Wien 29.01.2026 Les Amateurs Virtuoses

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Nach mehrfachem Wunsch den Beitrag teilbar zu machen (und freundlicher Genehmigung durch Moderation) hier die Kopie des Beitrags aus dem nicht öffentlichen Bereich:

Ich möchte euch gern auf eine Veranstaltung aufmerksam machen, auf die ich mich schon riesig freue – und vielleicht hat ja der eine Lust, auch zu kommen. Von ein paar Clavio-Mitgliedern weiß ich sogar schon, dass sie dabei sind (teilweise sogar aus Deutschland!). 🤩

Am 29.01.2026 kommt „Les Amateurs Virtuoses“ zum ersten Mal nach Wien und bringt fantastische Amateurpianisten auf die Bühne.

29.01.2026| 19:00 Uhr
Großer Ehrbarsaal
Mühlgasse 30
1040 Wien
(Tickets über Seite des Ehrbarsaals und Eventjet. Preise sind auf Kostendeckung ausgelegt, der Verein ist gemeinnützig)



Aber an dieser Stelle würde ich gern noch ein bisschen weiter ausholen und ein paar Gedanken teilen die aus vielen Diskussionen mit anderen um dieses Thema entstanden sind. Jedenfalls hat es dazu geführt dass Wien ab 2026 auch einen Wettbewerb für Amateure hat. Dafür haben sich nach aktuellen Stand 17 Universitätsprofessoren beteiligt die auch die Jury bilden werden und der Rektor der Musik und Kunst Universität der Stadt Wien hat die Schirmherrschaft übernommen. Es bewegt sich also etwas dazu schicke ich noch alle Infos.

Wer sind „Les Amateurs Virtuoses“?
Les Amateurs Virtuoses ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Paris. Er vernetzt Preisträger internationaler Amateurwettbewerbe und organisiert rund um die Welt große Klavierfestivals – mit professionellen Strukturen, tollen Spielmöglichkeiten und einer Wertschätzung, die man im Ausland vielerorts schon seit Jahrzehnten kennt.
Amateurmusizieren ist international oft hochorganisiert und sichtbar – im deutschsprachigen Raum dagegen steckt das vielerorts noch in den Kinderschuhen. Einige versuchen das gerade mit enorm viel Energie zu ändern (z. B. @Pianojayjay mit seinen Festivals / dem Kölner Klavierzimmer).

In Österreich ist die Lage, ehrlich gesagt, oft noch schwieriger – aber es entstehen gerade neue Initiativen, teils auch in Kooperation mit Universitäten, die genau hier ansetzen.

Worum geht’s dabei?

Im Kern um etwas sehr Einfaches – und sehr Wichtiges:
• den Horizont offen zu halten.
• lebenslanges Lernen am Instrument mit Perspektive zu ermöglichen.
• Konzertieren nicht als „Profi-Privileg“ zu denken, sondern als kulturelle Praxis, die vielen Menschen zusteht.

Man kann natürlich fragen: Braucht es das wirklich?

Ich finde: Ja.

Wenn man sich anschaut, wie die Musikkulturlandschaft „früher“ aussah – also zu einer Zeit, von der man gern sagt „da hat’s noch funktioniert“ – dann war sie grundsätzlich anders. Der größte Teil der Musizierenden war (und ist) Amateur.


Der Wert des Amateurmusizierens hat sich schleichend verschoben, seit wir Massentonträger und Hochglanz-Perfektion als Referenz nehmen – und Menschen gedanklich in zwei Gruppen teilen:

  1. jene, die so viel Zeit haben, dass sie an professionelle Standards herankommen, und
  2. jene, die das nicht können.

