Wann ist der Pianist/Interpret Schuld, wann der Komponist?

Dieses Thema im Forum "Werke, Komponisten, Musiker" wurde erstellt von Alter Tastendrücker, 14. Okt. 2019.

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  1. Dreiklang
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    Zum Eingangspost vielleicht noch:

    die ganze geschilderte Situation verwundert mich ein wenig, denn im Konzertprogramm müßte ja stehen, was geboten wird. Wenn ich eine Komposition (oder gar einen Komponisten generell) nicht mag, dann weiß ich das doch eigentlich vorher... Und muß ich mich dann in der Pause, oder zeitnah nach dem Konzert, über den Komponisten oder eine bestimmte Komposition mokieren... (?)

    Ich bin sowieso kein großer Freund davon, direkt am Ort des Geschehens (egal nun ob Konzertsaal oder gutes Restaurant) meinen Senf lautstark zu irgendetwas zu geben.

    Der abschließende Austausch findet da eher statt, wenn man den Ort wieder verlassen hat, und im Kreis derjeniger, die halt auch mit dabei waren.

    Durchaus erheiternde, aber sehr seltene Ausnahmen, kann es aber auch mal geben... ;- ))
     
  2. frosch
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    Mein früherer KL meinte mal scherzhaft, bei B. würde ihm manches zu sehr nach Leberzirrhose klingen.... :geheim:

    So geht es mir auch.

    Dann sind wir ja schon zu zweit. :super: ((Zumal ich versichern kann, bereits einmal für ein solches Wesen gehalten worden zu sein, wenn auch in einem alles andere als erfreulichen Zusammenhang.....:cry2:))
     
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  3. dussek
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    Das "B." steht aber dann für Beethoven, nicht für Brahms, oder?
     
  4. frosch
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    Für Brahms. :geheim:
     
  5. dussek
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    Im Gegensatz zum trinkfreudigen Beethoven starb Brahms aber wohl an Krebs.
     
  6. frosch
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    Die o.g. humorige Wertung bezog sich auf die Musik, nicht auf den Komponisten. :schweigen:
     
  7. brennbaer
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    Ich kenne die Aufnahmen nicht; könntet Ihr erläutern, was an ihnen in Euren Augen/Ohren so grottenschlecht ist?
     
  8. dussek
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    Ok, aber woran macht die sich dann fest wenn nicht am Bezug zur Person? Und wie soll sich ausgerechnet eine Leberzirrhose anhören? Ich glaube eher, der KL hat wirklich jemanden verwechselt ...
     
  9. Muck
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    Gould hat Mozart weder geschätzt, noch ihn gerne gespielt (außer vielleicht das c-moll Konzert). Er spielt ihn leider recht leidenschaftslos, ohne den Espeit, Witz und Sinn für die Kleinigkeiten, die gutes Mozart-Spiel ausmachen.
     
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  10. frosch
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    Glaub mir, das hat er nicht. Er war jahrzehntelang als Konzertpianist, Kammermusiker und Hochschullehrer tätig. Er wusste schon, wer Brahms war. :-)
    Man sollte solche Animositäten nicht auf die Goldwaage legen. Er hat mit seinem Trio durchaus auch Brahms gespielt...… Ich kann ihn leider nicht mehr danach fragen, wie er das meinte.
     
  11. Muck
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    Also ich finde Haydn einfach totlangweilig. Ich bin gerne bereit, seine Rolle in der Entwicklung und sein Schaffen zu würdigen, aber mir fehlt der Witz, die Leidenschaft, die ich bei anderen finde. Gehört habe ich schon ein bisschen was: Schöpfung und Jahreszeiten, Sinfonien und mehrere Sonaten, 2 selbst gespielt.

    Das ist interessant. Ich denke, das kann bestimmt eine Ursache sein, ist aber nicht zwingend so. Und das mit dem selten hören stimmt auch nur teilweise. Ich mag zB auch nicht wirklich die Opern von Verdi und Puccini. Gehört habe ich doch schon viele. Letzten Weihnachten dann in La traviata gegangen, weil Sohn wollte. Ich hatte gar keine richtige Lust. Natürlich habe ich die Oper bereits mehrmals (von CD) gehört. Die Aufführung war ganz toll, prima Sänger und unser Orchester ist sowieso klasse. Ich hab geheult, fand die Oper ganz toll. Manchmal ändert sich der Geschmack. Bei einer Oper kommt es auch viel auf die Inszenierung an, ob die Sänger gut drauf sind etc. Die nimmt man halt auch mit den Augen auf und spürt die Atmosphäre auf der Bühne. Auch mit Wagner habe ich mir in meiner Jugend sehr viel Mühe gemacht. Hatte keinen Zugang zu ihm, der Knoten ist dann in einem Konzert geplatzt (Ouvertüre von ich weiß nicht mehr was), dann zuhause Walküre gehört, und dann wars da. Alle weiteren Opern kein Problem mehr.

