aus dem genannten Zeitraum verfügen ja über eine sehr schnell ansprechende, sehr fein reagierende und obendrein leichtgängige Klaviatur. Später beließ man es dann bei der Rennermechanik allein."

Dass die Flügel dieser Baujahre eine klasse Repetition haben und eine äußerst geschmeidige Mechanik, kann ich bestätigen. Kann jemand etwas zu dem Renner-Frankreich-Mix sagen? Für etwaige Infos wäre ich dankbar.
 
K
klaviermacherwien
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Dieses Forummitglied hat Ihnen blanken Unsinn erzählt . um 1890 verwendete Bechstein vornehmlich ISERMANN - Mechaniken / Hamburg . Damals war Renner nochvollkommen unbedeutend . Später Herrburger - Schwander / Paris u.auch andere . Zusammengebastelt hat Bechstein niemals Mechaniken , der Ausdruck alleine
zeugt schon von totalem Unverständnis des Schreibers . Mechaniken werden IMMER nach Zeichnung u. Anweisung des Klavierfabrikanten v. der Mechanikenfabrik ausgeführt und dann in der Klavierfabrik erst zusammengesetzt , d.h. versch. Teile dazugebaut - Hämmer , Daempfungen und ins Klavier nach Massvorgaben eingebaut ( Zusammensetzen ) Bis zum WK II wurden von praktisch jeder Klavierfabrik Mechaniken div. Hersteller ,die auch qualitativ gleichwertig waren , eingebaut . Kein Hersteller möchte von EINEM Lieferanten abhängig sein . Bloss seit Weltkrieg II gibt es in Europa nur mehr Renner , leider !
 
verdi1813
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Das Forumsmitglied hatte die Info auch nur von einem Klavierstimmer. Ich wollte diese mal hier reinstellen und diskutieren lassen. Das Forumsmitglied wird von mir absolut geschaetzt und will es gleich mal aus der Schusslinie nehmen.

Aber es stimmt schon, dass die Mechaniken aus der Zeit sehr leichtgaengig waren und hervorragend repetierten. Bei meinem Fluegel ist das so. Auch bei anderen Bechsteinen der gleichen Zeit konnte ich das feststellen. Andere Hersteller haben anscheinend anders konstruierte Mechaniken, da diese doch deutlich schwerer gehen. Hier faellt mir persoenlich v.a. Steinway auf. Allerdings faellt Steinway hier nicht negativ auf. Diese Mechaniken lassen sich auch sehr gut spielen, es ist nur ein ganz anderes Spielgefuehl.

Wie sind denn die Bechstein Mechaniken konstruiert, dass sie leicht und gut repetierend sind? gab es da ein "Geheimrezept"?
 
K
Ka8
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Hallo,

Das Tastenwiki hilft auch in der Frage der bei Bechstein verbauten Mechaniken weiter:

"Mechaniken

1853 bei den Flügeln ohne gegossenen Platte wurde die als französische Mechanik bekannte Stößermechanik eingebaut, Hersteller: Herrburger-Schwander, Paris. Der Stößer ist am Hammerstil angeachst, die Hammerstiele mittels Plättchen an einer Messingschiene "angeklemmtT"
1874 Beginn der gegossenen Platte (halbe Platte, angestemmte Platte, Kopfteil-Stimmstock ist noch aus Holz)"C. Bechstein" in der Platte hinter dem 2. Diskantfeld eingegossen.

Hierzu gehören Collard-Mechaniken und Schwander und Isermann- Mechaniken mit hölzernen Backen (Zeder oder Mahagony) . Hebeglieder mit Hertzfedern, einzelnen Hammerruhepolstern, Wippen-Abstrakten mit Klemmschrauben. Die Stoßzungen liegen an Filzpolster im Hebeglied an, sind nicht zu verstellen. Hammerstiele sind durchweg rund.
1880

normale Gußplatte, vielfach ohne Querspreizen hinter der Dämpfung. Meistens Isermann-Mechaniken. Mechanik mit Metallbacken, Hertzfedern, Wippen-Abstrakten, durchgehende Hammerruheleiste, Stoßzungen mit Einstellschrauben und Prellpüppchen, Stiele mit Kapseln und Röllchen, Stiele rund
1890

Beginn der Herrburger-Schwander-Zeit. Hebeglieder mit langer Repititionsfederund Regulier-Madenschrauben. Wippen-Abstrakten ohne Klemmschraube, Hammerruheleiste. Durchgehend achteckige Stiele. Nur durch1. und 2. Weltkrieg unterbrochen war die Firma als Lieferant bis 1953 für Bechstein tätig.
ca. 1920

Vermischung der Lieferfirmen. Langer-Mechaniken werden eingebaut. Hebeglieder mit langer Repititionsfeder und Reguöier-Madenschrauben. Sattel für Piloten. Die Hammerstielkapseln sind 1mm höher. Es gibt Isermann-Mechaniken mit Lederklappe auf dem Hebeglied, dazu Stiele mit angefrästem Sattel, der nicht garniert ist und das übliche Röllchen ersetzt.
ca 1930

gemischte Fabrikate: Langer, Renner, Hebeglieder mit Sattel für Piloten, Spezialmechanik für Neo-Bechstein (Lexow, Verein. Mechanik-Werke A.-G. Berlin)
1948-53

Schwander, Paris: Modelle L,M, B mit Piloten Modell E mit Wippen
ab 1954

Renner: Hebeglieder ohne Tragfeder
1955: Hebeglieder mit Tragfeder (Taste 1-70) 3 Draht-Stärken
1985: Hebeglieder mit Hertzfeder
1987: Hebeglieder mit Hertzfeder und Regulierschraube
1989: Hebeglieder mit Hertzfedern, verschiedene Sattelhöhen "


Ob es für die Mechaniken ein "Geheimrezept" gab weiß ich nicht, aber ich kann auch nur sagen, dass die meines Bechstein A von 1908 ganz wunderbar ist und in keiner Weise schlechter, als jene die ich etwa vom Steinway B meiner Klavierlehrerin kenne (nur eben leichter). Was ich immer wieder bewundere ist, wieviele Möglichkeiten der Klanggestaltung ich allerdings auch noch im ppp-Bereich habe, wobei hier die Mechanik den bekannten Farbenreichtum alter Bechsteine wahrscheinlich noch im Positiven unterstützt.