Und die zweite Gruppe wird dann schnell – oft unausgesprochen – als „minderwertig“ angesehen, oder zumindest bevormundend in ihre Schranken gewiesen. Entwicklung anzustreben wird Jugendlichen noch zugestanden und danach ist es sehr schwer für Erwachsene Lehrer zu finden die einen ernsthaft fördern. Die Vorurteile was geht und was nicht halten sich dabei hartnäckig und demotivieren viele die könnten und wollten. Wenn man das Glück hat lernt man mal die kennen die auf den ganzen Schleichwegen abseits der großen Straße zu ihren Fähigkeiten gekommen sind.

Wer sich für und gegen Musik als Beruf entscheidet hat häufig weniger mit Talent zu tun als mit Lebensrealitäten: Zeit, Geld, Unterstützung, Ausbildungswege, Gesundheit, Familie, Zufall. Berufswahl ist in den seltensten Fällen ein reines Talent-Ranking. Niemand würde ernsthaft behaupten, jemand sei „dafür geboren“, sein Leben lang an der Kassa zu sitzen – und genauso wenig ist es sinnvoll, musikalisches Potenzial oder künstlerische Entwicklung ausschließlich an einer Berufsentscheidung festzumachen.

Nebenbei: Mozart hat sein erstes Abonnementkonzert mit einem Dilettanten-Orchester in der Mehlgrube veranstaltet – und es gibt Briefe, in denen er ihre Qualität ausdrücklich schätzt. Wenn man bedenkt, wie streng Mozart sonst über musikalische Fähigkeiten urteilen konnte, sagt das einiges darüber aus, wie hoch diese Wertschätzung einzuschätzen ist.

Ein guter Bekannter von mir (Musikwissenschaftler) hat erst kürzlich in einem Vortrag erwähnt, dass die Art zu üben früher nicht mit dem heutigen Verständnis vergleichbar war. Beethoven & Co. hätten – aus verlässlichen Quellen – nicht so geübt wie moderne Pianisten, und Czerny soll die Waldsteinsonate mit zehn Jahren vom Blatt gespielt haben. Auch ist fraglich, ob die Mehrheit der damaligen (Amateur-)Pianisten – einschließlich der „edlen Fräulein und Herren“, für die viele Werke komponiert wurden – gespielt haben „dürfen“ bzw. „sollen“ wie eine Martha Argerich. Und trotzdem waren sie kulturell prägend. Sie waren in der damaligen Definition Amateure – also keine Berufsmusiker.
Was mich persönlich an diesem Thema so beschäftigt: Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem es hauptsächlich Berufsmusiker und Nicht-Berufsmusiker gibt – und trotzdem dachte ich lange:

„Mit 18 entscheidet man sich für Musik (Studium) oder dagegen – und wenn man sich dagegen entscheidet, hört man halt auf.“

Ich kannte in meinem Alter praktisch niemanden, der „einfach so“ ernsthaft ein Instrument spielt, ohne einenProfiweg anzustreben. Alles, was ich sah, waren Menschen, die diesen Weg bereits eingeschlagen hatten. Und genau das zeigt, wie sehr uns Vorstellungen und fehlende Vorbilder begrenzen können.

Wenn man den Vergleich zum Sport zieht: Bei den Olympischen Spielen waren lange Zeit nur Amateure zugelassen – um den sportlichen Gedanken nicht durch Geld zu „beschmutzen“.

Im Musikbereich ist es fast umgekehrt: Als wäre Kunst nur dann „gültig“, wenn sie beruflich ist. Dabei ist das kulturell und historisch schlicht nicht stimmig.

Warum wird Amateurmusizieren im deutschsprachigen Raum oft so klein gehalten?


Warum gibt es so wenig Struktur, so wenig Ermutigung, so wenig Anreiz, sich weiterzuentwickeln?

Und ja: Viele wollen das gar nicht – und das ist völlig okay. Aber es gibt auch viele, die es sich wünschen und in einem inneren Gerüst festhängen wie: „Mein Spiel ist bedeutungslos.“
 

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Nur: Was heißt „Bedeutung“?
Natürlich ist Amateurspiel nicht mit Yuja Wang & Co. zu vergleichen. Aber: Es kann ein Niveau erreichen, das dem Durchschnitt studierter Pianisten entspricht oder ihn sogar übertrifft. (Und selbst darunter kann es künstlerisch wertvoll, berührend und sinnvoll sein.)

