Welche Kadenz bevorzugt ihr bei Rachmaninoff 3 (Erläuterung s.u.)?

Welche Kadenz bevorzugt ihr bei Rachmaninoff 3 (Erläuterung s.u.)?


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DonBos

DonBos

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Eine relativ spezifische Umfrage: Am Ende des 1. Satzes des 3. Klavierkonzerts von Rachmaninoff steht eine Solokadenz für Klavier (das ist ja auch üblich so). Es gibt allerdings zwei "offizielle" Kadenzen, die sich doch deutlich unterscheiden, die "normale" Kadenz (ich nenne sie jetzt einfach so) und die "Ossia"-Kadenz.

Hier zwei Hörbeispiele der entsprechenden Kadenzen:

1.) Die "normale" Kadenz, gespielt von M. Argerich (von 11:08 bis ca. 12:30 im Video):
Martha Argerich - Rachmaninov Piano Concerto No. 3 - YouTube

2.) Die "Ossia"-Kadenz, gespielt von Y. Bronfman (von 10:12 bis ca. 12:36 im Video):
Yefim Bronfman: Rachmaninoff Piano Concerto No 3 - YouTube

Die beiden Pianisten/Interpretationen sollen hier nicht verglichen werden, sie dienen nur als stellvertretende Beispiele. Es geht mir um die Kadenz.

Welche der beiden Kadenzen gefällt euch persönlich besser? Und weshalb?

Darüber hinaus noch die weitere Frage, die ich in den Raum stellen möchte: Gibt es Argumente, die abgesehen vom persönlichen Geschmack des Interpreten, für oder gegen eine der beiden Kadenzen sprechen?

(Hintergrund der Sache: Mir persönlich war bis vorgestern gar nicht bekannt, dass es zwei verschiedene "offizielle" Kadenzen für dieses Konzert gibt. Ich kannte nur die "normale" Version, in verschiedenen Interpretationen. Dann habe ich zufällig die Interpretation von Olga Kern auf Youtube gehört, und die spielt die Ossia-Kadenz, die mich persönlich erst einmal sehr beeindruckt hat. Es mag sein, dass es daran liegt, dass diese für mich im Gegensatz zur anderen Kadenz nun etwas Neues darstellt, aber derzeit finde ich die Ossia-Kadenz definitiv deutlich besser.)
 
mick

mick

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Ist denn die Kadenz, die M. Argerich spielt, die "normale"? Ich habe das Konzert schon etliche Male hier in München gehört, und alle Pianisten haben die Kadenz gespielt, die auch Y. Bronfman spielt. Mir gefällt sie auch definitiv besser.

LG, Mick
 
Troubadix

Troubadix

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Ist denn die Kadenz, die M. Argerich spielt, die "normale"?

Zumindest ist es die Kadenz, die Rachmaninoff als zweites komponierte und heute als Standard-Kadenz gedruckt wird. Die heutige Ossia-Kadenz erschien ihm wohl zu lang und zu gewaltig. Die "normale" Kadenz ist die, die auch Rachmaninoff stets spielte. Horowitz, der auch stets die "normale" Kadenz spielte sagte mal: „Die Kadenz bereitet das Ende des Konzertes vor. Die ["Ossia"-]Kadenz ist eine Endung in sich. Es ist nicht gut, das Konzert zu beenden, bevor es zu Ende ist!“

Mir ist es eigentlich ziemlich egal, welche Kadenz gespielt wird, ich kann beiden was abgewinnen.

Viele Grüße!
 
DonBos

DonBos

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„Die Kadenz bereitet das Ende des Konzertes vor. Die ["Ossia"-]Kadenz ist eine Endung in sich. Es ist nicht gut, das Konzert zu beenden, bevor es zu Ende ist!“
Danke, Troubadix, für das Zitat von Horowitz. Ich finde dieses Zitat allerdings ehrlich gesagt etwas verwunderlich, da sowohl die heutzutage "normale" Kadenz und die Ossia-Kadenz (also die zuerst komponierte Kadenz) sich doch "nur" im Anfangsteil unterscheiden, aber in der mächtigen Schlussphrase absolut identisch sind. Die Wucht dieser Schlussphase wird in der Ossia-Kadenz doch nur länger und intensiver vorbereitet und es treten auch bereits früher (und über einen längeren Zeitraum) die vielen vollgriffigen Akkorde auf. Aber am Ende der Kadenz ändert das nichts.
 