    Wann konnte ich mit Haydn (und Liszt) nichts anfangen? Seit ich sie zum ersten Mal gehört habe (so mit 14). Wann wusste ich, dass es mit den beiden und mir nichts wird? Nachdem ich Jahre später und etliche Spiel- und Hörerfahrung weiter immer noch gleich wenig mit ihnen anzufangen weiß und ich so ziemlich alles andere lieber spiele ;-)
     
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  12. St. Francois de Paola
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    St. Francois de Paola

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    Heute kann man sich leicht selbst ein Bild machen:


    View: https://www.youtube.com/watch?v=D_1pJ9sptk8



    Hätte es mir aber schlimmer vorgestellt, vor allem, weil ich Goulds Appassionata und einige Brahmssachen gehört habe. Vielleicht sind die anderen Sachen schlechter.
    Brahms Op.79 Nr.2 von Glenn Gould ist die schlechteste Interpretation von irgendeinem Profi auf irgendeinem Instrument, die ich je gehört habe.
     
  13. Muck
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    Ich mag Goulds Brahms!
     
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  14. Alter Tastendrücker
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    Da gibt es verschiedene Ursachen, welche dazu führen, dass viele Leute die Mozart Sonaten mit Glenn Gould nicht mögen:

    Der Schallplattenkassette lag ein berühmt gewordenes 'Interview' mit dem Pianisten bei in dem er schlimme Dinge über den Salzburger von sich gibt. (Zu spät gestorben, nach gutem Beginn immer konventioneller geworden, unfähig eine Durchführung zu schreiben, ...) , des Weiteren böse Dinge über die Sonatenhauptsatzform im Allgemeinen etc.

    Dann sind seine Tempi SEHR ungewöhnlich, fast immer irre schnell (außer KB 331, dort im ersten Satz SEHR langsam).
    Das Klangbild ist nicht wienerisch schlabbrig, sondern mit Gould pickup extrem deutlich, oft sind Begleitfiguren recht laut, ...
    Die Seitenthemen sind kaum langsamer gespielt oder mit Agogik vorbereitet und verbreiten eher weniger sentimentale Empfindungen. Etc.

    Es ist sicher eine für die Entstehungszeit und das damalige Mozart-Bild eher verstörende Lesart.
     
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  15. dussek
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    dussek

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    Ich möchte hier nicht weiter drauf rumreiten, aber gerade auch bei Profimusikern habe ich oft nicht den Eindruck, dass das (musik-)historische Wissen besonders detailliert ist ... und Irren ist menschlich, selbst bei Hochschullehrern.;-)
     
  16. frosch
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    Doch, Du reitest drauf rum, weil Du wohl nicht akzeptieren möchtest, dass eine bewusst getroffene (humorige) Äußerung -aus der Sicht des Äußernden- kein "Irrtum" war, sie nicht aus "Unkenntnis" erfolgte. Du magst es für Dich als Irrtum sehen, das ist ja völlig ok, doch das ist was anderes. So, nun aber wirklich genug dazu.
     
  17. dussek
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    dussek

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    Da hast du Recht, deshalb kommt jetzt das Schlusswort: Die Äußerung macht in Bezug auf Brahms einfach keinen Sinn, aber vielleicht ist sie gerade deshalb humorig, spricht man doch hier auch vom "Nonsens".
     
  18. Kalivoda
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    Kalivoda

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    Ich versuche da mal drauf zu antworten, aber es ist gar nicht so einfach.

    Brahms ist für mich so ein zwiespältiger Komponist, der einerseits Dinge geschrieben hat, die ich wunderbar finde, andererseits aber auch etliches, mit dem ich nichts anfangen kann. Wobei es bei Brahms dann so ist, dass ich bei der Musik dann eher nichts empfinde, mich langweile, aber keineswegs eine irgendwie geartete Abneigung empfinde. Das bessert sich ein wenig, wenn man die Werke sehr häufig hört, aber einen echten Durchbruch hat das bisher in keinem Fall gebracht.

    Ganz anders verhält es sich bei mir mit dem von Dir ebenfalls angeführten Puccini. Wenn ich dessen Musik höre, springt mein Kitschsensor im Quadrat, es läuft mir kalt den Rücken herunter (im negativen Sinne) und ich möchte nur noch weglaufen. Diese Musik quält mich wirklich körperlich. Wenn mich einmal irgendein Diktator einbuchten sollte und mir mit Folter ein Geständnis abpressen will, dann reicht eine Stunde Turandot. Danach bin ich so fertig, dass ich alles unterschreibe...