Dann kommt oft das Gegenargument:
„Nehmen Amateure damit nicht Profis Auftrittsmöglichkeiten weg? Die haben ohnehin so wenig Chancen.“

Das stimmt als Problem – aber es ist, wie ich es sehe, eher ein kulturdemographisches Problem:

Es gibt in der Klassik grob gesprochen Menschen, die sowieso Konzerte besuchen und diese Musik schätzen (Gruppe 1), und Menschen, die keinen Kontakt damit haben (Gruppe 2). Mehr Angebote für Gruppe 1 machen selten aus Gruppe 2 automatisch neue Konzertgänger.

Und genau hier sind Amateurmusiker ein riesiges Potenzial.

Viele von ihnen arbeiten in musikfernen Berufen. Wenn sie sichtbar werden, zeigen, was dazugehört, Musik ernsthaft zu machen, dann schlagen sie eine Brücke in ein Umfeld, das sonst kaum Berührungspunkte mit klassischer Musik hat. Sie ersetzen keine Profis – sie erweitern den Wirkungskreis.

Ich erlebe das selbst immer wieder: In professionellen Konzertkontexten sitzt im Publikum oft fast ausschließlich das musikalische Umfeld der Beteiligten. Bei Amateurkonzerten ist das Publikum häufig gemischter – Familie, Kollegen, Freunde, Leute, die sonst nie in klassische Konzerte gehen. Und oft entsteht daraus echte Neugier:

„Ah, so klingt das – dann möchte ich das auch einmal in einem großen Haus hören.“

Das ist Kulturvermittlung durch Nähe, nicht durch Marketing.

Und ja: Es gibt viele hervorragende Pianisten, die nicht auf den großen Bühnen stehen und kleine Gelegenheiten zum Spielen brauchen – absolut berechtigt.

Aber in der Praxis ist es selten so, dass Amateure „den Markt“ besetzen: Sie organisieren meist selbst, schaffen zusätzliche Formate, zusätzliche Räume, zusätzliche Publika.

Und noch etwas: Es ist ein gutes Zeichen, wenn ehemals Studierte (und natürlich auch die privat Ausgebildeten) weiterhin Gelegenheiten haben, ihre (durch Steuergelder mitfinanzierte) Ausbildung in der Gesellschaft lebendig zu halten. Was bringt es, jedes Jahr unzählige Pianisten auszubilden, wenn nur wenige davon leben können – und viele danach nicht einmal mehr aktiv an Musikkultur teilhaben, weil ihnen Ressourcen, Netzwerke oder Zugang zum Publikum fehlen.
Eine systematische Vernetzung von all jenen, die auf entsprechendem Niveau spielen oder es anstreben, kann genau hier ansetzen:


Mehr Austausch. Mehr Perspektive. Mehr Motivation, dranzubleiben.

Und das hilft übrigens auch dem Unterrichtsbereich: Für alle Pianisten, die unterrichten (oder unterrichten müssen), bedeutet eine lebendige Amateurkultur engagierte Schüler, die nicht nur „bis zur Matura“ lernen wollen, sondern darüber hinaus – mit abwechslungsreichem Repertoire, Zielen und einem aktiven musikalischen Leben.


Darum freue ich mich so auf den 29.01.2026. Manche von ihnen kenne ich persönlich, auf andere bin ich sehr neugierig.

Hier ein paar Eindrücke, wer kommt und spielt, und Infos zum Verein und seinen Projekten:



Dr. Aloïs Scrizzi (Ärztin in Frankreich, Paris)






Dr. Thomas Yu (Zahnarzt aus Kanada)




Dr. Matthias Fischer (Chefarzt aus Deutschland)




Les Amateurs Virtuoses in Bayreuth:




 
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