Der Inhaber des Betriebes, in welchem ich meinen Bechstein kaufte vertritt auch die Ansicht, dass die Herrburger-Schwander-Mechniken die Besten zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren, weshalb er auch mit Vorliebe Bechsteine und größere Ibachs aus der "Herrburger-Schwander-Zeit" ankauft und behutsam restauriert, da diese über Herrburger-Schwander-Mechaniken verfügen.

Grüße

Ka8
 
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verdi1813
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Mein Bechstein müsste so von 1906 sein, hat aber eine Langer-Mechanik, wenn ich mich nicht täusche. Kann das sein?
Der Farbenreichtum ist tatsächlich wunderbar, auch das ppp ist einmalig. Gerade fü die Wohnung eine hervorragende Wahl!
 
K
klaviermacherwien
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Bechstein war berühmt für eine einzigartig gute ( leichte) Spielart . Man soll leicht nicht unbedingt mit angenehm gut gleichsetzen . Für eine gute Spielart ist vorallem die richtige Konstruktion -Abstimmung von Mechanik und Klaviatur und der richtige - optimale Einbau dieses Spielwerkes verantwortlich . Dies hat vorrangig mit dem Mechanikfabrikat gar nichts zu tun ( wie hier vielfach immer geglaubt - behauptet wird !) Natürlich ist die Vorraussetzung dafür eine ordentliche Mechanikfabrik ,die anständige Mechaniken herstellt - die suchte der Fabrikant aus , und da waren damals einige gleich gut . Schwander -Paris war angebl. für Flg. das Optimum an Qualität , wir haben selbst auch diese in Flg. eingebaut .
Das Forumsmitglied hatte die Info auch nur von einem Klavierstimmer. Ich wollte diese mal hier reinstellen und diskutieren lassen. Das Forumsmitglied wird von mir absolut geschaetzt und will es gleich mal aus der Schusslinie nehmen.

Aber es stimmt schon, dass die Mechaniken aus der Zeit sehr leichtgaengig waren und hervorragend repetierten. Bei meinem Fluegel ist das so. Auch bei anderen Bechsteinen der gleichen Zeit konnte ich das feststellen. Andere Hersteller haben anscheinend anders konstruierte Mechaniken, da diese doch deutlich schwerer gehen. Hier faellt mir persoenlich v.a. Steinway auf. Allerdings faellt Steinway hier nicht negativ auf. Diese Mechaniken lassen sich auch sehr gut spielen, es ist nur ein ganz anderes Spielgefuehl.

Wie sind denn die Bechstein Mechaniken konstruiert, dass sie leicht und gut repetierend sind? gab es da ein "Geheimrezept"?
 
verdi1813
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@klaviermacherwien

Danke für die Info. Die Unterscheidung zwischen leicht und angenehm, gut finde ich treffend. Es kommt immer auf das Gesamtkonzept an. Die Leichtigkeit beim Bechstein finde ich bei diesem Instrument auch angenehm, gut. Die "Schwere" bei dem von mir angesprochenen Steinway ebenfalls.
 

R
Rudl
Guest
Habe auch einen Bechstein A aus dieser Zeit. Nr: 89610

Woran erkennt man, ob es sich um eine Langer oder Schwander Mechanik handelt.

RUdl
 
verdi1813
verdi1813
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Bei meiner steht es drauf. Musst mal rausziehen.
 
H
h.h
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Eigentliches Thema:
Ich habe einen ca. 100jährigen Bechstein "D" gespielt der geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er war etwa 240-250cm lang. Das muss ein eher seltenes Modell sein.
Alte B und C finde ich auch sehr gut.
A hat leider nur 85 Tasten, nicht vollständig repertoirekompatibel.
 
verdi1813
verdi1813
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Wo und wann hast du den gespielt? War der restauriert? Was fandest gut an dem?
 
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klaviermacherwien
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D gibt es bei Bechstein eigentlich erst seit Neusten....das war ein alter E dann wäre er 2,80 cm oder ein C mit 2.30 cm....mir ist die Zwischengröße mit der Bezeichnung D nicht bekannt - zumindest kam mir in den Jahren bei Bechstein keiner unter die Finger....

es gab ein Zwischenmodell , ca .240/50 lang . ich hatte einen vor ca. 25 Jahren zur Reparatur . Das Ergebnis war nicht so begeisternd . Wahrscheinlich wurden deshalb auch wenige gemacht .
 
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23265
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Meiner Bechstein 1890, 23562, ist in originalzustand. Mechanik Isermann Hamburg, Hammer Herrburger Schwander Paris. Ob das zusammenbasteln heisst kann ich nicht sagen, dzau reicht mein Deutsch nicht. Es funktioniert alles tadellos nach 124 jahre, sehr leicht, hervorragende spielart!
 
 

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