    Haydn wurde hier im Thread auch genannt. Eigentlich mag ich Haydn sehr, aber manchmal wenn er "schlecht" gespielt wird, bekomme ich da auch schon mal einen Weglaufreflex. Letzteres betrifft vor allem die Orchesterwerke. Was dieses "schlecht" nun eigentlich ausmacht, kann ich immer noch nicht sagen. Es kommt gar nicht so selten vor, dass die selben Interpreten das eine Werk ganz wunderbar, das nächste aber für mein Gefühl grauslich spielen. Wenn ich dann Mithörer frage, empfinden die das ganz anders, d.h. für sie existiert da kein Unterschied.

    Schumanns manirierte Hektik kann ich normalerweise auch nur schwer ertragen. Es gibt aber Tage, da stört es mich nicht und ich kann die Musik sogar geniessen.
     
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  19. rolf
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    @dussek der Brahms als älteres Semester, füllig und mit Nikolausbart, ging gerne in den "Igel" (Gasthof) um dort einen zu heben; da gibts einen sehr schönen Scherenschnitt (!!) - Brahms war in Sachen Alkohol kein Abstinenzler, allerdings auch kein Saufprofi wie Reger, Mussorgski oder Jean Paul.

    Da wir bei Brahms sind: ich mag die 1. Sinfonie und besonders die 4. Sinfonie - die 2. & 3. sind beide für mich öde und stinklangweilig (und das, obwohl ich sie samt ihrer kompositorischen Qualität sehr genau kenne) - nebenbei: das mit weitem Abstand zu allen seinen Werken (!) genialste von ihm ist für mich das Violinkonzert. Das haut mich vom Hocker! Rein privat: meinetwegen kann man alles (! Klavierkonzerte, deutsches Requiem, Kammermusik, Sinfonien etc) von Brahms notfalls in die Tonne treten*) - aber keinesfalls das göttliche Violinkonzert**) und ca. drei seiner Lieder.

    Was nützt das nun? Richtig: nichts. Aber entre nous: der Faden selber, seine scheinbar pointierte Fragestellung, ist unergiebig. Wenn X ein Meisterwerk von Y mies spielt, ist das ärgerlich, ändert aber nichts an der Qualität von Y. Wenn Zuhörer Z so dämlich ist, sein Geschmacksurteil auf eine einzige Darbietung zu fokussieren, kann man dieses Urteil von Z guten Gewissens als Nonsense abtun. Und wenn ein Zuhörer Z gar glaubt, sein allererster Eindruck von einem Musikstück sei entscheidend, dann erweist sich Z als naiver Esel...! (muss ich das begründen? ...kleiner Tipp: "durch Gewöhnung und zureden" (Buddenbrooks, Organist Pfühl usw))
    Als ich ungefähr 12 war, bekam ich als Geschenk eine LP Askenase Chopin 4 Impromptus, Scherzo Nr.3, Polonaise op.53, Nocturne c-moll op.48, 4 Mazurken, Militärpolonaise. Toll gespielt!! Aber das Scherzo war für mich völlig neben der Kappe: was für ein wirres Gehacke, fremdartige Raserei - ok, der Choral mit den Klanggirlanden leuchtete mir sofort ein (wunderschön!!) - kurzum: ich kapierte das Scherzo auch nach mehrmaligem anhören nicht. ...was tun? Buhu, das Stück taugt nix, spricht mich nicht an plärren? Hätte ich machen können, machte ich aber nicht. Stattdessen wollte ich, dass es mir erklärt wird: das in b-moll konnte ich spielen, also bat ich im Unterricht darum, das in cis-Moll zu lernen. Und da konnte ich dann fragen, was der Chopin da macht und warum mir das fremdartig/unverständlich vorkommt - und die Fragen wurden geklärt und ich durfte erfahren, was für eine geniale Musik das ist. Und mit russischer Anleitung konnte ich dann erkennen, dass das kein wirres Gehacke ist.
    Fazit: es ist naiv, zu glauben, dass man jedes "offizielle musikalische Kunstwerk" sogleich und aus dem Nichts erkennen und genüßliche goutieren könne.

    __________
    *) ja ok, um das Klavierquintett f-moll wärs schade!
    **) das hab ich mal live mit Heifetz gehört - das werd ich nie vergessen! Zählt zum schönsten und besten, was ich je in Konzerten erlebt habe.
     
  20. Barratt
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    Es ist schon das Wesentliche gesagt worden. Ergänzung: Er summt mit. Kein Scherz.


    P.S. Ich finde es unverschämt und respektlos, seine Abneigung gegen den Komponisten und sein Werk in einer Einspielung zu verewigen. Wie ich es überhaupt und grundsätzlich nicht mag, einen einzigen Komponisten (hier wie erstaunlich oft: Bach, ein vergleichbares Phänomen gibt es bei Wagner) in den Himmel zu heben und alle anderen Komponisten abzuwerten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Okt. 2019
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