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Welche Mikrophone sind für home recording zu empfehlen?

Long Louis

Long Louis

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Hallo zusammen,

inspiriert durch die schöne Aufnahme von OE1FEU möchte ich mal in die Runde fragen, welche Mikrofone sich für home recording eignen.
Mein Raum ist gut bedämpft, aber nur etwa 18 qm groß (seitlich allerdings zum Wohnzimmer offen, was durch einen Akustik-Vorhang vermeidbar ist...).
Drin steht ein 2,13 m Flügel.

Ich hatte bisher direkt mit einem Tascam DR-100 Aufnahmegerät aufgenommen (ist schon ein paar Jahre alt), bin aber nicht so begeistert von den eingebauten Mikros.
Welche Aufstellungsorte nutzt Ihr und welche Mikrofone sind empfehlbar? Kann ich den Tascam als Aufnahmegerät mit besseren Mikros behalten oder ist das auch eher nur ein Kompromiss?

Anwendung: Ich möchte gute Aufnahmen vor allem für den EIgengebrauch machen, also jetzt kein Tonstudio mit 5 k€ Neumann-Mikrofonen eröffnen. Oft gibt es ja in der Qualität verschiedene Quantenebenen, so dass sich Qualitäts- und Preisstprünge zum nächsten Niveau anbieten.

Bei den von unserem geschätzten OE1FEU verwendeten Mikros fürchte ich, dass diese auf einer Bühne gut funktionieren, aber nicht in einem schmalen Zimmer mit Teppichboden?

Liebe Grüße und vielen Dank für jede Empfehlung!

191026 Steingraeber arrived.jpg
 
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Peter

Peter

Bechsteinfan
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Kannst mal in diesem Thread stöbern.
Für den Hausgebrauch kann ich guten Gewissens empfehlen:
1 Paar Oktava MK 012* oder Rode NT5 und dazu ein ausreichendes Audiointerface. Damit bekommt man für das relativ geringe Budget von 350-500 € recht gute Ergebnisse, die für den Hausgebrauch vollkommen ausreichen.

Viel schwieriger wird es, die optimale Positionierung zu finden. Das ist sehr abhängig vom Raum, dem Instrument und nicht zuletzt auch vom Musikgenre.

*) unbearbeitete Aufnahmen mit den Oktavas ("quick&dirty") klingen bei einem alten Bechstein und relativ direkter Abnahme über den Saiten z.B. so:
View: https://youtu.be/J0FB_d_34u8


Die Rodes sind etwas direkter und klarer im Klang, dafür etwas schwächer im Bass, aber auch sehr gut für das Geld.
 
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Felix

Felix

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Für eine Aufnahme gibt es drei wesentliche Faktoren:
- Zahl, Positionierung und Ausrichtung der Mikrofone, nebst Abmischung
- Klang des Instruments
- Klang des Raums

Je nachdem, für welche Abnahmeposition(en) du dich entscheidest, spielt der Raumklang eine wichtige oder eher untergeordnete Rolle. Gehst du mit den Mikrofonen nahe an die Saiten ran, wird der Raum beinahe irrelevant. Dafür ist der Klang dort sehr trocken und fast unnatürlich rein, außerdem fängst du dir unschöne Geräusche der Mechanik und der Pedale ein. Gehst du weiter weg, erreichen mehr Reflexionen des Raums die Membran. Diese Reflexionen sind es, die wir normalerweise mit einem "natürlichen" Klang verbinden.
Wenn der Raum also akustisch wirklich schlecht sein sollte, kannst du ihn mit einer Nahaufnahme weitgehend eliminieren. Dann fügst du während der Bearbeitung noch einen leichten Hall hinzu und erzeugst einen künstlichen, besseren Raum.
Mit dem Abstand, sowohl vom Instrument, als auch der Mikrofone zueinander sollte man also experimentieren, um das subjektiv beste Ergebnis zu erreichen. Für die Ausrichtung der Mikrofone haben sich eine Reihe beliebter Konfigurationen etabliert, z.B. A/B, X/Y, Blumlein, M/S, ORTF, das probierst du ebenfalls einfach aus.

Ich selbst nutze ein Paar Behringer B5 Mikrofone, die an ein Zoom H6 angeschlossen sind. Das sind Kleinmembrankondensatoren, diese Art wird für die nahe Instrumentenabnahme benutzt, wenn die Räume nicht perfekt still sind, also mit Nebengeräuschen zu rechnen ist, z.B. im Liveumfeld. Ich habe sie im Abstand von ca. 1m zu den Saiten platziert, und knapp 40 cm voneinander entfernt im AB-Verfahren. Ich nahm damit einen sehr hart intonierten, viel zu brillanten alten Kawai Flügel auf, hier findest du Beispiele: https://www.youtube.com/channel/UCwHptyn4oQmNUaV60JkCf_w
Leider kam ich nie auf die Idee, die Stereomikros des Zooms mit ins Spiel zu bringen, also als Unterstützung mit in den Mix zu nehmen (siehe unten). Das wird sich ändern. Allgemein strukturiere ich gerade ein wenig um, da kann es sein, daß ich auch andere Mikros versuchen werde. Diesmal vielleicht Großmembraner, die sind zwar deutlich empfindlicher und nehmen alles auf, was nicht niet- und nagelfest ist, mein Raum ist allerdings sehr ruhig, da sollte das gehen.