T

Triangulum

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Interessant, dass es nur zwei Beiträge gibt zu einem der populärsten Klavierkonzerten. Die Ossia-Kadenz unterscheidet sich erheblich von der sog. ''normalen'' Kadenz. Das ist Punkt eins. Punkt zwei ist: Die Ossia - Kadenz wird vornehmlich von russischen Interpreten verwendet, die normale Kadenz eher von westlichen Pianisten. Punkt drei: Die normale Kadenz fließt organisch aus dem ersten Satz, die ossia-Kadenz nimmt schon Ereignisse des dritten Satzes vorweg. Fazit: Die Einteilung der Wahl einer Alternativkadenz nach Nationalität ist wohl der größte Unfug, den ich seit langem gelesen habe. Man übe sich beide Kadenzen ein (das ist wohl zumutbar) und wähle nach Interesse, Situation oder Sinn die richtige aus. Ich empfinde es als eine enorme Bereicherung, hier eine Auswahl zu haben. Persönlich empfinde ich es als Beschneidung meiner künstlerischen Freiheit, mich auf eine Kadenz festlegen zu müssen. Die Wahl bedeutet nicht nur eine simple Alternative. Sie erlaubt es, die Wahrnehmung des Stückes in zwei unterschiedliche Richtungen zu lenken. Wo findet man so etwas denn sonst noch?
 
A

Alter Tastendrücker

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Sowohl Rachmaninoff selbst als auch Horowitz spielen die 'schlankere' Kadenz.
Vom formalen Ablauf her ist diese Kadenz in dem sowieso schon recht massiv gesetzten ersten Satz m. E. bei Weitem die bessere Lösung, da sie es viel besser ermöglicht, die Kadenz auf EINEN Höhepunkt zuzuspielen.
Zu oft habe ich beim Spiel der 'massigeren' Kadenz einen wilden Kampf um NOCH LAUTER gehört.
Ansonsten finde ich, dass Rachmaninoff selbst zwar eine unglaublich mühelose Interpretation des Konzerts gelingt, es aber auch etwas zu oft emotional unterspielt.
Ich fühle in dieser Selbstinterpretation zuweilen eine Ausstrahlung von: " es ist ja nur von mir, man muss sich da nicht so aufregen!"
Ein Brief von Rachmaninoff über seine Konzerte mit seinen Corelli-Variationen spricht da Bände über sein Selbstbewusstsein.
 
T

Triangulum

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Vom formalen Ablauf her ist diese Kadenz in dem sowieso schon recht massiv gesetzten ersten Satz m. E. bei Weitem die bessere Lösung, da sie es viel besser ermöglicht, die Kadenz auf EINEN Höhepunkt zuzuspielen.
Unter rein formalen Aspekten betrachtet stimme ich zu. Das ist aber nicht unbedingt die erste Priorität hier. Auch ein Aspekt ist die Akustik des Raumes und das Instrument. Das Stück wird sicherlich in der Regel in der Variante für zwei Klaviere gespielt. Das Previleg, mit Orchester spielen zu dürfen, haben ja nur wenige und eine MMO-Ausgabe gibt's nur für Rach2. Wenn man diese Überlegungen weiterführt, ist es von Vorteil, wenn man beides lernt. Wem die Rachmaninoff-Technik liegt und den Aufwand nicht scheut, der hat Freude an beiden Kadenzen. Man muss sich dann allerdings die Noten vergrößern, die Ossia-Kadenz ist zu klein gedruckt. Das ist der rein praktische Aspekt.
 
 

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