An deiner Stelle würde ich zu deinem Tascam noch ein Paar billige Kleinmembraner kaufen (z.B. die B5), zwei Stative dazu, und dann mit den Positionen experimentieren, um mal ein Gefühl zu bekommen. Gut klappen könnte z.B. eine kombinierte Abnahme von Nahfeld (Tascam auf dem Gußrahmen) und Raumklang (Paar Kleinmembraner im Abstand von > 1,5m), oder umgekehrt. Das dann so abmischen, daß der Raumklang das Nahfeld dezent unterstützt. Bei den B5 sind sowohl Nieren- als auch Kugelkapseln dabei. Nierencharakeristik bedeutet, daß nur der Klang, der direkt von vorne kommt, aufgenommen wird, also gedacht für instrumentennahe Aufnahme. Kugel (oder Omni) nimmt jede Richtung auf, geeignet für den Raum.
Den Unterschied zu teureren Mikros, falls er denn tatsächlich deutlich sein sollte, bemerkt man nur im direkten Vergleich. Ich hatte früher für Gesangsaufnahmen auch Mikros > 1000 Euro, und bin nun dennoch mit den Behringer fürs Klavier zufrieden. Der schlechte, spitze Klang kommt wie gesagt vom Flügel, nicht von den Mikros. Du setzt in dieser Preisklasse auch nicht viel Geld in den Sand, und kannst damit erstmal lernen, worauf es dir ankommt, und dich mit der Positionierung und den Aufnahmeeigenschaften deines Raums vertraut machen. Sobald alles klar ist, und deine Aufnahmen wirklich an eine Mikrofongrenze stoßen, kannst du immer noch was Teures kaufen.

Viel Spaß und lass dann mal hören!
 
V

virtualcai

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Sehr gute Zusammenfassung von Felix.
Bei den Mikrofonen hätte ich noch eine Empfehlung, wie die anderen auch Kleinmembraner, aber von einem kleinen schwedischen Hersteller, hier beim deutschen Ein-Mann-Vertrieb:

Ich habe gerade eine Vergleichsaufnahme gepostet, stelle ich hier auch nochmal rein. Erst Nieren in XY, dann das winzige Olympus LS-P4 und schließlich die Kugeln.

 
Long Louis

Long Louis

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Vielen Dank für die schnellen und umfassenden Antworten. Ich glaube, der Tascam kann nur zwei Kanäle aufzeichnen, also nur bessere Mikros aber kein Raumklang. Sind die AD Wandler dort vernünftig oder limitieren die auch die Mikroqualität?
Ich müsste dann bei der Nachbearbeitung wohl etwas Hall hinzufügen. Habe nur ein Neropaket. Nicht, dass ich auch noch teure SW benötige...
 
Felix

Felix

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Die A/D-Wandler sind der kleinste Faktor. Selbst wenn man davon ausgeht, daß es da überhaupt hörbare Unterschiede gibt (was durchaus umstritten ist), wirst du mit anderen Maßnahmen (Aufstellung, Raumakustik, Klavierstimmung) 99% des Ergebnisses herausholen. Bei der Wahl des Aufnahmegeräts spielt eher der Workflow eine Rolle, also wo und wie, und welche Zahl von Mikrofonen du aufnehmen möchtest, und wie die gewonnen Daten anschließend weiterverarbeitet werden sollen.
Da du das Tascam schon hast, würde ich das zunächst weiterverwenden, und wenn dir die Arbeitsweise später umständlich erscheint, kannst du es ersetzen. Wenn es nur zwei Spuren gleichzeitig aufnimmt, wäre das tatsächlich eine kleine Einschränkung, aber zwei Mikros in guter Position reichen vielleicht schon aus. Ich persönlich kam eine ganze Weile so zurecht.
Ein Hallplugin, also Reverb, ist bei den meisten Softwarelösungen, auch den kostenlosen, dabei. Audacity ist recht beliebt, das könntest du probieren. Das Neropaket kenne ich nicht.
 
Long Louis

Long Louis

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Auch wenn die Aufstellung und der Flügel das dominierende sein werden... habt Ihr schon mal aus Neugier einen Röhrenvorverstärker oder ein Röhrenmikro oder so etwas benutzt? (Wohlwissend, dass das Prio 3 ist, aber es ist ja schließlich ein Hobby...)
 
Peter

Peter

Bechsteinfan
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also nur bessere Mikros aber kein Raumklang. ...
Ich müsste dann bei der Nachbearbeitung wohl etwas Hall hinzufügen.
Geht viel einfacher:
Für den Raumklang braucht man meines Erachtens keine besonders guten Mikros; da reicht ein Smartphone als drittes Mikro, was man irgend wo im Raum platziert. Später dezent! dazumischen (mit z.B. audacity ist das kinderleicht) und man kann sich künstliche Effekte schenken.
 
 

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